sierra : 0.08 — Laure Wyss. Sie bemerkt um 22.38 MESZ, man würde ihre Gesellschaft vermutlich deshalb meiden, weil sie gerne ganze Bücher erzähle. Ihr feines, von der Zeit gewirktes Gesicht. Ja, fährt sie lachend fort, das Älterwerden, das ist ein Prozess, vielleicht der Schwierigste, weil es der letzte ist. Aber er hat auch sein Gutes. Es wird immer klarer, was wichtig ist im Leben. Es ist eine Art Vereinfachung. Es ist auch eine Zeit des Abschieds. Aber merkwürdigerweise bereichernd, nicht nur traurig. – Laure Wyss besaß drei Schreibmaschinen. Mit der weichsten dieser Maschinen, ihrer Bleistiftschreibmaschine, notierte sie Gedichte.
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Aus der Wörtersammlung: vermutlich
caravelle
romeo : 0.02 — Ich überlegte, ob ich, wenn ich bei wolkenlosem Himmel in 33000 Fuß Höhe befindlich aus einem Flugzeugfenster spähen würde, ein Schiff erkennen könnte, ein Schiff von der Größe der Queen Mary sagen wir, einen Luxusdampfer, der zur Zeit meiner Geburt noch regelmäßig zwischen New York und Southampton über den Atlantik hin und her gependelt war. Ich stellte mir zunächst einen Berg vor von entsprechender Höhe, einen Berg, der Himmel und Flugzeug berührte, kurz darauf ein Schiff. Und ich ahnte sehr bald, dass ich das Schiff wohl eher nicht, vermutlich aber die ihm folgende Spur im Wasser erkennen würde, Wellen und Wirbel von Luft. Eine junge Frau, so unsichtbar wie das Schiff, an dessen Heck sie steht, betrachtet die Spur, die das Schiff im Wasser hinterlässt. Einmal wirbelt eine Bö ihren Hut durch die Luft. Sie schaut zum Himmel. Ein Blitzen vielleicht. Ten-four. Charlie. Charlie. Kurz nach Mitternacht. Klirrende Kälte. — stop
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echo
echo : 0.15 — Folgendes. Wenn Sie diese hin und her gefaltete Zeile lesen und immer weiter lesen, werden Sie einer kleinen Geschichte begegnen, die ich in der vergangenen Woche bereits notierte und gesendet habe. Eine Fotografie war damals hinzugefügt, und weil ich sehr müde gewesen war, legte ich mich schlafen, um zwei oder drei Stunden später mit dem Gedanken wach zu werden: Nein, Louis, nein! Das ist kein guter Text, den Du da gesendet hast! Ich hastete also zum Schreibtisch und löschte den Text, und auch die Fotografie, und schlief sofort sehr zufrieden wieder ein. Kaum eine Stunde ist vergangen, seit ich den Text noch einmal gelesen habe. Ich wunderte mich, weil mich die Geschichte nun doch berührte, und ich ahne sehr gründlich, warum das so ist. Hier also ist meine kleine gelöschte Geschichte ohne Fotografie, eine Geschichte, die von einem Spaziergang erzählt, der mich über einen Nachtflughafen führte. Still war die Zeit, überall in den Hallen und auf den Fluren lagen schlafende Menschen herum. In einem besonders großen Saal aber schaukelten zwei Männer durch Luft, die Glühbirnchen in Fassungen schraubten, um weihnachtliche Stimmung zu erzeugen. Beide waren sie gut gelaunt, machten Späße und erzählten sich lauthals irgendwelche Geschichten, sie hatten ganz ohne Zweifel viel Freude mit ihrer Arbeit unter dem gläsernen Gewölbe an Seilen hängend. Einmal kamen sie auf den Erdboden zurück. Sie standen etwas unsicher auf den Beinen und flatterten mit ihren Armen. Als ich mich erkundigte, ob ihnen vielleicht schon irgendwann eine Glühlampe von der Decke gefallen und zerbrochen sei, antwortete einer der Männer: Nein! Niemals! Ich machte dann eine Aufnahme, merkwürdig, dieser Moment, da sie zur Flughafenschwebebahn schlenderten. Denn genau in dem Augenblick, als ich den Auslöser der Kamera drückte, war ich mir sicher gewesen, dass die zwei Männer in ihren blauen Anzügen auf meiner Fotografie später nicht zu sehen sein würden. – So, das war meine Geschichte, die in der vergangenen Woche verschwand. Jetzt ist sie wieder da und wird vermutlich bleiben. Kurz nach Mitternacht. Ich trage das schöne Wort Gandhineuron in meinem Kopf.
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01001010
echo : 0.02 — Eine Fotografie, die ich lange Zeit vergeblich wiederzufinden suchte, zeigt die Raumstation MIR in großer Höhe über der Erde schwebend. Ich kann mich noch gut an das farbige Bild erinnern, vielleicht deshalb, weil ich mich die Aufnahme tagelang berührte. Ein Bullauge, dort das Gesicht einer Frau, deren Namen ich vergessen habe, ein ernstes Gesicht, Ahnung, Schatten, Züge einer russischen Kosmonautin, die Monate alleine auf der MIR-Station lebte. Sie beobachtet die äußerst behutsame Annäherung eines Raumschiffes der NASA, in dem sich Menschen befinden, die mittels Funk vermutlich bereits Kontakt aufgenommen haben: Wir sehen Dich! — Da war das tiefe Schwarz des Weltalls im Hintergrund, ein absolut tödlich wirkender Raum, der sich zwischen den beiden Raumkörpern erstreckte. Immer wieder einmal in den vergangenen Jahren habe ich mich an das Gesicht der Kosmonautin erinnert, eine Ikone menschlicher Verlorenheit, und insgeheim weiter gezeichnet. — stop
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sprechgeräusche
ginkgo : 2.15 – Etwas Seltsames ist geschehen. Bin gestern Abend im Garten eingeschlafen, obwohl ich in einem äußerst spannenden Buch geblättert hatte. Vielleicht war’s die schwere, warme Luft oder eine schlaflose Nacht der vergangenen Jahre, die rasch noch nachgeholt werden musste. So oder so schlief ich eine Stunde tief und fest im Gras und wäre vermutlich bis zum frühen Morgen hin in dieser Weise anwesend und abwesend zur gleichen Zeit auf dem Boden gelegen, wenn ich nicht sanft von einer nachtwandelnden Ameise geweckt worden wäre. Kaum hatte ich die Augen geöffnet, war ich schon mit einer Frage beschäftigt, die ich erst wenige Stunden zuvor entdeckt hatte, mit der Frage nämlich, wie Tiefseeelefanten hören, was sie miteinander sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüssel sehr weit von ihren Ohren entfernt jenseits der Wasseroberfläche zur Welt kommen und rasch in alle Himmelsrichtungen verschwinden. Eine diffizile Frage, eine Frage, auf die ich bisher vielleicht deshalb keine Antwort gefunden habe, weil ich eine Antwort nur im Schlaf finden kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fangen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minuten in Isfahan, Iran. – stop
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lichtforscher
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : TRAUMLICHT
Lieber Mr. Kekkola, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen keine Nachricht aus der Wildnis. Sind Sie noch am Leben oder wurden Sie bereits heimlich von Bären gefressen? Vermutlich haben Ihnen lüsterne Fliegen derart zugesetzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen können. Hörte, kühlende Moose, sollen helfen, dass Sie wieder in die Welt hinaus schauen und mir schreiben werden. Nach einer kleinen Reise südwärts wird nun wieder über Tiefseeelefanten nachgedacht. Das ist schon seltsam, wenn ich Stunden an ein und dieselbe Sache denke, dann wird sie so vertraut, dass ich sie mit mir ins Bett nehmen kann, ich meine, ich träume, ich träume, mein lieber Kekkola, mit Elefanten über atlantischen Tiefseeboden zu spazieren. Erinnere mich gerade an einen Forscher des Lichts. Wenn Du einem Problem, einer Idee, einer Spur wirklich nahe kommen willst, sagte mein Vater, dann musst Du so intensiv daran arbeiten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablassen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrachtete fünftausend Meter lange Rüssel und Paternosteraufzüge, die es bei Ihnen in Amerika nicht gibt, aber bei uns in Europa, endlos dahinfahrende Koffer ohne Deckel, in die man einsteigen kann, einsteigen wie jene Luft, die Tiefseeelefanten in kleinen Paketen atmen, Meereswinde in Beuteln von Haut. Die fahren dann perlend abwärts, ein Beutel nach dem anderen Beutel, zur Lunge hin, die riesig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzählte. Mein lieber Kekkola, was halten Sie davon? Schreiben Sie mir, sobald Sie wieder schreiben können, ja, schreiben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.
gesendet am
20.08.2009
5.32 MESZ
1650 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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hilde domin
romeo : 22.02 — Atemlos eine Kameraluftreise der jungen Filmemacherin Anna Ditges beobachtet. Zwei Jahre lang filmte sie ihre Begegnungen mit Hilde Domin. Als ich meine Fernsehmaschine ausschaltete, war ich voll Glück und Freude, und ich dachte, dass ich mich vermutlich verliebt habe, in den Film, in die junge Filmemacherin, oder nein, ich glaube, ich habe mich in Hilde Domin verliebt. Und wie ich diese Zeilen gerade schreibe, denke ich, dass Hilde Domin, sollte sie mir über die Schulter sehen, vielleicht sagen würde: Aber das geht doch nicht, das ist unhöflich, so nah heranzukommen. – Ich saß im Park am Nachmittag, folgte einer Spinne, die auf Buchseiten turnte und las in Hilde Domins Gedichten: Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / dass der Wind / hindurchfährt. Ihre von der Zeit gezeichnete Hand, die im Film genau diese Zeilen mit einem Bleistift auf ein Blatt notierte. Wie sie sagt zur jungen Frau hinter der Kamera: Wir sehen uns gerne an, weil wir uns mögen. — stop
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luftpost
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alpha : 23.52 – Einmal lag ein buntes Stück Papier auf meinem Schreibtisch, ein Luftpostbrief. Als ich das Couvert des Briefes genauer betrachtete, das heißt, als ich den Brief so nahe an meine Augen heranführte, dass ich die Stempeleinträge seiner Anschriftenseite entziffern konnte, bemerkte ich, dass der Luftpostbrief bereits vor langer Zeit in Europa aufgegeben und über den Atlantik geflogen worden war. In Santiago de Chile dann angekommen, konnte der Brief nicht zugestellt werden, vermutlich weil die Zeichen, die den Brief beschrifteten, kaum zu entziffern gewesen waren. Nach einigen Wochen Wartezeit, reiste der Brief, nun markiert mit einem Schildchen in blauer, spanischer Farbe: Imposible de entregar! *, über den Atlantik zurück, um sich nur wenige Tage später erneut auf den Weg über das Meer nach Chile zu begeben. Ein weiterer Schriftzug war hinzugekommen, ein feiner, aber großzügiger Stempelaufdruck: -Diese Sendung wurde von einem Blinden geschrieben!- Zwei frische Wertmarken, nichts sonst verändert. Und so machte sich der Brief bald darauf ein viertes Mal auf den Weg über das Meer wieder nach Europa zurück und landete, weiß der Himmel, warum, in meiner Nähe, in der Nähe meiner Schreibmaschine. — stop
* Nicht zustellbar

yanuk : stille
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~ : yanuk le
to : louis
subject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.
Lieber Mr. Louis, in der vergangenen Nacht sind seltsame Dinge geschehen. Ich hatte auf Höhe 258 mein Zelt aufgeschlagen, weil es geregnet, nein, weil es sehr stark geregnet hatte gestern Nachmittag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch einmal Regen fallen würde, so feucht war die Luft geworden. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Singen der Nachtaffen zu und irgendwann schlief ich ein. Als ich erwachte, war es noch immer dunkel. Ich konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörvermögen der Lebewesen vielleicht nur eine Idee gewesen war, eine poetische Eigenschaft ohne die Möglichkeit einer Verwirklichung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhythmisches Geräusch von Innen, vermutlich die Bewegung meines Blutes. Ich verließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kleinster Fliegen tanzte um meine Kletterlaterne, zwei Geckos saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angelten sich die schönsten Exemplare heraus. Ich hatte ihnen gestern bereits bei ihrer bequemen Arbeit zugesehen, und ich erinnerte mich, dass der Dschungel um mich herum geknistert hatte und die Affen ein unentwegtes Gespräch führten über große Distanz. Jetzt, wie zur Prüfung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, beide Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hatte den festen Eindruck, besucht worden zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille beiderseits. Ich legte mich ins Zelt zurück und überlegte, ob ich vielleicht in Gefahr sein könnte, ob man vielleicht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich eingeschlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell, als ich erwachte, und der Dschungel knisterte und wisperte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashornvögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu können. Wie jeden Morgen saßen prachtvolle Käfer und Falter und Fliegen an den Wänden meines Zeltes. Und alle taten sie so, als hätten sie mit meinen Ohren nicht das Mindeste zu tun. stop. Yanuk
eingefangen
0.52 UTC
2334 Zeichen

flaubert
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~ : louis
to : Mr. gustave flaubert
subject : MEMPHIS
Verehrter Mr. Flaubert, gestern, am späten Nachmittag, knisterte ein feiner Regen ans Dachfenster meines Zimmers und ich habe mich auf den Rücken gelegt und ihr ägyptisches Reisetagebuch geöffnet, eine sehr feine Arbeit, detailliert, das Abschiednehmen, ihre voraus reisenden Koffer. Während Sie gerade an Bord der Canja Memphis passierten, bin ich eingeschlafen, vielleicht weil ich müde war von einer viel zu kurzen Nacht. Als ich wieder wach wurde, knisterte der Regen noch immer gegen das Fenster, und ich erinnerte mich, ihnen erzählen zu wollen, dass ich seit vorgestern, 15 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, Augenpaare sammle, die meine elektrische Seite besuchen. Vermutlich werden Sie mich für einen seltsamen Vogel halten, weil ich Augen paarweise zähle, ihre Existenz und woher sie kommen und welche Brillen sie tragen und die Zeit messe, die sie mit meinen Wörtern verbrachten. Gestern Abend um 22 Uhr 17 Minuten und 11 Sekunden hatte ich Besuch aus Shanghai. In großer Entfernung lurten also ein paar Augen, verweilten, kaum zu glauben, sechs Sekunden auf meinen Zeilen, dann waren sie wieder weg. Ich habe mir gedacht, dass diese hastigen Augen vielleicht meine Schriftzeichen nicht entziffern konnten, dass sie deshalb nur zwei oder drei Atemzüge lang bei mir verweilten. Ja, lieber Flaubert, das könnte sein, nein, ich hoffe, dass es so gewesen ist. Später Abend schon wieder. Werde jetzt weiter lesen in Ihrer ägyptischen Reise, während die Augenzählmaschine arbeitet, ohne dass ich mich auch nur einmal für sie bewegen müsste. Ihr Louis, mit allerbesten Grüßen.



