marimba : 0.12 UTC — Eigentlich sollte ich niemals das Ende eines Traumes erzählen, Traumenden befinden sich nicht selten bereits mit einem Bein im neuen Tag, in einem Bezirk der Welt, den wir Wirklichkeit nennen, ich bin dann schon wach geworden auf einem Bein, habe die Fenster geöffnet, es regnet zum Beispiel, auf der Straße weit unter mir bewegen sich Regenschirme, Menschen sind keine zu erkennen, aber ein paar nasse Tauben, die sich, von der Schwere ihres Gefieders in die Tiefe gezogen, kaum noch in der Luft zu halten vermögen. Eine Exkursion zur Kaffeemaschine hin nütze ich, um mein Mikroskop vom Tisch zu holen. Tatsächlich erkenne ich jetzt eine Herde goldgrüner Frösche, die sich an der Hauswand gegenüber westwärts bewegen. Zu hören ist von ihnen nichts, aber der Regen rauscht sehr schön, prasselt auf die Blätter der Bäume, tropft von den Regenrinnen auf blecherne Fenstersimse, was für ein wunderschöner Morgen, schon habe ich den Traum, den ich träumte, beinahe vergessen. Wie gut die Luft heute riecht, das denke ich noch, und erkenne in diesem Augenblick zwei menschliche Nasen, die dicht nebeneinander auf dem Rücken einer Straßenlampe sitzen, sie sind sicher aus einem Buch gehüpft, das ich nicht lesen kann, weil es in russischer Sprache aufgeschrieben wurde, ich erinnere mich, Gogol, nicht wahr, ich sollte bald Gogols Nase lesen, auch sollte ich ein wenig der russischen Sprache lauschen, um bald wieder glücklich einzuschlafen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: luft
lappo
nordpol : 12.30 UTC — Ein anderes Mal beobachtete ich einen Filmbericht, der von Menschen erzählte, die auf der Insel Lappo in Meeresnähe sehnsüchtig den Winter wie einen Besucher erwarten, dass das Meer endlich gefriert, dass sie bis nach Turku über das Wasser laufen können. Eine Frau sagt, sie liebe die Stille im Ohr. Diese Stille sei wie ein Geräusch für sich. Man könne der Stille zuhören. Manchmal knistere das Eis, im Sommer summten Insektentiere durch Luft und Stille. — Eben fällt mir ein, dass ich vor längerer Zeit bereits den Auftrag formulierte, Schneelibellen zu erfinden. Fangen wir an. — stop
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turingluftmaschine
sierra : 0.05 UTC — Bis in den späten Abend bei geöffneten Fenstern über das Wesen nichtdeterministischer Algorithmen nachgedacht. Da war plötzlich wieder ein helles Propellergeräusch an meinem Ohr, ein vertrauter Ton, den ich seit Kinderzeit erfinde, aber immer dann, wenn ich dieses Geräusch summieren wollte zu einem Geräusch hunderttausender Fliegentiere, der Verdacht, dass mit meiner Erinnerung etwas nicht ganz in Ordnung sein könnte. Ein Schwarm der Ordnung Ephemeroptera ist in der Luft kaum zu vernehmen. Habe fünf oder sechs Schwarmerscheinungen in der Wirklichkeit beobachtet, sie sind lautlos wie wirbelnder Schnee. Und doch war da stets ein besonderer Ton, sobald eine Fliege dicht an meinem Ohr vorüber gekommen war oder in nächster Nähe auf mir landete. – Ein zartes Klappern vielleicht? – Weiterhin Luftgeräuschworte erfinden. — stop

jonny
ulysses : 6.25 UTC — Was für ein schöner Morgen unter Kastanienbäumen. Sommerfäden treiben durch die warme Luft. Atemzüge der Spinnen, der Falter, der Käfer, sanft streifen sie durch Blütenstaubwolken. In diesem Moment, da ich mir ein Baummikroskop erfinde, höre ich aus dem Radio, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika habe versucht, Ermittlungen des FBI zu behindern. Das ist eine ziemlich interessante Geschichte. Das Kurzwort FBI war schon immer ein leuchtendes Wort. Wenn ich mich nicht irre, ist das so, dass ich in meinem wirklichen Leben noch nie einem FBI – Beamten begegnet bin. Vielleicht habe ich einmal in einer U‑Bahn, die in Richtung Coney Island fuhr, neben einem FBI – Beamten Platz genommen, das ist möglich, ich habe ihn nicht bemerkt. Mit dem Wort FBI ist in meiner Erinnerung zunächst ein heftiges Gespräch verbunden, welches ich einmal in meiner Kindheit mit einem Jungen namens Jonny führte, der war uniformiert und bewaffnet gewesen, zur Karnevalszeit. Ich sagte: Du, Jonny, Du bist Polizist! Er sagte: Nein, ich bin vom FBI, und zückte seine Waffe. Seit etwa einer halben Stunde trage ich die Formulierung Summer of Sam wie einen Stempel in meinem Kopf. Warum? — stop
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glück
charlie : 20.52 UTC — Am Ufer eines kleinen Sees auf einer Bank in einem Park kurz vor der Dämmerung. Da und dort Karpfenschnäbel, die etwas von der regen frischen Luft zu trinken scheinen. Drei Ameisen hasten gleich neben mir hin und her über warmes, verwittertes Holz. Und da ist ein Falter. Er tastet mit seinen Fühlern nach Wortzeichen auf meinem Bildschirm, vielleicht deshalb, weil das strahlende Weiß des Bildschirmhintergrundes Luft, Zeichen hingegen ein Etwas bedeuten, einen Schatten, mit dem kommuniziert werden kann. — Ich habe wieder einmal beobachtet, dass ich, wenn ich mit meinen Ohren nach Geräuschen suche, die nicht hörbar sind, meine Augen öffne so weit ich kann. Der Wunsch, einmal in meinem Leben, für eine halbe Stunde nur, über das Vermögen zu verfügen, den Sonarhupen der Abendsegler lauschen zu können. — stop

am telefon
marimba : 17.55 UTC — Plötzlich kracht es. Sie muss während unseres Gespräches in etwas Unbekanntes gebissen haben. Ja, sagt sie, ich habe furchtbaren Hunger, war den ganzen Tag in irgendwelchen Sitzungen, ich muss etwas essen, ich habe gerade in einen Apfel gebissen. — Das war wohl ein sehr fester Apfel, bemerke ich. Willst Du mal eine Banane hören, fragt sie? Das Meer vor Thessaloniki sei unruhig an diesem Tag, die Nächte sind wärmer geworden, auf den Straßen und Plätzen, in den Parks campierten noch immer tausende Flüchtlinge. Ich stelle mir vor, wie L. mit lächelndem und doch ernstem Gesicht Obst verteilt, Brote, Tee, dann wieder in irgendwelche Sitzungen eilt, um hungrig zu werden. Bananen, das weiß ich nun mit Sicherheit zu sagen, sind kaum zu hören über eine Telefonverbindung hin. Was man von einer Banane in dieser Situation zu hören vermag, ist allein die Vorstellung, dass soeben in größerer Entfernung ein Mensch in eine Banane beißt. Ich höre demzufolge ein vorgestelltes Geräusch, weshalb ich sagen kann, dass die Vorstellungskraft wirkungsvoll sein kann wie ein Mikrofon oder wie eine Lupe. — Das war gestern. Heute ist es kurz vor sechs Uhr. Die Luft ist warm und feucht. Noch zu tun: Lektüre. Italo Calvino Herr Palomar. Nichts weiter. — stop
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sekundenglück
romeo : 17.10 UTC — Adele, die in Südafrika geboren wurde, in Johannesburg, genauer, in Soveto, sitzt auf einer Bank der Zentralstadion. Sie sollte eigentlich längst auf dem Weg zur Arbeit sein, es ist kurz nach zehn Uhr, stattdessen sitzt sie hier unter weiteren Menschen auf einer Bank und weint. Sie sagt, sie habe ihre Brille vergessen, ohne Brille könne sie nicht arbeiten, wenn sie heute nicht arbeiten würde, werde das sehr schlimme Folgen haben, man würde ihren Vertrag nicht verlängern, ohne Arbeit sei ihre Aufenthaltsgenehmigung bald verwirkt, sie müsse dann zurück nach Südafrika, ich könnte mir gar nicht vorstellen, was das für sie bedeuten würde, deshalb weine sie, deshalb sei sie ganz am Ende, nein, dass Lesebrillen existieren, die nicht einmal so viel kosten wie eine Wochenzeitung, das wusste sie nicht, das ist jetzt doch eine wunderbare Überraschung. Brillen gleich hier um die Ecke, Brillen, die stark sind, nein wirklich! Wie sie jetzt aufspringt, wie sie zunächst auf die Uhr blickt, dann auf die kleine Skizze, die sie aus den Wörtern pflückte, die ich ihr erzählte, wie sie auf knallroten Turnschuhen losrennt, wie sie mit einem Lächeln zurück in der Menschenmenge verschwindet, so viel Glück, dass die Luft zu knistern beginnt, soviel Glück. — stop
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die geschwindigkeit der wörter
tango : 22.30 UTC — Wie flink vermag ich mit einem Finger auf einem Bildschirm zu schreiben, wie schnell mit einem Sensorstift? Am schnellsten schreibe ich, wenn ich mittels Wörtern denke? Ich schreibe dann, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen, schreibe eine denkende Spur, die erinnert oder sofort vergessen werden könnte, wie jener Mann, der in einer Erzählung Patricia Highsmith’s einen Roman nach dem anderen Roman im Kopf notiert. Das Schreiben per Hand auf Papier oder mittels einer Tastatur auf einem Bildschirm bewirkt vermutlich ohne Ausnahme eine Verlangsamung des Denkens, eine Präzisierung. Das sprechende, erzählende Denken scheint der Luft, den Vögeln verbunden, das schreibende Denken dem Wasser, den Fischen. Ich stelle mir vor, Menschen, die mich einmal schweigsam wahrgenommen haben, eine in sich gekehrte Person, werden diese Gedanken in einer vollkommen anderen Weise wahrnehmen, als jene Menschen, die einen sprudelnd erzählenden, Wörter sprühenden Mann erlebten. — stop

landau
ulysses : 16.05 UTC – Wenn ich Menschen, junge oder ältere Menschen frage, ob sie den Moment erinnern, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben selbst die Schuhe gebunden haben, sind sie erstaunt, nicht nur deshalb, weil ich mich nach einem weit zurückliegenden Ereignis erkundigte, sondern auch, weil sie nicht selten sofort in der Lage waren, eine Geschichte vom Schuhbinden zu erzählen. Menschen, welche sie lehrten, ihre Schuhe zu binden, auch die Farbe der Schuhe oder Orte, eine Treppe, die Küche oder ein Garten kehrten ins Bewusstsein zurück. Wer sich die Schuhe selbst zu binden vermag, kann das Haus verlassen, kann eine komplexe Figur mit Händen gestalten, überall auf der Welt scheint die Methode der Schleife zu existieren, ja, Schleifen sind komplexe Strukturen, die einerseits sich selbst erhalten mittels Umarmung, andererseits sich auf einen Zugwunsch hin sofort aus ihrer Bindung lösen. Ich selbst habe mich in Landau unter einem Apfelbaum auf einem Bänkchen von Holz sitzend in der Schuhbindung geübt, meine Damalsschuhe waren blau und rot, die Gänseblümchen weiß, der Löwenzahn gelb, die Luft roch nach Stall und meine Tante duftete nach Moos und 4711. Gidhsti, die in Eritrea groß geworden ist, sagte: Was für eine seltsame Frage! Wir hatten nichts zu binden, wir sind barfuß gewesen oder trugen Sandalen. Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als ich lernte, meine Schuhe zu binden. Darauf muss man erst einmal kommen, an einem Sonntagnachmittag. — stop
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beckett
charlie : 6.32 UTC — In dem kleinen Café, das den Namen Sahara trägt, wird Menschen, die am Flughafen arbeiten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gerade von der Arbeit. Außerdem schneit es in einer Weise, als wäre Winter. Sie zieht ihren Mantel aus und die Handschuhe, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstimmung in der Türkei nicht sprechen. Sprechen wir über meine nächste Reise, ich weiß nicht, wohin ich reisen soll, ich bin seit ich denken kann, immer in die Türkei gereist, dieses Mal werde ich nicht in die Türkei reisen. — Ist es zu gefährlich, frage ich. — Nein, antwortet Iclal, es ist nicht gefährlich für mich, ich will nicht. Wohin könnte ich nur reisen im Sommer? — Ich sage: Venedig ist schön, aber eher im späten Herbst, vielleicht magst Du in die Berge gehen, Du könntest auf einer Hütte im Karwendelgebirge wohnen und wandern, das ist ganz wunderbar dort. In diesem Moment entdecke ich einen Schriftzug von weißer Farbe, der Iclal’s rosafarbenes T‑Shirt bedeckt: Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better. Das sind wunderbare Worte, sage ich, Samuel Beckett hat sie geschrieben. — Ja, wirklich, antwortet Iclal, wer ist das? Sie sieht an sich herab. Ich habe nicht darauf geachtet, was da steht, das ist Englisch, ich kann kein Englisch, was steht da, das Beckett geschrieben hat? — Ich überlege, wie ich Becketts Sätze korrekt übersetzen könnte. Ich überlege lange. Das ist offensichtlich schwierig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poesie, da muss man sehr behutsam mit den Wörtern umgehen, man muss sehr genau sein. Kurz darauf werde ich mit meiner Übersetzung fertig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dachte noch, wie gerne ich ihr Lachen in diesem Moment auf Tonband aufgenommen hätte — stop



