zoulou : 0.08 — Als ich das Radio einschaltete, hörte ich, bei Ryanair, einer Fluggesellschaft, sollen die Stückkosten, demzufolge die Kosten je transportierten Passagiers, erneut dramatisch gesunken sein. Weiterhin würden in einem Land des Fernen Ostens bald Züge über das Land rasen, die stets sehr pünktlich sein werden, da sie auch von sich selbst mordenden Menschen niemals aufzuhalten sind, sie fahren immer weiter und weiter zu. Auf der ersten Seite einer spanischen Provinzzeitung sei ein leichtgewichtiger Hund zu sehen, der im Moment seiner Aufnahme von einer Elektrodrohne über ein Hausdach befördert wurde. Die Zahl der hungernden Menschen auf dieser Welt würde im kommenden Jahr erfreulicherweise um 10 Millionen auf unter 800 Millionen Menschen sinken. Das war gestern. — stop

Aus der Wörtersammlung: os
zitronengelb
charlie : 7.08 — Über meinen Großvater, den ich nie persönlich kennengelernt habe, ist mir nicht sehr viel bekannt. Er soll ein warmherziger Mensch gewesen sein, der als Beamter der Stadt München in ein kleines Bürozimmer versetzt worden war, das im Winter nicht beheizt werden konnte. Mein Großvater wollte nicht in die Partei eintreten, deshalb musste er frieren, deshalb war er oft krank gewesen. Die Familie, meine Mutter war ein Mädchen von damals fünf oder sechs Jahren, bewohnte eine kleine Wohnung in einem nördlichen Stadtteil. Sie waren dort zu fünft, die Eltern und ihre drei Töchter. In der Küche der Wohnung im zweiten Stock war Parkettfußboden verlegt, keine Selbstverständlichkeit für diese Zeit. Wenn Bomben ins Münchener Zentrum fielen, zitterte in Moosach der Boden und die Hölzer des Parketts hüpften wie Frösche herum. Vor einem Spiegel steht mein Großvater. Er rasiert sich mit zitternden Händen. Er hat Zucker und kein Insulin. Er ist immer sehr durstig und spricht vom Durchhalten wegen der Rente. Vor allem ist sein Gesicht so gelb wie eine Zitrone. Diese Vorstellung habe ich einer Erzählung meiner Mutter unlängst entnommen, die ich hörte, als wir über den Nordfriedhof gingen, um das Grab der Großmutter und des Großvaters zu besuchen. Bald wird das Grab verschwunden sein, aber die Knochen bleiben im Boden zurück. Zum Zeitpunkt unseres Besuches war alles anwesend, wie früher noch, als ich selbst, ein Kind, an Sonntagen vor das Efeugrab getreten war. Einmal stand ich dort in blauen Sandalen. Auf dem Grabstein spazierte eine Schnecke. Sie legte eine Bleistiftstrecke zurück, dann blieb sie sitzen und schlief in der warmen Herbstsonne ein. — stop

ein pinguin
india : 6.38 — Ludwig, ich traf ihn am Freitagabend während eines Spaziergangs zufällig unten am Fluss, erzählte von einem Experiment, das er vor wenigen Wochen im April gestartet haben will. Es gehe, sagte Ludwig, um den Versuch, Luftpostbriefe nach Aleppo zu verschicken. Weder habe er selbst Freunde noch Familienangehörige in Aleppo, trotzdem habe er ein gutes Dutzend Briefe in die zerstörte Stadt geschickt, zufällige Straßen, zufällige Häuser, zufällige Namen. Eine Freundin habe ihm bei seiner Arbeit geholfen, Lucille, die die arabische Sprache mühelos sprechen und schreiben könne. 5 seiner Briefe seien nach wenigen Tagen bereits zurückgekommen, sie waren je mit einem handschriftlichen Vermerk in deutscher Sprache versehen: Zurzeit nicht zustellbar. 12 weitere Briefe seien noch verschollen, 1 Brief war jedoch zu ihm zurückgekehrt. Der Brief schien tatsächlich bis in die Stadt Aleppo gekommen zu sein, ein Stempel in französischer Sprache begründete die Rücksendung des Briefes: Adresse insuffisante. Diese Nachricht hatte Ludwig erwartet, nicht aber, dass auf dem Briefumschlag selbst eine Nachricht in der Gestalt eines handgezeichneten Pinguins hinterlassen worden war. — stop

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten
zoulou : 0.08 — Die Nachricht, ein afrikanischer Mann von der Elfenbeinküste habe bereits am vergangenen Mittwoch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Rollkoffer über die marokkanisch – spanische Grenze nach Europa transferiert. Das Kind wurde während einer Kofferdurchleuchtung lebend entdeckt, sein Vater festgenommen. Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren einmal beobachtet zu haben, wie am Zentralbahnhof ein Kind in ein Gepäckschließfach kletterte, eine Frau, vielleicht die Mutter des Kindes, klappte die Tür des Schließfaches zu, wartete einige Sekunden, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind kletterte aus dem Fach. Das Kind lachte. — Meldung von Noe aus 805 Fuß Meerestiefe vor Neufundland. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort sommerzeit notiert. s t o p kurz darauf eingeschlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tastatur der maschine. s t o p ein gelber fisch. s t o p behutsam. s t o p als ob er mit meinem handschuh sprechen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erinnerung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p planlos. s t o p ein lautloses ende. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielleicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28

paperwhite
ulysses : 0.01 — Die Buchstaben verdrehen sich zur Zeit, ich schreibe zu schnell mit der Maschine, manchmal versäume ich ganze Wörter, als würden meine Hände glauben, dass ich Wörter schon geschrieben habe, obwohl ich sie noch nicht geschrieben habe. — Folgende Entdeckung: Es ist tatsächlich möglich, für den Preis 1 Pistazieneiskugel Joseph Roths Gesammelte Werke auf ein Paperwhite — Lesegerät zu laden. James Joyces Ulysses kostet so viel wie keine Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Anton Pawlowitsch Tschechows Kurzgeschichten, Novellen, Dramen wiederum 1 vollständige Kugel . Downloadreisezeit : 5,2 Sekunden. Bemerkenswert. Seltsam. — stop

dos passos
india : 0.28 — Der Mann im Traum könnte John Dos Passos gewesen sein. Er trug einen Kittel wie ihn Ärzte tragen. Ich kam gerade sehr vorsichtig eine steile Treppe herunter, als ich ihn entdecke. Er stand breitbeinig unter einer Lampe, die sich langsam hin und her bewegte, weil wir uns auf einem Schiff befanden. Leichter Seegang. Um die Lampe herum schwebte ein Kind. Es musste gerade erst geboren worden sein, ein Stück der Nabelschnur baumelte noch von seinem Bauch, außerdem schien das Wesen feucht zu sein, es war so groß wie eine Mandarine, anstatt Armen und Händen verfügte es über Flügel, damit schwebte das Kind, und John Dos Passos schaute ihm zu. Er schien sich nicht zu wundern, ich hatte vielmehr den Eindruck, als würde er das Kindwesen prüfen. Eine Mutter war nicht zugegen. — stop

radare
whiskey : 0.02 — Für die Position particles in der digitalen Sphäre waren gestern, Freitag, 3. Mai, 12.718 Besuche, Aufrufe, Berührungen zu verzeichnen. 324 Besuche scheinen von menschlicher Natur gewesen zu sein, 12394 Besuche sind vermutlich Maschinen, Computerprogrammen, Routinen wie Radaren zuzuordnen. — Past midnight. Never knew such silence. — stop

20 Gramm : eine Künstlerin erzählt
zoulou : 18.25 — Inés, die mehrere Jahre lang in einem zentralen Madrider Postamt arbeitete, erzählt, sie habe in der Stunde etwa 3200 Kurzbriefe mit der Hand sortiert. Jeder ihrer Arbeitstage dauerte 6 Stunden reiner Arbeitszeit, das heißt, Stundenzeit ohne Pause, da ihre Hände ruhten. Manchmal, wenn ihre rechte Hand schmerzte, habe sie mit der linken Hand sortiert, da sei sie aber nicht so schnell gewesen. Einmal habe sie errechnet, pro Nacht oder Schicht mit ihren Händen 385 Kilogramm angehoben und durch die Luft transportiert zu haben. Sie lebte damals in der Calle José Abascal in einem kleinen Atelier unter dem Dach, nun, im Alter von bald 40 Jahren, könne sie Grund der Bilder, die sie zeichne, hervorragend leben. Einmal wohne sie in London, dann wieder in Berlin, München, Paris. Manchmal träume sie noch von Briefen, die sie in ihrer postalischen Zeit gerne betrachtet habe, Kuverts, die selbst Kunstwerke gewesen seien, liebevoll gestaltet. Aber das genaue Betrachten der Briefe war natürlich nicht gestattet, da das Betrachten eines Briefes viel zu lange dauere. Dass ich jetzt Zeit habe, niemals hetzen muss, sogar selbst entscheiden kann, wie schnell ich mein Abendbrot zu mir nehme, ist mein größtes Glück. — stop

chicago
tango : 6.05 — Im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß, auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwendete, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte, sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu, aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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lakritze
MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze bei El Corte [ Plaça de Catalunya, 14, Barcelona ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwanzigzwölf voller Glück über die Straße gegangen. Kurz darauf in Folge von Meteoriten durchschlagen: Kioskdach, 2 Passeig de Gràcia, 12 Uhr 14, 3 Gramm. Markise, 666 Gran Via de les Corts Catalanes, Erdgeschoss, 12 Uhr 16, 0.8 Gramm. Motorhaube, 67 Carrer del Bruc, 12 Uhr 17, 1.8 Gramm. Jedwede Feuersbrunst wurde gelöscht. — stop



