echo : 22.15 UTC — In den Magazinen eines Briefmarkenhändlers entdeckte ich kürzlich einen besonderen Brief. Der Brief war mit Postwertzeichen Italiens, Frankreichs und Großbritanniens versehen, eine nicht übliche Art der Frankierung. Weiterhin war der Brief an eine weibliche Person adressiert, wohnhaft in einer Stadt, die überhaupt nicht existiert: 85, Teatree-City / Tasmania. Unter dieser handschriftlichen Ortsangabe nun fand sich eine filigrane Buntstiftzeichnung, deren Schönheit sich zunächst im Licht eines starken Vergrößerungsglases erschloss. Sie zeigte ein Kreuzfahrtschiff, das eine Küste passiert, dort eine bergige Landschaft, dicht bewaldet. Affen, vermutlich Gibbons, waren zu erkennen, die an ihren Schwänzen oder langen Armen in den Bäumen hingen. Manche der Affen hielten die Augen geschlossen, vermutlich, weil sie schliefen, andere schienen den Künstler selbst, der sie gestaltete, zu beobachten. Da waren noch zwei Panther im Unterholz, einige Muscheln im Sand, und Krabben, und fliegende Fische. Über den Stamm eines Baumes wanderten Ameisen, welche Einzelteile eines Vogels transportierten, Federn, Teile eines Schnabels, Knochen. Über einen Absender verfügte der Brief übrigens nicht, auch nicht über fühlbaren Inhalt. — stop
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Aus der Wörtersammlung: sehen
moskau
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tango : 22.01 UTC — Am 4. August 2014 ereignete sich eine seltsame Geschichte, Sie werden sich vielleicht erinnern? Vor einem Schalter am Zentralbahnhof stand damals eine alte Dame. Sie trug ein blaues Hütchen auf dem Kopf, war grell geschminkt und lachte. Auf den ersten Blick schien sie fröhlich zu warten wie ihr kleiner Koffer, der gleich neben ihr stand. Auf den zweiten Blick war allerdings zu sehen, dass sie nicht nur wartete, sondern vielmehr bewacht wurde von einer weiteren, sehr viel jüngeren Frau und einem Mann, der die Uniform einer Bahngesellschaft trug. Wie Säulen standen sie links und rechts der alten Reisenden, die junge Frau hatte überdies die Handtasche der Bewachten an sich genommen, um sie zu durchsuchen. Eine ihrer Hände wühlte so heftig in der Tasche herum, dass ein Rascheln weithin zu vernehmen war. Sie forschte ein oder zwei Minuten in dieser wilden Art und Weise. Weil sich aber in der Börse der alten Dame kein Dokument zur Identifizierung aufspüren ließ, schüttelte sie den Kopf, beugte sich noch einmal herab, sprach leise zu der zierlichen Erscheinung hin, um sich kurz darauf an einen Schalterbeamten zu wenden, der hinter spiegelndem Glas auf einem Bürostuhl saß. Dieser Herr nun führte kurz darauf ein Mikrofon an seinen Mund, eine warme, melodische Stimme war zu hören, die durch die Bahnhofshalle schallte, sie sagte: Achtung! Wir bitten um ihre Aufmerksamkeit, vor dem Informationsschalter Gleis 24 wartet ein Personenfundstück. Melden Sie sich! — Diese Geschichte ereignete sich kurz bevor der Fernzug aus Moskau via Warschau den Bahnhof erreichte. Auf dem Bahnsteig warteten viele Menschen. Manche hielten Blumen in ihren Händen. Andere fotografierten. — stop

haus no 178
romeo : 20.33 UTC — Wie viele Male bin ich bereits an dem Büro im Parterre des Hauses No 178 vorüber gekommen, es müssen hunderte Male gewesen sein. Ein Mann sitzt dort hinter einem Fenster, der im Licht einer Lampe und eines Bildschirmes arbeitet, ohne je seinen Kopf zu heben, wenn ich an ihm vorübergehe. Andere berichten das Gleiche. Und das ist doch seltsam, er scheint an dem Leben auf der Straße überhaupt nicht interessiert zu sein. Nie wendet er den Kopf, als sei er fest verschraubt, als sei auch seine Wirbelsäule verankert in dieser Haltung geradeaus auf einem Stuhl, der gleichwohl nicht beweglich ist, sodass der Mann weder freiwillig noch mit Vergnügen so vor dem Tisch sitzen wird, sondern weil er nicht anders kann. Und weil das so zu sein scheint, wird der Mann vermutlich über Radare gebieten, die ihm ermöglichen zu wissen, wer an seiner Tür vorüber kommt. Er weiß nämlich immerzu genau, wer kommt und wieder verschwindet, vermutlich kann er sehr gut riechen oder aber er kann sehr gut hören, kann mit den Ohren sehen. Er irrt sich, wie ich hörte, nie. — stop

minutengeschichte
echo : 0.02 UTC — Im Haus der alten Menschen in einem Flur steht ein Rollstuhl. Eine winzige Person sitzt in diesem Stuhl, so klein ist sie, dass von hinten her nur ein Hut von ihr zu sehen ist, der sich nicht bewegt, weil die kleine Person, eine alte Dame, eingeschlafen ist. Auf einem Sofa in ihrer unmittelbaren Nähe hockt ein Mann, ihr Sohn. Der Sohn schaut zum Fenster hinaus, es blitzt, ein Regen beginnt, der die Luft hell werden lässt, und dann donnert es, und die alte Dame wird wach. Mit ihren mageren Händen, die zittern, nähert sie sich ihrem Sohn. Er lächelt sie an, und sie sagt zu ihm: Komm, hilf mir, ich möchte aufstehen und gehen. Und der Mann antwortet: Mutter, du kannst nicht gehen, Du bist seit einem Jahr nicht auf eigenen Beinen gestanden, Du bist schwer gestürzt, Du bist auf Deinen Kopf gefallen, Deine Beine sind so dünn, dass ich sie je mit einer Hand umfassen könnte. Und da sagt die alte Dame zu ihm: Ich kann gehen, ich weiß das, komm hilf mir, ich bin immer gegangen. Warum willst Du mir nicht helfen! Und sie sieht ihn an, er kennt diesen Blick. Und es donnert und blitzt da draußen vor dem Fenster, ein wunderbares Gewitter, ganz wunderbar. — stop

nachtuhr
india : 0.06 UTC — Diese eine Minute in der Nacht. Ich stehe in der Diele im Licht und schaue auf meinen linken Arm. Ich meine, eine Uhr zu erkennen, die sich unter meiner Haut befindet, eine winzige Uhr mit einem blauen Zifferblatt, es ist dort kurz nach 2 Uhr. Ich bin überzeugt, diese Uhr noch nie zuvor gesehen zu haben. Ich gehe in die Küche und schreibe im Halbschlaf auf einen Zettel: Nachtuhr suchen. Dann schlafe ich wieder ein und finde am Morgen auf dem Tisch neben Äpfeln und Bananen meine Notiz. Seltsame Geschichte. Ob vielleicht Uhren dieser Art existieren, tauchende Uhren. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Bald wieder schlafen. — stop

von magnetbändern
lima : 0.06 UTC — Einmal, vor langer Zeit, traf ich einen Freund. Seine Frau war kurz zuvor gestorben. Wir saßen in einem Café im botanischen Garten. Mein Freund erzählte von der Seefahrt als junger Mann in Maschinenräumen, von himmelblauen finnischen Winternächten, Polarlichtern, Kerzen. Seine Traurigkeit an diesem Tag, weil er einsam geworden war, weil er sein eigenes Altwerden spürte. Er erzählt von den letzten Tagen seiner Frau. Wie sie aufräumte in der Wohnung, wie sie Bücher beschriftete, dann wieder ins Krankenhaus, in Sicherheit, aber ohne zu viel Morphium, um nicht einzuschlafen. Die letzten 30 Stunden war sie dann doch bewusstlos gewesen. Einmal sprach sie wunderschöne Sätze für ihn auf den Anrufbeantworter, die er versehentlich löschte. Auf Magnetbändern, 30 Jahre sind sie alt, finden sich Aufnahmen, das weiß er genau, der Cembalistin, aber es fehlt das Abspielgerät dazu. Es geht mir ans Herz, wie ich den alten Mann in Richtung einer blühenden Kastanie davongehen sehe. Ich hatte ihn gefragt, ob er sich mit seiner Geliebten noch unterhalte, und er sagte, irgendwie schon, es ist virtuell, es kommen keine Antworten. — stop

raymond carver goes to hasbrouck heights / 3
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sierra : 5.12 UTC — Es ist Samstag und ich habe gerade eine Meldung gelesen, die mir ein Programm meines Particles-Servers sendete, es habe nämlich ein Mensch, der nahe oder in Washington D.C. leben soll, einen Text besucht, der von Raymond Carver erzählt. Ich las meinen Text nach längerer Zeit wieder einmal mit älter gewordenen Augen. Und ich dachte mir, dass ich im Grunde nicht sicher sein könne, ob ein menschliches Wesen meinen Text in der Weite des World Wide Web entdeckte, oder ob eine Maschine mein Particles besuchte, die einer Spur von Schlüsselwörtern folgte. Der Text, der am 12. Dezember 2014 notiert wurde, geht so: Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Untersuchungen der CIA-Folterpraktiken durch Ermittler des US-Senats studierte, an eine kleine Stadt erinnerte, die ich vor wenigen Jahren einmal von Manhattan aus besuchte. Ich las von Schlafentzug, von Waterboarding, von sehr kleinen, dunklen Kisten, in welche man Menschen tagelang sperrte, von Lärm, von russischem Roulette und plötzlich also erinnerte ich mich an Oleanderbäume, die ich gesehen hatte in Hasbrouck Heights an einem sonnigen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glücklichen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazzkonzert nahe der Strandpromenade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, westwärts, durch den Lincoln Tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewachsenen Muskel Manhattans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flimmert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekundenbruchteile öffnen, bald sind wir ins Gebiet niedriger Häuser vorgedrungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regenrinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zusteigenden Gast persönlich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Landschaft, auf rostige Brückenriesen, die flach über die sumpfige Gegend führen. Und schon sind wir angekommen, ein liebevoll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstöckige Häuser in allen möglichen Farben, großzügige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zentimeter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zugeschnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlendere von Straße zu Straße, werde dann freundlichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eichhörnchen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Polaroidkamera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klingeln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade fotografiert. Wollen Sie sich betrachten? — stop

time
sierra : 18.32 — Das seltsame Leben der Uhren, ihre Erscheinung, oder die Geschwindigkeit, in welcher sich ihre Zeiger oder Ziffern bewegen. Immer wieder die Frage, ob Uhrwerken nicht doch zu misstrauen ist. Gerade Funkuhren scheinen Persönlichkeiten zu sein, sie laufen, ich habe das mit eigenen Augen beobachtet, manchmal rückwärts. Und so stellte ich mir vor, eine Uhr zu verwenden, um eine andere Uhr zu kontrollieren, oder mehrere Uhren einer Umgebung, in der Hoffnung, dass sie sich gleichmäßig verhalten. Diese Überlegungen sind Orten verbunden, die niemals mit Tageslicht in Berührung kommen, Räume, in welchen 28 Stunden dauernde Tage längst denkbar geworden sind. — stop
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luftsprache
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alpha : 22.12 UTC – Ich spazierte im Haus der alten Menschen. Da waren geöffnete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beobachtete einen alten Mann, der vor seinem Rollstuhl kniete, und eine alte Dame mit schlohweißem Haar, die lag wie ein Mädchen, mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommerwiese. Einmal beobachtete ich ein anderes Bett, in dessen Kissentiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft sprachen, Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr vermutlich um Jahr. — stop
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ein regenschirm
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marimba : 22.03 UTC – Vor einer Woche erzählte mir José, er trage schwer an dem gläsernen Auge, das er rechts neben seiner Nase in seine Augenhöhle eingesetzt bekommen habe. Es sei nicht das Gewicht selbst, sondern vielmehr die Erfahrung eines Unfalls, eines Stolperns, die ihm sein Auge gekostet habe. Auf der Treppe sei er einerseits gestürzt, anderseits unglücklichst kollidiert, mit seinem Regenschirm in der Hand. Er habe in den Minuten nach jenem entscheidenden Ereignis kaum einen Schmerz verspürt. Er glaube, der Schmerz sei so groß gewesen, dass sein Geist ihn aus sofort dem Bewusstsein gesperrt haben muss. Er höre noch immer den Schrei seiner Frau, als sie ihn sah. Nun ist das so, erzählte José, da springst Du ein Leben lang in der Welt herum und denkst nicht eine Sekunde daran, dass Du ein Auge verlieren könntest. Und jetzt wiege das Gewicht seines gläsernen Auges deshalb so schwer, weil er sich vor einem zweiten gläsernen Auge fürchte, er würde in diesem Falle über kein weiteres Auge verfügen, es wäre dann dunkel, und er wisse doch aus eigener Erfahrung präzise, dieser verdammte Regenschirm, erzählte José. — stop
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