eine kleine physik

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charlie : 0.02 – Zunächst Bilder, dann Klänge. Die Erin­ne­rung des Gehörs scheint lang­samer zu spielen, als die Erin­ne­rung der Augen. Wie sich allge­meine physi­ka­li­sche Gesetze der Außen­welt in meinem Gehirn beru­hi­gend wieder­finden. – Stellen Sie sich vor, ich habe den gest­rigen Nach­mittag unter einem Regen­schirm zuge­bracht. So im Gehen im Wasser, die Suche nach kleinsten Parti­keln einer großen Stadt. Bin ich Angler, bin ich Jäger, bin ich ein Domp­teur? Ob Eich­hörn­chen mittels Zungen­stimmen zuein­ander spre­chen?
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singende rosen

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hima­laya

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : SINGENDE ROSEN

Mein lieber, lieber Jona­than Kekkola, wie ich mich freue über Ihre späte Nach­richt! Stolz bin ich und voll Bewun­de­rung, indem ich sehe, wie weit Sie gekommen sind. Ich habe gestern Ihre Eltern besucht, und wir studierten gemeinsam eine Karte Ihrer großen Wande­rung dem ameri­ka­ni­schen Süden zu. Das Wasser war kühl, ihre Mutter schien zu frös­teln, und Ihr Vater schwebte auf dem Kopf, so dass mir etwas schwin­delig wurde, weil ich Oben und Unten für Momente nicht unter­scheiden konnte. Ich hatte auf Sie gewartet, mein Lieber, saß mit einer Melone im Sand und schaute aufs Meer hinaus. Einmal glaubte ich, Sie gesehen zu haben. Ein Mann winkte mir zu, er stand bis zum Hals im Wasser, plötz­lich war er verschwunden. Nun, am Ende dieses merk­wür­digen Tages, will ich Ihre Frage beant­worten. Ja, sie sind gekommen, unsere Geschöpfe, Elefanten, sie sind gekommen so wie wir sie voraus­ge­sehen haben. Ein glück­li­cher Moment voller Demut. Ich konnte sie hören, ihr leises Gespräch, Trom­pe­ten­musik, den Gesang der Rosen, der von der wandernden Luft in Wellen an Land getragen wurde. Als in der Dämme­rung der Wind auffrischte, fuhr ich zurück in die Stadt, eine stun­den­lange Reise unter Straßen bis rauf nach Wood­lawn und wieder zurück. – Alles Gute, alles Liebe! Ihr Louis. Ahoi!

gesendet am
12.05.2010
22.24 MESZ
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louis to jona­than
noe kekkola »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MELDUNGEN : LOUIS TO MR. JONATHAN NOE KEKKOLA / ENDE

andrea faciu – touching the city

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hibiskus : 18.02 – Fangen wir noch einmal von vorne an. Wie das ist, eine Stadt zu berühren, touching the city. Die Hand einer Frau, gefilmt von einer Kamera, die sich in einer weiteren Hand, der zweiten Hand derselben Frau befindet, streicht über Häuser­wände, Klin­gel­knöpfe, Brief­kästen, Namens­schilder. Film­par­tikel, in einen verdun­kelten Raum getragen, wo sie sich wieder­holen, verwin­kelt zu zarten, bebenden Geräu­schen des Lichts. – In Florenz, an einem herbst­li­chen Abend, erzählt die Künst­lerin Andrea Faciu derart span­nend von ihrer Arbeit, dass ich einen Tag später meine eigenen Hände beob­achte, indem sie die Stadt Florenz berühren. Diese Hände nun tasteten in New York nach der silbernen Haut eines Subway-Waggons, Gesten der Begrü­ßung viel­leicht. Da war eine mühe­voll gehende Frau gewesen, ich erin­nere mich, eine India­nerin unter einem Poncho, gebeugt von der Last einer Chris­tus­figur, die sie durch einen Tunnel nahe des Times Square schleppte. Ihre murmelnd betende Stimme. Christus blinkte.
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animals

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india : 10.02 – Ein lebendes Blatt Papier, nach wie vor heiter, welches aus Millionen mobiler Einheiten oder Persön­lich­keiten bestehen würde, könnte immer dann als eine Rechen­ma­schine betrachtet werden, wenn jedes der zu dem Blatt gehö­renden Indi­vi­duen für sich im Stande wäre, zwei oder weitere Zustände, zum Beispiel hell oder nicht hell, anzu­nehmen und den Status dieser Selbst­ver­fas­sung mittels einer Sprache an benach­barte Indi­vi­duen weiter­zu­geben. Ja, das ist denkbar, eine Rechen­ma­schine, die sich vorsätz­li­cher Weise in Luft auflösen und wieder aus der Luft heraus vereinen könnte. – stop
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avenue of the americas

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india

~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : AVENUE OF THE AMERICAS

Ich muss Euch nicht erzählen, wo ich mich gerade befinde, liebe Violet, liebe Daisy, ich hör Euere Stimmen, hör wie Ihr scherzt, was macht er nun schon wieder, warum ist er einge­schlafen, das muss ein betäu­bendes Buch gewesen sein. Nun also bin ich wach geworden. Ich notiere diese Sätze in dem Wissen, dass Ihr lesen werdet, Zeichen für Zeichen, wie in diesem Augen­blick erscheint, was ich schreibe. Das Notieren ist so etwas wie das Sicht­bar­ma­chen des Denkens, nicht wahr, so könnten wir das viel­leicht sagen. > …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… > Spazierte in Euerer Ange­le­gen­heit, wie verspro­chen, durch Manhattan. Ich hatte meinen kleinen Foto­ap­parat in der Hand, stand mitten auf der Avenue of the Americas, um das neue Hippo­drom-Gebäude abzu­lichten. Auch das wisst Ihr natür­lich, wie wir dann Rich­tung Bryant Park spazierten, unser Gespräch über geheime Tenta­keln der Bäume, die den Lärm der Stadt aus der Luft zu fangen scheinen. Und mein Begehren, gewiss, ein Eich­hörn­chen zu fangen, das warme Licht des hupenden Abends, meine Über­le­gung, wie ich Euch eines Tages einmal persön­lich begegnen könnte, und mein Verspre­chen, ein weiteres Euerer Jugend­bilder zu senden. Was Euch nicht bekannt sein wird, weil ich’s nur dachte, ich hatte in all den gemein­samen Stunden eine verwe­gene Frage in meinem neugie­rigen Kopf. Nun, es ist kurz nach Mitter­nacht, werde ich diese Frage für Euch buch­sta­bieren, unsi­cher ein wenig, was geschehen wird, ob ich Euch nicht zu Nahe komme, so dass Ihr aus meinen Augen verschwinden werdet. Gebt gut acht! Es ist nämlich so, dass ich mich frage, wie auch immer die Räume beschaffen sind, die für Euch ausge­dacht, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mitein­ander verwachsen seid? – Euer Louis, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

gesendet am
18.05.2010
0.05 MESZ
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louis to daisy and violet »

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kili­man­dscharo : 1.58 – Fliegen am Abend trau­rigster Nach­richt, Zausige, die mit dem Wasser spre­chen. Regen, sanfter Regen. Deine fröh­liche Stimme. Wir Menschen sind für letzte Dinge nicht gemacht. Dankbar lausch ich weiter Elefan­ten­oh­ren­winden nach. - für g.

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schlafbild

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bamako : 22.15 – Inwie­fern würde sich die Welt der Bilder verwan­deln, wenn wir über die Möglich­keit verfügten, unsere Schlaf­träume zu foto­gra­fieren? Ich meine so zum Beispiel, während eines nächt­li­chen Spazier­ganges über einer Hoch­ebene flam­mender Ahorn­bäume die Anwei­sung zu geben: stop.aufnahme.jetzt. Schon am nächsten Morgen dann auf dem Küchen­tisch neben Kaffee­tasse, Melo­nen­scheibe, Morgen­zei­tung, jener Stoß im Traum gebannter Momente, glühende Balda­chine, sagen wir, über schnee­weißen Wolken, Elefanten der Tiefsee, feder­leicht im Spiel vor Neufund­land, Louisiana’s schil­lernde Küste. Wie man sich neuer­dings zur Ruhe legt lange vor der übli­chen Zeit, im Sammel­fieber blit­zende Augen. Wo und womit wäre nun in der Verwirk­li­chung der Idee des Traum­bild­ap­pa­rates anzu­fangen?
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spieldose

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tango : 0.03 – Vor Jahren, zur Sommer­zeit, an der Seite einer schwer­mü­tigen Frau durch trop­fenden Wald nahe eines Kran­ken­hauses. Es hatte geregnet, eine Sint­flut, das Kleid der Frau, von dem sie erzählte, dass es sich um ein bren­nendes Kleid handele, klebte an ihrem Körper fest. Schmal war sie geworden, zerbrech­lich, fast durch­sichtig die Haut ihrer Hände, ihrer Wangen, ihres Halses. Ich erin­nere mich, dass ich ihr Libellen zeigte, sie jagten dicht über den damp­fenden Boden hin, Wald­erd­beeren, einen Frosch. Ich fragte nach ihren Gedanken, aber ich konnte sie  nicht errei­chen, auch mit meinen Blicken nicht, weil sie mich nicht ansehen wollte, sondern vor sich hin starrte, indem sie vorsichtig ihre Schritte setzte, als würde der Boden unter ihren Füßen nicht wirk­lich exis­tieren. Ihr feines Gesicht, ihre hellen Augen, hell von Schmerz und Furcht. Wie sie nach einer langen Zeit des Schwei­gens sagte, niemand könne verstehen, wie sie sich fühle, kein Mensch, das sei schreck­lich, und das Atmen, die Angst, die Leere, der Eindruck zu fallen, und dass sie nicht wüsste, wann das alles wieder­kommt, wenn es doch einmal aufge­hört haben sollte, und warum. In einer ihrer Hände barg sie eine Spiel­dose. Manchmal hielt sie die kleine Maschine vor ihr Gesicht und drehte an einer Kurbel. Sie neigte dann den Kopf zur Seite, und für einen Moment schien der Schmerz nach­zu­lassen, eine Ahnung im Sommer­regen, eine Erfah­rung größter Ferne und Hilf­lo­sig­keit inmitten zirpenden, pfei­fenden, rauschenden Lebens, gestern in einer beson­deren Weise von dem erschüt­ternden, hoff­nungs­frohen Film Helen in die Tiefe erzählt. – Top five der schlech­testen, gut gemeinten Ratschläge von Leuten, die über­haupt keine Ahnung haben: Fahr in die Ferien, lies ein Buch, lass Dir die Haare schneiden, reno­vier Deine Wohnung, lerne Joga.

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