echo : 7.05 – Abend war geworden. Wärme stieg vom Holz des Tisches auf, die Luft bewegte wie die Seiten des Buches, in dem ich las, als sich ein unbekanntes Wesen auf langen Beinen von Westen her kommend näherte. Eine tatsächlich höchst merkwürdige Erscheinung war das gewesen. Irgendjemand hatte den Kopf eines filigranen Tropenvogels, den Körper eines Insekts und das Bewegungsvermögen einer Raubkatze lose verschraubt und freigelassen. Geräuschlos, auf Giraffenbeinen, stolzierte das Montierte nun über mein Buch hinweg, langsam, furchtlos, sodass ich alles genau betrachten konnte. Indessen schien sich das Wesen nicht im mindesten für mich, seinen Beobachter, zu interessieren, sondern war allein um das Buch bemüht, vielleicht deshalb, weil das Buch angenehm duftete. Nach einigen Minuten der Papieruntersuchung legte sich das Tier mittels einer grazilen Sinkbewegung seitwärts auf den Tisch und lag genau dort immer noch, als ich am folgenden Morgen zurückkehrte, um weiterzulesen. Ich blieb dann einige Zeit wie gebannt unter freiem Himmel sitzen und beobachtete das frisch entdeckte Lebewesen, wie es fraß, wie es ruhte, wie es badete, atmete, nach Fliegen jagte. Und weil ich nichts vergessen wollte, notierte ich, was ich sah und was ich denken konnte, ich schrieb unter anderem folgende Notiz: Flügelloses Mischwesen. stop Hautfarbe blau. stop Fleischfresser. stop 15 Gramm. stop Sprachlos. stop Ich arbeitete fieberhaft. Drei Tage, drei Nächte. Einmal legte ich meinen Kopf auf den Tisch, schlief ein und träumte, wie sich der Körper des Tieres öffnete. Flügel entfalteten sich, das Tier schwebte, schnurrendes Geräusch, über meinem Gesicht auf und ab. stop. Schnee bis ins Tal. — stop
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Aus der Wörtersammlung: farbe
obersalzberg : kentauren
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sierra : 12.10 — Man sollte meinen, ein Buch sei ausschließlich zum Lesen geeignet, eine Substanz hellen Papiers, Zeichen in gefalteter Linie, die mit den Augen studierend entlangzuarbeiten ist, Farben, Gerüche, Klänge, Drama. Seit einigen Stunden nun weiß ich, Bücher helfen gleichwohl in mechanischer Weise anatomisch wieder beweglich zu werden. Toni Morrisons Roman Jazz, zum Beispiel, 402 Gramm Gewicht für Minuten in meiner Hand am Ende eines Unterarmes, den ich zu strecken wünsche, widerspenstig ist er noch, bewegt sich nicht von eigener Kraft in jede der von mir gewünschten Richtungen. Wie er jetzt von der Schwerkraft der Dichtung nach unten gezogen wird, behutsam, in der Art und Weise langsam fallender Äpfel, sagen wir, eine Bewegung, mit den Augen nicht wahrnehmbar. – Kurz vor 12 Uhr. Mittag. Jenseits des Tales, das ich vom Hospital aus überschauen kann, spaziert gleißendes Sonnenlicht über den Obersalzberg hin, unheimliche Gegend. Ich meinte für Sekunden ein Rudel Kentauren gesehen zu haben, die den Saum eines Buchenwaldes entlang galoppierten. stop. Großartige erste Sätze im Kopf. stop. Toni Morrison. stop. STH, I know that woman. She used to live with an flock of birds on Lenox Avenue. Know her husband, too. He fell for an eighteen-year-old girl with one of those deepdown, spooky loves that made him so sad and happy he shot her just to keep the feeling going. When the woman, her name is violet, went to the funeral to the the girl and to cut her dead face they threw her to the floor and out of the church. She ran, then, through all that snow, and when she got back to her apartment she took the birds from their cages and set them out the windows to freeze or fly, including the parrot that said, „I love you.“

vorwinterzeit : beobachtung in der warenwelt
india: 12.05 — Ein wesentliches Merkmal, das in der Warenwelt eine verkaufende Person von einer einkaufenden Person unterscheidet, scheint die Art und Weise zu sein, mit Stoffen, zum Beispiel, mit Winterpullovern umzugehen. Die einen, jene, die hinzugetreten sind, weil sie sich, in Ahnung des Winters, einen Pullover wünschten, entfalten und verrücken, was andere, jene, die schon da gewesen sind, weil sie hier arbeiten, geordnet, das heißt, gefaltet haben und getürmt. Weil zwischen diesen sich offensichtlich entgegenwirkenden Personengruppen ein Gefälle besteht, [die einen sind zahlreich, die anderen nicht], handelt es sich sowohl bei der Faltung, als auch bei der Sortierung der Ware nach Größe, um einen sehr ernst zu nehmenden und zeitaufwendigen Vorgang. Aus diesem Grund insbesondere scheint der Zustand der faltend sortierenden Personen ein stationärer Zustand zu sein, während jene anderen entfaltenden Personen, Unordnung sozusagen im Vorüberkommen produzieren. Dieser gerade eben erwähnte Produktionsvorgang ist nun genau genommen ein Akt der Zerstörung oder aber beschleunigter Entropie. Zerstört wird, was vorausgesetzt, was erwartet ist, Übersichtlichkeit, sagen wir, Berechenbarkeit und Konzentration. Alle roten Pullover, Kaschmirwolle, liegen südlich synthetischer Modelle von blauer Farbe auf dem Auslagetisch. Weil die einen im Vorübergehen zerstören, was die anderen mit Liebe oder pflichtgemäß errichtet haben, sind letztere weder glücklich noch zufrieden, üblicherweise vielmehr von einer vorausahnenden Morgenwut oder von einem gut verständlichen Abendzorn besetzt. — stop
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cast
marimba : 10.58 — Die Panzerung des rechten Armes mittels Castverbandes. Der Eindruck zunächst, gebändigt worden zu sein, gefangen im 90° Winkel. Kurz darauf, nach zwei oder drei postoperativen Tagen, das Gefühl, gleichwohl geschützt zu sein, das verwundete Gebiet unter Haut, die lavendelfarben schillert, geborgen in einer Wiege von Glasfasergewebe. Indem ich mich über Flure und Treppen bewege, stoße ich immer wieder an Wände, weil ich meinen künstlich erweiterten Umfang noch nicht in mein Gehirn dauerhaft eingetragen habe. Je ein Geräusch, scheinbar von innen her, als würde ich an Muschelgehäuse klopfen. – stop
helena
MELDUNG. An diesem kühlen Donnerstag, es war 7 Uhr und 5 Minuten in der Früh, wurde Käferdame Helena [ 12 Gramm ] von Käfer Julian [ 17 Gramm ] erstmals mittels rhythmischer Lumineszenzen von blauer Farbe begrüßt. Sie selbst morst in grünlicher Beleuchtung. ~ MPI für Biotechnologie, Ungererstr 12, 6. Stock : Labor IIc‑8 : Level 4. — stop

coleoptera rasura
tango : 10.12 — Eine zierliche Frau von hohem Alter. Sie schob einen Rollwagen vor sich her, auf dem zwei Koffer ruhten. Elegante Kleidung, sandfarben, leichte Sommerschuhe, links in der Hand eine Tasche von gelbem Leder, der ein Kabel entkam, das ein paar Kopfhörer und ein Mikrofon mit einem Telefon verband. Das Telefon war nicht sichtbar gewesen, aber die Frau sprach in das Mikrofon, das sich in der Nähe ihres Mundes befand, als würde sie telefonieren. Hin und wieder blieb sie stehen, ihre weißen Hände flattern dann in der Luft herum, als wollte sie zur Unterstützung ihrer Zunge mit Fingern artikulieren. Ich versuchte, sie anzusprechen, zu grüßen, ihr nahezukommen, um hören zu können, in welcher Sprache sie korrespondierte. Ich sage Euch, sie flüsterte unbekannte Wörter. Einmal öffnete sie einen ihrer Koffer. Sie gab mir ein Zeichen, ich kniete nieder. In dem Koffer hockten Käfer in Fächern, zwei Käfer je in einem Fach. Ihre Körper waren von der Farbe und Zeichnung der Bruyèrehölzer gewesen, und sie brummten, vielleicht deshalb, weil an der Stelle, da sich üblicherweise Käferzangen befinden, knöcherne Trommeln in rasender Geschwindigkeit rotierten. Gegen Viertel nach zwei Uhr erwacht. Wolkenloser Himmel, Sterne, eiskalte Luft nahe der Berge über dem Dach. — stop
radiusköpfchen
echo : 10.18 — Nehmen wir einmal an, ich wäre nachts über eine dämmernde Katze gestolpert, wäre eine Treppe hinuntergestürzt, unsanft gelandet, ich hätte mir vielleicht den Arm gebrochen, und zwar den rechten in seiner Beuge, das Ellenbogengelenk, Radiusköpfchen zertrümmert, Bänder gerissen, Muskeln, im geschwollenen Gewebe suchende Strukturen. Bald Überlandfahrt ins Hospital, Minutenschlaf im grellen Licht einer chirurgischen Ambulanz, vier Stunden Zeit in Abwesenheit, das Untersuchen, Beugen, Drehen, Zerren, Sägen, Bohren, Feilen, Diskutieren, Nähen, ich hörte, ich spürte nichts. Wie ich, es ist Mittag geworden, mit meinem Namen von Ferne her gerufen werde, Geisterstimmen, Geisterhände. Das strenge Korsett von dunkelblauer Farbe, in dem der kranke Arm geborgen liegt in einer grüßenden Haltung. Sandaugenmüdigkeit der Morphine. Die Bewegung der Finger, die mich glücklich macht, einer nach dem anderen Finger spürbar, aber meine Nase, mein Mund unerreichbar plötzlich wie die Oberfläche des Mondes. — stop

PRÄPARIERSAAL : periskop
echo : 8.15 — Zur Winterzeit mit einer jungen Frau, einer Malerin, in einem botanischen Garten spaziert. Sie erzählte von ersten Beobachtungen im Präpariersaal. Ihre leise Stimme, tief, die helle Wölkchen in der eiskalten Luft erzeugte. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Sehrohr zu kommen schien. Auf dem Dach eines Glasschauhauses balancierte ein Mann mit einer Schaufel. Schwäne klapperten Schnäbel durch kniehohen Schnee. Entdeckte eine Notiz, die sie mir wenige Wochen später übermittelt hatte, weil ihr Kopf nach unserem Spaziergang weiterhin anatomische Sätze erzeugte. Ein Ausschnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Chaos. Merkwürdigste, fremdartige Formen auf Tischen, die von Studierenden bewegt wurden. Es war abstoßend und ängstigend. Ich dachte daran, dass dies einmal Menschen gewesen waren. Dann aber wurden in meinen Gedanken aus jenen gewesenen Menschen Körper, und es wurde möglich, das, was ich sah, mit Begriffen zu versehen. Ganz mechanisch sagte ich Bezeichnungen für Körperteile, die ich identifizieren konnte, vor mich hin. Ich glaube, dass sich in diesem Moment meine Emotionalität von meinem Intellekt trennte und sich irgendwo – sicher vor weiteren Eindrücken – versteckte. Und ich war erleichtert, zu sehen, dass das Geheimnis des Todes ein Geheimnis geblieben war. Ich beobachtete mit Verstand. Trotzdem sah ich tief aus mir selbst heraus. Ich wanderte zwischen Leichen umher, die von weißen Kitteln umringt waren, wie in einer Blase, die mich schützte, und doch war ich sehr zerbrechlich. In der Mitte der Körper, dort wo normalerweise der Bauch ist, war jeweils ein Loch zu sehen. Neugierig geworden, musste ich näher an die toten Körper herantreten. Ich sah das viele Fleisch, gelbe fettige Farbe unter farbloser Haut. Ich war überhaupt überrascht von der Farblosigkeit der Körper und stellte fest, wie wenig Menschliches, wie wenig Persönliches noch an ihnen zu erkennen gewesen war. Obwohl ich diesen Ort besuchte, um zu zeichnen, hatte ich bei meinen ersten Besuchen weder Papier noch Bleistift dabei. Ich wollte zunächst nur sehen. — stop

staten island ferry : prozession
nordpol : 5.55 – Eine Geschichte ist zu erzählen an diesem Morgen kühler Luft kurz vor September. Diese Geschichte ereignete sich bereits vorgestern, nachts, bei mir zu Hause, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was ich unter vielen Dingen, die zu tun gewesen waren, zunächst erledigen sollte, also machte ich alles zur gleichen Zeit. Ich hatte eine Entenbrust zu Morcheln und Pflaumen gelegt. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, ein weiteres anatomisches Tonband abzuhören, eine jugendliche Stimme berichtete vom Dach des Kühlschrankes aus leise vor sich, während ich kochend Fernsehbilder eines Hurrikans beobachtete, der sich auf die Stadt New York zubewegte. > Wenn ich von meinen Wochen im Präpariersaal spreche, dann spreche ich gerne von meiner Traumzeit. stop > Zu diesem Zeitpunkt, das ist festzuhalten, war ich nicht ganz bei der Sache gewesen, nicht wirklich in der Nähe der Gedanken, die ein junger Mann für mich ausgesprochen hatte, andererseits auch nicht ausreichend konzentriert auf das Geschehen jenseits des Atlantischen Ozeans. Einmal stellte ich den Ton des Fernsehgerätes lauter, wendete die Brust des Vogels in der Pfanne und hörte genau in diesem Moment, der Schiffsverkehr um Manhattan herum sei eingestellt, das war kurz nach Mitternacht europäischer Zeit gewesen. Ich meinte außerdem gehört zu haben, man sei gerade damit beschäftigt, die Fähren der Staten Island Verbindung den Hudson River hinauf, in eine sichere Umgebung zu transferieren. Ein feines Bild, das sich vor meinen Augen sofort entwickelte. Acht orangefarbene Schiffe in einer Reihe hintereinander auf dem großen Fluss, Schiffe, die sich gewöhnlicherweise pendelnd aneinander vorbeibewegen. Ich stürmte aus der Küche, in der Hoffnung auf dem Fernsehschirm ein Bild zu sehen, das dem gerade eben noch in meinem Kopf entworfenen Bild ähnlich gewesen sein könnte. Anstatt einer Fährgeschichte, war nun jedoch vom Regen die Rede, von den Winden des Hurrikans, die über den feuchten Strand nahe der Stadt Ocean Pines fegten. Ein Reporter, der tropfte, verharrte tapfer, Füße im Wasser, vor einer Fernsehkamera, die in größerer Entfernung, demzufolge sicher, montiert gewesen war. Er hielt ein Mikrofon in der Hand, das merkwürdig fauchende Geräusche erzeugte. Möwen, spitze gelbe Schnäbel in den Sturm gerichtet, verharrten in seiner Nähe, sie machten einen zufriedenen Eindruck, authentische Tiere, während ich, weiterhin die Prozession der Fährschiffe im Kopf, zurück in die Küche spazierte. Ein seltsames Gefühl von Nichtwirklichkeit in der Nähe meiner Feuerstelle, ein großes Durcheinander, das ich zu sortieren versuchte, in dem ich bis in den frühen Morgen des Sonntags hinein, auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen vergeblich Beweise dafür zu finden suchte, dass Fährschiffe der Staten Island Verbindung sich tatsächlich an diesem späten Samstagabend, als ich mich nicht entscheiden konnte, auf dem Hudson River stromaufwärts bewegten. — stop. — Ende der Geschichte. — stop
PRÄPARIERSAAL : nachtarbeit
tango : 23.15 — Im Regen mit Tonbandgerät unter dem Schirm am See. Samstag. Augustkastanien fallen aus den Bäumen. Auf den Häuptern der Rotwangenschildkröten, die sich zu meinen Füßen arglos versammeln, als lauschten sie wie ich Magnetkopfstimmen, feuchte Häubchen von Ahornsamen. Kaum ein Mensch unterwegs. Ich dachte für einen Moment, weiß nicht wie das gekommen ist, dass ich an diesem Ort ohne Zeugen sofort den Versuch unternehmen könnte, eine der Schildkröten an ihrem Hals zu packen, sie aus dem Wasser zu heben, um sie zu Hause in der Küche mit einem Meißel zu öffnen. Auf Porzellan gebettet kurz darauf ein Reptilienhäufchen, rosafarben, feinste Streifen Schildkrötenbauches, dessen eigentliche Gestalt ich mir hinter Panzerhäuten liegend zurzeit nicht vorstellen kann. — 22 Uhr 58. Janine erzählt: > Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich nachts aufwachte und den haarlosen Kopf meines Freundes vor mir gesehen habe. Ich erschrak fürchterlich. Ich saß ein paar Minuten senkrecht im Bett, dann bin ich aufgestanden. Wir haben eine sehr schöne Küche. Ich habe von Zeit zu Zeit in der Küche kampiert. Ich habe dort gelernt und manchmal bin ich mit dem Kopf auf dem Anatomieatlas eingeschlafen. Merkwürdig, über wie viel Kraft ich doch verfüge. Ich war beim Tanzen, zweimal wandern in den Bergen, ich habe gepaukt und ich habe mit dem Skalpell gearbeitet. Ich habe vormittags und mittags und Abend für Abend in der Bibliothek gelesen. Und wenn ich nachts in der Küche eingeschlafen bin, dann waren da plötzlich sehr scharfe Bilder in meinem Kopf. Aufblitzende Fotografien, die überfallartig Angst erzeugten. Der geöffnete Mund eines Toten. Sandige Zungen. Ein hoch aufragender, dunkelroter Penis. Das zerteilte und gehäutete Gesicht einer alten Frau. Das war nicht geträumt, ich habe diese Bilder bei vollem Bewusstsein vor mir gesehen. Jetzt kommen sie mich seltener besuchen. — stop






