Aus der Wörtersammlung: einmal

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robert walser

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echo : 0.05 — Vor weni­gen Minu­ten habe ich ent­schie­den, mir von einem hoch­ver­ehr­ten Schrift­stel­ler, den ers­ten Satz einer Geschich­te zu lei­hen. Der Satz geht so: Es ist Mit­ter­nacht vor­über. Die­ser ers­te Satz wur­de von Robert Wal­ser bereits im Jah­re 1907 notiert, und ich dach­te, ist es nicht wun­der­voll, dass Robert Wal­ser und ich ein­mal einen ers­ten Satz tei­len wer­den! — Noch zu tun heu­te Nacht: Einen situs inver­sus umkrei­sen. — stop

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luftpost

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alpha : 23.52 – Ein­mal lag ein bun­tes Stück Papier auf mei­nem Schreib­tisch, ein Luft­post­brief. Als ich das Cou­vert des Brie­fes genau­er betrach­te­te, das heißt, als ich den Brief so nahe an mei­ne Augen her­an­führ­te, dass ich die Stem­pel­ein­trä­ge sei­ner Anschrif­ten­sei­te ent­zif­fern konn­te, bemerk­te ich, dass der Luft­post­brief bereits vor lan­ger Zeit in Euro­pa auf­ge­ge­ben und über den Atlan­tik geflo­gen wor­den war. In Sant­ia­go de Chi­le dann ange­kom­men, konn­te der Brief nicht zuge­stellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zei­chen, die den Brief beschrif­te­ten, kaum zu ent­zif­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen War­te­zeit, reis­te der Brief, nun mar­kiert mit einem Schild­chen in blau­er, spa­ni­scher Far­be: Impo­si­ble de ent­re­gar! *, über den Atlan­tik zurück, um sich nur weni­ge Tage spä­ter erneut auf den Weg über das Meer nach Chi­le zu bege­ben. Ein wei­te­rer Schrift­zug war hin­zu­ge­kom­men, ein fei­ner, aber groß­zü­gi­ger Stem­pel­auf­druck: -Die­se Sen­dung wur­de von einem Blin­den geschrie­ben!- Zwei fri­sche Wert­mar­ken, nichts sonst ver­än­dert. Und so mach­te sich der Brief bald dar­auf ein vier­tes Mal auf den Weg über das Meer wie­der nach Euro­pa zurück und lan­de­te, weiß der Him­mel, war­um, in mei­ner Nähe, in der Nähe mei­ner Schreib­ma­schi­ne. — stop

* Nicht zustellbar

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wortschaukel

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hibis­kus : 0.28 — Ich habe das Wort s o n n e n m o l l u s k e notiert. s t o p Habe das Wort s o n n e n m o l l u s k e lan­ge Zeit in mei­nem Kopf hin und her bewegt geschau­kelt gefreut. s t o p Denk­bar, dass ich das Wort s o n n e n m o l l u s k e nicht ver­ste­hen kann wie ich es frü­her ein­mal ver­stan­den habe. s t o p Spre­che ich, wenn ich summe?

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geraldine beobachtet wolken

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char­lie

~ : geraldine
to : louis
sub­ject : WOLKEN

Die­ser wun­der­vol­le Him­mel über mir, Mr. Lou­is, ich schrei­be Ihnen, dass ich glück­lich bin. Lie­ge in mei­nem Stuhl und schaue den Wol­ken zu, wie sie ein­mal grö­ßer und dann wie­der klei­ner wer­den. Ich glau­be, sie leben und wenn sie ein­mal ver­schwin­den, sind sie nicht wirk­lich ver­schwun­den, son­dern nur in ande­re Wol­ken getaucht. Ja, so ist das mit all dem Leben, das ich am Him­mel sehen kann. Ich lie­ge da und träu­me und das Schiff brummt unter mei­nem Rücken und manch­mal schaue ich zu mei­nen klei­nen Füs­sen hin und wack­le mit den Zehen. Stel­len Sie sich vor, ich habe sie bemalt, nein, ganz sicher, ich habe sie bemalt, und ich glau­be nicht, dass ich Ihnen noch erzäh­len muss, war­um ich sie bemalt habe. Er wird schon noch vor­bei­kom­men, jawohl, ich bin mir sicher, bald wird er nach mir sehen, wird zag­haf­te Bli­cke auf mei­ne Füße wer­fen und sofort wer­den sie sich erwär­men, nein, glü­hen wer­den sie, und ich wer­de mei­ne Strümp­fe und Schu­he in die Hand neh­men und hof­fen, dass nie­mand mich so sehen wird, wie ich neben ihm lau­fe, bar­fuß, obwohl doch vor weni­gen Tagen noch Eis­ber­ge im Was­ser trie­ben. Er kommt gera­de, mein klei­ner Ste­ward, kommt gera­de die Trep­pe her­auf. Ich ken­ne die Geräu­sche sei­ner Schrit­te. Ich habe Fie­ber, Mr. Lou­is, ich habe Fie­ber, und manch­mal den­ke ich, dass ich all das hier nur träu­me, das Schiff, die Wol­ken, mei­nen tap­fe­ren Vater, mei­ne immer­zu wei­nen­de und eben­so tap­fe­re Mut­ter, die Eis­ber­ge und Del­fi­ne, und dass ich ver­liebt bin, all das nur träu­me. Aber wer könn­te in einem Traum noch so kräf­tig mit den Zehen wackeln, dass selbst die Möwen von der Reling flüch­ten? — Ich grü­ße Sie herz­lich! Ahoi! Ihre Geral­di­ne auf hoher See.

notiert im Jah­re 1962
an Bord der Queen Mary
auf­ge­fan­gen am 2.02.2009
22.15 MEZ

geral­di­ne to louis »

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to mr. melville : callas box

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pro­pel­ler

~ : louis
to : Mr. melville
sub­ject : CALLAS BOX

Lie­ber Mr. Mel­ville, Hotel Echo Lima Lima Oscar! Wie geht es Ihnen? Ich hat­te, wäh­rend ich in den ver­gan­ge­nen Wochen an einer Wal­ge­schich­te arbei­te­te, immer wie­der ein­mal an Sie gedacht, an Ihren wei­ßen Wal Moby Dick in Wor­ten und an sei­nen Schat­ten in der Wirk­lich­keit, an Mocha Dick. Wie sehr ich mir doch wün­sche, Sie wür­den bald ein­mal zu mei­nen Walen Kon­takt auf­neh­men und mir dann rasch eine Nach­richt über­mit­teln, ob mei­ne spe­zi­el­len Freun­de wohl auch Ihnen Furcht ein­flös­sen könn­ten. Viel­leicht wer­den Sie, wo auch immer Sie sich auf­hal­ten mögen, etwas Zeit fin­den und lesen. Ist Ihnen bekannt, dass die Gesän­ge der Buckel­wa­le über Struk­tu­ren ver­fü­gen sol­len, die ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähn­lich ist? Stun­den habe ich dem­zu­fol­ge damit zuge­bracht, nach Bot­schaf­ten zu suchen, nach Geräu­schen, die mir etwas sagen, die mei­nem Gehirn Ent­de­ckung, ja Nach­richt sein könn­ten. Ich bin bis­her nicht sehr weit gekom­men, das ist rich­tig, aber ich wer­de nicht nach­las­sen, ich wer­de so lan­ge den Gesän­gen der Wale lau­schen, bis mir ver­ständ­lich sein wird, was sie da sin­gen oder spre­chen. Mei­nen Namen loooouuuiiiiii mei­ne ich jeden­falls schon auf­ge­spürt zu haben. Das ist ein Anfang und ich bin zuver­sicht­lich in den kom­men­den Wochen gut vor­an­zu­kom­men. Was, mein lie­ber Mr. Mel­ville, ist unter einer ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­che zu ver­ste­hen? – Ahoi! Ihr Louis.

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symphonie

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romeo : 0.01 — Da sind im Kon­zert­saal 8 Kon­tra­bas­sis­ten und sie flüs­tern mit­ein­an­der, wäh­rend sie lei­se etwas Jazz­mu­sik spie­len, viel­leicht weil das schon immer die bes­te Metho­de gewe­sen ist, ein Instru­ment aus dem Schlaf zu holen. Auch der Chor ist schon ein­ge­trof­fen und raschelt mit sei­nen Papie­ren. Eine ent­spann­te Atmo­sphä­re, eine Stim­mung, wie in den Wäl­dern kurz vor Anbre­chen der Däm­me­rung, ers­te Geräu­sche, schon bewuss­te, aber auch noch Traum­ge­räu­sche, alles nur zur Pro­be. Und ich lau­sche und den­ke, dass ich in weni­gen Minu­ten Zubin Meh­ta sehen wer­de, wie er Mahlers Sym­pho­nie No 3 diri­gie­ren wird. Und wie ich so sit­ze, erin­ne­re ich mich an Fin­ger­be­we­gun­gen einer jun­gen Frau, die im Prä­pa­rier­saal der Mün­che­ner Ana­to­mie mit Seh­nen und Mus­keln eines Armes spielt, eine Ges­te, als wür­de sie ver­su­chen, jenem namen­lo­sen Arm ein Geräusch zu ent­lo­cken. Schnee fällt. Knie­hoch wird er noch fal­len. Jack Lon­don lesen, notie­re ich. Und jetzt ist der Abend eines spä­te­ren Win­ters und ich sehe mei­ne Schrift­zei­chen, unge­lenk, weil schon im Halb­dun­kel des Kon­zert­saa­les ins Notiz­buch geschrie­ben. Alles das, in mei­nem Kopf durch­ein­an­der. Ich fan­ge am bes­ten noch ein­mal von vorn an. Da sind also im Kon­zert­saal 8 Kon­tra­bas­sis­ten, sie flüs­tern mit­ein­an­der. Schnee fällt. Knie­hoch wird er noch fal­len. — stop

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herzschrittmacher

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echo : 0.01 — Wun­der­ba­rer Abend. stop. Nichts ande­res ist zu tun, als in Cal­las­box Zei­len auf­zu­spü­ren, die mei­nem Rhyth­mus nicht fol­gen wol­len. stop. 80733 Zei­chen. stop. Ein­mal woll­te ich durch einen Prä­pa­rier­saal wan­dern und Herz­schritt­ma­cher sam­meln. stop. Klei­ne, öli­ge Maschi­nen. stop. Selt­sa­me Geschich­te. — stop

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luftfische

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tan­go : 0.01 — Eine Nacht kon­zen­trier­ter Arbeit. stop. Begin­ne Cal­las Box 2.0 zu mon­tie­ren. stop. Tau­sen­de Bewe­gun­gen mei­ner Hän­de. stop. Im Zeit­raf­fer, die Bewe­gun­gen einer Näh­ma­schi­ne. stop. Click tick tick tick. stop. Jeder Bewe­gung geht ein prü­fen­der Blick vor­aus. stop. Jeder voll­zo­ge­nen Bewe­gung folgt ein prü­fen­der Blick. stop. Ich weiß, dass ein nicht sofort ent­deck­ter Feh­ler im Code, Stun­den der Suche bedeu­ten wür­de. stop. Hei­ße Scho­ko­la­de. stop. Immer wie­der ein­mal auf­ste­hen und spa­zie­ren gehen. stop. Leich­te elek­tri­sche Ent­la­dun­gen der Luft. stop. Als wür­den mich in der Luft schwe­ben­de Fische küs­sen. — stop

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von der poesie der insekten

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echo

~ : louis
to : mon­sieur jean-hen­ri fabre
sub­ject : VON DER POESIE DER INSEKTEN

Mein lie­ber Mon­sieur Fab­re, an die­sem wun­der­schö­nen, eis­kal­ten Dezem­ber­tag gegen Zehn, habe ich ent­lang Ihrer fei­nen Zei­chen­ket­te die Bestei­gung des Mont Ven­toux in Angriff genom­men. Nun bin ich wie­der ein­mal begeis­tert von hin­rei­ßen­der Land­schaft, von der dün­ner wer­den­den Luft, von ihren gelieb­ten Wes­pen, die ich noch nie in mei­nem Leben mit eige­nen Augen wahr­ge­nom­men habe. Heu­te Mor­gen sehr früh, als ich vor dem Fens­ter saß und mei­ne Polar­spin­ne beob­ach­te­te, wie sie sich freu­te, nach einer sehr lan­gen Zeit im Eis­fach end­lich unter der frei­en, kal­ten Luft die Ster­ne betrach­ten zu kön­nen, hat­te ich die Genau­ig­keit Ihres Sehens erin­nert, die Geduld Ihrer Augen, und sofort in Ihr klei­nes, bedeu­ten­des Buch von der Poe­sie der Insek­ten geschaut. Man kann das Atmen ver­ges­sen. Wie lan­ge Zeit wer­den Sie wohl eine gra­ben­de Sand­wes­pe betrach­tet haben, ehe Sie einen ers­ten Satz for­mu­lier­ten? Und was, zum Teu­fel, haben Sie da unter der Lupe, als Nadar Sie foto­gra­fier­te? — Ihr Lou­is, mit bes­ten Grüßen.

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mrs. callas betrachtet raissa orlowa und lew kopelew

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nord­pol : 0.01 — Kam von einem Besuch bei Freun­den nach Hau­se zurück, und wie ich so in mei­ne Woh­nung stol­per­te, ent­deck­te ich Mrs. Cal­las, die wei­nend vor einer Foto­gra­fie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Foto­gra­fie, die ich seit vie­len Jah­ren besit­ze und mir immer wie­der sehr ger­ne anse­he. Natür­lich wun­der­te ich mich, dass Mrs. Cal­las wein­te, weil die Foto­gra­fie zwei alte Men­schen zeigt, eine Frau und einen Mann, die fried­voll Sei­te an Sei­te in einer Küche an einem Tisch sit­zen. Rais­sa Orlo­wa, liest ihrem alten Mann, Lew Kope­lew, viel­leicht aus einem Buch vor. Und ich frag­te Mrs. Cal­las, war­um sie denn wei­nen wür­de, das sei doch eine sehr beru­hi­gen­de Foto­gra­fie. Ich glau­be, setz­te ich hin­zu, sie sind glück­lich. Mrs. Cal­las ant­wor­te­te unver­züg­lich mit Ernst in der Stim­me, ja, das sind sie, glück­lich, ganz sicher sind sie sehr glück­lich. Ich wün­sche mir für mich ein Ende wie die­ses hier an der Wand, Mr. Lou­is. Sie müs­sen mir ein ande­res Ende schrei­ben! – Und so sit­ze ich nun müde auf dem Sofa und notie­re die­se Geschich­te, wäh­rend Mrs. Cal­las mich hoff­nungs­voll beob­ach­tet. Wie nur könn­te ich sie trös­ten, weil ich doch vor ihrem Schick­sal ohn­mäch­tig bin? Viel­leicht könn­te ich erzäh­len, dass ich Lew Kope­lew in Mün­chen ein­mal für weni­ge Sekun­den begeg­ne­te. Ich könn­te ihr beschrei­ben, wie er mir am Haupt­bahn­hof aus einer Men­schen­men­ge her­aus ent­ge­gen­kommt, wie ich sei­ne Erschei­nung, sei­ne statt­li­che Grö­ße, sei­nen schloh­wei­ßen Bart bewun­de­re. Und ich könn­te Mrs. Cal­las berich­ten, wie Lew Kope­lew mei­nen Blick bemerkt, wie er mich freund­lich betrach­tet und wie er mei­nen nicken­den Gruß erwi­dert, weil er in mei­nem Blick gese­hen haben wird, dass ich ihn für lan­ge Zeit gele­sen habe und immer wie­der lesen wer­de. – Ja, viel­leicht soll­te ich Mrs. Cal­las von die­sen Sekun­den mei­nes Lebens erzäh­len, und dass es erhol­sam sein könn­te, sich zunächst ein­mal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.

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