Aus der Wörtersammlung: licht

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ventilatorpocken

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nord­pol : 9.16 — Däm­me­rung des Mor­gens. In den blau­grau­en Schat­ten der Häu­ser­spit­zen, die sich über Kreu­zun­gen bewe­gen, scheint die Zeit schnel­ler zu wer­den. Ein Wasch­bär has­tet Rich­tung Cen­tral Park geduckt der Bord­stein­kan­te ent­lang. Am sia­me­si­schen Hydran­ten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wie­der nach mir um, unsi­cher viel­leicht, weil er bemerk­te, dass ich ihm fol­ge durch die See­wind­luft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rau­schen der Ven­ti­la­tor­po­cken an den Häu­ser­wän­den, sanft. Ver­ein­zel­tes Hupen. Eine Minu­ten­ge­schich­te im War­ten auf Uwe John­sons Wör­ter­licht, die Soh­le der Lex­ing­ton Ave­nue noch ver­schat­tet. — stop
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manhattan transfer

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gink­go : 17.58 — Im Moment der Ver­ge­gen­wär­ti­gung, eine Minu­te still­zu­ste­hen und zu den­ken: Mei­ne Schu­he berüh­ren ame­ri­ka­ni­schen Boden. Könnt von hier aus nach Pata­go­ni­en lau­fen, nach Feu­er­land, ohne je einen Schwimm­zug  zu unter­neh­men, süd­wärts, süd­wärts zur 42th Stra­ße hin, den Lin­coln Tun­nel unter dem Hud­son durch nach New Jer­sey, immer der Küs­te ent­lang, lang­sam, Schritt für Schritt. Aber dann neh­men mich mei­ne Bei­ne doch nord­wärts mit sich fort, spa­zie­ren den Zoo der Bronx bis wir abends müde gewor­den das Fähr­pen­del­schiff Down­town errei­chen. Schaun nach Hol­ly, heut könnt sie kom­men wie aus dem Nichts aus dem Strom der Men­schen, Mar­sec Secu­ri­ty Level 1, fröh­lich grüßt sie die Matro­sen, fliegt über die Gang­way aufs unte­re Deck hin zum ver­trau­ten Platz am Fens­ter ins Licht der fla­schen­grü­nen See. Hier nimmt sie unver­züg­lich ihre Arbeit auf, beginnt Zei­chen von einem Buch auf regen­fes­tes Papier zu über­tra­gen: Mit­tags­stun­de am Uni­on Squa­re. Aus­ver­kauf. Müs­sen räu­men. WIR HABEN EINEN SCHRECKLICHEN IRRTUM BEGANGEN. Auf dem stau­bi­gen Asphalt kniend, put­zen klei­ne Jun­gen Schu­he, Halb­schu­he, San­da­len, Knöp­fel­schu­he, Stie­fe­let­ten. Wie ein Löwen­zahn glänzt die Son­ne auf der Spit­ze jedes frisch geputz­ten Schuhs. — stop

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lichtbilder

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tan­go : 22.55 — Pro­zes­si­on der Holz­koh­le­wa­gen abends in der Däm­me­rung auf der Fifth Ave­nue süd­wärts. Fäden wei­ßen Rau­ches, die sich den Luft­be­we­gun­gen der Sei­ten­stra­ßen beu­gen. Im Café, am Neben­tisch, eine Frau, die gegen den Him­mel foto­gra­fiert. Das künst­li­che Geräusch der Kame­ra im Moment der Auf­nah­me, ein weg­wer­fen­des Geräusch, visie­ren, fest­hal­ten, ver­ges­sen. Wie vie­le Bil­der sind genom­men, ohne je betrach­tet wor­den zu sein? — Zur Mit­tags­zeit ein grie­chi­scher Mann auf dem Fähr­schiff nach Ellis Island. Scheue Bli­cke der Enkel­kin­der, die sein uraltes Gesicht betas­ten, wäh­rend er schläft. Sie hal­ten Wind­rä­der in Hän­den, die sich schnur­rend dre­hen. Ihre Mut­ter, die Toch­ter, lehnt an der Reling. — stop
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ground zero

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sier­ra : 18.16 — Zwei Stun­den Broad­way süd­wärts bis Ful­tonstreet. Eine klei­ne Kir­che, St Paul’s Cha­pel, Gra­nit­stei­ne, Grä­ber, ein Gar­ten unter Bäu­men. Ich ken­ne die­sen Gar­ten, die­se Bäu­me, eine Foto­gra­fie genau­er, die einen Staub­gar­ten zeigt, Sekun­den­zeit ent­fern­ter Gegen­wart, ein Bild, das im Sep­tem­ber 2001 auf­ge­nom­men wur­de, am elf­ten Tag des Monats kurz nach zehn Uhr vor­mit­tags. Hell­graue Land­schaft, Papie­re, grö­ße­re und klei­ne­re Tei­le, lie­gen her­um, Akten, Scher­ben. Auch die Bäu­me vor der Kir­che, hel­le Gestal­ten, als hät­te es geschneit, eine fei­ne Schicht reflek­tie­ren­der Kris­tal­le, Spät­som­mer­eis, das an Wän­den, Stäm­men und an den Men­schen haf­tet, die durch den Gar­ten schrei­ten, träu­men­de, schlaf­wan­deln­de, jen­sei­ti­ge Per­so­nen im Moment ihres Über­le­bens. Ein merk­wür­di­ges Licht, bei­nern, nicht blau, nicht blü­hend wie am heu­ti­gen Tag um Jah­re wei­ter­ge­kom­men. Etwas fehl­te in der Luft im Raum unter dem Him­mel über Man­hat­tan sehr plötz­lich, war so fein gewor­den, dass es von flüch­ten­den Men­schen ein­ge­at­met wur­de. Kaf­fee­tas­sen. Trep­pen­läu­fe. Hän­de. Feu­er­lö­scher. Füße. Wasch­be­cken. Nie­ren. Stüh­le. Schu­he. Com­pu­ter­bild­schir­me. Arme. Brüs­te. Kopf­scha­len. Radio­ge­rä­te. Blei­stif­te. Tele­fo­ne. Ohren. Augen. Her­zen. stop
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bronx — flug

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echo : 23.
32 — In der Däm­me­rung des Abends gegen die 241 St. zu, letz­te Sta­ti­on weit oben im Nor­den. Eine hal­be Stun­de Tief­flug über stei­ner­ne Land­schaf­ten der Bronx, Miet­haus­ka­ser­nen, rot, grau, rußig schwarz. Nach und nach leert sich der Zug, aber da drau­ßen, da unten hin­ter den schep­pern­den Schei­ben des Zuges, geräusch­los, stumm, Stra­ßen­zü­ge vol­ler Men­schen bis zum Hori­zont. Und wie sich die Licht­mem­bra­nen dann beru­hi­gen, wie wir lang­sa­mer und lang­sa­mer wer­den, der schma­le Kopf eines metal­le­nen Füh­lers, unser Bahn­steig, an den der Zug sich müde lehnt wie ein Schiff an einen Lan­dungs­steg nach lan­ger Rei­se. Wald, wild und dor­nig, jen­seits der Schie­nen, blü­hen­de Grä­ser erhe­ben sich vom brü­chi­gen Boden. Eine Bank, war­mes Holz, auf dem ich sit­ze, rot leuch­ten­de Fal­ter eilen west­wärts. Weit ent­fernt, am ande­ren Ende des schla­fen­den Zuges noch, die Gestalt einer Frau mit Besen, die sich durch die schim­mern­de Schlan­ge fädelt, eine Frau von schwar­zer Haut­far­be. Sie trägt kräf­ti­ge Schu­he und einen Over­all. Als sie bei mir ankommt, zögert sie kurz, will wis­sen, was ich hier tue, sel­te­ne Erschei­nung, for­mu­liert so rasend schnell, dass ich ihr kaum fol­gen kann. Bald geht sie wei­ter, schleift ihren Besen hin­ter sich her, macht den Zug zu Ende, kommt wie­der zurück, setzt sich neben mich, spricht wie in Zeit­lu­pe mit leicht erho­be­ner Stim­me: I — s — - t – h — a — t — - s — l – o — w — - e – n — o — u – g – h ?
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avenue of the americas

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india

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : AVENUE OF THE AMERICAS

Ich muss Euch nicht erzäh­len, wo ich mich gera­de befin­de, lie­be Vio­let, lie­be Dai­sy, ich höre Eue­re Stim­men, hör, wie Ihr scherzt, was macht er nun schon wie­der, war­um ist er ein­ge­schla­fen, das muss ein betäu­ben­des Buch gewe­sen sein. Jetzt also bin ich wach gewor­den. Ich notie­re die­se Sät­ze in dem Wis­sen, dass Ihr lesen wer­det, Zei­chen für Zei­chen, wie in die­sem Augen­blick erscheint, was ich schrei­be. Das Notie­ren ist so etwas wie das Sicht­bar­ma­chen des Den­kens, nicht wahr, so könn­ten wir das viel­leicht sagen. > …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… > Spa­zier­te in Eue­rer Ange­le­gen­heit, wie ver­spro­chen, durch Man­hat­tan. Ich hat­te mei­nen klei­nen Foto­ap­pa­rat in der Hand, stand mit­ten auf der Ave­nue of the Ame­ri­cas, um das neue Hip­po­drom-Gebäu­de abzu­lich­ten. Auch das wisst Ihr natür­lich, wie wir dann Rich­tung Bryant Park spa­zier­ten, unser Gespräch über gehei­me Ten­ta­keln der Bäu­me, die den Lärm der Stadt aus der Luft zu fan­gen schei­nen. Und mein Begeh­ren, gewiss, ein Eich­hörn­chen zu fan­gen, das war­me Licht des hupen­den Abends, mei­ne Über­le­gung, wie ich Euch eines Tages ein­mal per­sön­lich begeg­nen könn­te, und mein Ver­spre­chen, ein wei­te­res Eue­rer Jugend­bil­der zu sen­den. Was Euch nicht bekannt sein wird, weil ich’s nur dach­te, ich hat­te in all den gemein­sa­men Stun­den eine ver­we­ge­ne Fra­ge in mei­nem neu­gie­ri­gen Kopf. Nun, es ist kurz nach Mit­ter­nacht, wer­de ich die­se Fra­ge für Euch buch­sta­bie­ren, unsi­cher ein wenig, was gesche­hen wird, ob ich Euch nicht zu Nahe kom­me, sodass Ihr aus mei­nen Augen ver­schwin­den wer­det. Gebt gut acht! Es ist näm­lich so, dass ich mich fra­ge, wie auch immer die Räu­me beschaf­fen sind, die für Euch aus­ge­dacht, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mit­ein­an­der ver­wach­sen seid? – Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

gesen­det am
18.05.2010
0.05 MESZ
1775 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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andrea faciu — touching the city

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hibis­kus : 18.02 — Fan­gen wir noch ein­mal von vorn an. Wie das ist, eine Stadt zu berüh­ren, tou­ch­ing the city. Die Hand einer Frau, gefilmt von einer Kame­ra, die sich in einer wei­te­ren Hand, der zwei­ten Hand der­sel­ben Frau befin­det, streicht über Häu­ser­wän­de, Klin­gel­knöp­fe, Brief­käs­ten, Namens­schil­der. Film­par­ti­kel, in einen ver­dun­kel­ten Raum getra­gen, wo sie sich wie­der­ho­len, ver­win­kelt zu zar­ten, beben­den Geräu­schen des Lichts. — In Flo­renz, an einem herbst­li­chen Abend, erzählt die Künst­le­rin Andrea Faciu der­art span­nend von ihrer Arbeit, dass ich einen Tag spä­ter mei­ne eige­nen Hän­de beob­ach­te, indem sie die Stadt Flo­renz berüh­ren. Die­se Hän­de nun tas­te­ten in New York nach der sil­ber­nen Haut eines Sub­way-Wag­gons, Ges­ten der Begrü­ßung viel­leicht. Da war eine mühe­voll gehen­de Frau gewe­sen, ich erin­ne­re mich, eine India­ne­rin unter einem Pon­cho, gebeugt von der Last einer Chris­tus­fi­gur, die sie durch einen Tun­nel nahe dem Times Squa­re schlepp­te. Ihre mur­melnd beten­de Stim­me. Chris­tus blink­te. — stop
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