foxtrott : 0.05 — In der linken Hand halte ich Ilja Trojanow’s Roman Eistau fest, an der rechten Hand sitzt die Kühle der Uhr meines Vaters. Ich habe sie zur Probe angelegt. Vor zwei Wochen war sie noch an seiner Hand gewesen. Es ist erstaunlich, die Uhr geht noch immer auf die Sekunde genau, wie seit vielen Jahren schon. Immer dann, wenn ich sie betrachte, meine ich, die Zeit als ein eigensinniges Wesen zu sehen, die Zeit meines Vaters, die sich ohne ihn fortsetzt. Ich gehe mit den Augen durch das Zimmer spazieren. An den Wänden Bilder, die Lebende und Tote zeigen. Und dieser Regen. Sandwarm und müde. — stop

Aus der Wörtersammlung: rot
minutengeschichten
![]()
~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : MINUTENGESCHICHTEN
Liebe Daisy, liebe Violet! Grüß Euch ganz herzlich! Früher Morgen hier unten bei uns. How are you doing? Ich hatte, seltsame Sache, in der vergangenen Nacht das Gefühl, irgendjemand würde mir, während ich mit meinem Bleistift arbeitete, über die Schulter schauen. Mehrfach habe ich mich umgesehen, auch vorgegeben, rein gar niemanden bemerkt zu haben, und dann plötzlich, na, Ihr wisst schon, ich bin mir sicher, Ihr wart in meiner Nähe gewesen, wie noch vor wenigen Wochen, als ich unterwegs war in New York, da habe ich Euch leibhaftig gesehen nachts an Bord der John F. Kennedy – Fähre, wie ihr übers Salondeck huschtet, Gespenster, würde man vielleicht sagen, Geister, reizende Erscheinungen. Sagt, habt Ihr nun gelesen, was ich notierte? Jenen kleinen Text der Minutengeschichten, den ich so gern mit der Hand wiederhole in schweren Zeiten? Ich schick ihn Euch zur Sicherheit noch einmal mit, ja, ja, die Büchermenschen, das solltet Ihr wissen, das sind Personen, die selbst dann noch lesen, wenn sie spazieren gehen. Wenn sie einmal nicht spazieren gehen, sitzen sie studierend auf Bänken in Parklandschaften herum, in Cafés oder in einer Untergrundbahn. Dort, aus heiterem Himmel angesprochen, wenn man sich nach ihrem Namen erkundigte, würden sie erschrecken und sie würden vielleicht sagen, ohne den Kopf von der Zeichenlinie zu heben, ich heiße Anna oder Victor, obwohl sie doch ganz anders heißen. Wenn man sie fragte, wo sie sich gerade befinden, würden sie behaupten, in Petuschki oder in Brooklyn oder in Kairo oder auf einem Amzonasregenwaldfluss. — Heute habe ich mir gedacht, man sollte für diese Menschen eine eigene Stadt errichten, eine Metropole, die allein für lesend durch das Leben reisende Menschen gemacht sein wird. Man könnte natürlich sagen, wir bauen keine neue Stadt, sondern wir nehmen eine bereits existierende Stadt, die geeignet ist, und machen daraus eine ganz andere Stadt, eine Stadt zunächst nur zur Probe. In dieser Stadt lesender Menschen sind Bibliotheken zu finden wie Blumen auf einer Wiese. Da sind also große Bibliotheken, und etwas kleinere, die haben die Größe eines Kiosks und sind geöffnet bei Tag und bei Nacht. Man könnte dort sehr kostbare Bücher entleihen, sagen wir, für eine Stunde oder zwei. Dann macht man sich auf den Weg durch die Stadt. Während man geht, wird gelesen. Das ist sehr gesund in dieser Art so in Bewegung. Auf alle Straßen, die man passieren wird, sind Linien aufgetragen, Strecken, die lesende Menschen durch die Stadt geleiten. Da sind also die gelben Kreise der Stunden- und da sind die roten Linien der Minutengeschichten. Blau sind die Strecken mächtiger Bücher, die schwer sind von feinsten Papieren. Sie führen weit aufs Land hinaus bis in die Wälder, wo man ungestört auf sehr bequemen Pinienbäumen sitzen und schlafen kann. In dieser Stadt lesender Menschen haben Automobile, sobald ein lesender Mensch sich nähert, den Vortritt zu geben, und alles ist sehr schön zauberhaft beleuchtet von einem Licht, das aus dem Boden kommt. – Ahoi! Euer Louis — stop
gesendet am
13.03.2012
06.05 MEZ
3015 zeichen
![]()
ein zimmer
zoulou : 1.02 – Ich fahre eine Stundenzeit mit dem Aufzug aufwärts. Wo ich herauskomme, wachsen Aprikosenbäume aus den Wänden. Ein Flur, helles Licht, der Boden von Kirsche, Walnuss, Esche. Und Türen. Türen in Blau, Grün, Gelb und Rot. Durch eine der Türen hindurch: Was für ein hübscher Raum! Fenster mit Wolken. In der Mitte des Raumes kauert ein junger Mann auf dem Boden. Er scheint mich nicht zu sehen und nicht zu hören. Es ist so als wär ich abwesend. Ein kleines Netbook, ein Tier, das knistert, sitzt wie der Mann auf dem Boden. Lichtschlitten fahren pausenlos in seinem Gehäuse auf und ab. Da war ein Glas Milch und da war eine Schale von Hummerschwänzen. Weiter nichts. Aber Schatten doch auf dem Boden und an den Wänden, Schatten von Tischen, Stühlen, Bilderrahmen. Plötzlich gehe ich über eine Straße. Es ist die 8th Avenue. Ich weiß das. Ich weiß das noch immer. Es war Sonntag. Grad bin ich wach geworden. — stop
![]()
in der dritten stunde schlafloser nacht
ginkgo : 2.55 — In dem Dokumentarfilm Unter Kontrolle, der von den inneren Räumen des Atomkraftzeitalters her erzählt, erklärt ein leitender Ingenieur den Wirkungszusammenhang zwischen computergesteuerten Routinen und menschlichen Wirkungsoptionen, die zu Sicherheit oder möglichst geringer Unsicherheit führen sollen. Es ist ein sympathischer älterer Herr, der dort spricht. Man sieht, er ist stolz auf die von menschlichem Geist geschaffene Maschine. Um seiner Überzeugungskraft nicht vollständig zu erliegen, muss ich mich bemühen, ich schwimme, mittels Gedankenbewegung, geradezu an gegen den Sog seiner Argumentation, ich denke: Three Mile Island, Tschernobyl, Fukushima, ein Telegramm, denke ich, das sich wiederholen lässt, ein kleiner Kopfrotor. Einmal äußert der sympathische alte Mann einen höchst bemerkenswerten Gedanken, er sagt, dass statistisch gesehen jeder Mensch 10 Fehler in einer Stunde unternehmen würde. Das ist eine sehr seltsame Sache. Mir geht das nicht mehr aus dem Kopf. Es ist jetzt bald drei Uhr in der Nacht, der Statistik zufolge habe ich bisher 28 Fehler unternommen, die jeder für sich nicht schwer gewesen sein dürften, weil ich noch immer existiere. Ich ruhte, zum Beispiel, in der vergangenen Stunde auf einem Sofa, ich habe weder telefoniert noch habe ich Musik gehört, auch habe ich in keinem Buch gelesen, ich habe an meinen Vater gedacht, an meine Mutter, an meine Schwester, an meine Brüder, und auch an jenen älteren Herrn und seine Begründung der Maschine. Bald, in wenigen Minuten, werde ich in die vierte Stunde dieses Tages treten. — stop
![]()
seltsame geschichte
india : 5.56 — Seit einigen Tagen ereignen sich in oder in der Umgebung meiner Schreibmaschine kuriose Dinge. Es geht darum, dass ein Text, den ich am Montag notierte, sich immer dann, wenn ich schlafe, verändert, und zwar zu seinem Nachteil. Fehlerhafte Wörter, die ich bereits korrigierte, kehren wieder oder ich entdecke vollständig neuartige Missbildungen, verdrehte Buchstaben, Worterfindungen, Punkte oder Kommata verschwinden, aus der Farbe ROT wird die Farbe BLAU, aus Schnee wird Regen, aus Kindern werden Greise. Es ist eine eigenartige Situation, ich gestehe, ich beginne mich zu fürchten. Selbstverständlich habe ich mir die Frage gestellt, ob sich vielleicht ein weiterer Mensch, den ich bislang nicht entdeckte, in meiner Wohnung befindet, oder ob ich vielleicht selbst schlafwandelnd mich an meine Schreibmaschine setze. In diesem Zusammenhang könnte die unheimlichste Aussicht der Gedanke sein, dass meine Schreibmaschine selbst oder gar der Text machen, was sie wollen. Von außen jedenfalls ist ihm nicht anzusehen, ob irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung sein könnte. Zur Prüfung, der Text beginnt so: Der Rasen in Zyp’s Garten war ein Teppich von Moos, auf dem immer irgendetwas blühte. Selbst in den kalten Monaten des Winters, wenn es schneite, wenn das Eis an die Küste schindelte, glaubte Zyp Wesley, die Geräusche des Wachsens und Vergehens zu hören aus dem unsichtbaren Raum unter dem Weiß. Er verfügte über ein hervorragendes Gehör, obwohl er seit Jahren Posaune spielte, wohnte deshalb etwas abseits. Das nächste Haus, indem eine Familie mit Kindern siedelte, war etwa zweihundert Meter weit entfernt, hinter einer Anhöhe passierten die Geleise der Staten Island Rail seine Gegend. Man konnte von dort das Scheppern der Subwayzüge leise hören bei Tag und bei Nacht. – stop
![]()
central park : grammophon
foxtrott : 0.15 — Im Central Park zur Mittagszeit ein betender Mann, Moslem, Rikschafahrer, der Höhe 61. Straße unter einer mächtigen, weitverzweigten Ulme kniet, vielleicht unter einem jener Bäume, deren Setzlinge im Jahr 2008 nach Oregon geschickt wurden, um sie dort großzuziehen und wieder nach Manhattan zurückzuholen. Das klagende Singen der Kinderschaukel. Ein Eichhörnchen hetzt über eine Wiese. Bald kauert das Tier in der Nähe des betenden Mannes, scheint ihn zu beobachten. Ich könnte jetzt warten, bis der Mann mit seinem Gebet fertig geworden ist. Ich könnte mich zu ihm in seine Rikscha setzen. Wir könnten gemeinsam durch den Park fahren. Ich könnte ihm eine Geschichte erzählen. Ich könnte erzählen, dass ich soeben noch in einem Café hörte, wie eine junge, lustige Mutter von ihrer Absicht berichtete, ihren Sohn, der noch nicht geboren worden ist, mit dem Namen „Grammophon“ zu versehen. Das ist eine wirklich aufregende Geschichte, die ich tatsächlich sofort erzählen sollte. Ich sollte den jungen Mann weiterhin fragen, ob er mir vielleicht erklären wolle, weshalb es lebensgefährlich für mich sein könnte, wenn ich mich fragend über Mohammed, den Propheten, äußern würde. Vielleicht würde der junge Mann bremsen, vielleicht sich unverzüglich von seinem Fahrrad schwingen. Wir würden uns auf eine Bank setzen und Geschichten erzählen von Grammophonen, von Propheten und wie es ist, im Winter Rikscha zu fahren. Und vielleicht würde ich ihm dann noch vom Schnee erzählen, den ich als Kind aus der Luft gefangen habe. Ja, so könnten wir das machen, sofort, gleich, wenn der betende Mann sich erheben wird. — stop

abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 208, Luftfahrt — 1287, Automobile — 86734], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 5, 19. Jahrhundert – 106, 20. Jahrhundert – 437 , 21. Jahrhundert — 722 ], physical memories [ bespielt — 215, gelöscht : 188 ], Kassiber Type SOS Homs / Syria [ 18455 ], Öle [ 0.5 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 14, Kniegelenke – 18, Hüftkugeln – 235, Brillen – 876 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 276, Größen 38 — 45 : 2187 ], Kühlschränke [ 18 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 15, mit Taucher – 3 ], Engelszungen [ 886 ] | stop |

harlem : artist südwärts
charlie : 0.06 — Kurz nach 8 Uhr abends betritt ein hochgewachsener, schöner Mann den Subwaywagon, in dem ich sitze. Er trägt eine rote Hose, die schillert, Turnschuhe von schwarzer Farbe, einen Gürtel von Schlangenhaut, davon abgesehen scheint der Mann unbekleidet zu sein, die schwarze Haut seines Oberkörpers glänzt, auch die Haut seines Kopfes, auf dem sich keinerlei Haar befindet. Er kommt also herein, Höhe 168. Straße, geschmeidig, vollzieht einen Handstandüberschlag und hängt sich, Kopf nach unten, an eine der Haltestangen, die sich in den Waggons der Linie C befinden. Eine leichte, schaukelnde Bewegung, ich könnte sagen, eine Bewegung der Ruhe vor dem Sturm, die Augen geschlossen, gleich werden sich die Arme des Mannes über das Gestänge des Waggons bewegen, er wird den Reisebehälter, der von zahlreichen Menschen bewohnt, durch den Untergrund der Insel Manhattan rattert und scheppert, durchmessen, ohne den Boden mit seinen Füßen zu berühren, lautlos, bebende Muskeln, Arme, Rücken, Bauch, indem sich ein Arm des Mannes von der Stange löst, wird er an den Schwingen einer Hand gegen den Süden fliegen, um einen weiteren Handvogel nach sich zu ziehen, bald mit Hand No 3 und Hand No 4, die beide Schuhe tragen, nach offenen Räumen zielen, um Fahrt aufzunehmen, ein segelnder Körper, mal gestreckt, dann wieder zu einem Ball geworden, der sich um eine der senkrechten Stangen windet, die das Dach des Zuges zu halten scheinen, ein Hut indessen, der mal da mal dort unter den Nasen der Staunenden vorüber kommt, gleich ist es so weit, 166. Straße, noch eine, noch eine halbe Sekunde. — stop

upper east side : mail
india : 2.08 — Im 22. Stock des Hauses in Manhattan, in dem ich wohne, befindet sich vor Aufzügen ein Briefkasten der United States Postal Services, ein Schlitz, der in die Wand eingelassen wurde, ein gusseiserner Mund, genauer, mit einem schweren Häubchen von roter Farbe. Ich war im Postoffice an der Penn Station gewesen, um eine Briefmarke zu besorgen und einen Briefumschlag, eine Postkarte hatte ich schon, sie zeigt eine Fotografie der Mundharmonika Jack Kerouacs. Ich habe nun Folgendes unternommen. Ich habe auf die Postkarte einen Satz für mich selbst notiert, der natürlich geheim bleiben muss. Dann habe ich die Postkarte in den Briefumschlag gesteckt, meine Adresse notiert und den Brief in den kleinen Mund vor den Aufzügen gesteckt. In dem Moment, da ich den Brief aus den Händen in die Tiefe gleiten ließ, mein Ohr hatte ich dicht an den Schlitz herangeführt, war kein Geräusch zu hören gewesen, als ob der Brief in einem Nichts verschwinden würde. — Spaziert im Central Park. Leichter Regen. Eine Stadt voller Menschen unter Schirmen, die miteinander zu sprechen scheinen. – stop

staten island : ans ende der Welt
sierra : 0.10 — In einem Zug der Staten Island Railway ans Ende der Welt durch borstige Landschaft. Ortschaften, die sich ähnlich sind, Häuser von Holz, ein oder zwei Stockwerke hoch, helle Farben, Gärten, klein und von Holzwänden umzäunt, als wollten die Bewohner dieser seltsamen Gegend einander nicht sehen, nicht hören. Kirchturmspitzen, Tankstellen, Fabriken, Straßen ohne Ende, eine eiserne Wildnis, in welcher Öltanks und Schrottberge wie Pilze aus kargen Wäldern wachsen. Durch diese Menschenlandschaft schaukelt der Zug, dass man sich festhalten muss. Auf einem Schiffsdock liegt ein Schaufelraddampfer, den ich sofort mit mir nehmen würde, wenn ich ihn in meine Hosentasche stecken könnte. Frierende Menschen steigen ein und frieren weiter. Aus einer Tasche ragt die dampfende Schwanzflosse eines gekochten Fisches. Kondukteure wandern von Abteil zu Abteil, schlagen Eis von den Türen. Und da ist dieser wilde Kerl, läuft rufend und singend im Waggon auf und ab. Gefrorene Möwen fallen vom Himmel. Tompkinsville. Great Kills. Atlantic. — stop



