echo : 0.15 — Von einem Unglück habe ich erfahren. Ein alter Mann ist gestürzt. Es war später Abend. Der alte Mann wollte seine Frau in den Arm nehmen, um sich zu bedanken, weil sie beide einen glücklichen Tag gemeinsam verbrachten. Sie waren spazieren im Englischen Garten und kurz darauf in einem Kino gewesen, und essen und dann, nach vielen Stunden wieder zu Hause, umarmte der alte Mann seine geliebte Frau, um kurz darauf das Gleichgewicht zu verlieren. Jetzt liegt er, so hörte ich, in einem Hospital in einem Bett. Es ist die Nacht nach dem Tag nach dem Abend des Unglücks. Und dass sie froh seien, dass sie so gut versorgt würden, dass sie nicht erleben müssten, was verletzten Menschen in der Stadt Homs widerfährt. Und doch ist ein großes Unglück geschehen, Sorge und Angst sind zurück. Ich hörte eine leise, sehr traurige Stimme: Wir werden uns in Zukunft im Sitzen umarmen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: tür
lenox hill : vertikal
zoulou : 20.25 — Es ist jedes Mal ein aufregender Moment, wenn sich die Kabine des Aufzuges vom 22. Stockwerk aus nach unten zu bewegen beginnt. Ich werde etwas größer für ein oder zwei Sekunden, ich kann das im Spiegel, der die Rückwand meines Reisebehälters vollständig bedeckt, genau erkennen, ich werde etwas größer, oder ich verliere den Boden unter den Füßen, es ist ein wirklicher Moment des Fallens, ein Raum der Zeit, der bereits vorüber ist, ehe man ihn mit Wortbedeutung ausgesprochen haben mag: Sekunde. Aber dann stehe ich schon wieder fest auf dem Boden, bin so groß wie zuvor, ein Irrtum natürlich, nicht die Größe, aber dass ich sicheren Boden unter meinen Schuhen haben würde, weil ich doch abwärts rase, was ich am wandernden Licht der Zahlenreihe, die sich neben der Kabinentüre befindet, erkenne. Außerdem knistern meine Ohren und ich habe den Eindruck, dass auch mit meinen Augen etwas anders geworden sein könnte, ein Drama vielleicht, das sich hier gerade zu entfalten beginnt. Vor vier Wochen noch hatte ich einmal im Aufzug einen Spaziergang unternommen, rasch, wie ein Tier in seinem Käfig hin und her, ich wollte mich sehen, wie ich im Fallen zu gehen vermag, ein lustiger Anblick, nehme ich an, weil ich kurz darauf den Eindruck hatte, der kleine Wächter im Foyer habe ein ironisches Lächeln im Gesicht getragen, vielleicht weil er mich beobachtet hatte mittels einer Kamera, die sich in einer der oberen Winkel der Kabine befindet. Seltsam ist, man wird scheinbar nicht kleiner, wenn man das Erdgeschoss erreicht, obwohl man doch schnell langsamer wird, gestaucht, meine ich, gepresst und diese Dinge. Ich habe weiterhin beobachtet, dass ich, indem ich den Aufzug verlasse, je eine leichte Linkskurve nehme, die so nicht geplant ist. Meine Schneckengänge, meine Labyrinthe im Kopf, daran könnte es liegen. — stop

broadway : verschwinden
nordpol : 20.18 — Manchmal, während ich spaziere, sehe ich etwas, und dann sehe ich wieder nichts für längere Zeit. Wenn ich etwas wirklich sehe, also erkenne, kann ich es formulieren. Ich sehe demzufolge mit Wörtern. Wenn ich ohne Wörter sehe, habe ich das Gefühl, dass ich sehe und vergesse in ein und demselben Moment. Ich vergesse Ampeln, Taxis, Türsteher, Zebrastreifen, die Gesichter wartender Menschen, Auslagen teurer oder billiger Läden, Nepp, Perücken, die Nahrung in den Händen der Gehenden, Wörter aus dem Gewirr der Stimmen, Gespräche, den Himmel über mir, Bäume, das Licht in den Pfützen, fünf Blocks den Broadway nordwärts, und schon habe ich meine Füße und kurz darauf mich insgesamt vergessen. – stop

grand central terminal : ein kleine lokomotive
ulysses : 0.22 — Wann war es, dass ich zum ersten Mal entdeckte, dass das Fahren in der Subway eine hervorragende Handlung darstellt, meinen verletzten Arm zu trainieren? Eine halbe Stunde in dieser Sache mit der Linie A südwärts nach Brooklyn unterwegs, dann wieder nordwärts unter der Lexington Avenue rauf nach Harlem. Keiner der mit mir reisenden Menschen wird bemerken, was ich da tue. Ich stehe in der Nähe einer Tür und halte mich einarmig an einer Haltestange fest. So fliege ich durch Tunnels, werde gebremst, beschleunigt, rase durch Kurven der Finsternis, die es in sich haben, segle über Brücken, schaukle unter dem East River von einer Insel zur anderen Insel. Längst würde ich, wenn ich nicht mit meiner balancierenden Extremität dem Zug verbunden wäre, umgefallen sein, würde durch die Zugabteile taumeln auf der Suche nach Gleichgewicht, würde über Bürgern der Stadt zu liegen kommen, kein schöner Anblick, nein ganz sicher nicht. Ein Hin und her unter der Haut, als würden meine Muskeln, Knochen, Sehnen, selbst bereits zum Zug gehören, wohltuende, auch schmerzhafte Bewegungen, Befreiung. stop. Im Regen durch Chinatown. Wieder das Geräusch der Spazierstöcke alter Männer, die sich in ihren Revieren bewegen, ich höre sie, weil ich sie sehe, Einzelgänger, klein, gebückt. In einem Laden unter dem Grand Central Terminal, es ist Abend geworden, eine Miniatur des Bahnhofes selbst, in dem eine Lokomotive ihre Kreise zieht. Dort wiederum eine weitere Miniatur des Bahnhofes, in der eine Lokomotive kreist, so klein, dass man sie einatmen könnte. — stop

manhattan : zuccotti park
marimba : 17.55 — Die folgende Geschichte, oder Teile dieser Geschichte, haben sich in meinem Leben nicht gerade so ereignet, wie ich sie erzählen werde. Ich habe sie mir ausgedacht, das heißt, die Geschichte, die von einer Pizzeria berichtet, ist mir eingefallen, als ich tatsächlich genau diese erzählte Pizzeria besuchte in der Greenwich Street nahe dem Zuccotti Park. Ich war einige Stunden in der Fähre zwischen Manhattan und Staten Island gependelt, hatte Geräusche aufgenommen, fotografiert und über Gerüche notiert. Saß nun auf einem Hocker am Fenster des kleinen italienischen Ladens in der Wärme, aß und trank und schaute auf den Zaun, hinter dem sich unmittelbar das Gelände des World Trade Centers befindet. Ich versuchte mir vorzustellen, wie dieser Ort den Einsturz der riesigen Gebäude überstehen konnte, was in diesen Räumen geschehen war in den Minuten der Katastrophe. Fenster könnten geborsten, Tisch und Stühle vom Luftdruck der Staubwolke durch den Raum geschleudert worden sein. Vielleicht hatten sich Menschen bis hierher geflüchtet, vielleicht waren sie verletzt, vielleicht waren sie an dieser Stelle gestorben, erstickt, erschlagen oder verbrannt. Der kleine Laden jedenfalls hatte sich gut erholt. Keinerlei Spur von der Hölle, die sich in nächster Nähe entfaltet hatte. Auch der Mann hinter dem Tresen wirkte kräftig und gesund, obwohl der Lärm der gewaltigen Baustelle hinter dem Zaun an seinen Nerven gezerrt haben musste. Ich überlegte, ob er Augenzeuge gewesen sein könnte, beobachtete ihn eine Weile, und als er sich einmal näherte, fragte ich ihn. Der Mann musterte mich mit einem schnellen Blick, ohne zu antworten. Bald stand er wieder hinter seinem Tresen, so als wäre nichts geschehen, keine Gegenfrage, kein Versuch, in der Zeit zurückzukommen. Ich konnte in diesem Moment nicht einmal sagen, ob ich tatsächlich gefragt oder mir die Frage nur vorgenommen hatte, auch ob der Mann so lange geschwiegen hatte, bis ich mich der Türe näherte, um auf die Straße zu treten, konnte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Seine Stimme in diesem Moment: It was horrible! Dann wieder das Rattern der Motorschrauber. Im Park, im berühmten Zuccotti Park, eine Handvoll Menschen von Polizisten umringt. Keine Zelte, keine Möwen, aber Tauben, Tauben, Tauben. — stop
upper east side : mail
india : 2.08 — Im 22. Stock des Hauses in Manhattan, in dem ich wohne, befindet sich vor Aufzügen ein Briefkasten der United States Postal Services, ein Schlitz, der in die Wand eingelassen wurde, ein gusseiserner Mund, genauer, mit einem schweren Häubchen von roter Farbe. Ich war im Postoffice an der Penn Station gewesen, um eine Briefmarke zu besorgen und einen Briefumschlag, eine Postkarte hatte ich schon, sie zeigt eine Fotografie der Mundharmonika Jack Kerouacs. Ich habe nun Folgendes unternommen. Ich habe auf die Postkarte einen Satz für mich selbst notiert, der natürlich geheim bleiben muss. Dann habe ich die Postkarte in den Briefumschlag gesteckt, meine Adresse notiert und den Brief in den kleinen Mund vor den Aufzügen gesteckt. In dem Moment, da ich den Brief aus den Händen in die Tiefe gleiten ließ, mein Ohr hatte ich dicht an den Schlitz herangeführt, war kein Geräusch zu hören gewesen, als ob der Brief in einem Nichts verschwinden würde. — Spaziert im Central Park. Leichter Regen. Eine Stadt voller Menschen unter Schirmen, die miteinander zu sprechen scheinen. – stop

staten island : ans ende der Welt
sierra : 0.10 — In einem Zug der Staten Island Railway ans Ende der Welt durch borstige Landschaft. Ortschaften, die sich ähnlich sind, Häuser von Holz, ein oder zwei Stockwerke hoch, helle Farben, Gärten, klein und von Holzwänden umzäunt, als wollten die Bewohner dieser seltsamen Gegend einander nicht sehen, nicht hören. Kirchturmspitzen, Tankstellen, Fabriken, Straßen ohne Ende, eine eiserne Wildnis, in welcher Öltanks und Schrottberge wie Pilze aus kargen Wäldern wachsen. Durch diese Menschenlandschaft schaukelt der Zug, dass man sich festhalten muss. Auf einem Schiffsdock liegt ein Schaufelraddampfer, den ich sofort mit mir nehmen würde, wenn ich ihn in meine Hosentasche stecken könnte. Frierende Menschen steigen ein und frieren weiter. Aus einer Tasche ragt die dampfende Schwanzflosse eines gekochten Fisches. Kondukteure wandern von Abteil zu Abteil, schlagen Eis von den Türen. Und da ist dieser wilde Kerl, läuft rufend und singend im Waggon auf und ab. Gefrorene Möwen fallen vom Himmel. Tompkinsville. Great Kills. Atlantic. — stop

brighton beach : mr. singer
delta : 0.03 — Nach Coney Island eine halbe Stunde mit der Subway vom Washington Square aus in südwestliche Richtung. Der Himmel hell über dem Meer, heftige Sandwellenwinde. Es lässt sich gut gehen auf diesem Boden, der fest ist. Zerbrochene Muscheln, Scherben von buntem Glas, Sommerbestecke, Schuhe, Wodkaflaschen, Lippenstifte, Holz, Knochen. Da und dort haben sich scharfe Kanten gebildet unter der strengen Hand der Winterstürme, dunkle, feste Strukturen, in welchen sich Spuren menschlicher Füße finden, als wären sie versteinert, als wären sie tausende Jahre her. Bald Brighton Beach. An den Wänden der Häuser entlang der Seepromenade sitzen alte russische Frauen, wohl verpackt, aufgehoben in diesem Bild frostiger Temperatur. Aber der Schnee fehlt. Und Mr. Singer, der hier spazierte lang vor meiner Zeit. — stop

spulen
sierra : 15.01 — Ich hatte eine Spule digitaler Speicherscheiben von einem Zimmer in ein anderes Zimmer getragen. Wie ich über eine Türschwelle trete, wurde mir bewusst, dass ich in meinen Händen 500 Filme transportierte oder 750 Stunden Zeit, die vergehen würde, wenn ich jeden dieser Filme einmal betrachten sollte. Ich setzte mich auf mein Sofa und legte eine der Scheiben in meinen Computer. Kaum 2 Minuten waren vergangen, und schon hatte ich 5 Filme, die auf dem Datenträger seit Jahren gespeichert waren, von ihrem ursprünglich Ort in einen Kasten von der Größe einer Zigarrenschachtel transportiert. Mein Computer arbeitete indessen so leise, dass ich mein Ohr an sein Gehäuse legen musste, um gerade noch seinen Atem vernehmen zu können. Zwei Stunden atmete mein Computer, in dem er alle Filme der Spule, Scheibe um Scheibe, in den kleinen Kasten, der neben ihm auf dem Sofa ruhte, transferierte. Dann holte ich eine weitere Spule und setzte meine Arbeit fort, bis auch diese Spule und ihre Filme in das Kästchen übertragen waren, Spule um Spule, eine Nacht entlang. Nun ist das so, dass sich in meinem neuen Filmmagazin ungefähr 3000 Filme befinden, ohne dass das Datenkästchen größer oder schwerer geworden wäre. Ich glaube, ich habe etwas Welt verdichtet, einen Raum gespeicherter Filmbetrachtungszeit verkleinert, eine Möglichkeit der Zeit, die sich selbst nicht verändert haben sollte. — stop

berührung
sierra : 10.01 — Ein besonderer Tag, 14. Dezember. Ich konnte heute Morgen um kurz nach 8 Uhr mein Gesicht wieder in beide Hände nehmen, ohne sofort das Gefühl zu haben, mein verletzter Ellenbogen würde unter Haut und Muskeln jeden Halt verlieren. Ein Moment freudiger Begrüßung, als ob ich nun wieder vollständig wäre durch die Entdeckung der Fähigkeit, eine bedeutende Region meines Körpers mittels beider Hände berühren zu können. Ich stelle fest: Bewegungen, die ein Leben lang selbstverständlich gewesen waren, werden zu Ereignissen. Ab sofort ist es wieder denkbar, meinen Kopf während des Lesens abzustützen, eine Geste, die zur Lektüre einerseits gehört, wie eine Tasse Kaffee, wie das Buch selbst, dessen Gegenwart ich mir andererseits hilfsweise vorstellen könnte. — stop
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