Aus der Wörtersammlung: art

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irrarm

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nord­pol : 15.38 UTC — Eine alte, ärm­lich geklei­de­te, stets ver­wirrt wir­ken­de Frau, die mir in mei­nem Quar­tier jah­re­lang immer wie­der begeg­ne­te, nie hör­te ich ein Wort aus ihrem Mund. Als ich sie ein­mal anspre­che, um ihr etwas Geld zu geben, ant­wor­tet sie mit hel­ler, kind­lich klin­gen­der Stim­me: Dan­ke! War­um tun Sie das. War­um geben Sie mir Geld? — Ich gehe wei­ter. Ich dre­he mich um, auch die alte Frau dreht sich um, sieht mir nach. In die­sem Moment den­ke ich: Du könn­test mei­ne Mut­ter sein, wärst von der Armut ver­schont geblie­ben. — stop

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zwergseerose no 2

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nord­pol : 0.02 UTC — Als ich heu­te Mor­gen erwach­te, knis­ter­te mein lin­kes Ohr. Das war ver­mut­lich dar­um gewe­sen, weil ich auf mei­nem lin­ken Ohr meh­re­re Stun­den lang träu­mend ruh­te. Für einen Moment dach­te ich, mei­ne Ohr­mu­schel wäre von Papier gemacht. Wäh­rend ich so lag und lausch­te, erin­ner­te mich an eine Geschich­te, die ich in einem schat­tigen Laden nahe der Roose­velt Island Tram­way Basis­sta­tion West in New York vor län­ge­rer Zeit erleb­te. Ich erzähl­te bereits von dem alten Mann, der hin­ter einem Tre­sen auf Kun­den war­te­te. Er war vermut­lich ameri­ka­ni­scher Staats­bürger, doch eher chine­si­schen Ursprungs. Als ich von dem klei­nen Park her, des­sen Linden­bäume Küh­le spen­deten, in den Laden trat, ver­beug­te sich der Mann, grüß­te, er kann­te mich bereits, wuss­te, dass ich mich für Schne­cken inter­es­siere, für Wasser­schne­cken prä­zi­se, auch für wan­dern­de Seeane­mo­nen­bäume, und für Pra­li­nen, die unter der Wasser­ober­fläche, also im Was­ser, hübsch anzu­sehen sind, schwe­bende Versu­chungen, ohne sich je von selbst aufzu­lösen. An die­sem hei­ßen Sommer­abend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzähl­te dem alten Mann, ich wür­de nach einem beson­deren Geschenk suchen für ein Kiemen­mäd­chen namens Rose. Sie sei zehn Jah­re alt und nicht sehr glück­lich, da sie schon lan­ge Zeit den Wunsch ver­spür­te, wie ande­re Kin­der ihres Alters zur Schu­le zu gehen, leib­haftig am Unter­richt teil­zu­nehmen, nicht über einen Bild­schirm mit einem fer­nen Klas­sen­raum ver­bun­den. Ich glau­be, ich war genau zu dem rich­tigen Zeit­punkt in den Laden gekom­men, denn der alte, chine­sisch wir­ken­de Mann, freu­te sich. Er mach­te einen hel­len, pfei­fenden Ton, ver­schwand in sei­nen Maga­zinen, um kurz dar­auf eine Rei­he von Spiel­dosen auf dem Tre­sen abzu­stellen. Das waren Wal­zen- und Loch­plat­ten­spiel­dosen mit Kurbel­werken, die der Ladung einer Feder­span­nung dien­ten. Vor einer Stun­de gelie­fert, sag­te der alte Mann, sie machen schau­er­lich schö­ne Geräu­sche im Was­ser! Man kön­ne, setz­te er hin­zu, sofern man sich in dem­sel­ben Was­ser der Spiel­dosen befän­de, die fei­nen Stö­ße ihrer mecha­ni­schen Wer­ke über­all auf dem Kör­per spü­ren. Bald leg­te er eine der Dosen in ein Aqua­rium ab, in wel­chem Zwerg­see­rosen sie­del­ten. Kurz dar­auf fuhr ich mit der Tram nach Roose­velt Island rüber. Das Musik­werk, Ben­ny Good­man, das ich für Rose erstan­den hat­te, war in das Gehäu­se einer Jakobs­mu­schel ver­senkt. Die Schne­cke leb­te, wes­we­gen ich tropf­te, weil der Beu­tel, in dem ich Roses Geschenk trans­por­tierte, über eine undich­te Stel­le ver­füg­te. Gegen Mitter­nacht, ich war gera­de einge­schlafen, öff­ne­te tief in mei­nem rech­ten Ohr knis­ternd eine Zwerg­see­rose ihre Blü­te. – stop

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erwärmung

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oli­mam­bo : 22.06 UTC — In der 38 Minu­te des fas­zi­nie­ren­den Films Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich ver­spä­te erzählt Peter Hand­ke: Heut­zu­ta­ge scheint mir, dass man wirk­lich nur nach­stellt, was eh schon durch Fil­me, durch Fern­se­hen und Zei­tung eh schon sozu­sa­gen aus­ge­spuckt ist. Es muss erfun­den wer­den. Und eine Erfin­dung ist ganz was Sel­te­nes. Erfin­den zu dür­fen, zu kön­nen, zu sol­len, das ist nicht nor­mal. Es ist eine Art von Visi­on. Ohne Visi­on gehts nicht. / Der Lud­wig Hohl, der Schwei­zer Schrift­stel­ler, hat gesagt: Fan­ta­sie ist nicht Gau­ke­lei, son­dern ist die Erwär­mung, ich füge viel­leicht hin­zu — die herz­li­che Erwär­mung des Vor­han­de­nen, des­sen, was vor­han­den ist. Das ist Fan­ta­sie. Und nicht das Sto­rytel­ling. —  — stop / Und Bos­ni­en? Wie ist das gewe­sen? Wie erzählt und wie nicht erzählt? Ich muss wie­der das Lesen ler­nen und üben. Anmer­kung 15.10.2019

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ein aquarium

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tan­go : 22.02 UTC — Bob erzählt von einem Aqua­ri­um, kei­nem gewöhn­li­chen Aqua­ri­um, viel­mehr einem Aqua­ri­um, das ihm einer­seits gehö­ren, ande­rer­seits sehr weit ent­fernt sein soll, näm­lich bei­na­he auf der ande­ren Sei­te der Welt, in Thai­land in einem Vor­ort der Stadt Bang­kok in einem Café neben einer Tank­stel­le mit Gar­ten, in wel­chem Orchi­deen auf Bäu­men wach­sen. Auch Vögel sol­len dort im Gar­ten zahl­reich leben, und Kin­der spie­len, weil sich in der Nähe eine Schu­le befin­det. Er selbst, erzählt Bob, sei in die­se Schu­le gegan­gen, habe Eng­lisch gelernt und Mathe­ma­tik, gera­de in Mathe­ma­tik soll er gut gewe­sen sein. Jetzt lebt er also in Euro­pa und besucht eine Uni­ver­si­tät, um die Spra­che der Com­pu­ter­ma­schi­nen zu stu­die­ren. Das Café, das mei­ner Mut­ter gehört, und auch ein wenig mir selbst, läuft gut, sagt Bob, wir kön­nen von unse­ren Ein­künf­ten gut leben. Ich brau­che ja nicht viel Geld hier, klei­nes Zim­mer. Er holt sein Tele­fon aus der Hosen­ta­sche, tippt ein wenig auf dem Bild­schirm her­um, dann reicht er mir das klei­ne, fla­che Gerät über den Tisch. Schau, sagt er, das ist mein Café, das ist mei­ne Mut­ter in Echt­zeit, es ist gera­de frü­her Mor­gen, sie berei­tet sich auf ers­te Gäs­te vor, die kom­men bald. Tat­säch­lich erken­ne ich auf dem Bild­schirm eine älte­re Frau, die auf einem Brett von Holz irgend­wel­che Pflan­zen zer­teilt. Bob nimmt mir das Tele­fon kurz aus der Hand, tippt noch ein­mal auf den Bild­schirm. Nun sind Fische anstatt sei­ner Mut­ter zu sehen. Das ist mein Aqua­ri­um, sagt Bob, lei­der nur in schwarz-wei­ßer Far­be. Sie sind ziem­lich bunt. Zwei von ihnen habe ich selbst gefan­gen im ver­gan­ge­nen Win­ter. Es ist ein Salz­was­ser­aqua­ri­um. Gleich wird mei­ne Mut­ter die Fische füt­tern. Solan­ge kön­nen wir war­ten. — stop
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gespräch

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tan­go : 17.01 UTC — Ich will schnell erzäh­len, wie ich unlängst mit einer Maschi­ne, wäh­rend sie mei­nen Cap­puc­ci­no zube­rei­te­te, gespro­chen habe. Ich sag­te: Hey, einen Cap­puc­ci­no bit­te. Und die Maschi­ne ant­wor­te­te: Hey, wird gemacht! Also war­te­te ich. Indem ich war­te­te, hör­te ich der Maschi­ne zu. Ich ver­nahm eini­ge plau­si­ble Geräu­sche aus dem Inne­ren des Gehäu­ses, außer­dem eini­ge Geräu­sche, die nicht sehr plau­si­bel waren. Das waren Geräu­sche des Pfei­fens oder Sin­gens, Geräu­sche, die ent­we­der mei­ner Unter­hal­tung dien­ten oder weil sich die Maschi­ne tat­säch­lich selbst, wäh­rend sie arbei­te­te, eine Freu­de mach­te. Ich habe schon oft genau so war­tend vor genau die­ser Maschi­ne gestan­den, ich ver­mu­te, dass mich die Maschi­ne inzwi­schen kennt, viel­leicht sogar Zeit­punk­te, da ich zu ihr kom­men wer­de, also Gewohn­hei­ten mei­nes Lebens. Ein­mal, als ich den Stand­ort der Maschi­ne erreich­te, war mein Cap­puc­ci­no bereits fer­tig gewe­sen. Das ist schon selt­sam, nicht wahr, ich begann über Fähig­kei­ten der Maschi­ne nach­zu­den­ken. Kann die­se Maschi­ne viel­leicht sehen oder ver­mag sie mei­nen Duft wahr­zu­neh­men? Dass sie über einen Hör­sinn oder über eine spe­zi­el­le Art eines hören­den Sen­sors ver­fügt, steht für mich schon lan­ge fest, weil sie mich begrüßt. Manch­mal erkun­digt sie sich nach mei­nen Wün­schen. Mein lie­ber Lou­is, will sie wis­sen, einen Cap­puc­ci­no oder doch etwas ande­res Hei­ßes zur Fei­er des Tages? An die­sem Mor­gen, von dem ich eigent­lich erzäh­len will, ist aber doch etwas sehr Selt­sa­mes gesche­hen. Viel­leicht war es der Wind, jeden­falls fiel eine Papp­tas­se aus dem Bauch der Maschi­ne auf einen Vor­satz unter einem Hahn, aus dem bald hei­ßer Kaf­fee kom­men soll­te. Die Tas­se lan­de­te etwas schräg und ver­harr­te in die­ser Posi­ti­on. Die Maschi­ne sag­te zu mir: Becher bit­te set­zen. Mein Gott, das war selt­sam! Ich dach­te, wer nur hat die­se Spra­che erfun­den, mög­li­cher­wei­se die Maschi­ne selbst? Ich streck­te mei­ne Hand nach dem Becher aus. In dem Moment, da ich den Becher anhe­ben woll­te, spritz­te hei­ßer Kaf­fee auf den Rücken mei­ner Hand, wes­we­gen ich mit lei­ser Stim­me pro­tes­tier­te. Ich sag­te: Ver­dammt! Die Maschi­ne ant­wor­te­te: Ver­zei­hung. — stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 10, Luft­fahrt — 14, Auto­mo­bi­le — 102], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 5, 19. Jahr­hun­dert – 26, 20. Jahr­hun­dert – 478, 21. Jahr­hun­dert — 146 ], Trol­ley­kof­fer [ blau : 1, rot : 8, gelb : 1, schwarz : 188 ], See­not­ret­tungs­wes­ten [ 5317 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 12, gelöscht : 22 ], Amei­sen [ Arbei­ter ] auf Treib­holz [ 355 ], 1 Roll­stuhl West­fa­lia [ Bau­jahr 1914 ], Brumm­krei­sel : 3, Öle [ 0.33 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 5, Knie­ge­len­ke – 215, Hüft­ku­geln – 12, Bril­len – 425 ], Halb­schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 105, Grö­ßen 38 — 45 : 33 ], Plas­tik­san­da­len [ 435 ], Rei­se­do­ku­men­te [ 1558 ], Kühl­schrän­ke [ 1 ], Tele­fo­ne [ 658 ], Pup­pen­köp­fe [ 2 ] Gas­mas­ken [ 12 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 2, mit Tau­cher – 5 ], Engels­zun­gen [ 102 ] | stop |

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im gebirge

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del­ta : 7.55 UTC — Ich träum­te von einer Frau, wie sie in einem Haus im Gebir­ge, dicht an der Som­mer­schnee­gren­ze, mit geschlos­se­nen Augen auf einem Fahr­rad sitzt. Das Fahr­rad kann nicht davon­fah­ren, weil sich sein hin­te­res Rad in der Luft dreht. Die Frau ist von hohem Alter, sie tritt mit zar­ter Kraft in die Peda­le. Indem ich mich nähe­re, erken­ne ich einen Tra­fo, der Strom erzeugt. Im Zim­mer gleich neben der Fahr­rad­stu­be ruht ein alter Mann auf einem Sofa. Er notiert auf einer elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne. Neben sei­nem Sofa steht eine wei­te­re Maschi­ne, sie ist ver­schraubt mit uralten Die­len, Bie­nen flie­gen durch Ast­lö­cher der Die­len ein und aus. Die Maschi­ne pumpt Luft in die Lun­gen des alten Man­nes. Dioden­lich­ter blin­ken in blau­er und roter Far­be. Kühe schau­en durch Fens­ter in das klei­ne Zim­mer hin­ein. Glo­cken läu­ten. Der alte Mann winkt, ich sol­le näher­kom­men, ich wache auf. — stop

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vom erzählen

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alpha : 15.08 UTC — Men­schen, die in erle­ben­der Art und Wei­se erzäh­len, oder aber Men­schen, die reflek­tie­rend erzäh­len, distan­ziert, vor­sich­tig. Erle­bend erzäh­len­de Men­schen sind sehr häu­fig schnell und eher wild spre­chen­de Per­so­nen. Das Erleb­nis ver­wirk­licht sich in der Sekun­de, da Wör­ter in der Luft erschei­nen, auch Ges­ten, Augen­bli­cke. Wie ich mich wun­der­te, dass erleb­te Geschich­ten sich vor mei­nen Ohren, wie Lebe­we­sen ver­hal­ten, sie wer­den schnel­ler oder lang­sa­mer, wach­sen, man­che trock­nen aus, schei­nen zu ver­hun­gern, blü­hen wie­der auf. — Ein­mal, vor genau 10 Jah­ren, notier­te ich das Wort Kurz­stre­cken­er­zäh­ler. Wor­an habe ich gedacht? — stop

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im aufzug

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sier­ra : 22.01 UTC — Stel­len Sie sich vor, ich war in einem Auf­zug gewe­sen, der nicht wei­ter­fuhr, weder nach oben noch nach unten, kei­ner­lei Bewe­gung, eine eigent­lich harm­lo­se Geschich­te, aber ich war nicht allein in dem Auf­zug, wir waren zu fünft, zum Glück nur zu fünft, nicht etwa zu siebt oder zu acht, dann wäre wirk­lich Ernst gewor­den. Da waren also ich und vier wei­te­re Per­so­nen, die ich noch nie zuvor gese­hen hat­te, Per­so­nen von der Art, von wel­chen man sagen könn­te, dass sie nicht gera­de freund­li­che Men­schen sind. Ich wür­de sogar sagen, sie waren in ihrem Auf­tre­ten unhöf­li­che Wesen, ich kann das beur­tei­len, ich war der ers­te in dem Auf­zug gewe­sen, alle wei­te­ren vier Per­so­nen kamen etwas spä­ter hin­zu, tra­ten in die Auf­zug­ka­bi­ne her­ein, ohne zu grü­ßen. Den ers­ten Herrn grüß­te ich noch, aber bei dem zwei­ten Herrn war ich schon vor­sich­tig gewe­sen, ich grüß­te ihn nicht, viel­leicht wird der vier­te Besu­cher des Auf­zu­ges dem­zu­fol­ge gedacht haben, was sind das nur für unfreund­li­che Men­schen an die­sem Ort, weil wir drei, die vor ihm im Auf­zug gewe­sen waren, uns bereits ärger­ten, des­halb ent­spre­chen­de Gesich­ter zeig­ten. Wir hat­ten kein Glück, so könn­te man das viel­leicht sagen, auch die Besu­cher vier und fünf waren kei­ne Froh­na­tu­ren, sie tra­ten her­ein, beob­ach­te­ten, was da für Men­schen sich im Auf­zug befan­den, und sag­ten sich ver­mut­lich, wir wer­den schwei­gen, weil alle schwei­gen. Dann blieb der Auf­zug also ste­hen, ohne dass sich eine Tür geöff­net haben wür­de, das Licht ging aus, auch die Anzei­gen der Stock­wer­ke, wir stan­den im Dun­keln. Unver­züg­lich hol­ten wir unse­re Dienst­te­le­fo­ne aus den Taschen, es wur­de Licht, fünf Gesich­ter, die beleuch­tet waren, ängst­li­che Gesich­ter, weil wir ahn­ten, dass wir uns nicht moch­ten, dass wir unfreund­li­che Men­schen waren, die ver­mu­te­ten, dass sofort oder in Kür­ze etwas Schreck­li­ches gesche­hen könn­te. — stop



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