ulysses : 7.
32 — Madison Avenue am frühen Morgen von Süd nach Nord. Tausende Tagpassanten nähern sich und verschwinden. Heftige Winde. Blüten, Blätter, Töne wirbeln in Spiralen durch die frische Luft. Frauen halten ihre Röcke, Männer ihre Hüte fest. Berauschende Glücksgefühle. Werde ich größer oder werde ich kleiner? Irgendetwas scheppert leise im Kopf von Schritt zu Schritt. Fliegenleichtgewichte, transparente Hummergestalten, spazieren seitwärts über den Bildschirm meiner Handschreibmaschine dahin, gebeutelte, zausige Herzen. Wo waren sie in der vergangenen Nacht gewesen? Indem ich eines der Geschöpfe auf der Schulter mit mir trage, der Gedanke, dass sich beinahe alle Menschen dieser großen Stadt nicht persönlich kennen. — stop

Aus der Wörtersammlung: ende
zungen
delta : 18.
05 — Was ich hörte im Gehen Ecke Lexington Avenue zur 59. Straße, ein Wort müsste ich übers andere schreiben. Das Heulen der Löschzüge, das Hupen der Taximobile, quietschende Bremsen, Krawall aus Läden, Menschenstimmen, Pfeifen, Quietschen, Ächzen, Brausen, Lärmzungen, die um jede Ecke streichen, ein Wort über das andere schreiben, bis sich die Zeichen aus dem Papier erheben. — stop

penn station
marimba : 23.
12 — Pennstation am späten Abend. Namen, Leuchtstoffe, Zielorte, die auf Tafeln klappernd von Zeile zu Zeile fallen. Montauk. stop. Babylon. stop. Syrakus. stop. Kerookee. stop. Muschelnde Geräusche, Wörter, Sätze fortbewegend, Dos Passos, sagen wir, Manhattan Transfer, Edition für Tiefseetaucher. stop. 700 selbstleuchtende Seiten a 1200 Gramm. stop. Funkblätterung. stop. 1 x 0.5 Meter Kantenlänge. stop. Himmel, was für ein großes, schweres Buch. stop. Schwebend. stop. 550 Fuß Tiefe. — stop
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manhattanwelle
marimba : 22.16 — Dampfende Stadt. Dampf aus dem Boden, Dampf von den Wolken, Bäume dampfen, Menschen unter ihren Schirmen, selbst Eichhörnchen des Central Parks dampfen kleine Wolken aus dem Mund. Wie ich so gehe von Harlem aus nach Süden, von jedem Ticketschalter her eine schwarze Stimme von Jazz. Das ratternde Geräusch der Subway, rhythmisch, ihr warmer, öliger Atem, der dem Spazierenden unter den Regenschirm fährt. — Ein Mann zur Mittagsstunde nahe Madison Square Park mitten auf dem Broadway im tosenden Verkehr. Er trägt einen feinen, dunklen Anzug, aber grobe, staubige Schuhe. Immer wieder beugt er sich zur Straße hin, versenkt einen Zollstock in den Asphalt, telefoniert, die Arme, als sei ihm kalt, eng an den Körper gepresst. Der Mann scheint wütend zu sein. Er geht ein paar Schritte südwärts, vermisst ein weiteres Loch, Rauch steigt von dort, ein flatternder Faden. Als ob sich der Mann vergessen haben würde, nun zunächst in die Hocke, dann kniet er nieder, späht in den Schlund. — stop
mann ohne mund
tango : 22.16 — Dreifach einem Mann ohne Mund begegnet, jedes Mal unter der Lexington Avenue gegen den Abend zu fahrend, wenn sich die Züge füllen mit Pendlern in alle Richtungen des Himmels. Das Pfeifen der Luft, die den Saum einer Öffnung am Hals des Mannes in Schwingung versetzt, ich hörte es in nächster Nähe, ich hörte es im Traum, ich erinnerte es bei einer zweiten Begegnung sofort, als wäre das pfeifende Flattern eine Stimme, da war er noch entfernt, da sah ich sein zerstörtes Gesicht durch die Menge der Reisenden näherkommen, sah seine gleichwohl vom Feuer versengten Hände, rosa leuchtende Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letzte, gerötet von der Anstrengung und vom Ausdruck der Dankbarkeit, mit dem er jeden unter der Stadt reisenden Menschen bedachte, sobald er sich Davids Geschichte lesend näherte, sprechenden Fotografien vor einer ruhig atmenden Brust: Ich, ich habe in Bagdad mein Gesicht verloren in einer Sekunde an einem Abend wie diesem Abend, in einem Sommer wie diesem Sommer. Und wie er jetzt weitergeht, wie er die Stille mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören könne. — stop
holly — juli 26
ginkgo : 1.18 — Ein Herr, wie geträumt, sitzt auf einem Klappstuhl nahe der Busstation Port Authority in einem Subwaytunnel. Es ist kurz nach zehn Uhr abends. Der Mann vollzieht auf einer Hammondorgel Ohrenwurmmelodien ohne Pause. Weißes Haar, gelblich schimmernd, grauer Anzug, blaues Hemd. Dürr springen seine Hände über die Tastatur, auf dem spiegelnden Rücken des Instrumentes tanzt eine elektrische Jazzfigur im schwarzen Anzug. Die kleine Personenmaschine scheint defekt zu sein, hält immer wieder einmal an, bebt ein wenig nach, federt, fordert einen weckenden Stoß unverzüglich. Unweit, auf dem Boden, eine weitere Puppe, rotes Haar, lebensnah, durchblutet, ein Bonsaimädchen, dem zwei Finger der rechten Hand verloren sind. Geschmeidige Bewegungen der hellen Arme in jede Himmelsrichtung, grazil, leicht und rhythmisch, als verfügte sie über wirkliche Ohren ihres hochbetagten Freundes, dessen Kopf von wandernden Wirbelknochen tief über die Tastatur gezwungen wird. Jede Bewegung, jeder Blick in den Raum, scheint aufs Äußerste schmerzhaft zu sein. Für Sekunden sind Augen eines jungen Menschen zu sehen, seltsam helle Augen. Eine elegant gekleidete Frau kniet vor dem Klappstuhl auf dem Boden. Sie betrachtet den alten Mann von unten her, sie lacht, sie spricht. — stop
subway
sierra : 22.01 — Immer wieder der Eindruck, Menschen würden mittels raschelnder Zeitungen in U‑Bahnwagons miteinander sprechen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blättert jemand eine Seite um, und schon knistert der Zug in einer Weise fort, dass man meinen möchte, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungspapiere von besonderer Substanz vorgestellt, Papiere von Seide zum Beispiel, geschmeidige Wesen, sodass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde, sobald man sie berührte. Eigentümliche Stille verbreitete sich sofort, Leere, ein Sog, eine Wahrnehmung gegen jede Erfahrung. — stop. / Dezemberkoffer 2007

juli 14
romeo : 22.38 — Stunde um Stunde auf Fährschiffen zwischen Staten Island und der südlichen Spitze Manhattans hin und her. Ein schaukelnder Ort. Ein Ort, der im Moment meiner ersten Begegnung schon vertraut gewesen war, als ob ich vor langer Zeit geboren wurde auf einer der brummenden Bänke, ein früher Blick, Schatten riesiger Möwen hinter Scheiben, auf welchen Salzkristalle funkelten, der Klang der Nebelhörner, und wieder oder immer noch seither dieser rote Ball, den die Bewegung des Meeres über das untere Deck der Fähre spielt. Heiß und stickig, der Tag meiner Notiz, auch über der Upper Bay ruhte bewegungslos die Luft, bereit zu sinken. Lungerte mit Reiseschreibmaschine auf den Knien hechelnd, Luvseite, herum und wartete. — stop

ahornboden
coney island
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : CONEY ISLAND
Nie vermag ich auszumalen, wo ihr Zwei gerade seid. Ja, so ist das, nein, nein, ich habe keine Ahnung, keine Vorstellung, liebe Daisy, liebe Violet, könnte die Welt umrunden, zu Fuß oder auf den Rücken der Kamele, zu keiner Zeit würde ich Euch begegnen, nicht eine Sekunde, kein Blick aus dem Fenster eines abfahrenden Zuges, Eure lächelnden Gesichter, Euer Winken, zwei Küsse durch die Luft, nein, nein, niemals, nicht wirklich, keine Ahnung habe ich, keine Vorstellung, und doch seid ihr nah, so nah, dass ich Euch schwebende Orte schenkte in Gedanken, einen schwebenden Tisch, eine schwebende Schreibmaschine, ein schwebendes Sofa, und diesen weiten Blick aufs wilde Meer, auf blühende Gärten, ein Lächeln. Gestern arbeitete ich im Park unterm Regenschirm. Ich hatte meine Schreibmaschine auf eine Hand gestellt, dort wartete sie lange Zeit. Dann schrieb ich ein Wort, aber kein weiteres Wort. Nur Geduld, dachte ich, nur Geduld. Habt Ihr, liebe Violet, liebe Daisy, bemerkt, dass ich Euch Bohumil Hrabals Geschichte der Katze Autitschko öffnete. Ich legte das kleine Buch neben mich auf die Bank, blätterte und wartete, meinte, Euch rufen zu hören: Wir lesen, Louis, schneller, als Du denkst! — Ein großer Augenblick meines kleinen Lebens.
gesendet am
8.06.2010
22.08 MESZ
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