charlie : 2.02 — Noch dunkel, aber doch soviel Licht, dass ich eine Hand entdecke, die sich genauso bewegt, als würde sie malen. Der Mensch, zu dem diese malende Hand gehört, schläft, vermutlich ereignen sich im Augenblick meiner Beobachtung Träume, die die Hand bewegen. Ich versuche in der Beobachtung herauszufinden, das heißt, vorzustellen, was diese Hand gerade malen oder zeichnen könnte. Darüber schlafe ich ein. Als Morgen geworden ist, sage ich fröhlich: Du hast heute Nacht vielleicht im Schlaf gemalt! Kannst Du Dich erinnern, an welchem Bild Du gearbeitet haben könntest? — Es ist die Zeit der Hummerernte. Erste kalte Winde fließen über die großen Seen südostwärts. Ecke Willow St. passiert ein Leguan die Cranberry St., ein Polizist, der sich freut, regelt den Verkehr. Plötzlich eine Frage wie eine brennende Lunte, eine Frage, die ich in einer fremden Sprache vorsichtig notiere, ob sich Hummertiere an menschlichen Körpern vergreifen? Beunruhigend, wie damals, Ende des vergangenen Jahrhunderts, die Frage nach den Vorlieben der Viktoriaseebarsche? — stop
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Aus der Wörtersammlung: nacht
still
lima : 5.14 — In der vergangenen Nacht um 1 Uhr und 12 Minuten, ist die Uhr meines Vaters, die ich seit seinem Tod am 10. April 2012, trage, stehen geblieben. — stop
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sechs finger
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sierra : 0.28 — Kurz nach Mitternacht wiederum stürzte ein Falter auf meinen Schreibtisch. Ich hatte die Fenster geöffnet, kühle und doch würzige, feuchte Luft von draußen, und eben der Falter, der plötzlich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rührte, als wäre er während seines Nachtfluges tief und fest eingeschlafen. Da war nun eine seltsame Frage. Wie wecke ich einen schlafenden Falter, ohne ihn in Angst und Schrecken zu versetzen? Ich könnte mit meinem Atem etwas Wind erzeugen, oder aber ich könnte nach einem feinen Pinsel suchen. Ich könnte andererseits vorgeben, als wäre der Falter nicht wirklich. Ich muss das nicht sofort entscheiden. Nein, ich muss das nicht sofort entscheiden. Ich notiere: Vor wenigen Stunden meldeten Nachrichtenagenturen, Rebellen hätten einen Korridor zu eingeschlossenen Menschen im Zentrum der Stadt Aleppo freigekämpft. Wer sind diese Rebellen, was denken sie, was haben sie vor? Vor wenigen Tagen noch beobachtete ich, wie die kleine M. ihre Finger zählte, es war seltsamerweise immerzu sechs Finger. Auch ich habe sechs Finger, wenn M. sie zählt. — stop
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wegen unsichtbarkeit
lima : 0.08 — Die kleine M. erzählte, sie habe mit ihrer Mutter fünf Jahre im fünfzehnten Stock eines Mietshauses auf Roosevelt Island gelebt. Dort hatten sie zwei Nachbarn, eine Familie links, puerto-ricanischer Herkunft, Mutter, Vater, drei Kinder, – sowie eine vermutlich alleinstehende Frau in der Wohnung rechts. Während M. und ihre Mutter sehr herzlichen Kontakt zu den Menschen auf der linken Seite ihrer Wohnung pflegten, man feierte sogar gemeinsame Feste, grüßte von Balkon zu Balkon, waren sie jener Frau, deren Stimme häufig schrill durch die Wand zu ihnen in die Wohnung drang, in all den Jahren räumlicher Nähe nie persönlich begegnet. Auch auf dem Balkon, berichtete M., hätten sie die Person, die zu der schrillen Stimme gehörte, nie gesehen, nur das Licht, das von der Wohnung her kam, Licht auch, das unter der Tür hindurch auf den Flur leuchtete, ein schmaler Streifen, fade. Das Schildchen, das neben der Tür zur Wohnung angebracht worden war, behauptete hinter der Tür lebe Lucilla Miller, ein Briefkasten, der zur Wohnung gehörte, existierte vor dem Haus, der Briefkasten wurde von irgendjemandem regelmäßig geleert. Manchmal nachts war aus der Wohnung Streit zu hören, Mrs. Millers keifende Stimme, dann wieder Flüstern, von Zeit zu Zeit auch Geräusche, die möglicherweise aus einem Fernsehgerät kamen, Schritte weiterhin, ferne Schritte. Mrs. Miller telefonierte häufig und jeweils lange Zeit, während dieser Gespräche schien Mrs. Miller herumzulaufen, zwei oder dreimal hatten ihre Nachbarn den Verdacht, sie sei vielleicht verreist, einmal wollte man das Jaulen einer Katze vernommen haben. Eigentlich war alles in Ordnung, eigentlich gab es keinen Grund zur Beunruhigung, wenn man doch Mrs. Lucilla Miller wenigstes einmal gesehen hätte, einen Schatten, oder eine Hand, die hinter den vergitterten Fenstern einer Aufzugstüre winkte. Darum, wohl hauptsächlich, wegen Unsichtbarkeit, wurde an einem eisigen Wintertag jene geheimnisvolle Wohnung von zwei Feuerwehrmännern geöffnet. Die Wohnung war, von zwei Lautsprechern abgesehen, auf welchen eine schäbige Lampe thronte, vollständig leer. Die kleine M. sagte, während sie an ihrem großen Zeh drehte wie an einem Radioknopf, dass sie sich sehr gewundert habe. Auch alle anderen haben sich gewundert, wie natürlich auch ich, der diese Geschichte aufgeschrieben hat. — stop
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im zug
nordpol : 0.02 — Oder aber ich hebe meinen Blick vom Bildschirm meiner Schreibmaschine. Ich beobachte wiederum in einem Nachtzug reisend einen Film, der vom Überleben in der Stadt Aleppo erzählt. Plötzlich glaube ich zu erkennen, wie ein Mann im Zug mit einer Pistole um sich schießt. Menschen flüchten und fallen um. Ich werde in die Schulter getroffen, und ich denke noch, ich sollte wütend werden, es wäre gut, wenn man ein Löwe zu werden wünscht, wütend zu sein. Einmal stehe ich auf, im Zug herrscht noch Frieden. Ein älterer Mann wirft in diesem Moment mit Wucht einen Blick auf mich: Bist Du gefährlich? Es ist kein angenehmer Blick, es ist ein kalter Blick, den man nicht befragen kann, weil man weiß, dass man keine korrekte Antwort erhalten würde. Auch so herum ist das also möglich. Seltsame Gedanken. — stop
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von blüten
india : 5.08 — In einer experimentellen Abteilung der Akademie bildender Künste zu Manaus wurde gestern Abend gegen 18 Uhr eine Hautzwergtulpe auf die linke Schulter einer jungen Künstlerin verpflanzt. Dorthin wurden bereits am Sonntag während einer mehrstündigen Operation weitere Hautgewächse transportiert, ein Leberblümchen, eine Nachtschatteniris, sowie zwei Silberdisteln, die unverzüglich blühten. Ein Wunder, möchte man meinen. — stop

von lilli
tango : 1.02 — Es ist denkbar, dass Lilli Tampere eine Ausnahme ist. Sie scheint vom frühen Morgen an bis in den späten Abend hinein, auch während der Nacht noch, Twitternachrichten zu notieren. 17558 Botschaften will sie persönlich in einem Zeitraum von 15 Monaten in sieben Sprachen verfasst haben. Ich dachte selbstverständlich über Zahlen, Tage, Stunden, Minuten, Anschläge nach, ich wunderte mich, ich war begeistert, sofort habe ich Lilli Tampere einen Brief gesendet. Ich habe geschrieben: Lieber red_maki, wie heißen Sie wirklich! Ich kann nicht glauben, dass Sie tatsächlich existieren in der Art und Weise, dass Sie über ein einzelnes, schlagendes Herz verfügen, vermutlich sind Sie, in Betrachtung der ungeheuren Zahl der Textnachrichten, die Sie bereits gesendet haben, entweder eine Person, die sich aus zahlreichen Personen oder Herzen fügt, oder aber Sie sind ein Computer! — Red_maki antwortete umgehend: Lieber Herr Louis, ich bin sehr begabt, ich habe kleine, schnelle Hände, ich muss niemals schlafen, ich bin kein Computer, ich heiße Lilli Tampere. Guten Morgen! – Ich muss das weiter beobachten. — stop
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im nachtexpress
MELDUNG. In einem Großraumwagon des Nachtexpresses Mozart von München ( Flughafen ) nach Wien ( Hauptbahnhof ) sind gegen Mitternacht aufgrund versehentlicher Entfaltung eines 2‑Sekundenzeltes drei tasmanische Singzikaden ( Cicadidae ), 22 australische Knotenameisen ( rot / Myrmicinae ) sowie ein Dornteufelchen ( 25 Gramm ) in die Freiheit entwichen. Noch etwas Weiteres war flüchtig, das knurrte, ehe es verstummte. — stop

auf stelzen
delta : 5.15 — Ein merkwürdiger Tag, die halbe Stadt steht im Wasser wie auf Stelzen. Man hört das Wasser nicht, aber es ist anwesend, in den Kellern, in den Stimmen in den Telefonen, den Unterführungen, den tiefer gelegenen Straßen. Spät, hoch auf einem Stelzhaus, sagte Marguerite Duras in einem Gespräch mit dem französischen Regisseur Benoît Jacquot gestern auf einem Fernsehbildschirm berührende Sätze über das wilde Schreiben, über die Verbindung von Zweifel und Einsamkeit. Ein Schriftsteller sei stumm. Unmöglich, über ein Buch zu sprechen, das gerade im Entstehen begriffen ist. Ein Buch sei Nacht. — stop

pinguin
ulysses : 0.08 — Nachts bei geöffnetem Fenster: Geräusche eines Regenwaldes. Sie kamen um Sekunden in der Zeit verzögert über das Internet zu mir ins Zimmer. Ich glaube, der wilde Regenwald war ein peruanischer Regenwald, wunderbare Klänge, Vogel- und Affenstimmen, Regen und Wind in den Blättern der Bäume. Ich dachte, wenn doch nur jemand auf der anderen Seite der Leitung wahrnehmen könnte, welche Geräusche in einer mitteleuropäischen Wohnung unter dem Dach eines Hauses im Herzen einer großen Stadt in einer Nacht wie dieser Nacht zu hören sind. Ich prüfte das Mikrofon meiner Schreibmaschine. Dann stand ich auf und spielte aus der Konserve: Benny Goodman. Ich stellte mir vor, wie es für einen kurzen Moment im Wald drüben in Peru still werden würde, wie man lauscht auf den Bäumen, wie sich das Orchester der Waldtiere fröhlich neu sortieren würde. Es regnete, kaum war die Straße vor dem Haus noch zu sehen. Auf meinem Fensterbrett kauerten fünf nasse Spatzen, ein Rotkehlchen, zwei Amseln und eine Taube, auch sie lauschten. Deutlich konnte ich auf dem Giebel eines nahen Hauses einen Pinguin erkennen, der sich gegen den Regenwind stemmte. — stop
benny
goodman
lets dance



