yanuk : lichtmaschine

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india

~ : yanuk le
to : louis
subject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, seit acht Tagen Regen. Verbrachte zuletzt sechs Stunden an den Stamm meines Baumes gefes­selt, um nicht vom Sturm in die Tiefe gerissen zu werden. Gestern, sehr früh in der Morgen­däm­me­rung, dann auf Höhe 152 zurück­ge­kehrt. Das Lager, rampo­niert. Ein paar Affen, Tama­rine, haben sich breit gemacht, musste kämpfen, ehe sie die Platt­form räumten. Habe meine Vorräte zum Trocknen ausge­breitet, Nüsse, vor allem Nüsse, und ein paar Fleisch­kon­serven sind da noch und etwas Brot, das hoffent­lich nicht schim­meln wird. Bin jetzt ohne Licht­ma­schine, der Sturm hat sie mit sich fort­ge­rissen. Aber die Ameisen sind zurück, du erin­nerst Dich, träge Amei­sen­tiere, die nach Langusten schme­cken. Deshalb ohne Furcht, habe Trink­wasser im Über­fluss. Werde morgen weiter zu den Fröschen spre­chen. Wie seltsam, meine Stimme aus ihren Schall­beu­teln zu vernehmen. So deut­lich flüs­tern sie mir nach, als ob keine andere, als die mensch­liche Sprache, ihnen je zu Ohren gekommen wäre. Erstaun­liche Entde­ckung. Welchen Namen, frage ich Dich, soll ich ihrer Gattung geben? – Yanuk

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20.57 UTC
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yanuk : frogs

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sierra

~ : yanuk le
to : louis
subject : LIGHT
date : july 12 08 6.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, ich schreib Dir noch rasch, bevor die Dunkel­heit wie ein nasses Tuch vom Himmel fallen wird. Ist Dir bekannt, dass ich seit bald zwei­hun­dert Tagen auf Baum No 728XZ sitze, ohne einmal den Erdboden berührt zu haben? Viel Zeit habe ich in den vergan­genen Wochen damit verbracht, mein Zelt gegen das Licht der Sonne abzu­dichten. Werde fortan versu­chen, am Tag zu schlafen und nachts meinen Forschungs­ar­beiten nach­zu­gehen. Bin zufrieden, habe viel neue Wesen entdeckt, aber die Hitze setzt mir zu, und das Licht scheint doch eine Flüs­sig­keit zu sein, die durch den kleinsten Spalt fließen und mein Zelt auszu­füllen vermag. Viel­leicht ist das Licht deshalb nicht auszu­schalten, weil ich weiß, dass es dort draußen, vor meinem Zelt unter dem Mantel von Blät­tern, hell ist, oder weil Licht in meinem Kopf brennt, das ich nicht zu Ende denken kann. Und doch, mein lieber Louis, bin ich glück­lich. Dank Dir herz­lich für den feinen Simmons Text. Das erste Buch, das ich per E-Mail erhalten habe. Ich bin natür­lich noch nicht sehr geübt im Lesen vor Bild­schirmen und die Falter setzen mir zu. Sie haben die Größe meiner Hände, sind staubig und zu schwer für die Zungen der Frösche, die in meiner Nähe sitzen und warten, dass ich mit meinen Selbst­ge­sprä­chen beginnen werde. Manchmal habe ich das Gefühl, bereits seltsam geworden zu sein. Viel­leicht bin ich ein erfun­denes Geschöpf? Wirst Du schreiben, sobald Du etwas vom Verrückt­sein bei mir findest? – 6.12 p.m. 32°C. 97 Prozent Luft­feuchte. Posi­tion 1°38’S 61°42’W – Yanuk

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22.05 UTC
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yanuk : kulinarien

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olimambo

~ : yanuk le
to : louis
subject : MOLLUSKEN
date : aug 23 08 2.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, wir hatten heftigen Sturm, waren aber gut befes­tigt. Seit gestern funk­tio­niert meine Kurbel­ma­schine wieder und ich kann Strom erzeugen, so dass ich schreiben und Nach­richten empfangen kann. Habe scheue Zikaden entdeckt, die Feuer entzünden, und schloh­weiße Geckos, die vorzüg­lich schme­cken. Bald meld ich mich wieder. – Yanuk

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16.07 UTC
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yanuk : stille

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marimba

~ : yanuk le
to : louis
subject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, in der vergan­genen Nacht sind selt­same Dinge geschehen. Ich hatte auf Höhe 258 mein Zelt aufge­schlagen, weil es geregnet, nein, weil es sehr stark geregnet hatte gestern Nach­mittag. Die Bäume tropften und ich ahnte, dass nachts noch einmal Regen fallen würde, so feucht war die Luft geworden. Ich legte mich also in mein Zelt, hörte dem Singen der Nacht­affen zu und irgend­wann schlief ich ein. Als ich erwachte war es noch immer dunkel. Ich konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Ja, für einen Moment dachte ich, dass das Hörver­mögen der Lebe­wesen viel­leicht nur eine Idee gewesen war, eine poeti­sche Eigen­schaft ohne die Möglich­keit einer Verwirk­li­chung, und doch hörte ich Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, nichts von Außen her, also Stille von Außen, aber ein rhyth­mi­sches Geräusch von Innen, vermut­lich die Bewe­gung meines Blutes. Ich verließ das Zelt und hörte noch immer nichts als mein Herz, das etwas schneller schlug. Eine Wolke kleinster Fliegen tanzte um meine Klet­ter­la­terne, zwei Geckos saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angelten sich die schönsten Exem­plare heraus. Ich hatte ihnen gestern bereits bei ihrer bequemen Arbeit zuge­sehen, und ich erin­nerte mich, dass der Dschungel um mich herum geknis­tert hatte und dass die Affen ein unent­wegtes Gespräch führten über große Distanz. Jetzt, wie zur Prüfung, berührte ich meine Ohren, sie waren noch da, beide Muscheln. Indem ich an der linken Muschel zog, drehte sich etwas herum in meinem Ohr, es krachte und ich hatte den festen Eindruck, besucht worden zu sein. Und auch rechts drehte man sich in meinem Ohr, sobald ich daran zog, zur Seite, aber dann wieder Stille beider­seits. Ich legte mich ins Zelt zurück und über­legte, ob ich viel­leicht in Gefahr sein könnte, ob man viel­leicht mein Gehirn betreten wollte, und weil es so schön still war, bin ich einge­schlafen. Ich schlief sehr lange, war schon hell als ich erwachte, und der Dschungel knis­terte und wisperte um mich her, und ich hörte die Affen des Tages und das Rufen der Nashorn­vögel und lag eine Weile so da, froh wieder hören zu können. Wie jeden Morgen saßen pracht­volle Käfer und Falter und Fliegen an den Wänden meines Zeltes. Und alle taten sie so, als hätten sie mit meinen Ohren nicht das Mindeste zu tun. stop. Yanuk

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0.52 UTC
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yanuk : medusenfliegen

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echo

~ : yanuk le
to : louis
subject : MEDUSEN
date : oct 4 08 8.55 a.m.

Gegen den Abend zu Höhe 286 erreicht. Wollte noch weiter steigen, heftiges Fieber zwang mich zur Ruhe. Zunächst lange Zeit geschlafen, nachdem ich mein Zelt errichtet hatte und vertäut mit dem Stamm des Baumes, der noch immer so kräftig ist, dass zwei oder drei Menschen ihn gemeinsam nicht umarmen könnten. Heute ist mir wohler, obwohl ich noch erhitzt bin. Auf Knien bewege ich mich über die Platt­form, weil meine Schritte unsi­cher sind, habe das Gefühl zu schlin­gern. Ja, Mr. Louis, so schlafe ich und beob­achte dann wieder das Steigen und Sinken der Medusen­fliegen, es sind hunderte, viel­leicht tausende Hand­teller große Wesen, deren Schirme langsam um sich kreisen. Und weil sie leuchten, ein zartes, blaues Licht, das pulsiert, das auf die Bewe­gung meiner Finger reagiert, als würden sie zu mir und mit mir spre­chen, wird es nachts an dieser Stelle meiner Reise niemals dunkel. Habe nach langer Beob­ach­tung fest­ge­stellt, dass sie mitein­ander verbunden sind, Fäden, sehr feines Werk, viel­leicht frei­lie­gende Neuronen, so dass ich den Schwarm der Medusen­fliegen, als ein schwe­bendes Gehirn beschreiben könnte. Muss das weiter unter­su­chen. Hast Du schon einmal versucht, einen Fisch­schwarm zu zählen? Oder eine Vogel­wolke? stop. Yanuk

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15.58 UTC
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yanuk : cucurrucu!

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tango

~ : yanuk le
to : louis
subject : RAIN
date : oct 23 08 6.52 p.m.

Lieber Mr. Louis, froh bin ich, lesen zu dürfen, dass Du wieder Schlaf finden kannst. 38 Tage mit je nur ein oder zwei Stunden der Ruhe, das ist eine lange Zeit. Du musst wohl bald Gespenster gesehen haben, ja, das nehme ich an, Geister oder solche Wesen, die eigent­lich nicht für Dich anwe­send sind. Ich kann nach­fühlen, wie schwer diese Tage für Dich gewesen sein müssen. Auch ich schlafe nicht gut zur Zeit. Seit acht Tagen Regen ohne Unter­bre­chung. Verlasse kaum das Zelt, ständig Geräu­sche des Wassers. Kühl ist es geworden auf Höhe 286. Ich habe alles so weit vorbe­reitet, dass ich unver­züg­lich weiter klet­tern kann, sobald der Regen nach­ge­lassen haben wird. Vor zwei Tagen hatte ich einen Versuch gewagt und mich auf den Weg gemacht. Aber der Stamm meines Baumes und alle Gewächse, die ich übli­cher­weise nütze, um mich fest­zu­halten, sind so feucht, als seien sie Unter­was­ser­pflanzen. Wundere mich, dass ich Deine Nach­richt über­haupt empfangen konnte. Viel­leicht könn­test Du mir etwas Lite­ratur über­mit­teln. Wäre das möglich? Solange ich nichts zu lesen habe, vertreibe ich mir die Zeit mit der Rettung von Ameisen. Schwimmt eine an meinem Zelt vorbei, biete ich ein Stöck­chen an oder ein Blatt und fische sie aus den Sturz­bä­chen heraus. Sie sind alle sehr ähnlich in der Art und Weise, wie sie sich trocknen. Zunächst streifen sie sich das Wasser von den Augen, dann bebt ihr Hinter­leib, eine unglaub­lich schnelle Bewe­gung. Kaum zufrieden, laufen sie im Zelt herum und kämpfen gegen weitere zufrie­dene Artge­nossen. Ja, jeder kämpft hier gegen jeden, als hätten sie alle unter der Erfah­rung des Wassers ihr Gedächtnis verloren. – Cucur­rucu! Yanuk

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20.58 UTC
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yanuk : monkeys

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papa

~ : yanuk le
to : louis
subject : MONKEYS
date : nov 2 08 8.17 p.m.

Habe zwei Tage und zwei Nächte ohne Unter­bre­chung geschlafen. Hatte von einem Blatt gekostet, das mir nicht bekannt gewesen war. Ich sage Dir, Mr. Louis, eine Müdig­keit, ganz wunderbar, sehr plötz­lich, leicht und warm, unwi­der­steh­lich warm. Es ist jetzt kurz vor acht Uhr und bereits dunkel geworden. Ich sitze noch immer auf Höhe 286 im Zelt unter 15 kleinen Affen. Sie sind zurück­ge­kehrt während ich schlief, haben meine Vorräte an Trocken­fleisch geplün­dert und toben und krei­schen herum, dass man uns meilen­weit hören wird. Will noch erwähnen, ich sehe sehr seltsam aus, trage auf der rechten Seite meines Kopfes kaum noch Haar, weil einer der Tama­rine eine Schere im Ruck­sack entdeckte. Werde, wenn es wieder hell geworden sein wird, eine Foto­grafie versu­chen, viel­leicht kann ich sie Dir senden. Hoffe, dass der Regen bald aufhören wird. Seit ich meine kleine Nach­richt an Dich zu schreiben begann, ist ein Affe nach dem anderen näher gekommen. Sie sitzen nun im Kreis um meine Maschine herum und beob­achten meine Hände. Ich ahne, was sie sich bald wünschen werden. – Cucur­rucu! Yanuk

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22.52 UTC
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yanuk : zwergseerosen

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charlie

~ : yanuk le
to : louis
subject : ZWERGSEEROSEN
date : nov 8 08 10.25 p.m.

Drei lange Stunden geklet­tert, um Höhe 310 zu errei­chen. Kein Regen, aber Nebel, sehr dichter, kühler Nebel. Aufstieg fort­ge­setzt. Ich konnte die kleinen Affen hören, ihr unent­wegtes, leises Knat­tern, mit dem sie sich verstän­digen, wenn sie sich nicht sehen können, eine Art Radar­sprache, die nichts bedeutet, als: Hier bin ich, hier, am Ende des Geräu­sches! Sie haben mich begleitet. Nehme an, auch ich war für sie unsichtbar gewesen, aber sie konnten wohl meinen Atem hören, das Kratzen meiner Finger an der Rinde, mein Schuh­werk, mein Ächzen, wenn ich mich weiter­ziehen musste. Kurz bevor wir Höhe 382 erreichten, wurde es heller, dann eine scharfe Linie zwischen Dampf­luft und trockener Luft. Es war ganz so, als hätte ich meinen Kopf aus dem Wasser gestreckt, als hätte ich Tage lang getaucht. Die Affen war schon da, begrüßten mich krei­schend. Sie sahen lustig aus, feuchtes Fell, waren über und über mit Blüten bedeckt. Ich sage Dir, Mr. Louis, ein phan­tas­ti­scher Ausblick. Aber­tau­sende Zwerg­se­e­rosen schweben oder schwimmen auf der Ober­fläche des Nebels. Ich weiß jetzt, weshalb es in den vergan­genen Tagen so düster gewesen ist. Werde mich jetzt einrichten hier oben und etwas ausruhen. – Cucur­rucu! Yanuk

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20.12 UTC
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yanuk : zeitherz

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marimba

~ : yanuk le
to : louis
subject : ZEITHERZ
date : nov 24 08 6.32 p.m.

Höhe 310. Beob­achte Pflanzen seit drei Tagen. Auch in den Nächten, wenn ich unterm Pfeifen der Moskitos nicht einschlafen kann, warte ich am Rande der Platt­form, lasse die Beine baumeln, hoffe, dass der Schwarm schwe­bender Zwerg­se­e­rosen sich wieder in Bewe­gung setzten wird. Lange Stunden der Ruhe, des Still­standes, stolz zeigen sie ihre weißen, ihre blauen Blüten, schwimmen oder schweben fast reglos auf dem Nebel. Ist dieser Nebel viel­leicht schon eine Wolke, bin ich so weit gekommen, dass ich die Wolken­decke durch­stoßen habe? Ja, Stunden der Bewe­gungs­lo­sig­keit, nur von einem leichten Windzug gestrei­chelt, aber dann, sehr plötz­lich, schließen sie zur selben Sekunde ihre lockenden Kelche, eine Welle süßen Duftes wandert gegen den Himmel, und es wird so still, als wären all die pfei­fenden, singenden, krei­schenden Geschöpfe des Waldes betäubt von der schweren Substanz der Pflan­zen­luft. Habe die Zeit gemessen, habe versucht einen Rhythmus des Schlie­ßens und Öffnens zu finden, vergeb­lich, viel­leicht, weil ich sie Jahre beob­achten müsste, um ihre Frequenz zu verstehen. Einmal bin ich zurück in den Nebel getaucht, habe das Wurzel­haar unter­sucht, fili­grane Gefäße, rosa­farben, aber keine Verbin­dung von Pflanze zu Pflanze. Ein Wunder, wie sie das machen, synchron, simultan, als verfügten sie über ein gemein­sames, ein geheimes Herz, das die Zeit zählen kann. – Wieder letzte Minuten vor Dämme­rung. Das Rudel der Affen liegt um meine Schreib­ma­schine herum. Du kannst Dir nicht vorstellen, Mr. Louis, von welch weicher, geschmei­diger Gestalt glück­liche Affen sind. Selbst die Knochen ihrer kleinen Köpfe scheinen der Schwer­kraft nach­zu­geben. – Cucur­rucu! Yanuk 

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22.18 UTC
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yanuk : fröhliche weihnachten

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delta

~ : yanuk le to : louis
subject : FRÖHLICHE WEIHNACHTEN
date : dez 23 08 6.55 a.m.

In diesen Minuten, Mr. Louis, will ich sehr leise und behutsam von einer aufre­genden Beob­ach­tung berichten. Du musst wissen, heute Morgen, als ich auf Höhe 385 schlaf­trunken mein Zelt verließ, hatte ich sofort bemerkt, dass während der Nacht irgend­etwas geschehen sein musste, etwas Selt­sames, etwas, das meine kleinen Affen­freunde beun­ru­higte. Sie lagen nicht, wie üblich, vor sich hin dämmernd lose auf dem hölzernen Boden herum, sondern dicht anein­ander gedrängt und bebten, als würden sie frieren. Alle sahen sie mit ihren zitro­nen­gelben Augen in ein und dieselbe Rich­tung, starrten zum Stamm eines benach­barten Baumes hin, ein Bündel furcht­samer oder viel­leicht stau­nender Blicke, das den schmalen, völlig unbe­klei­deten Körper eines Mädchens betas­tete, der nur wenige Meter von uns entfernt über der Tiefe hing. Ich hatte natür­lich zunächst den Gedanken, dass das vor mir baumelnde Mädchen nur eine Erschei­nung gewesen war, viel­leicht ein Traum oder die Spur eines Traumes, die in einen wirk­li­chen Tag hinüber­reichte. Beun­ru­higt wie meine Freunde, begann ich deshalb zunächst mit einer Kurbel Strom für meine Schreib­ma­schine zu erzeugen. Eine kontem­pla­tive Bewe­gung, eine, die ich auch im Schlaf verrichten könnte. Während ich so arbei­tete, hörte ich bald ein mensch­li­ches Lachen. Ja, Sie lesen ganz richtig, Mr. Louis, das Mädchen lachte, ein feines, helles Lachen war zu hören, und die Affen fauchten und wurden so flach, als wollten sie spurlos verschwinden im warmen Holz oder sonst wohin ganz unsichtbar werden. Wie sich doch alle vertrauten Geräu­sche verän­dern, sobald uner­war­tete Dinge geschehen. Ich hörte meine eigene Stimme, wie sie sagte, das ist unglaub­lich, das ist ganz unglaub­lich, und ich hörte auf zu kurbeln und sah dem Mädchen in die Augen, und sofort klappte sie ihre Augen zu. Ich glaube, sie schläft jetzt während ich diese Sätze so behutsam schreibe wie ich nur kann, um das Mädchen nicht zu wecken. Ja, stellen Sie sich vor, Mr. Louis, sie scheint tatsäch­lich tief und fest zu schlafen, während sie den Ast, der sie trägt, mit ihrer linken Hand umfasst. Die rechte Hand liegt flach auf ihrem Bauch, einem musku­lösen Bauch von hellem Schein, opak, als würde ein Teil des Sonnen­lichts sich im Körper des Mädchen verfangen und weiter­leuchten, von Innen heraus weiter­leuchten. Wenn sie nur nicht loslassen wird in dieser Höhe! Kein Haar auf dem Körper des Mädchens zu sehen. Das ist natür­lich seltsam und ich weiß noch nicht genau, warum das so ist. Ich will Dir, Mr. Louis, an dieser Stelle meine herz­li­chen Weih­nachts­grüße über­mit­teln aus meinen tropi­schen Räumen. Und so mache ich das jetzt, ehe ich einen ersten Versuch unter­nehmen werde, mit dem Mädchen ein Gespräch zu führen. Viel­leicht werde ich ihr meine Blüten­zeich­nungen zeigen, die ich während der vergan­genen Tage sammelte. Fröh­liche Weih­nachten! Cucur­rucu – Yanuk

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yanuk : hört zupfende geigen

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marimba

~ : yanuk le
to : louis
subject : GEIGEN
date : jan 12 09 6.52 a.m.

Dämme­rung. Und doch schon warme, weiche, ja schmei­chelnde Luft. Werde einige Wochen hier auf Höhe 51O verweilen. Bin glück­lich. Mehr­fach während eines Tages passiert das Mädchen, von dem ich berich­tete mit einem rasselnden Geräusch, das viel­leicht eine Sprache darstellen sollte, unser Habitat. Eine fabel­hafte Klet­terin! Entweder ist sie leicht wie eine Feder, oder aber sie verfügt über außer­or­dent­liche Muskel­kräfte. Kein Tag, seit sie auf uns gestoßen ist, an dem sie nicht aus den Schatten der Blätter und Blüten tauchte, um bewe­gungslos für lange Zeiten mittels eines Armes an einem Ast befes­tigt vor uns über dem Abgrund zu schweben. Sie scheint in dieser Haltung doch zu schlafen. Ein selt­sames Wesen! Gespro­chen haben wir bislang noch nicht, kein verständ­li­ches Wort kam über ihre Lippen, aber sie lauscht meiner Stimme, indem sie den Kopf zu Seite neigt, wenn ich etwas sage, wenn ich erzähle, zum Beispiel, von Dir erzähle, und dass ich für Dich Gedanken und Beob­ach­tungen notiere aus dem Gebiet der Riesen­bäume. Auch in diesen Sekunden, lieber Mr. Louis, ist sie hier bei uns. Sie muss vor kurzem noch, während eines Jagd­aus­fluges, den Erdboden betreten haben. Der leblose Körper eines Kanin­chens baumelt über ihrer linken Schulter. Denkbar, dass wir bald ein Geschenk erhalten werden. Cucur­rucu – Yanuk

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6.55 UTC
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yanuk : xin

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sierra

~ : yanuk le
to : louis
subject : XIN
date : mar 18 09 10.52 a.m.

Seit gestern Abend ist es wieder möglich, zu notieren, weil ich meine Schreib­ma­schine zurück­er­halten habe. Mein lieber Louis, so vergehen nun die Tage wieder schneller, als die Tage zuvor noch ohne Schreib­ma­schine, da ich auf meiner Platt­form Höhe 510 wartete, dass Xin, – so nenne ich das Mädchen, das mich meines Schreib­ge­rätes beraubte -, sie mir zurück­geben würde, auch Blei­stifte, Hefte und meinen Foto­ap­parat, die sie eines Nachts, während ich schlief, mit sich genommen hatte. Es ist seltsam, wenn man so sitzt und denkt und doch über keine Werk­zeuge verfügt, aufzu­schreiben, was man dachte, wird man müde. Natür­lich habe ich in erprobter Weise, Zeichen in den Baum­stamm hinter mir geritzt, aber während ich an ihnen arbei­tete, wusste ich doch in jeder Sekunde, dass ich sie zurück­lassen, dass ich sie viel­leicht nie wieder­sehen würde. Ja, man wird müde, wenn man denkt, ohne notieren zu können, als würde man in lauwarmem Wasser liegen, im Halb­schlaf alle diese feinen, vergeb­li­chen Stimmen im Kopf. – Ich nehme an, Du hast Dich um mich gesorgt, weil ich keine Nach­richt sendete. Vor wenigen Stunden noch hörte ich das Geräusch eines Flug­zeuges, das sehr langsam den Himmel irgendwo dort oben durch­kreuzte. Natür­lich bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht doch nur ein Wunsch­ge­räusch hörte. Das flie­gen­leichte Mädchen Xin jeden­falls schien nichts gehört zu haben. Sie verharrt wieder in meiner Nähe, hängt an einem Arm über dem Abgrund, schläft und spricht träu­mend in ihrer merk­wür­digen Sprache leise vor sich hin. Ich wünschte, ich könnte sie verstehen. Morgen werden wir aufbre­chen, werden weiter aufwärts steigen. Nach wie vor ist nicht zu erkennen, woher das Licht kommen mag, das uns so ange­nehm flat­ternd bestrahlt. Cucur­rucu – Yanuk

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20.58 UTC
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MELDUNGEN : YANUK LE TO LOUISENDE