nordpol : 20.18 UTC — Das Bändchen Notizen aus Sarajevo von Juan Goytisolo, das im Jahr 1993 in der Edition Suhrkamp erschien, muss einmal feucht oder nass geworden sein. Es wellt sich noch immer, obwohl es Jahre gepresst unter weiteren Büchern im Regal darauf wartete, wieder gelesen zu werden. Ich erinnere nicht, wo ich das Buch gelesen hatte, vielleicht in einem Park, vermutlich war Regen gefallen. Seit Tagen liegt es auf meinem Küchentisch, ich habe es bisher nur einmal kurz geöffnet, bemerkte folgenden mit Bleistift markierten Absatz: „Gleich nach seiner Ankunft in Sarajevo muss der Fremde in die Gesetze und Regeln eines Verhaltenskodex eingeweiht werden, der Grundvoraussetzung für sein Überleben ist. Er, der an ein freies Leben ohne Hemmnisse gewöhnt ist, muss in seinem neuen Lebensraum, der Mausefalle, die er mit 380000 anderen Menschen teilt, schnell lernen. Er muss die hochgefährlichen Gebiete und diejenigen kennen, in denen er sich ohne allzu große Gefahr bewegen kann, er muss wissen in welchen Stadtteilen Mörsergranaten niedergehen, welches die beliebtesten Straßenecken und Kreuzungen der Heckenschützen sind, wo er gebückt gehen und wo er schnell losrennen muss. Jede Unachtsamkeit oder ein Fehler bei der Auswahl des Weges können tödlich für ihn sein. Jedes Hinausgehen — und jeder muss einmal rausgehen, um Wasser, Holz oder Nahrungsmittel zu holen — ist, wie die Menschen in Sarajevo sagen, russisches Roulette.“ — stop / S.32/33
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Aus der Wörtersammlung: ende
kobane calling
alpha : 20.58 — Vor Jahren, am 14. Oktober 2014, es war später Abend, überlegte ich, ob ich nicht nach einem Telefonbuch der Stadt Kobanê suchen sollte, irgendeine Nummer notieren, sie anzuwählen. Um die Stadt wurde damals erbittert gekämpft, Kurdinnen und Kurden verteidigten Kobanê gegen Kämpfer des Islamischen Staates. Ich bemerkte bald, dass im Internet keine Telefonbücher der Stadt Kobanê zu finden sind, die ich entziffern könnte. Nehmen wir einmal an, ich würde nun heute an diesem Abend, es regnet, No 45 ist noch immer im Amt, zufällig ein Telefonbuch der Stadt Kobanê entdecken, und ich würde nun eine Nummer wählen, wer würde sich melden? — stop

22 Uhr 12
lima : 22.12 — Seit gestern Abend spät ist mir das unheimliche Wort „Gefechtstote“ bekannt. Wie viele unheimliche Wörter werden in dieser Minute oder während der kommenden Woche erfunden und solange in Echokammern wiederholt sein, bis wir gezwungen sein werden, sie in unsere Wörterbücher aufzunehmen? — stop
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peter handke : über die mütter von srebrenica
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himalaya : 21.18 — Als ich jung gewesen war, habe ich immer wieder einmal gern in Peter Handkes Journal „Das Gewicht der Welt“ gelesen. Am Nachmittag, heute, suchte ich in meinen Regalen, ich glaube, ich muss das Buch verlegt haben oder verstellt, ich werde später noch einmal nach ihm sehen. Auch habe ich heute in der digitalen Sphäre Hinweise entdeckt auf ein Interview, das Peter Handke mit Alexander Dorin im Jahr 2011 geführt haben soll. Dieser wesentliche Hinweis auf ein furchtbares Gespräch ist in einer präzisen Analyse (Die Spur des Irrläufers) der Schriftstellerin Alida Bremer zu finden. Ich frage mich, ist es nicht vielleicht so, dass das Gespräch eines Autors als sehr viel authentischer anzusehen ist, wahrhaftiger, als Texte, die in den Büchern desselben Autors zu finden sind, vielfach gewendet und überprüft? Hat Peter Handke tatsächlich so gesprochen? Ich las: Überhaupt, diese sogenannten »Mütter von Srebrenica«: Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab. Wäre ich Mutter, ich trauerte alleine. Es gab die Mütter von Buenos Aires, sehr richtig, die hatten sich zusammengeschlossen und die Militärdiktatoren gefragt, was mit ihren Kindern geschehen ist. Aber diese billige Nachahmung ist scheußlich. Es gibt die Mütter von Buenos Aires, und das genügt. — stop
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sarajevo
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charlie : 17.15 UTC — Ich erinnere mich an einen jungen Mann, mit dem ich einmal vor sechs Jahren eine seltsame Geschichte erlebte. Wenn sie mir damals jemand anderes als ich selbst erzählt haben würde, hätte ich sie vielleicht nicht geglaubt. Die Geschichte beginnt damit, dass ich in einem Café sitze und auf einen jungen Mann warte, der mir etwas erzählen will. Ich bin frühzeitig gekommen, bestelle einen Cappuccino und schalte mein kleines Handkino an, beobachte eine Dokumentation der Arbeit Maceo Parkers in New York, mitreißende Musik, gerade eben umarmt die Sängerin Kym Mazelle den Posaunisten Fred Wesley, als der junge Mann, den ich erwartete, plötzlich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den kleinen Bildschirm. Sofort kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn, welche Musik er gehört habe, als Kind in der belagerten Stadt Sarajevo. Jedenfalls nicht solche Musik, antwortet er, und lacht, no Funk, wir hatten keinen Strom. Avi ist heute Anfang dreißig, und dass er noch lebt, ist ein Wunder. Tatsächlich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sarajevo erzählt. Einmal fragte ich ihn, was er empfunden habe, als er von Radovan Karadžićs Verhaftung hörte. Anstatt zu antworten, perlte in Sekundenschnelle Schweiß von Avis Stirn. Heute beginnt er schon zu schwitzen, ehe er überhaupt zu erzählen beginnt, weil er weiß, dass er gleich wieder berichten wird von den Straßen seiner Heimatstadt, die nicht mehr passierbar waren, weil Scharfschützen sie ins Visier genommen hatten. Man schleuderte Papiere, Zigaretten, Brote, Wasserflaschen in Körben von einer Seite der Straße zu anderen. Diese Körbe wurden nicht beschossen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein kleiner Junge. Er war so klein, dass er nicht verstehen konnte, was mit ihm und um ihn herum geschah, auch dass ein Holzsplitter sein linkes Auge so schwer verletzte, dass er jetzt ein Glasauge tragen muss, das so gut gestaltet ist, dass man schon genau hinsehen muss, um sein künstliches Wesen zu erkennen. Er sagt, er könnte, wenn ich möchte, das Auge für mich herausnehmen. Aber das will ich nicht. Ich erzähle ihm, dass ich damals, als er klein gewesen war, jeden Abend Bilder aus Sarajevo im Fernsehen beobachtet habe. Was das für Bilder gewesen seien, will Avi wissen. Ich sage: Das waren Bilder, die rennende Menschen zeigten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fernsehen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer schnell und überall passierte. Und diese Geräusche. Plötzlich nimmt der junge Mann mein kleines Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopfhörer in seine Ohren ein, hört Maceo Parker, Kim Macelle, Fred Wesley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhythmus der Musik mit dem Kopf. Ein Wispern. — stop
nahe aleppo
echo : 21.11 UTC — Der Wagen schaukelte vor sich hin wie ein Schiff im Sturm auf hoher See. Das war gewesen, als Mutter versuchte, im Laufschritt eine Straße zu überqueren. Auch der Himmel schaukelte und das hölzerne Spiel, das vor meinen Augen angebracht worden war, damit ich das Greifen und Fangen übte. Kaum hatten wir die Straße überquert, sortierte ich mein Bett im Wagen, meine Rassel, meinen Teddybären, meine Handschuhe und Decke. Ein Winterbild. Auch immer wieder Gesichter, die näher kamen, um in mein schaukelndes Zimmer zu spähen. Und Hände, die mich neckten, fremde Finger. Manchmal schlief ich ein, weil ich mich gut und sicher fühlte. Ich war vielleicht zwei Jahre alt. Eine Fotografie existiert vom Kinderwagen und mir, eine Hand, ich erinnere mich, ist zu sehen, die aus dem Verdeck greift, das sich über meinem Köpfchen wölbte, als wollte sie etwas fangen in der Luft oder die Luft selbst. — Vor wenigen Minuten noch habe ich bewegte Bilder von Kindern gesehen, die nahe Aleppo blutend in einem Krankenhaus auf einer Bahre ruhten. Die Kinder weinten nicht. Ihre Arme und Hände ohne Bewegung, aber ihre Augen. Sie waren nah auf dem Bildschirm meiner Fernsehmaschine. Ich hörte klagende Stimmen aus dem Off, von dort, wohin mein Bildschirm nicht reichte. – stop
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lupenvögel
tango : 20.58 — Es ist Sonntag, Oktober, und warm inmitten der Stadt. Louis darf seine Fenster öffnen, Vögel werden keine ins Zimmer kommen, weil Vögel nicht zu hören sind, auch nicht am Morgen, weil Vögel keine da draußen in den Bäumen wohnen, außer einem Rotkehlchen, zwei Tauben und einer Elster, die sind verbürgt, die sind Louis unlängst vor die eigenen Augen gekommen. So ist also Sonntag fast ohne Vögel, die Fenster sind geöffnet, mal schaut Louis zum Fenster hinaus, mal steht er vor seiner schneeweißen Tafel, die in der Nähe des Fensters an einer Wand befestigt ist. Magnete, kleine silbern blitzende Zylinder halten Papiere fest. Auf den Papieren sind Schatten zu erkennen, Wolken von winzigen Zeichen. Je näher man der Tafel kommt, desto deutlicher sind Zeichenblöcke zu erkennen, eine Ordnung in Wolken von Zeichenvögeln, jeder der Vögel eine Geschichte, hunderte Textvögel, die nicht zu entziffern sind mit bloßem Auge. Sobald Louis in seinen Werken liest, nähert er sich seiner Vogelsammlung mittels eines Mikroskops, welches sich an einem filigranen Arm befestigt, millimeterweise über den schneeweißen Metallhimmel hin und her fahren lässt. So steht er und liest und sucht in seinen Gedanken, Erfindungen, Erzählungen. Alles ist dort sichtbar oder unsichtbar zunächst für menschliche Augen oder menschliche Erinnerung, alles liegt vor, Erkenntnisse, Ergebnisse, Irrtümer, das Glück und Unglück der Worte, der Sätze, alles. — stop

ai : ÄGYPTEN


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Amnesty International / MENSCH IN GEFAHR: „Am 22. September 2019 gegen 19 Uhr nahmen Angehörige der Sicherheitsbehörden in Zivil die bekannte Menschenrechtsanwältin Mahienour el-Masry fest, als sie das Gebäude der Staatsanwaltschaft der Staatssicherheit in Alexandria verließ. Sie brachten sie in einem Kleintransporter an einen unbekannten Ort. Kurz zuvor, am 20. und 21. September, waren in mehreren ägyptischen Städten regierungskritische Proteste ausgebrochen. Die Anwältin wollte sich bei der Staatsanwaltschaft der Staatssicherheit über den Stand der Ermittlungen gegen die bei den Protesten Festgenommenen erkundigen, die den Rücktritt von Präsident Abdel Fattah al-Sisi gefordert hatten. Am 23. September befragte ein Staatsanwalt Mahienour el-Masry und entschied, sie während der Ermittlungen im Fall 488 von 2019 für 15 Tage im Frauengefängnis Al Qanater zu inhaftieren. Bei diesem Fall geht es um die regierungskritischen Demonstrationen vom März 2019. Ihr wird „Zusammenarbeit mit einer Terrorvereinigung zur Erlangung ihrer Ziele“, die „Verbreitung falscher Nachrichten“ und „Nutzung der Sozialen Medien zur Veröffentlichung von Falschmeldungen“ vorgeworfen. / Mahienour el-Masrys Inhaftierung ist Teil des bislang härtesten Vorgehens gegen Andersdenkende in der Amtszeit von Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Bei den Protesten am 20. und 21. September 2019, auf denen der Rücktritt des Präsidenten gefordert wurde, wurden mehr als 2.300 Menschen festgenommen./ Amnesty International ist der Ansicht, dass Mahienour el-Masry eine Menschenrechtsverteidigerin und gewaltlose politische Gefangene ist, die sich nur deshalb in Haft befindet, weil sie friedlich ihrer Arbeit nachgegangen ist, die darin besteht, Betroffene von Menschenrechtsverletzungen zu verteidigen.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 21.11.2019 unter > ai : urgent action
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washington
bauci
tango : 10.28 UTC — Regen gestern, ein Regen, der sprühte, beinahe Nebel. Ich spazierte im Park. Kaum ein Mensch war unterwegs im Park, von dem ich nicht erzählen darf, wo er sich präzise befindet, damit niemand sagen kann, wo präzise ich selbst mich befinde. Ich hatte mir einen Regenschirm gekauft für Regenzeit, einen, den ich auch als Schneeschirm verwenden könnte, einen robusten Schirm, etwas größer im Umfang, als gewöhnliche Schirme, einen Schirm, der bewirkt, dass es schneien wird, sobald man ihn zur rechten Zeit hervorholen wird. Ich spazierte also und las in Italo Calvinos Sammlung der unsichtbaren Städte. Bald stellte ich mir vor, wie ich in diesem Moment des Lesens nach sieben Tagen Fußmarsches durch ausgedehnte Wälder eine Stadt erreiche, die ich nicht sehen kann, Bauci, aber ihre dünnen Stelzen, die sich in großen Abständen von der Erde erheben und über den Wolken verlieren, (sie) tragen die Stadt. Man gelangt mit Leitern hinauf. / Auf der Erde erscheinen die Einwohner selten. Sie haben schon alles Notwendige oben, und kommen lieber nicht herunter. Nichts von der Stadt berührt den Boden, ausgenommen diese langen Flamingobeine, auf denen sie ruht, und an hellen Tagen ein durchbrochener, eckiger Schatten, der sich auf dem Blätterwerk abzeichnet. / Drei Hypothesen stellt man über die Einwohner von Bauci auf, dass sie Erde hassen, dass sie einen solchen Respekt vor ihr haben, jede Berührung zu meiden, dass sie sie lieben, wie sie vor Ihnen gewesen, und nicht müde werden, sie mit abwärts gerichteten Ferngläsern und Teleskopen Blatt für Blatt, Stein um Stein, Ameise um Ameise zu mustern, und fasziniert ihre eigene Abwesenheit zu betrachten. — stop / aus: Italo Calvino Die unsichtbaren Städte, Frankfurt 20134
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