delta : 0.14 – Von einer Reise himmelwärts geträumt. Suchte auf Bildschirm nach Fährschiffverbindungen Athen – Santorini und stieß auf eine seltsame Offerte. Der Text zu einer Fotografie, die eine Formation wilder Gewitterwolken zeigte, lautete in etwa so: Tagesreise ins Jenseits. Buchen Sie noch heute. Flüge ab London, Madrid, München, auch an Sonntagen, stündlich. Unverzüglich flog ich los. Eine äußerst kurze Reise, ein Wimpernschlag nur und das Flugzeug landete in einem schneeweißen Raum ohne jede Begrenzung. Ich erinnere mich, dass ich eine Flugbegleiterin, die nahe der Gangway wartete, fragte, ob es an diesem Ort jemals dunkel werden würde, ich könne im Hellen nicht schlafen. Sie antwortete lächelnd: Wenn Sie hier einmal für immer angekommen sein werden, müssen sie nie wieder schlafen. – Kurz nach Mitternacht. Ein Buch Julio Llamazares’ liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe das Buch geöffnet, um nach einem zärtlichen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Seite 4 einer feinen Sammlung erzählender Stummfilmszenen zu finden. Er geht so: Für meine Mutter, die schon Schnee ist. — stop
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Aus der Wörtersammlung: einmal
sprachlos
echo : 1.10 – Ein aufwühlendes Gespräch vor Tagen. L., Journalistin kurdischer Herkunft, erzählt von ihrer Schwester, die seit 10 Jahren verschwunden ist. Ruhig sitzt sie vor mir. Aber das seltsam flackernde Licht ihrer Augen. Sie sagt, sie wünsche sich, irgendjemand würde irgendwann einmal die Geschichte ihrer Schwester schreiben. Du musst wissen, wir vermissen sie noch immer sehr. Wir vermuten, dass sie in den Bergen umgekommen ist. Ein Hinterhalt. Wir haben keinen Beweis, wir haben nur ihr Schweigen. — stop
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blaue kamele
tango : 3.28 – Wie wir auf den Schultern unseres Vaters durch die Welt schaukelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dromedars, das die menschliche Sprache sprechen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwindigkeit und die Zeit, die das Licht unterwegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drummerman, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heimlich meine Schreibmaschine angeschaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzuschreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bildschirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Freitagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbeitete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Computerlochkarten, kräftige, beige Papiere, in welchen sich seltsame Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erinnere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeisterter Maler, ich malte mit Wachskreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Buntsein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeuteten, über deren Existenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich so lange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater. — stop
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lichtpelz
lima : 0.02 – In einer frühzeitigen Erinnerung, die ich gestern, während ich eine filmische Erzählung der Stadt Istanbul beobachtete, erreichen konnte, sind keine menschlichen Wesen zu entdecken, doch Körper von Licht. Ich liege in einem schwankenden Schiff, das durch eine Straßenbahn fährt. Über mir die Wärme der Glühbirnen, Glaskolben, in welchen wirkliches Feuer enthalten ist. Draußen, im Dunkeln, Schneeflocken, die aus sich selbst heraus zu leuchten scheinen, Lichtpelzfetzen. — Ich frage mich gerade, ob diese Erinnerung nicht eine ausgemalte Erinnerung sein könnte, Filmbildern nachgezeichnet. Aber da sind der Duft von gebrannten Mandeln und das Schrillen einer Klingel und das Geräusch einer Stimme, die später einmal sagen wird: Max-Weber-Platz. — stop

zeppeline
alpha : 8.06 — Seit Tagen denke ich darüber nach, weshalb mich die Ansicht japanischer Fesselbombenballone irritiert. Ich komm nicht dahinter. Vielleicht einmal eine Geschichte erzählen, die von oder mit Bombenballonen handelt, eine Art fabulierende Denkbewegung, die die Substanz dieser seltsamen Idee in meinem Leben wirklicher, greifbarer werden lässt. Nicht also erfinden, sondern etwas Gefundenes buchstabieren, um es genauer denken oder überhaupt als etwas Eigenes spüren zu können. Gestern Abend noch erzählte ich in einem Gespräch von Zeppelinkäfern, wie sie durch meine Wohnung schweben. Ich erzählte in einer Weise, dass ich eher sagen müsste, dass ich von der Erscheinung der Zeppelinkäfer in meinem Zimmer berichtete, weil sie, im Februar zunächst wortweise auf Notizpapier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirklichen Erscheinung geworden sind. — Eine beruhigende Beobachtung. — stop

ohrwesen
romeo : 0.08 – Kurz nach Mitternacht. Leichter Regen, aber nur als Vorstellung, als Übung, als Suche in den Magazinen meines Gehörs. Plötzlich erinnerte ich mich, einmal heimlich ein Ohr aus nächster Nähe beobachtet zu haben, ein Wunder der Schöpfung. Ich betrachtete dieses Ohr so liebevoll und so lange Zeit, dass ich bald etwas ganz anderes in ihm sehen wollte, als eine halbe Stunde noch zuvor, ein Wesen nämlich ganz für sich. Der Gedanke, ich könnte jederzeit ein schlafendes Ohr mit meinem Blick berühren, ohne dass es davon wach werden würde, fasziniert mich außerordentlich. Wenn ich aber sagen würde, leise, leise: Du bist wunderschön, dann würde das Ohr mich vielleicht ansehen, ein noch halbwegs träumendes Auge von einer Sekunde zur anderen Sekunde, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
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abendsegeln
echo : 0.01 — Der Versuch, im Garten die Dämmerung des Abends mit meinen Augen, also mit meinem Gehirn zu begreifen. Es ist wieder einmal sonderbar, ich habe einen Knoten in meinem Kopf. Immer genau dann, wenn ich sagen wollte: Schau her, vor einer Sekunde ist es ein wenig dunkler geworden, war ich mir nicht sicher, ob ich nicht irrte, weil ich das Dunkelwerden nicht eigentlich gesehen, sondern vielmehr gefühlt oder angenommen hatte. Einmal schloss ich meine Augen für zwei Minuten und hoffte vergeblich, mir das Lichtbild merken zu können, das ich zuletzt gesehen hatte. Und doch habe ich eine feine Entdeckung gemacht. Sobald ich im Dunkeln mein Gehirn mit meinen Lidern bedecke, wird das Dunkel heller. Ich muss das im Auge behalten! — stop
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appalachian trial
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : NACHTBÄREN
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie sich also auf den Weg gemacht! Wie sehr ich mich für Sie freue! Den Appalachian-Trail einmal anstatt von Süden kommend, von Norden her zu bewandern: feine Idee. Ich bin begeistert! Aber Sie sind spät, sehr spät sind Sie, viele Tage werden Sie unter Regenwolken wandern. Ich hoffe, man hat Sie gut vorbereitet, hoffe, dass Sie über ein wasserfestes Telefon und eine gleichwohl wasserfeste Schreibmaschine verfügen. Ihre erste Nachricht ist heute Morgen jedenfalls bei mir eingetroffen. Eine E‑Mail, der nicht anzusehen ist, dass sie in der Wildnis geschrieben wurde. Wir leben doch in seltsamen Zeiten. Ich habe mir sofort eine kleine Karte ihrer Route besorgt. Was machen die Bären? Und die Bienen? Und die Ameisen? Natürlich werde ich unverzüglich an Sie schreiben, sobald ich einen ersten tieferen Eindruck vom Rüsselprinzip der Tiefseeelefanten gewonnen habe. Ich denke Tag und Nacht über das Atmen in großer Tiefe nach. Ganz vorsichtig teile ich Ihnen mit, dass ich vielleicht bereits eine Ahnung habe. Bis bald, mein lieber Kekkola. Passen Sie gut auf sich auf! – Ihr Louis
gesendet am
27.07.2009
18.58 MESZ
1074 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »

zahlenflüstern
sierra : 5.05 — Unterm Schirm im Palmengarten einem Gewitter zugehört. Nichts getan, als zu lauschen und zu beobachten, dass mein Gehirn nicht schnell genug ist, um die Tropfen eines kräftigen Regens, ihr Geräusch, nachzuzählen. Wie ich so ergeben vor Schildkröten und Karpfen auf einer Bank lungerte, ist mir aufgefallen, dass ich nicht ganz sicher sagen kann, ob es nicht vielleicht doch die Wörter sind, die mich zur Zählschnecke machen, jene Zahlen nämlich, die ich insgeheim verwende, um in der Summe voranzukommen. Ich bin dann, während ich das Flammen meiner Zahlwörter beobachtete, eingeschlafen. Ein weiterer Regen weckte mich bald auf und wieder versuchte ich zu zählen. Dieses Mal zählte ich flüsternd und ich zählte lange. Jetzt weiß ich, dass ich flüsternd schneller zählen kann, als schweigend nur in Gedanken Zahlen notierend. Was ist das überhaupt für eine Stimme in meinem Kopf? Fangen wir noch einmal von vorn: Auch am vergangenen Abend, wie man mir erzählte, wurde kurz nach zehn Uhr in Teheran unter glanzvollen Sternen von den Dächern nach Freiheit gesungen. — stop
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tiefseeelefanten
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~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : MONTAUK
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie vielen Dank für die feine Fotografie, die Sie mir gestern Abend übermittelten. Wie ich mich herzlich freue, dass Sie sich an mich erinnerten, an die Geschichte uralter Elefantenwanderwege, die den Grund des Karibasees durchkreuzen. Und doch glaube ich, ist der See, an den ich vor langer Zeit einmal dachte, viel zu tief und viel zu breit, als dass Elefanten ihn passieren könnten, ohne Schaden zu nehmen. Nun, wir werden sehen. Ich bin beruhigt, weil Sie mir schreiben, dass ich Ihren Namen als Pseudonym weiterhin verwenden darf, auch für unheimliche Geschichten, wie die Geschichte meiner speziellen Käferwesen von Menschenhaut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuchte Ihre Gegend mit der Google — Earthmaschine, habe ihr Haus beobachtet und am Strand den Schatten einer menschlichen Gestalt. Denkbar, dass Sie das gewesen sind, so klein, so winzig. Habe ich Ihnen berichtet, dass ich ein Wunschbuch für Träume führe seit einigen Tagen? Ich könnte, nein, ich sollte für die kommende Nacht notieren: Schlafen gegen zwei! Erzähl dir Elefantenherden, die den Atlantik durchqueren. Schwebend unter Rüsseln von fantastischer Länge, leicht, wie Menschen auf dem Mond, spazieren sie schnorchelnd über schneeweißen Tiefseesand. Herzlich grüßt Sie Ihr Louis. Ahoi!
gesendet am
12.07.2009
22.58 MEZ
1425 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
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