lima : 1.
58 UTC — Einmal stellte ich mir vor, wie ich, indem ich schlafend oder wachend durch Manhattan spaziere, lernte, meine Ohren in der Weise der Seehunde durch Muskelkraft zu verschließen. Bald war denkbar geworden, dass mir Lamellen feinster Haut wachsen werden, Innenohrsegel, über deren Bewegung ich verfügen könnte, wie ich die Bewegung meiner Hände vorhersagen kann. Menschliche Stimmen im Vorübergehen in den Farben sanfter Traumgespräche. Der Schlaf der Augen in der Subway, die Wildheit zufälliger Blicke. — stop
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Aus der Wörtersammlung: weise
trillerpfeife
romeo : 15.42 UTC — Ich kann mich nicht erinnern, wann genau ich mit der Sammlung von Wörtern begann, die ich an dieser Stelle einmal verwendete, Wörter, die mich zu beobachten scheinen, als wären sie Lebewesen, fragende Persönlichkeiten: Bin ich an dieser Stelle richtig angekommen, kann ich mich entfalten, ist zu verstehen, was ich bedeute, was ich zu sagen wünsche? Wenn man in dieser Weise Wörter sammelt, als würde man Käferwesen fangen, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, was alles so existiert in der Buchstabenwelt, wovon man Kenntnis zu haben meint, sagen wir Wörter wie diese: Windstille . Trillerpfeife . Trommelfell . Ameisenpanther . Lauchstange . Zungenkäfer . Staunen Sie doch mit mir, sobald Sie Zeit finden, Zapfenzungen sind HIER hinter in diesem geführten ZUGRIFF sofort zu finden. — Weiterhin Regen. Es regnet bereits so lange, dass man glauben möchte, dieser Aprilregen könnte reine Erfindung sein. — stop

ein millionstel gramm wort
echo : 16.25 UTC — Ich verfüge über eine weitere, über eine 5. Schreibmaschine. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn meine neue Schreibmaschine in der Hitze der Tag- oder Abendluft atmet, um sich zu kühlen, ist von ihren Atemgeräuschen selbst dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäuse lege, nichts zu hören. Ich könnte sie unter meinem Hemd verbergen, weil sie so flach ist, niemand würde sie bemerken. Einmal notierte ich: Wenn das so weiter geht mit dem Leichterwerden der Schreibmaschinen, werde ich bald Schreibwerke zur Verfügung haben, die von geringerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elektrische Wort, das gerade vor mir auf dem Bildschirm erscheint? S i e r r a. Wie viele Male wird das Wort S i e r r a heute oder morgen auf weiteren Bildschirmen aufgerufen werden, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort S i e r r a , das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Australien auf einem Bildschirm erscheint, als dasselbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Millionstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Millionstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruchteil einer Sekunde. Samstag. — stop. 12° Celsius bei wolkenlosem Himmel. stop. Wer könnte nun beweisen, dass dieser Text nicht bereits von einer Maschine geschrieben wurde, die über künstliche Intelligenz verfügt? — stop / tags: machine learning . tensorflow . text mining . natural language processing . codepath . turing test.

unterwegs in den wolken
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delta : 5.28 UTC — Das war schon seltsam, wie die alte Dame zum ersten Mal in ihrem Leben vorsichtig hinter einem Leichtgewichtrollator spazierte. Sie trug Lederhandschuhe, vermutlich weil sie zur Maschine, die helfen soll, ihren Gang zu stabilisieren, einen gewissen stofflichen Abstand einzuhalten wünschte. Sie schien sich zu fürchten, ernst schaute sie gegen den Boden. Möglicherweise fürchtete sie, mit den Rädchen und Gestängen aus Carbon in ihrer nächsten Nähe verwachsen zu müssen. Gern würde sie weiterhin auf ihren eigenen Beinen allein, die sie schon so lange Zeit kannte, Schritt für Schritt Wege bestreiten, die ihr vertraut waren, das Laub der Buchen, der Kastanien auf der Straße, wie schön, ein Teppich, Schnecken da und dort, die sich herbstlich langsam fortbewegten scheinbar ohne Ziel. Es war feucht an jenem Morgen, Wolken berührten den Boden, auf den die alte Dame wenige Tage zuvor noch gestürzt war, einfach so, ohne einen Grund und ohne wieder aufstehen zu können, unerhört, solch ein Schlamassel. Hundert Meter weit war sie nun schon gelaufen, da entdeckte sie eine Klingel an ihrem Gefährt, das so leicht war, dass sie es mit einer Hand anheben und für eine Weile in der Luft festhalten konnte. Ja, Kraft in den Armen, aber die Beine, waren unsicher geworden, vielleicht deshalb, weil sie hinter dieser Maschine herlaufen musste. Für einen Moment blieb die alte Dame stehen. Es wurde ganz still. Sie beugte sich zur Klingel herab, und schon war ein helles Geräusch zu hören, ein angenehmes Geräusch, zweifach war das Geräusch zu hören gewesen. — stop /koffertext
ai : MOSAMBIQUE

MENSCH IN GEFAHR: „Amade Abubacar arbeitet als Journalist beim kommunalen Radiosender Nacedje im Bezirk Macomia in der Provinz Cabo Delgado im Norden von Mosambik. Am 18. Januar ordnete das Bezirksgericht von Macomia eine Verlängerung seiner Untersuchungshaft in der Polizeizentrale von Macomia an. Der zuständige Richter erklärte seine Inhaftierung für rechtmäßig mit der Begründung, Amade Abubacar sei am Tag nach seiner Verbringung in den Polizeigewahrsam dem Gericht vorgeführt worden. Gemäß Paragraf 311 des Strafgesetzbuchs von Mosambik muss jede Person innerhalb von 48 Stunden nach der Inhaftierung vor Gericht erscheinen. Der Richter ließ im Fall von Amade Abubacar unbeachtet, dass dieser bereits am 5. Januar von der Polizei festgenommen worden war. Anschließend hielt das Militär ihn dann zwölf Tage lang ohne Kontakt zur Außenwelt fest, bevor er am 17. Januar wieder an die Polizei übergeben wurde. Mit der anhaltenden Inhaftierung von Amade Abubacar wird gegen sein Recht auf ein faires und ordnungsgemäßes Verfahren verstoßen. / Ein von dem Journalisten eingereichter Antrag auf eine Freilassung unter Auflagen wies der Richter ab. Er begründete dies damit, dass Beweise, die in der polizeilichen Ermittlungsakte enthalten sind, keinerlei Zweifel an seiner Schuld ließen. Der Richter gab weiterhin an, dass Amade Abubacar im Falle einer Freilassung weitere Straftaten begehen könne und somit eine Gefahr für den sozialen Frieden darstellen würde. Die Polizei legte dem Gericht als Beweis gegen Amade Abubacar eine Liste von mutmaßlichen Mitgliedern der islamistischen Terrororganisation Al-Shabaab vor, die der Journalist bei seiner Festnahme bei sich trug. Zudem wies die Polizei darauf hin, dass der Vorgesetzte von Amade Abubacar nichts von den Interviews gewusst habe, die er durchgeführt hatte. / Amade Abubacar drohen konstruierte Anklagen wegen „öffentlicher Aufwiegelung mithilfe von elektronischen Medien“ (Paragraf 322 des Strafgesetzbuchs) und „Verletzung von Staatsgeheimnissen über soziale Medien“ (Paragraf 323 des Strafgesetzbuchs). Amnesty International befürchtet, dass er nur aufgrund seiner Arbeit als Journalist und wegen der Wahrnehmung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung unter Anklage steht.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 7.3.2019 unter > ai : urgent action
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lichtbild
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alpha : 20.22 UTC — Einmal, vor zwei Jahren, notierte ich eine Geschichte, von der ich damals dachte, sie würde für reine Erfindung gehalten, weil kaum vorstellbar gewesen war, was ich in wenigen Sätze erzählte. Ich hatte mein Fernsehgerät beobachtet, dort waren auf dem Bildschirm Menschen zu erkennen gewesen, die auf Wagondächern eines Güterzuges von Mittelamerika aus durch Mexiko nach Nordamerika reisten. Eine gefährliche Fahrt, junge Männer, aber auch junge Frauen, immer wieder, so erzählt man, wurden sie beraubt oder fielen auf die Geleise und wurden vom Zug überrollt oder von Blitzen heftiger Gewitter getroffen. Lang waren die Überlebenden bereits unterwegs gewesen, hatten nach einiger Zeit kaum noch zu essen oder zu trinken. Hunger und Durst würden sie ganz sicher gezwungen haben, vom Zug zu springen, wenn da nicht weitere Menschen gewesen wären, arme Menschen, die entlang der Zugstrecke warteten, um den Zugreisenden Wasser und Nahrungsmittel in Tüten zuzuwerfen. Eine Frau, Maria, erzählte, sie und ihre Familie würden immer wieder hierherkommen zu den Zügen mit ihren Broten, dabei hätten sie selbst nur sehr wenig zum Leben, aber das Wenige würden sie gerne teilen, immerzu habe sie das Gefühl, es sei viel zu gering, was sie unternehmen, um den Flüchtenden zu helfen. Bald verschwand sie aus dem Bild, trat in den dichten Wald zurück, auch der Zug entfernte sich langsam. — Lichtbilder, das ist denkbar, die erinnert werden, verdichten sich, werden zu Bildern, die wie von selbst zurückkehren. Es scheint so wie mit Lügen zu sein, die X Male wiederholt, schrittweise scheinbar zu Wahrheit werden. — stop

ANFANG === bEKOl6nBFkbLw4UCQdhQBw === ENDE
india : 0.58 — Der Feed-Atom eines Textes, den ich im Juni des Jahres 2013 an dieser Stelle verschlüsselt sendete, wurde bisher 21202 Mal angefordert. Tägliche Lektüre einer Maschine vielleicht, die sich rhythmisch vergewissert, ob der möglicherweise gefährliche Text noch existiert auf dem Particles-Server. Denkbar ist außerdem, dass die Maschine noch immer oder weiterhin nicht in der Lage sein könnte, einen Code zu erkennen oder zu verstehen, der im letzten Satz des Textes selbst für seine umgehende Entschlüsselung präpariert wurde. Versuch No. 3 : ANFANG === a 4 n Z Q c Z c V 5 2 E p 5 0 P B S a l A B Y l g e 0 E Z M a N Q M D U F f a 5 g a F X 0 r j W u G h y B C V u v f L 7 U r D z s 9 y V 7 Q x I Q R E m I L c I 9 c n c D p t x g / y G r p M e k z a x 3 s O f c H / E e Q s 2 X 0 8 6 6 U h i M J 3 G 5 0 r m A f j Q j h k 3 f f 7 5 m r W + i R O f F H R d b m 1 n q i v 8 B Y 5 P m b q J 6 W J 8 Z t j o F h u J V Z T r W V 8 h + I 3 Y k g / P j L 0 S 5 p B j 8 J t / B 1 8 p + O O h k l 5 f n i z q e H J s s e g P W 9 m F n c L n / 6 Y C 8 n L p v / G H x m n K / D I 5 v d F u 8 u 8 M l 5 A m / V Y p g Q === ENDE / codewort : birdybirdy — stop

jonathan
echo : 20.12 UTC — Ich habe Jonathan ungefähr drei Jahre lang nicht gesehen. Als ich ihm zuletzt begegnete, erzählte er von einem Film, der ihn hörbar beeindruckt hatte. Er sprach damals so schnell und aufgeregt, dass ich ihm nicht folgen konnte. Ich dachte nur immer wieder: Jonathan, dass Du so schnell und unentwegt sprechen kannst, wo hast Du das gelernt? Vor wenigen Minuten setzte sich Jonathan im Zug zu mir und ich machte mich auf eine weitere rasende Geschichte gefasst. Es war aber ganz anders gekommen, er sprach zunächst kaum ein Wort: Hallo Louis, lang nicht gesehen. Kurze Pause. Ja, ich arbeite noch immer in der Nacht. Lange Pause. Fünf Minuten schwieg Jonathan. Er sah zu seinen Händen hin, die in seinem Schoß ruhten. Dann begann sich seine linke Hand behutsam zu bewegen. Seine rechte Hand indessen war geöffnet. Jonathan schien einen Text zu schreiben auf einer nicht sichtbaren Tastatur, die dort für ihn sichtbar sein musste. Weitere fünf Minuten vergingen in dieser Weise des Notierens. Plötzlich hörte er auf, zu schreiben. Er führte seine rechte Hand unter seine linke Hand und begann zu lesen. — stop

radionuklid
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alpha : 10.08 UTC — In der Vergangenheit, heute wieder, habe ich mir oft gewünscht, mein Leben würde aus der Sicht eines Vogels aufgezeichnet, aus der Sicht eines Vogelwesens, das mich begleitet, Gespräche beispielsweise, die ich täglich mit Menschen führe oder heimliche Gespräche mit mir selbst. Auch würde aufgenommen, was ich gesehen habe, während ich reiste, einen Kentauren auf einer der Uschkanji-Inseln, Regentropfen am Strand von Coney Island, eine Ameise auf Georges Perec’s Schulter während einer Fahrt in der Pariser Metro, meinen schlafenden Körper. Manchmal ist es angenehm, sich zu wünschen, was nicht möglich zu sein scheint, eine große Freiheit der Spekulation. In den vergangenen Jahren wurde mir immer wieder einmal bewusst, dass die Verwirklichung eines mich begleitenden Vogelwesens nicht länger utopisch ist. Ich vermag mir eine fliegende Maschine, ohne weitere Anstrengung vorzustellen, ein künstliches Luftwesen, vier Propeller, angetrieben von einer leichten Radionuklidbatterie, die sich tatsächlich für Jahrzehnte an meiner Seite in der Luft aufhalten könnte, ein beinahe lautloses Wesen in der Gestalt eines Kolibris, eines Taubenschwänzchen oder einer Biene. Kaum wird das Flugobjekt aus seiner Transportbox gehoben und aktiviert, wird es für immer meiner Person verbunden sein, meinem persönlichen Luftraum, den ich mit mir führe, wohin ich auch gehe. Seltsam ist vielleicht, dass es gleichwohl unmöglich sein wird, dieses Wesen je wieder einzufangen, weil es sehr schnell ist in seinen Reaktionen, schneller als meine Hand, schneller als eine Gewehrkugel, ein Wesen, das über die Flugfluchtfähigkeiten einer Stubenfliege verfügt. — stop

wieder koffer unsichtbar
alpha : 19.52 UTC — An diesem Abend spaziere ich hinüber zum Friedhof, um zwei Kerzen anzuzünden auf dem Grab meines Vaters, das nun auch das Grab meiner Mutter sein wird. Vater ist also schon da, und Mutter wird bald hierher zu ihm kommen. Das gefrorene Gras knistert unter meinen Schuhen. Es ist still, der Sternhimmel klar. Viel schöne kleine Lampen leuchten unter den Bäumen. Ein paar Katzenaugen werden auch darunter gewesen sein. Auf dem Heimweg erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren notierte. Sie geht so: Mein Vater war ein Liebhaber technischer Messgeräte. Er notierte mit ihrer Hilfe Dauer und Kraft des Sonnenlichts beispielsweise, das auf den Balkon über seinem Garten strahlte. Die Temperaturen der Luft wurden ebenso registriert, wie die Menge des Regens, der in den warmen Monaten des Jahres vom Himmel fiel. Selbst die Bewegungen der Goldfische im nahen Teich wurden verzeichnet, Erschütterungen des Erdbodens, Temperaturen der Prozessoren seiner Computermaschine. Es ist merkwürdig, beinahe täglich gehe ich zurzeit auf die Suche, weil wieder irgendeine dieser Messapparaturen einen piepsenden Ton von sich gibt, als ob mein Vater mittels seiner Maschinen noch zu mir sprechen würde. Indessen habe ich seit zwei Tagen Kenntnis von einer Fotografie, die mich neben meinem sterbenden Vater zeigt. Ich sitze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzusehen wagte. Ich habe tatsächlich eine Hand vor Augen gehalten und zwischen meinen Fingern hervor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrachte. Die Fotografie zeigt einen friedlichen Moment meines Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lange Zeit gefürchtet habe. Weinen und Lachen falten sich, wie Hände sich falten. Mutter irrt zwischen Haus und Friedhof hin und her, als würde sie unsichtbare Ware in gleichfalls unsichtbaren Koffern tragen. — stop
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