Aus der Wörtersammlung: viele

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swing

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echo : 0.18 — Gera­de eben, es ist bereits kurz nach Mit­ter­nacht, wur­de in mei­ner nächs­ten Nähe eine Apfel­si­ne geschält. Wäh­rend ich mei­nen Hän­den zusah, wie sie geschickt Kern­stü­cke der Frucht von­ein­an­der trenn­ten, ohne dass ich ihnen genaue­re Anwei­sun­gen geben muss­te, dach­te ich dar­über nach, wie vie­le Apfel­si­nen die­se Hän­de in ihrem Leben bereits geschält haben könn­ten. Natür­lich habe ich sofort gefragt, wie vie­le Tage mei­ne Hän­de mir schon zu Diens­ten sind. Ich über­leg­te also, wie vie­le Tage ich bereits unter den Leben­den ver­wei­le. Selt­sa­mer­wei­se muss ich jetzt einen Blei­stift und ein Blatt Papier zur Hil­fe neh­men, um mei­ne Berech­nun­gen aus­füh­ren zu kön­nen, obwohl doch so vie­les wie von selbst zu gehen scheint, dass ich zum Bei­spiel Ben­ny Good­man hören kann, wäh­rend ich die Zahl 365 mit einer wei­te­ren Zahl mul­ti­pli­zie­re, und dass mei­ne Füße unter dem Tisch einem swin­gen­den Rhyth­mus fol­gen, als hät­ten sie nichts mit mir zu tun, son­dern ver­füg­ten über ganz eige­ne Ohren. Eine Flie­ge schaut mir zu. Ob sie viel­leicht doch schon schläft? — stop

ping

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whiteout

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papa : 5.44 — Vom Regen­was­ser, das ich hör­te, schläf­rig gewor­den, war ich vom Stuhl gefal­len. Ich hat­te, als ich fiel, bereits in der drit­ten Stun­de ver­sucht, eine Tele­fon­num­mer zu erfin­den, die einer wirk­li­chen New Yor­ker Tele­fon­num­mer täu­schend ähn­lich sein wür­de, das heißt, eine Num­mer, die nicht exis­tiert, aber exis­tie­ren könn­te. Eine schwie­ri­ge Geschich­te! Kaum hat­te ich eine Num­mer ent­wor­fen, eine Zah­len­rei­he, die in kei­nem digi­ta­len Ver­zeich­nis auf­zu­fin­den gewe­sen war, ent­deck­te ich, dass eine Stun­de nach der Erfin­dung alle Mühe schon ver­geb­lich gewor­den sein könn­te. Ich müss­te dem­zu­fol­ge eine Num­mer, die Erfin­dung blei­ben muss, reser­vie­ren, also mel­den, eine Num­mer ohne Tele­fon an ihrem Ende, die vir­tu­el­le Beset­zung eines nume­ri­schen Ortes. Vie­le Fra­gen sind offen am Ende die­ser Nacht. Auch die­se fol­gen­de Fra­ge, ob es ehren­voll ist, schla­fen­de Men­schen zu foto­gra­fie­ren? — stop

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von der hölle / von der hoffnung

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marim­ba : 0.55 — Sie sin­gen wie­der! Viel­leicht haben Sie nie auf­ge­hört. Tehe­ran bei Nacht. Auch Per­sian­ki­wi und Fereshteh Gha­zi, die für lan­ge Zeit ver­stumm­ten, sen­den auf Posi­ti­on Twit­ter. Der Ein­druck, ein Film, der im Som­mer 2009 ange­hal­ten wur­de mit extre­men Mit­teln staat­li­cher Gewalt, set­ze sich lang­sam erneut in Bewe­gung. stop. Das Schwei­gen. stop. Die Stil­le. stop. 18 Mona­te. stop. stop. / 26. juni 2009 : F. erzählt von Näch­ten, die er vor 30 Jah­ren in den Stra­ßen und auf den Dächern über der Stadt Isfa­han ver­brach­te. Das Rufen tau­sen­der Stim­men: Allah-o-Akbar. Wir haben das erfun­den, um den Schah zu ver­trei­ben, auch älte­re Men­schen konn­ten sich in die­ser Wei­se bemerk­bar machen. Wir kämpf­ten für Demo­kra­tie, hör­ten BBC, um her­aus­zu­fin­den, ob irgend jemand wahr­nimmt, was mit uns geschieht. Kannst Du ver­ste­hen, wie ich mich jetzt füh­le? – Furcht­bar wur­den sie betro­gen, eine Gene­ra­ti­on im Exil. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Fereshteh Gha­zi, jun­ge Jour­na­lis­tin, notiert: Tonight, like past nights, the chants of “Allah-o-Akbar” were heard on roof tops of Tehr­an & other cities. Seit Tagen schreibt sie sich die Fin­ger wund. Per­sian­ki­wi aber, des­sen Zei­chen ich vie­le Stun­den lang auf dem Bild­schirm erwar­te­te, ist ver­stummt. Vor­ges­tern noch Zei­len auf Twit­ter fol­gen­de: > just in from Baha­re­stan Sq – situa­ti­on today is ter­ri­ble – they beat the ppls like ani­mals 3:34 PM Jun 24th I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads – blood ever­y­whe­re – pep­per gas like war 3:35 PM Jun 24th 
they were wai­ting for us – they all have guns and riot uni­forms – it was like a mou­se trap – ppl being shot like ani­mals 3:53 PM Jun 24th saw 7/8 militia bea­ting one woman with baton on ground – she had no defen­se not­hing – sure that she is dead 3:55 PM Jun 24th so many ppl arres­ted – young & old – they take ppl away – we lose our group 3:59 PM Jun 24th ppl run into alleys and militia stan­ding the­re wai­ting – from 2 sides they attack ppl in midd­le of alleys 4:01 PM Jun 24th all shops was clo­sed – nowhe­re to go – they fol­low ppls with heli­c­op­ters – smo­ke and fire is ever­y­whe­re 4:03 PM Jun 24th pho­ne line was cut and we lost inter­net – get­ting more dif­fi­cult to log into net 5:05 PM Jun rumour they are track­ing high use of pho­ne lines to find inter­net users – must move from here now 5:09 PM Jun 24th reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq – now – Sea of Green – Allah Akbar 5:14 PM Jun 24th in Baha­re­stan we saw militia with axe cho­ping ppl like meat – blood ever­y­whe­re – like but­cher – Allah Akbar – 5:16 PM Jun 24th they catch ppl with mobi­le – so many kil­led today – so many inju­red – Allah Akbar – they take one of us – 5:18 PM Jun 24th Lale­zar Sq is same as Baha­re­stan – unbe­le­va­ble – ppls mur­de­red ever­y­whe­re – 5:19 PM Jun 24th they pull away the dead into trucks – like fac­to­ry – no human can do this – we beg Allah for save us – 5:23 PM Jun 24th Ever­y­bo­dy is under arrest & cant move – Mou­sa­vi – Kar­rou­bi even rumour Khat­a­mi is in house guard – 5:28 PM Jun 24th we must go – dont know when we can get inter­net – they take 1 of us, they will tor­tu­re and get names – now we must move fast – 5:34 PM Jun 24th thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green – pls remem­ber always our mar­tyrs – Allah Akbar – Allah Akbar – Allah Akbar 5:36 PM Jun 24th Allah – you are the crea­tor of all and all must return to you – Allah Akbar 5:39 PM Jun 24th
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verschwinden

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tan­go : 18.57 — Was hät­te ich zu unter­neh­men, wenn ich wüss­te, dass ein Mensch oder eine Grup­pe von Men­schen mit dem Gedan­ken spiel­te, mich so rasch wie mög­lich ums Leben zu brin­gen. Wie vie­le Spu­ren mei­nes Auf­ent­halts­or­tes sind in die­ser Text­li­nie zu fin­den, sodass man die Posi­tio­nen, die ich bewoh­ne, iden­ti­fi­zie­ren könn­te. Weiß man von mei­nen Freun­den? Wel­che Ver­zeich­nis­se im Inter­net müss­te ich von Hin­wei­sen befrei­en, wen instän­dig bit­ten, kein Wort über mich zu ver­lie­ren? Wie also unsicht­bar wer­den, nach und nach einer sein, der nie exis­tier­te? Ich könn­te mich bewe­gen, rei­sen, bis ich ein armer Hund gewor­den bin. Könn­te dann inne­hal­ten, könn­te vor­ge­ben, als habe ich geträumt, mei­ne per­fo­rier­te See­le, oder selbst noch zum Jäger wer­den. — stop

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safran

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echo : 2.26 — Das unent­weg­te Spre­chen mensch­li­cher Stim­men, nicht Werk­zeug der Ver­stän­di­gung, son­dern Radar zur Fort­be­we­gung in unbe­kann­tem Gebiet. So auch die Spur digi­ta­len Schrei­bens in ver­netz­ten Räu­men. Ich, Subseven88, habe mich dar­ge­legt, also bin ich. — Vor weni­gen Stun­den mel­de­te eine Ser­ver­ma­schi­ne, die zu mir gehört, als wär sie ein Teil mei­ner selbst: Modul Data Log­ger nicht bereit. Ursa­che unbe­kannt. Tele­fo­nier­te mit Men­schen mit Her­zen, die vie­le Flug­stun­den ent­fernt ihre Arbeit ver­rich­ten. Dort ist nun frü­her Abend, hier bei mir hohe Nacht. Leich­ter Regen. Auf dem Bild­schirm bewe­gen sich Zei­chen in der Geschwin­dig­keit mensch­li­cher Hän­de. Man beschäf­tigt sich mit der Lösung mei­nes Pro­blems. Blin­ken­de Geis­ter, flink vor und zurück, vor und zurück, tas­ten­de Erschei­nun­gen, zart wie die wei­sen Hän­de der Safran­fä­den­zu­pfer. — stop
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marit

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nord­pol : 0.02 — Ver­gan­ge­ne Nacht war ich wach gewor­den um fünf. Ich hat­te einen merk­wür­di­gen Traum, in dem Mr. Eli­ot erklär­te, dass er Brie­fe, die ich an ihn schrei­be, nicht lesen kön­ne, weil er schon vor lan­ger Zeit blind gewor­den sei. Ich war dann also wach um fünf und fühl­te mich leicht, und ich wun­der­te mich, woher die­se Leich­tig­keit gekom­men sein moch­te. Da erin­ner­te ich mich, dass ich noch immer nach­drück­lich auf eine Ant­wort James Sal­ters war­te, ich hat­te ihm vor zwei Jah­ren zuletzt geschrie­ben. Auch Mr. Sal­ter könn­te blind gewor­den sein, kein Wun­der, dass er nicht schreibt. Unver­züg­lich such­te ich in den Archi­ven nach dem Brief, den ich notiert hat­te. Er war rasch gefun­den, eine fei­ne Geschich­te, die ich berüh­re, die ich hier wie­der­ho­le, indem ich sie mit Stim­me lese, in der Hoff­nung, dass Mr. Sal­ter mich hören kann: Lie­ber James Sal­ter, als ich heu­te Nacht am Schreib­tisch saß und in Ihren wun­der­ba­ren Erzäh­lun­gen las, habe ich eine klei­ne Spin­ne bemerkt, die mich beob­ach­te­te, jawohl, sie saß auf dem Feins­ten der Blatt­haa­re eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, der neben mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne steht, und beob­ach­te­te mich aus meh­re­ren win­zi­gen schwar­zen Augen. Ich habe über­legt, was die­ses Wesen wohl in mir sieht. Für einen wei­te­ren kur­zen Moment habe ich dar­über nach­ge­dacht, ob Spin­nen viel­leicht hören, – ich lese oft laut vor mich hin, das soll­ten sie wis­sen -, und so wun­der­te ich mich, dass ich vie­le Jah­re gelebt habe, ohne der Fra­ge nach­zu­ge­hen, ob Spin­nen über Ohren­paa­re oder doch wenigs­tens über einen zen­tra­len Gehör­gang, wo auch immer, ver­fü­gen. Ich saß also am Schreib­tisch, ich las und die klei­ne geti­ger­te Spin­ne, von der ich Ihnen erzäh­le, seil­te sich zur Tas­ta­tur mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne ab. Ich hat­te den Ein­druck, dass ihr die­se Luft­num­mer Freu­de mach­te, weil sie ihre Lan­dung immer wie­der hin­aus­zö­ger­te, indem sie den Faden, der aus ihr selbst her­aus­ge­kom­men war, ver­speis­te, dem­zu­fol­ge ver­kürz­te. Viel­leicht hat­te sie bemerkt, dass ich sie betrach­te­te, das ist denk­bar, weil ich auf­ge­hört hat­te, laut zu lesen, für einen Moment, um nach­zu­den­ken, viel­leicht woll­te sie, um sich mir dar­zu­stel­len, auf mei­ner Augen­hö­he blei­ben. Das war genau in dem Moment, als Marit nach ihrer letz­ten Nacht auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­ge­kom­men war, Marit, die doch eigent­lich seit Stun­den schon tot gewe­sen sein muss­te. Marit setz­te sich auf eine Trep­pe und begann zu wei­nen. Sicher wer­den Sie sich erin­nern an Marit, wie sie auf der Trep­pe sitzt und weint, weil sie wuss­te, dass sie eine wei­te­re letz­te Nacht vor sich haben wür­de. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pau­se gemacht, weil ich erschüt­tert war, weil das Gift nicht gewirkt hat­te. Ich saß vor mei­nem Schreib­tisch und über­leg­te, ob auch sie, James Sal­ter, erschüt­tert waren, als Marit lang­sam, auf unsi­che­ren Bei­nen die Trep­pe her­un­ter­kam. Und wäh­rend ich an Sie und Ihre Schreib­ma­schi­ne dach­te, beob­ach­te­te ich die Spin­ne, die mit­tels ihrer win­zi­gen Bei­ne, den Faden, an dem sie hing, betas­te­te. Ist das nicht ein Wun­der, eine Spin­ne wie die­se Spin­ne? Haben Sie schon ein­mal bemerkt, dass es nicht mög­lich ist, mit einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne zwei Buch­sta­ben zur glei­chen Zeit, also über­ein­an­der, auf das Papier oder den Bild­schirm zu schrei­ben? Immer ist einer vor, nie­mals unter dem ande­ren. Mit herz­li­chen Grü­ßen Louis.

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lichtbilder

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tan­go : 22.55 — Pro­zes­si­on der Holz­koh­le­wa­gen abends in der Däm­me­rung auf der Fifth Ave­nue süd­wärts. Fäden wei­ßen Rau­ches, die sich den Luft­be­we­gun­gen der Sei­ten­stra­ßen beu­gen. Im Café, am Neben­tisch, eine Frau, die gegen den Him­mel foto­gra­fiert. Das künst­li­che Geräusch der Kame­ra im Moment der Auf­nah­me, ein weg­wer­fen­des Geräusch, visie­ren, fest­hal­ten, ver­ges­sen. Wie vie­le Bil­der sind genom­men, ohne je betrach­tet wor­den zu sein? — Zur Mit­tags­zeit ein grie­chi­scher Mann auf dem Fähr­schiff nach Ellis Island. Scheue Bli­cke der Enkel­kin­der, die sein uraltes Gesicht betas­ten, wäh­rend er schläft. Sie hal­ten Wind­rä­der in Hän­den, die sich schnur­rend dre­hen. Ihre Mut­ter, die Toch­ter, lehnt an der Reling. — stop
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schirme

14

echo

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : SCHIRME

Rasend, lie­ber Jona­than, ver­geht die Zeit! Ein Jahr ist es nun her, seit ich das ers­te Mal von Ihnen hör­te. Vie­le Stun­den, gan­ze Tage, Wochen habe ich an Sie gedacht, und doch kei­ne durch belich­te­te Vor­stel­lung gewon­nen. Ihre Augen, hell oder dun­kel? Wie wer­den Sie mir begeg­nen, mit wel­cher Stim­me spre­chen? An die­sem schö­nen Mor­gen darf ich berich­ten, dass ich mich gut erho­len konn­te. Füh­le mich wohl in mei­ner Haut. Sie­ben Uhr. Sie wer­den sicher noch schla­fen, da drü­ben in Ame­ri­ka, und sofort, wenn Sie in Kür­ze erwa­chen, einen ers­ten tie­fen Zug küh­ler Wald­luft zu sich neh­men. Ihre Ver­wun­de­rung, wie immer, dass Sie nicht län­ger unter Was­ser leben, dass Sie frei sich zu bewe­gen in der Lage sind. Wie oft schon habe ich den Ver­such unter­nom­men, mich ein­zu­füh­len in ihre Lage, unvoll­kom­men, sagen wir, aber nicht ver­geb­lich, wie ich hof­fe, weil Sie bemerkt haben wer­den, dass ich mich um Sie küm­me­re, dass ich Fra­gen stel­le, dass ich Sie nicht gedan­ken­los der Welt über­ant­wor­tet habe. Noch zwei­und­zwan­zig Tage, mein lie­ber Kek­ko­la, hören Sie zu! Ich habe Wet­ter­kar­ten stu­diert, fürch­te, wir wer­den unter Regen­schir­men sit­zen. Ihren Eltern im Übri­gen geht es gut! Ahoi! Ihr Louis

gesen­det am
10.04.2010
6.01 MESZ
1612 zeichen

lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

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suspense

2

gink­go : 0.55 — Im for­schen­den Gespräch mit Tai­ni*. Vor eini­ger Zeit hat­te sie auf mei­ne Fra­ge hin, ob sie sich jetzt, da sie schon vie­le Jah­re in Euro­pa lebt, als Euro­päe­rin wahr­neh­men wür­de, geant­wor­tet, sie sei doch eher noch immer eine India­ne­rin und das wür­de sich wohl nie­mals ändern, schon des­halb nicht ändern, weil ihre Gesichts­zü­ge, weil das tie­fe Schwarz ihres Haa­res und ihre äußerst zier­li­che Gestalt sie an ihren Ursprung täg­lich erin­ner­ten. Ich sehe mich, sagt sie, ja, ich sehe mich! Wie sie jetzt lachend erzählt, dass sie einst schlei­chend ihre Spra­che ver­lo­ren habe, die ver­bo­te­ne Spra­che ihrer Kind­heit, und dass sie nun die Spra­che jener Män­ner den­ken und spre­chen wür­de, vor wel­chen sie sich als Mäd­chen in die Bäu­me flüch­ten muss­te. Lang­sam for­mu­liert sie, Wort für Wort, betrach­tet auch dann, wenn ich sie nicht anse­he, mein Gesicht, indem ich notie­re, was sie erzählt. Sel­ten wirft sie einen Blick auf das Notiz­buch, das neben der Ton­band­ma­schi­ne auf dem Tisch zwi­schen uns liegt, macht manch­mal eine Kopf­be­we­gung, die bewirkt, dass ich mein Werk­zeug her­um­dre­he, damit sie sehen kann, was ich auf­ge­schrie­ben habe. Dei­ne Schrift ist nicht zu lesen, bemerkt sie und schüt­telt amü­siert den Kopf, viel­leicht weil ich noch immer nicht gelernt habe, so zu schrei­ben, dass sie mei­ne Gedan­ken ent­zif­fern könn­te. Also lese ich ihr vor, zum Bei­spiel die Fra­ge, wie Amei­sen schme­cken oder das Stich­wort Schu­le. Kannst Du Dich noch an Dei­nen ers­ten Schul­tag erin­nern? Ihr Schwei­gen. Eine anmu­ti­ge, in sich suchen­de Erschei­nung. Du musst eine span­nen­de Geschich­te dar­aus machen, sagt sie ein­mal. Ihr Blick, als ich sie fra­ge, was sie denn unter einer span­nen­den Geschich­te ver­ste­hen wür­de. — stop

* Name geändert
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handkuss

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oli­mam­bo : 0.02 — Wie­der ein­mal wahr­ge­nom­men, dass ich mei­ne Gegen­wart nicht in moder­nen Signal­wör­tern erzäh­len kann. Wenn ich Gegen­wart erzäh­le, ver­wen­de ich Wör­ter einer Zeit, die mir eine alte Zeit zu sein scheint: Auto­mo­bil stop Hos­pi­tal stop Gram­mo­phon stop Schreib­ma­schi­ne stop Traum­me­cha­nik stop Sprech­ap­pa­rat stop Schall­plat­te stop Hand­kuss stop. – Da ist noch etwas Wei­te­res an die­sem Abend, ein Gerücht, das mich fröh­lich stimmt, sobald ich dar­über nach­zu­den­ken begin­ne. Man erzählt, Autoren des New Jour­na­lism sol­len lan­ge, sol­len vie­le Jah­re dau­ern­de Zeit unter ihren Figu­ren gelebt haben: Gay Tale­se stop Tru­man Capo­te stop Tom Wol­fe stop. Man ist dem­zu­fol­ge nicht ver­rückt. Oder man ist ver­rückt, aber nicht allein ver­rückt. — War­um nur duf­tet die­ser Abend nach Zimt und Frö­schen? — stop
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