romeo : 22.01 — Ein älterer Herrn bewegte sich schwankend durch einen Zug, er zählte Menschen. Eine Frau kam ihm entgegen, auch sie zählte Menschen. Beide notierten die Zahlenfrüchte ihrer Arbeit je in eine eigene Liste. Diese Begegnung zweier Zählender im Zug wiederholte sich mehrfach. Wenn sich der zählende Mann und die zählende Frau auf dem Gang des Zuges trafen von Zeit zu Zeit, gaben sie vor, sich nicht zu kennen. Zunächst hatte ich erwartet, sie würden sich ihre Zahlen gegenseitig erzählen, vielleicht um eine Summe zu bilden, aber nein, sie sprachen nicht, würdigten sich keines Blickes. Vermutlich werden Summen etwas später gebildet, vielleicht sobald Abend geworden ist, wenn sich die gezählten Menschen der Tageszüge verlaufen haben und sich Zahlen gefahrlos addieren. — stop
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Aus der Wörtersammlung: os
tasmanischer tiger
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india : 4.10 — Wie ich auf dem hölzernen Boden eines Zimmers kauere. Ich scheine mit einer Katze zu sprechen, die unmittelbar vor mir sitzt. Die Katze schaut mich aufmerksam an, ich glaube, ich erzähle der Katze gerade eine Geschichte, ihre Ohren sind nach vorn hin ausgerichtet, als eine Fotografie aufgenommen wird, deren Zeit und Ort ich nicht erinnern kann. Kurz darauf nähere ich mich der Fotografie mit einer Lupe, weil ich den Verdacht habe, es könnte sich bei der Katze um ein Tier handeln, das nur auf den ersten Blick eine Katze zu sein scheint. Tatsächlich, die Katze trägt kein Fell, ihre Haut ist gestreift, und ihre Ohren sind ungewöhnlich groß und rundlich. Plötzlich werde ich wach, und ich denke noch, ich muss zurück, ich bin noch nicht fertig, ich sollte mir die Fotografie in die Hosentasche stecken und sie mitnehmen, das denke ich ernsthaft, aber es gelingt mir nicht wieder einzuschlafen. Stunden vergehen, ich nehme ein Frühstück, lese in Raymond Carvers Erzählsammlung Beginners herum, gehe zum Einkaufen, es ist wieder Abend geworden, im Treppenhaus begegnet mir ein freundlicher Mann, der ein Fahrrad trägt. Ein Fenster steht offen, ich höre, es regnet. — stop

brief an charlie
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echo : 2.10 — Gestern schrieb ich an Charlie einen Brief auf Papier. Lieber Charlie, es war schön, Dich wiedergesehen zu haben. Ich freue mich, dass Du Dich Deinerseits freutest als ich Dir erzählte, ich würde einmal einen kleinen Text geschrieben haben, in dem Du vorkommst. Ich habe diesen Text gesucht und für Dich ausgedruckt. Ich hoffe, er gefällt Dir. Herzliche Grüße. Dein Louis > An der Nachtzeitküste / 24. Februar 2011: Flughafen. Terminal 1. Drei Uhr und fünfzehn Minuten. Ich stoße auf Charlie, 36, Arbeiter. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort lebte, sitzt unter schlafenden Reisemenschen an der Nachtzeitküste. Er sieht seltsam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug reiste, stattdessen in Zügen, Bussen, Schiffen durch den afrikanischen Kontinent Richtung Europa geflüchtet war, ja, merkwürdig sieht Charlie aus, wie er so unter schlummernden Nordamerikanern, Usbeken, Chilenen, Japanern, Neuseeländern sitzt. Er trägt Sicherheitsschuhe, ein kariertes Holzfällerhemd und Hosen von kräftigem Stoff, mit Katzenaugen besetzte dunkelblaue Beinkleider, die in jede Richtung reflektieren. Nein, unsichtbar ist Charlie, auch im Dunkeln, sicher nicht. Er macht gerade Pause, trinkt Kaffee aus einer schreiend gelben Thermoskanne und genießt ein Stückchen Brot und etwas Käse, den er aus einer Dose fischt. Sorgfältig kaut er vor sich hin, nachdenklich, vielleicht weil er sich auf ein Spiel konzentriert, das er seit Jahren bereits an dieser Stelle wartend studiert. Charlie tippt Lotto. Charlie ist ein Meister des Lottospiels, Charlie spielt mit System. Er hat noch nie verloren. Er hat noch nie verloren, weil er noch nie einen wirklichen Cent auf eine der Zahlenreihen setzte, die er in seine Notizbücher notiert. Charlie ist ein beobachtender Spieler, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nachtarbeiter ist. Wenn ich mich neben ihn setze und ihm zusehe, wie er mit einem roten Kugelschreiber Zahlenkolonnen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkundigt sich nach meinem Befinden, und schon schreibt er weiter, analysiert, rechnet, sucht nach einer Formel, die seine Familie zu einer reichen Familie machen wird. Einmal frage ich Charlie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Charlie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik nämlich. Ein andermal will ich wissen, warum er nicht einen Computer einsetzen würde, um vielleicht schneller finden zu können, was er sucht. Charlie lacht, sieht mich an durch kräftige Gläser einer Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeutend Computer seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spielten mit diesen Maschinen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weiter. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich einer Beschwörung beiwohne, einem Gebet, Malerei, einer Komposition, der “allmählichen Verfertigung der Idee beim Schreiben”. Hermann Burger – stop
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kapillare
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charlie : 2.56 — Eine beunruhigende Wahrnehmung, sobald ich auf Position Facebook notiere, notiere ich in ein und demselben sozialen Netzwerk, in welchem Kämpfer des Islamischen Staates mehr oder weniger offen gleichfalls notieren. Oder Personen mit deutscher oder schweizer oder österreichischer Staatsbürgerschaft, die scheinbar bei vollem Verstand unter ihren bürgerlichen Namen dazu aufrufen, Geflüchtete beispielsweise an die Wand zu nageln. Als würde ich dieselbe Raumluft atmen. Digitale Nähe. Eine Chance stiller Beobachtung vielleicht oder aber der Vernehmung. Noch zu tun in dieser Nacht: Fragen erfinden. — stop
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hätt i dad i war i
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nordpol : 5.05 — Schreibmaschinen, die nicht eigentlich Schreibmaschinen sind, sondern Personal Computer, welche unter anderem als Schreibmaschinen verwendet werden können, sind seltsame Wesen. Drei dieser Wesen wohnen in meiner Nähe. Kürzlich, während ich schlief, wurden über das Internet frische Programmversionen in ihre Speicher geladen, weswegen sie sich jedem meiner Versuche eines Zugriffs verweigerten an diesem neuen Tag, den ich mit sinnvoller Arbeit zu verbringen plante. Auf hell beleuchteten Bildschirmen war je eine Fortschrittsanzeige in Form eines dunklen Striches oder Balkens zu erkennen, die sich in einer rechteckigen Form bewegte, das heißt, eben nicht bewegte, sondern wartend verharrte, mal rückwärtszulaufen schien, dann wieder vorwärts, ein Oszillieren vor den Augen des Wartenden, das vermutlich Ausdruck hoffender Sinnestäuschung gewesen ist. Wer nicht mehr schreiben kann, oder nur noch sehr langsam mit der Hand, beginnt zwangsläufig zu telefonieren. Es waren Anweisungen, die ich hörte, in welcher Reihenfolge ich welche Tasten meiner Schreibmaschinen bewegen sollte, um sie anzutreiben. Ein Tag verging, an dessen Ende ich den Eindruck hatte, er habe nicht existiert. Aber Spuren von Handschrift auf einem Blatt Papier, Wörter, Zeichnungen, Zahlenreihen. Einmal muss ich notiert haben, ohne mich daran erinnern zu können: No signal, going to sleep! — stop
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metamorphose
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tango : 2.28 — Nach stundenlanger Recherche der Verdacht, die Behauptung eines Freundes, es sei einem Wal aus anatomischen Gründen unmöglich, einen Menschen zu verzehren, das heißt, ihn versehentlich bei lebendigem Leibe in sich aufzunehmen und in den Magen zu bewegen, könnte korrekt sein. Es bleibt nichts übrig, als geeignete Walfischgattungen zu erfinden. — stop
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4 Uhr 18
nabokovs uhr
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ginkgo : 6.12 — Nabokov schrieb vor einiger Zeit, er habe mir eine ungewöhnliche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie angekommen sei. Vergangenen Freitag erneute Frage: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich vor zwei Monaten sendete, angekommen? Gestern war Nabokov’s Uhr endlich im Briefkasten, zollamtlicher Vermerk: Zur Prüfung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öffnung des Päckchens war nicht die mindeste Spur zu erkennen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päckchen nun eine Schachtel von hellem Karton, in der Schachtel Seidenpapiere, von Nabokov*s eigener Hand vermutlich zerknüllt. In weitere Seidenpapiere eingeschlagen, besagte Uhr, wunderbares Stück, ovales Gehäuse, blechern, vermutlich Trompete, welches schwer in der Hand liegt. Kurioserweise fehlt der Uhr das Zifferblatt, weiterhin keinerlei Zeiger, weder Dioden noch Leuchtzeichen. Ich versuchte das Gehäuse der Uhr zu öffnen, vergeblich. Erstaunlich ist nun, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seitlich öffnet, dem, wie zum Beweis der Existenz der Zeit, ein Streifen feinsten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeitpunkt aufgetragen worden ist. Sechssiebzehnzwölf. Allerbesten Dank, Nabokov, allerbesten Dank! — stop

nachtorte
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ulysses : 1.15 — Und träume von früher. Als die Zeit noch eine Figur war, die eine Rolle spielte. Damals dachte ich, dass, wenn bei uns Tag war, wir die Nacht auf der anderen Seite der Welt bewachten. Bis mir klar wurde, dass wir ihren Schlaf nicht bewachten, sondern sie im Schlaf ausraubten. Dann bin ich aufgewacht. — Diese Beobachtung habe ich in einer Textsammlung Alissa Walsers entdeckt: Von den Tieren im Notieren. Kurze Zeit später, auf dem Weg zum Fenster, erinnerte ich mich an das Museum der Nachthäuser, das sich am Shore Boulevard nördlich der Hell Gates Bridge befindet, die den New Yorker Stadtteil Queens über den East River hinweg mit Randalls Island verbindet. Ich weiß nicht, ob das Museum noch immer existiert, es war oder ist ein recht kleines Haus, rote Backsteine, ein Schornstein, der an einen Fabrikschlot erinnert, ein Garten, in dem verwitterte Apfelbäume stehen, und der Fluss so nah, dass man ihn riechen konnte. Während eines Spazierganges, zufällig, entdeckte ich dieses Museum, von dem ich nie zuvor hörte. Es war ein später Nachmittag, ich musste etwas warten, weil das Museum nicht vor Einbruch der Dämmerung öffnen würde, ein Museum für Nachtmenschen eben, die in Nachthäusern wohnen, welche erfunden worden waren, um Nachtmenschen artgerechtes Wohnen zu ermöglichen. Als das Museum dann endlich öffnete, war ich schon etwas müde geworden, und weil ich der einzige Besucher gewesen, führte mich ein junger Mann persönlich herum. Er war sehr geduldig, wartete, wenn ich wie wild in mein Notizbuch notierte, weil er spannende Geschichten erzählte von jenen merkwürdigen Gegenständen, die in den Vitrinen des Museums versammelt waren. Von einem dieser Gegenstände will ich kurz berichten, von einem metallenen Wesen, das mich an eine Kreuzung von Gecko und Spinne erinnerte. Das verrostete Ding war von der Größe eines Schuhkartons. An je einer Seite des Objekts saßen Beine fest, die über Saugnäpfe verfügten, eine Kamera thronte obenauf wie ein Reiter. Der junge Mann erzählte, dass es sich bei diesem Gerät um ein Instrument der Verteidigung handelte, aus einer Zeit, da Nachtmenschen mit Tagmenschen noch unter ein und demselben Hausdach wohnten. Das kleine Tier saß in der Vitrine in einer Haltung, als würde er sich ducken, als würde es jederzeit wieder eine Wand besteigen wollen. Das war nämlich seine vornehme Aufgabe gewesen, Zimmerwände zu besteigen in der Nacht, sich an Zimmerdecken zu heften und mit kleinen oder größeren Hammerwerkzeugen Klopf- oder Schlaggeräusche zu erzeugen, um Tagmenschen aus dem Schlaf zu holen, die ihrerseits wenige Stunden zuvor noch durch ihre erbarmungslos harten Schritte den Erfinder der Geckomaschine, einen Nachtarbeiter, aus seinen Träumen gerissen haben mochten. Es war, sagte der junge Mann, immer so gewesen damals in dieser schrecklichen Zeit, dass sich Tagmenschen sicher fühlten vor Nachtmenschen, die unter ihnen lebten, die mit Schritten Zimmerdecken ihrer Wohnung niemals erreichten. Aus und fini! — stop

nahe centralbahnhof


