Aus der Wörtersammlung: blick

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afrikatram

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india : 5.05 — Eine Stra­ßen­bahn, tat­säch­lich, am frü­hen Mor­gen. Stau­bi­ge jun­ge Män­ner, Maler­ar­bei­ter, sie leh­nen anein­an­der und schla­fen wie­der oder erzäh­len sich irgend­wel­che wil­den Geschich­ten in pol­ni­scher Spra­che, wie an jedem Tag zu die­ser Zeit, auch wenn Sonn­tag ist oder Sams­tag. Am Max-Weber-Platz, fünf Uhr und acht Minu­ten, stei­gen uralte, afri­ka­ni­sche Frau­en zu, sind in wei­ße, gold­be­stick­te Tücher gehüllt, auf dem Weg zur Mor­gen­an­dacht viel­leicht. Auch sie erzäh­len sich irgend­wel­che wil­den Geschich­ten, hel­le Stim­men, so hell oder schnell, dass sie kaum noch hör­bar sind. Es ist jetzt eine Stun­de, die nicht län­ger zur Nacht, aber auch noch nicht in den Tag gehört. Nur in die­ser 1 Stun­de Zeit fah­ren Stra­ßen­bah­nen her­um, die voll stau­bi­ger, müder Män­ner und hei­te­rer, uralter Frau­en sind, die sich Geschich­ten erzäh­len, viel­leicht von der Furcht, die sicht­bar wird in Ges­ten, scheu­en Bli­cken, Lamel­le­ni­ris, nur nicht spre­chen, tat­säch­lich, von der Furcht, von der ich weiß, Nes­rin hat mir erzählt, von heim­li­cher Furcht, an die man am bes­ten nicht denkt. — stop

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kubatajo

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romeo : 5.20 — Küh­le Luft, gnä­di­ges Tier, fließt über den Boden. Zwei Tau­ben sit­zen auf dem Fens­ter­brett und spä­hen ins Zim­mer. Irgend­wo im Süden süd­lich wer­den sich in die­sem Augen­blick hung­ri­ge gro­ße Men­schen und hung­ri­ge klei­ne Men­schen durchs Unter­holz der Berg­wäl­der schla­gen. Unlängst erzähl­te vom Bild­schirm her ein älte­rer Herr zu Buda­pest, er kön­ne SIE nicht mehr sehen, Flüch­ti­ge, man soll­te ihnen in die Bei­ne schie­ßen, dann wür­den sie nicht wie­der kom­men. Und ich dach­te, der­art prä­zi­se hat er bereits Kör­per­or­te der Ver­wun­dung vor­aus­ge­dacht, dass er kon­kret wer­den kann. Wie­der Wör­ter erfun­den: jusi­be­ba babu­ke­le bife­ri­gu jaba­bu­ba kuba­ta­jo ribe­ju­mu gocubobu kub­ex­e­bu sopi­ja­be bibu­je­bi. stop — 5 Uhr 15: Miles Davis / John Col­tra­ne — Paris 1960 — stop
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kurz vor panitanki

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marim­ba : 4.18 — Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, wo sich Mila­n­o­ma­ki gera­de tat­säch­lich auf­hält, ich weiß nicht ein­mal, ob es sich um eine Frau oder um einen Mann han­delt, und wie alt die­ser Mensch sein könn­te, der mir erzählt. Zuletzt noch fol­gen­de Notiz im Dezem­ber: Ich soll­te ein Ohren­mensch sein. Ich sit­ze mit leicht zur Sei­te geneig­tem Kopf und höre zu, einem Men­schen viel­leicht oder einer Flie­ge, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so prä­zi­se wie mög­lich den­ken zu kön­nen. Kurz dar­auf set­ze ich mich an einen Schreib­tisch und mache vie­le Wör­ter, dann mache ich eine Pau­se, dann lese ich alles das Notier­te noch ein­mal durch, dann strei­che ich so vie­le Wör­ter mit dem Kopf, wie mög­lich ist, um bald wie­der nur einen Strich vor mir auf dem Papier vor­zu­fin­den. Ich habe viel erlebt. — Vor weni­gen Stun­den nun eine wei­te­re Nach­richt, die in einem Zug­ab­teil drit­ter Klas­se wäh­rend einer Fahrt von Mum­bai nach Dar­jee­ling ent­stan­den sein soll. Lesen Sie selbst: Ich kann nicht auf­hö­ren, rasen­des, unent­weg­tes Schrei­ben, weil mir jemand beim Schrei­ben zusieht. Ich schrieb über das Fie­ber der ver­gan­ge­nen Tage, aber dann ent­deck­te ich den Blick der roten Schu­he, und schrieb und schrieb nur noch über mei­ne flie­gen­den Hän­de, wie sie schnel­ler und immer schnel­ler notie­ren, wäh­rend sich die­ser eine rote, fla­che Schuh in mei­ner Nähe immer schnel­ler dreh­te, klei­ne Krei­se in die Luft zeich­ne­te, die sich beschleu­nig­ten, weil ich flin­ker und flin­ker schrei­be, ein Text über das Schnell­schrei­ben, das nur des­halb mög­lich ist, weil die Schreib­ma­schi­nen nicht mehr klap­pern wie frü­her noch, mein Gott, wür­den sie noch klap­pern die­se Schreib­ma­schi­nen, was wür­de das nur bedeu­ten, ein Getö­se, jetzt nur noch ein sanf­tes lei­ses Geräusch im Schrei­ben über das Schrei­ben, ein Ver­such, die­sen Schuh, der zu einem ande­ren Sys­tem gehört, schnel­ler und immer schnel­ler krei­sen zu las­sen. - stop

drohne12

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fliege nachts

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tan­go : 2.15 — Ich saß in der war­men Nacht am Tisch, leg­te ein­mal die lin­ke, dann die rech­te Hand in eine Schüs­sel, die ich mit kal­tem Was­ser füll­te. Auf dem Tisch spa­zier­te eine Flie­ge. Weil ich in die­sem Moment nichts zu tun hat­te, als die­se Flie­ge zu beob­ach­ten, ent­deck­te ich, dass sie ihre Flü­gel ver­lo­ren oder ver­ges­sen zu haben schien, die Flie­ge flog nicht her­um, auch wenn ich mich mit einem Fin­ger näher­te, flog sie nicht davon, son­dern flüch­te­te zu Fuß. Es war eine klei­ne Flie­ge, sie war so klein, dass ich sie mit blo­ßem Auge kaum noch wahr­neh­men konn­te. Nach einer hal­ben Stun­de stand ich auf, such­te nach mei­ner Lese­bril­le und kehr­te an den Tisch zurück. Die Flie­ge lun­ger­te nun unmit­tel­bar neben mei­ner Schreib­ma­schi­ne, ich konn­te sie von mei­ner Posi­ti­on aus gut sehen, sie kam sogar noch näher her­an, als ich mich mit mei­nen Augen hin­ter den Glä­sern der Bril­le über dem Tisch ver­beug­te. In die­sem Augen­blick erleb­te ich den ers­ten Blick­kon­takt mei­nes Lebens mit einer Flie­ge, ich war mir sicher, die­se Flie­ge mus­ter­te mich eben­so wie ich sie mus­ter­te, es war ihre Hal­tung, die mich über­zeug­te, wie sie unmit­tel­bar vor mir auf dem Tisch hock­te, den Kopf ange­ho­ben und sich nicht beweg­te. Nach eini­gen Minu­ten dreh­te sie sich her­um und über­quer­te den Tisch wie­der­um zu Fuß hin zu einem Tel­ler und bestieg eine Man­da­ri­ne. Es war kurz nach zwei Uhr. — stop

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olkiluoto

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romeo : 0.01 — Im Doku­men­tar­film Into Eter­ni­ty aus dem Jahr 2010 eine äußerst span­nen­de Fra­ge ent­deckt: Ob viel­leicht das End­la­ger für Atom­müll Onka­lo, auf der fin­ni­schen Halb­in­sel Olki­luotoi gele­gen, wel­ches um das Jahr 2100 her­um für alle Zeit ver­sie­gelt wer­den wird, an Ort und Stel­le vor­sich­tig mar­kiert oder aber in einen Zustand ver­setzt wer­den soll­te, dass es von Men­schen ver­ges­sen wer­den könn­te? Ein viel­stim­mi­ger Text geht die­ser Fra­ge nach: Ja, es exis­tiert einer­seits der phi­lo­so­phi­sche Ansatz, dass es sinn­voll wäre, das Atom­müll­la­ger Onka­lo zu ver­ges­sen, eine Ent­de­ckung wäre dem­zu­fol­ge nur durch Zufall denk­bar. Wie aber ist es mög­lich, Ver­ges­sen zu orga­ni­sie­ren? Ander­seits könn­te man das End­la­ger mar­kie­ren. Ein nahe lie­gen­des Modell wäre ein Stein mit einem Text dar­auf in geläu­fi­gen Spra­chen der UN, je mit Hin­wei­sen auf wei­te­re Mar­ker mit je wei­ter­füh­ren­den Infor­ma­tio­nen bis hin zu einer stei­ner­nen Biblio­thek, die in unter­ir­di­schen Räu­men ange­legt wer­den könn­te. Haupt­bot­schaf­ten sind: Dies ist ein gefähr­li­cher Ort, bit­te stört die Ruhe die­ser Anla­ge nicht! Bild­spra­che käme nun ins Spiel, dras­ti­sche Sym­bo­le oder abwei­send gestal­te­te Land­schaf­ten, wel­che aller­dings nicht zwin­gend wir­kungs­voll sein wer­den. In Nor­we­gen exis­tiert ein uralter Stein, des­sen Unter­sei­te mit einer Runen­in­schrift ver­se­hen war: Do not move. Die­se War­nung wur­de von neu­zeit­li­chen Archäo­lo­gen kom­plett igno­riert. Wenn wir die Zeit spie­geln und 100000 Jah­re in die Ver­gan­gen­heit bli­cken, müs­sen wir ein­se­hen, wir haben mit unse­ren Vor­fah­ren, den „Nean­der­ta­lern“, sehr wenig gemein. Es könn­te sein, dass Men­schen der Zukunft, die auf das Lager sto­ßen, über eine ganz ande­re Erschei­nung ver­fü­gen, über ande­re Sin­ne und Bedürf­nis­se als mensch­li­che Wesen unse­rer Zeit. Die Fra­ge ist voll­kom­men offen, ob ein ver­nunft­be­gab­tes Wesen in Zukunft irgend­et­was sinn­voll inter­pre­tie­ren könn­te oder woll­te. In aller Kür­ze: Nie­mand weiß irgend­et­was! Es ist exis­tiert die Not­wen­dig­keit einer Ent­schei­dung trotz Unwäg­bar­keit. Man muss zu die­sem Zeit­punkt sagen, was man weiß, und man muss sagen, wovon man weiß, dass man es nicht weiß, und auch wovon man nicht weiß, dass man es nicht weiß. — stop

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von schlafenden händen

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nord­pol : 2.32 — Der Foto­graf Ray­mond C. erzähl­te fol­gen­de Geschich­te. Er habe eini­ge Wochen auf Fähr­schif­fen gear­bei­tet, die unent­wegt seit über einem Jahr­hun­dert zwi­schen den Inseln Man­hat­tan und Sta­ten Island pen­deln. Wäh­rend der ers­ten Woche sei­ner Schif­frei­se habe er ver­sucht, in der Dun­kel­heit die Sil­hou­et­te Brook­lyns zu foto­gra­fie­ren, das sei kei­ne leich­te Sache gewe­sen: Du musst Dir vor­stel­len, die­se schö­nen oran­ge­far­be­nen Schif­fe lie­gen zwar schwer im Was­ser, und doch tau­meln sie seit­wärts und auf und ab dahin. Ich habe nach eini­gen Tagen bereits auf­ge­ge­ben, rich­te­te mein Objek­tiv nun gegen das Was­ser, foto­gra­fier­te Treib­gut in nächs­ter Nähe, das mit dem Hud­son River strom­ab­wärts reis­te. Wenn Du lan­ge Zeit durch den Sucher Dei­ner Kame­ra ins Was­ser blickst, wirst Du Dich über Regen­schir­me, Kin­der­wa­gen, Auto­rei­fen, Matrat­zen nicht län­ger wun­dern, es ist so, als gehör­ten sie wie klei­ne­re und grö­ße­re See­vö­gel natür­li­cher­wei­se in den Fluss. Ich habe Fla­schen por­trä­tiert, tote Kat­zen, Schau­fens­ter­pup­pen, man muss gut auf­pas­sen, recht­zei­tig auf den Aus­lö­ser drü­cken, die Schif­fe fah­ren schnell, ein­mal sei ein Mann über Bord gesprun­gen. An einem Juni­abend fuhr Ray­mond fort, habe er sich nach erfolg­rei­cher Arbeit müde auf eine Bank des Pro­me­na­den­decks der John F. Ken­ne­dy gesetzt, er sei dort für einen Augen­blick ein­ge­schla­fen und habe in die­sem Moment des Schla­fens mit der Foto­ka­me­ra in der rech­ten Hand ohne Vor­satz sei­ne lin­ke, also sei­ne schla­fen­de Hand foto­gra­fiert. Ray­mond ent­deck­te die­se so sel­te­ne wie uner­war­te­te Auf­nah­me, wäh­rend er in der Metro heim­wärts fuhr. Nachts, in sei­nen Ate­liers in Queens, habe er sich dann an sei­nen Küchen­tisch gesetzt, habe sei­ne Kame­ra auf ein Sta­tiv geschraubt und über der Tisch­plat­te in Stel­lung gebracht. — stop

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who is fred wesley?

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tan­go : 2.30 — Hei­te­rer Stim­mung war ich ges­tern Abend der Geschwin­dig­keit, mit wel­cher Waren, die ich kauf­te, an der Kas­se eines Super­mark­tes behan­delt wur­den, nicht gewach­sen, viel­leicht des­halb, weil ich über­haupt lang­sa­mer gewor­den bin, oder weil ich in dem Augen­blick, da mei­ne Ware über einen Scan­ner bewegt wur­de, dar­über nach­dach­te, ob es sich bei E‑Mails, die ich manch­mal schrei­be, noch um Wesen han­delt, die man als Schrift­stü­cke bezeich­nen könn­te. Ohne­hin droh­te ein Fias­ko, da sich die Waren, die gera­de in mei­nen Besitz über­ge­gan­gen waren, hin­ter dem Fließ­band inein­an­der scho­ben wie Pack­eis­schol­len auf dem Atlan­tik vor Grön­land. Eine jun­ge kolum­bia­ni­sche Assis­ten­tin kam glück­li­cher­wei­se bald zu Hil­fe, ich führ­te meh­re­re gefal­te­te Papier­tü­ten mit mir, die sehr sorg­fäl­tig bepackt wer­den muss­ten. Sie sprach nur weni­ge Wör­ter mei­ner Spra­che, und sie schwitz­te indes­sen und ver­such­te mir zu erklä­ren, dass es in ihrem Land noch viel wär­mer sei als bei uns in Euro­pa, aber dass sie dort, auch im Regen­wald nicht, nie­mals so hef­tig schwit­zen wür­de wie hier, die Kli­ma­an­la­ge sei aus­ge­fal­len, dass ich etwas lang­sa­mer sei als üblich, wäre gera­de­zu ver­nünf­tig. Ja, ver­mut­lich bin ich lang­sa­mer gewor­den, und ich dach­te, man könn­te ein­mal Schnell­kas­sen in dem Sin­ne beden­ken, dass dort rasen­de Men­schen mit rasen­den Hän­den rasen­de Geld­bör­sen bedie­nen, alles gin­ge dort so schnell, dass man als ein lang­sa­mer Mensch, auf der ande­ren Sei­te der Zeit befind­lich, nur noch Unschär­fen in der Luft wahr­neh­men wür­de, nicht aber ein­kau­fen­de Per­so­nen, wäh­rend einer wie ich als eine Foto­gra­fie erschei­nen wür­de, als Etwas, das sich nie­mals bewegt. — Kurz nach zwei Uhr. Wun­der­bar küh­le Luft. Who is Fred Wes­ley? — stop
guggenheim

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im nachtpark

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alpha : 4.52 — Ges­tern, am frü­hen Mor­gen, spa­zier­te ich im Ador­no Park. Die Vögel schlie­fen noch, bei­na­he Licht­lo­sig­keit. Wie ich so ging und über­leg­te, ent­deck­te ich eine Gestalt, die auf einer Bank unter einer Kas­ta­nie saß. Sie beweg­te sich nicht im min­des­ten und schien, obwohl doch kaum Licht exis­tier­te, in einer Zei­tung zu lesen. Auch die Zei­tung beweg­te sich nicht, viel­leicht weil kein Wind. Ein merk­wür­di­ger Anblick. Ich stand ganz still und war­te­te. Ich war­te ein oder zwei Minu­ten lang, dass sich die Gestalt auf der Bank für einen Moment bewe­gen möge, ein Lebens­zei­chen von sich geben, ein Geräusch viel­leicht. Ich dach­te noch, das könn­te ein selt­sa­mer Anblick sein für einen hin­zu­kom­men­den Beob­ach­ter, ein Mann, der reg­los auf einer Bank sitzt, wäh­rend er von einem wei­te­ren reg­los ste­hen­den Mann betrach­tet wird. Nun wird viel­leicht auch die­ser Beob­ach­ter stau­nend oder furcht­sam inne­hal­ten, was für eine selt­sa­me Sache. Zum Glück wird es bald hell wer­den, die Vögel wer­den erwa­chen und das Licht begrü­ßen, oder sie wer­den ganz still sein vor Ver­wun­de­rung, welch uner­hör­te Din­ge sich in ihrem Park ereig­nen. — Fünf Uhr zwei­und­fünf­zig in Pal­my­ra, Syria. — stop

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alexandros panagoulis

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alpha : 2.58 — Ich beob­ach­te­te einen jun­gen Mann, der lan­ge Zeit neben einer Ampel vor einer Kreu­zung stand, eine vor­neh­me und zugleich merk­wür­di­ge Erschei­nung. Der Mann trug einen ele­gan­ten, grau­en Anzug, hell­brau­ne, fei­ne Schu­he, ein wei­ßes Hemd und eine Kra­wat­te, feu­er­rot. Er mach­te etwas Selt­sa­mes, er setz­te näm­lich sei­nen rech­ten Fuß auf die Stra­ße, um ihn sogleich wie­der zurück­zu­zie­hen, als ob der Belag der Stra­ße zu heiß wäre, um sie tat­säch­lich betre­ten zu kön­nen. Das ging eine Vier­tel­stun­de so ent­lang, ein frü­her Nach­mit­tag, es reg­ne­te leicht. Der Mann schien nicht zu bemer­ken, dass ich ihn beob­ach­te­te. Um uns her­um waren sehr vie­le Men­schen unter­wegs gewe­sen, die die Kreu­zung Broad­way Ecke 30. Stra­ße schnell­fü­ßig unter sich dre­hen­den Regen­schir­men über­quer­ten. Für einen Augen­blick hat­te ich den Ein­druck, der Mann wür­de sich ver­hal­ten wie eine Figur in einem sehr kur­zen Film, der sich unab­läs­sig wie­der­hol­te. Ein­mal bleibt eine älte­re Frau neben ihm ste­hen, sie schien zu zögern, aber dann trat sie doch ent­schlos­sen auf die Stra­ße, um kurz dar­auf zurück­zu­keh­ren und dem jun­gen Mann eine Tüte Nüs­se zu über­rei­chen. In genau die­sem Augen­blick ließ ich los und spa­zier­te wei­ter in Rich­tung South Fer­ry, ohne mich noch ein­mal nach dem jun­gen Mann umzu­dre­hen. — Kurz vor drei Uhr. Noch Stil­le drau­ßen vor den Fens­tern, küh­le Nacht. Erin­ner­te mich vor weni­gen Stun­den an Alex­an­dros Pana­gou­lis, an das vor­ge­stell­te Bild des Dich­ters, wie er im grie­chi­schen Mili­tär­ge­fäng­nis Bogia­ti in einer Zel­le sitzt. Er ist ohne Papier, er notiert Gedich­te, die er auf­hebt in sei­nem Kopf. Lan­ge muss­te ich nach sei­nem Namen suchen, er war ver­schwun­den gewe­sen, als hät­te ich nie von ihm gele­sen. — stop
drohne4

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das auge der ezmer

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hima­la­ya : 0.01 — Ich habe Pal­mi­ra zunächst nicht wirk­lich ernst genom­men. Sie erzähl­te vor eini­gen Wochen, das lin­ke Auge ihrer Toch­ter Ezmer wür­de sich selt­sam ver­hal­ten, ich hör­te kaum hin. Ges­tern dann habe ich Mut­ter und Toch­ter zufäl­lig in einer Stra­ßen­bahn getrof­fen. Tat­säch­lich schien sich das lin­ke Auge der klei­nen Ezmer in Rich­tung des nahe­ge­le­ge­nen Ohres in Bewe­gung gesetzt zu haben. Die Fra­ge, ob sie Schmer­zen emp­fin­de, ver­nein­te Ezmer, auch kön­ne sie mit ihrem wan­dern­den Auge wei­ter­hin bes­tens sehen. Sie frag­te mich: Wo will es denn hin? Wor­auf­hin Ezmer’s Mut­ter Pal­mi­ra bemerk­te: Mach Dir kei­ne Gedan­ken, Klei­nes, Dein Auge geht nur einen Augen­blick lang spa­zie­ren. — stop

holz



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