alpha : 20.05 UTC — Die Gegenstände eines Menschen berühren: Einen Stuhl, einen Schreibtisch, einen Füllfederhalter, einen Löffel. Ich erinnere mich, in Francis Ponge’s Kiefernwald lagen weder botanische noch geografische Bücher. Oder einen Schal, ein Fieberthermometer, einen Handschuh, ein Salzfässchen, ein Buch, eine Postkarte, einen Kamm, einen Herzschrittmacher, eine Teetasse, eine Schreibmaschine, einen Fotoapparat. Ein Haar — stop

Aus der Wörtersammlung: rinne
von stühlen
nordpol : 7.58 UTC — Im Haus der alten Menschen sitzen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fernsehapparat, der an der Wand hängt, flach wie ein Schollenfisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen nehmen kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist ausgeschaltet, der Fisch ist stumm. So sitzen sie zeitlos, wie mir scheint, sie erinnern sich vermutlich nicht, ob ich an diesem Tag schon an ihnen vorüber gekommen bin, aber sie kennen mich, den treuen Besucher, ich habe doch einen Eindruck hinterlassen. Wenn ich mich über einen langen Flur spazierend dem Raum der alten Damen nähere, weiß ich präzise vorherzusagen, welche der Damen auf welchem der Stühle sitzen wird, vor dem Tisch, der dreimal am Tag sich füllt, mit Speisen, auch mit Kaffee oder gekühltem Himbeersaft. Nur wenn das Wetter sich Hals über Kopf verändern wird, davon erzählen leere Stühle, die doch von den Abwesenden besetzt sind, sie warten oder schlafen nachts im Halbdunkel, schlafende Stühle. — stop

vom gehör
romeo : 0.12 UTC — Ich stelle fest, ich habe zwei Ohren. Mit zwei Ohren schon bin ich zur Welt gekommen. Meine Ohren hörten demzufolge von der Welt, noch ehe ich angekommen war. Ich hörte von der Welt da draußen, und ich hörte, so wurde erzählt, das Herz meiner Mutter schlagen, das war nicht fern. — Erstaunlich. — stop

herzwanderung
charlie : 0.01 UTC — Entdeckte gestern Nachmittag ein Notizkärtchen, auf dem ich einmal vor langer Zeit das Wort Herzwanderung notierte. Ich glaube, ich habe von diesem Kärtchen bereits erzählt. Ich schrieb das Wort auf das Kärtchen, kurz nach dem ich einen jungen Mann in einem Präpariersaal beobachtet hatte, wie er mit einem kleinen rosafarbenen Herzen, das er zuvor unter Anleitung eines Assistenten aus dem Brustkorb einer alten Frau operierte, durch den Saal eilte, um es unter kaltem Wasser zu waschen. Unmittelbar hinter ihm wartete ein Kollege. Auch er hielt ein Herz in Händen. Dieses Herz schien vergleichsweise das Herz eines Riesen gewesen zu sein, und es war dunkel, fast schwarz. Als der junge Mann mit der Waschung des kleinen rosafarbenen Herzen fertig geworden war, drehte er sich um. Für einige Sekunden standen sich die zwei Männer gegenüber und betrachteten je das Herzpräparat des anderen. — stop
![]()
eine seerose perdu
romeo : 8.55 UTC — Gestern, gegen Mitternacht, wurde eine Person, die sich als deutsche Seerose definierte, von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Twittermaschine dauerhaft ausgesperrt, weil sie in regelmäßiger Weise Menschen nicht deutscher Herkunft an deutschen Bäumen erhängen wollte. Ein Vorgang, der ein siebenjähriges Twitterleben abrupt beendete. Über zwölftausend Kurznachrichten sind sehr plötzlich nicht wiederzufinden, Geschichten aus einem Albtraumleben. Man (Seerose. Deutsch) fängt vermutlich, ohne das Erhängen, wieder von vorn an. — stop

brooklyn : february house
nordpol : 23.56 UTC — Wenige Wochen vor einer Reise nach New York brach ich mir den rechten Arm. Das ist jetzt bereits einige Jahre her, der komplizierte Bruch ist gut verheilt, ich kann ohne Beschwerden wieder mit der Hand notieren. Damals aber waren meine Bewegungen ungelenk, ich schrieb wie ein Kind mit großen Buchstaben. Einige dieser Zeichen entdeckte ich am späten Abend in Carson McCullers seltsamer Erzählung Die Ballade vom traurigen Café. Auf der Seite 52 des Buches hatte ich zwei Wörter vermerkt: February House. Ich erinnerte mich, dass ich damals den Entschluss fasste, einer Spur der Dichterin in New York zu folgen. Ich schrieb um Wochen verzögert und noch immer unter Schmerzen: Weil ich nur sehr schwerfällig mit der Hand in mein Notizbuch schreiben kann, notiere ich während des Lesens, indem ich in Gedanken wiederhole, was zu tun ist in den kommenden Stunden. Nachforschen in der digitalen Sphäre. Wo genau, in welcher Straße, in welchem Haus wohnte Carson McCullers in Brooklyn? Ist denkbar, dass die junge Dichterin tatsächlich drei Wochen benötigte, um das Subway-System der Stadt New York verlassen zu können? Oder suchte sie in ebendiesem Raum der Zeit nach ihrer Wohnung, die sie nicht wieder finden konnte, weil sie mittellos und ohne genauere Ortskenntnis in einem U‑Bahnwagon zurückgelassen worden war. Wie viele Dollar kostete eine Flasche Whiskey im Jahr 1934? Wie viel ein Taxi? – Wenn ich in Gedanken notiere, wiederhole ich dreifach, was ich mir zu merken wünsche. Verlorenes, das könnte sein, bemerke ich nicht. Oder nur einen Schatten ohne Wörter. — stop
![]()
raymond carver goes to hasbrouck heights / 3
![]()
sierra : 5.12 UTC — Es ist Samstag und ich habe gerade eine Meldung gelesen, die mir ein Programm meines Particles-Servers sendete, es habe nämlich ein Mensch, der nahe oder in Washington D.C. leben soll, einen Text besucht, der von Raymond Carver erzählt. Ich las meinen Text nach längerer Zeit wieder einmal mit älter gewordenen Augen. Und ich dachte mir, dass ich im Grunde nicht sicher sein könne, ob ein menschliches Wesen meinen Text in der Weite des World Wide Web entdeckte, oder ob eine Maschine mein Particles besuchte, die einer Spur von Schlüsselwörtern folgte. Der Text, der am 12. Dezember 2014 notiert wurde, geht so: Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Untersuchungen der CIA-Folterpraktiken durch Ermittler des US-Senats studierte, an eine kleine Stadt erinnerte, die ich vor wenigen Jahren einmal von Manhattan aus besuchte. Ich las von Schlafentzug, von Waterboarding, von sehr kleinen, dunklen Kisten, in welche man Menschen tagelang sperrte, von Lärm, von russischem Roulette und plötzlich also erinnerte ich mich an Oleanderbäume, die ich gesehen hatte in Hasbrouck Heights an einem sonnigen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glücklichen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazzkonzert nahe der Strandpromenade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, westwärts, durch den Lincoln Tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewachsenen Muskel Manhattans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flimmert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekundenbruchteile öffnen, bald sind wir ins Gebiet niedriger Häuser vorgedrungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regenrinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zusteigenden Gast persönlich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Landschaft, auf rostige Brückenriesen, die flach über die sumpfige Gegend führen. Und schon sind wir angekommen, ein liebevoll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstöckige Häuser in allen möglichen Farben, großzügige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zentimeter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zugeschnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlendere von Straße zu Straße, werde dann freundlichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eichhörnchen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Polaroidkamera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klingeln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade fotografiert. Wollen Sie sich betrachten? — stop

früh wenn die vögel
india : 6.28 — Ich erinnerte mich an diesem schönen Morgen in der Schnellbahn an einen Mann, der in Afghanistan geboren wurde. Noch ein Junge, flüchtete er bald nach Europa. Als ich ihn kennenlernte, war er Ende zwanzig. Wie ich ihm nun wieder begegnete, sah ich einen grauhaarigen Mann, der noch immer fürchterlich stotterte, obwohl er doch unbedingt sprechen wollte. Ich glaube, es war der Krieg oder was er erlebte während seiner Flucht. Noch immer derselbe ängstliche Blick, aber ein fester Händedruck. Er heißt Nuri, und er fährt jeden Tag zur Arbeit mit dem Zug seit 32 Jahren. Sehr früh fährt er los, zu einer Zeit, da schlafe ich noch tief, da denke ich noch gar nicht daran, wach zu werden, so früh. Es ist die Zeit, da die Vögel aufstehen und singen. — stop

patagonien
![]()
nordpol : 22.08 UTC – Schnee liegt sehr fein wie gepudert, die Luft klirrt von der Kälte, Eichhörnchen hetzen über die Straße. Das Haus, in dem die alten Menschen wohnen, dampft, aus den Schornsteinen wie ein großes Schiff, das gerade Anlauf nimmt, um in See zu stechen. Der Boden, auf dem ich gehe unter Bäumen, an deren blattlosen Ästen sich frostige Äpfel halten, zittert. Und auch der lange Flur im Haus, über den ich spaziere, scheint unter meinen Füßen zu schlingern. An einem Tisch sitzt eine alte Lehrerin, sie sitzt immer nur so da und schaut zum Fenster hinaus, sie spricht nicht, niemals. Eine andere alte Dame hangelt sich in ihrem Rollstuhl sitzend durch die Flure von morgens bis abends, sie lächelt, wenn man ihr begegnet. Klein ist sie, zierlich, trainiert wie eine Turnerin, magere und doch kräftige Arme. Beinahe meine ich, dass sie sich an mich vielleicht erinnert, sie lächelt mich an, vermutlich deshalb, weil ich ihr schon häufig begegnete. Längst könnte sie eine Strecke bis nach Mexiko in dieser hangelnden Weise zurückgelegt haben. Oder bis nach Patagonien. — stop

tod in peking 7
![]()
marimba : 0.48 UTC – Einmal, vor sechs Jahren im Winter, begegnete ich dem Fotografen und Programmierer Teddy in einem Supermarkt. Wir waren etwas verlegen gewesen, wussten in jenem Moment vor kühlen Milchflaschen stehend nicht, worüber wir sprechen sollten, weil wir wenige Tage zuvor noch ein besonders schwieriges Gespräch geführt hatten. Ich erinnere mich, von Hinrichtungsbussen erzählt zu haben, die durch China fahren sollen, von Gefängnis zu Gefängnis. Teddy sagte, er habe von diesen Bussen nichts gehört und nichts gelesen. Er war damals gerade aus Peking zurückgekommen, von einer Reise nach Tibet, präzise. Er sagte: Louis, warum erzählst Du mir diese Geschichte? Ich sagte: Nun, weil ich sie weiß! Was ich nicht ahnte zum Zeitpunkt unseres Gespräches, nun aus der zeitlichen Entfernung wie ein Ereignis für sich zu sehen, ich ahnte nicht, dass Teddy kurz darauf sterben würde. Vielleicht, wenn ich von seinem Tod gewusst hätte, hätte ich nicht von Hinrichtungsbussen erzählt, sondern eine ganz andere Geschichte, eine Geschichte, die von seinen wunderbaren Fotografien berichtet. — stop
![]()


