Aus der Wörtersammlung: erinnere

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raumstation

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sier­ra: 11.50 — An die­sem Frei­tag­mor­gen, Nebel­schlei­er­wol­ken lun­gern über dem Tal der Salz­ach, konnt ich seit 47 Tagen erst­mals mit mei­ner rech­ten Hand wie­der mein rech­tes Ohr berüh­ren. stop. Ange­dockt. stop. Die Mel­dung gegen den Mit­tag zu, Neu­tri­nos auf unter­ir­di­schem Wege von Genf nach Rom sei­en schnel­ler geflo­gen als das Licht. — stop

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fasankino

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tan­go : 0.02 — Ges­tern, Diens­tag, ist Ilse Aichin­ger 90 Jah­re alt gewor­den. Ich erin­ner­te mich an einen Text, den ich vor eini­ger Zeit bereits auf­ge­schrie­ben habe. Der Text scheint noch immer nah zu sein, wes­halb ich ihn an die­ser Stel­le wie­der­ho­len möch­te. Ich betrach­te­te damals, als ich den Text notier­te, eine Film­do­ku­men­ta­ti­on. Es war ein frü­her Mor­gen und ich fuhr in einem Zug. Immer wie­der spul­te ich, Zei­chen für Zei­chen ver­mer­kend, was ich hör­te, den Film zurück, um kein Wort des gespro­che­nen Tex­tes zu ver­lie­ren oder zu ver­dre­hen. Und so kam es, dass auch Ilse Aichin­ger, von einem unru­hi­gen Gelei­se geschüt­telt, immer wie­der auf dem hand­tel­ler­gro­ßen Bild­schirm unter spa­zie­ren­den Men­schen vor mir auf­tauch­te, indem sie von ihrer Kino­lei­den­schaft erzähl­te: Wenn ich mich recht erin­ne­re, hör­te ich in mei­ner frü­hen Kind­heit eine älte­re Frau zu einer ande­ren sagen: – Es soll jetzt Ton­fil­me geben. – Das war ein rät­sel­haf­ter Satz. Und es war einer von den ganz weni­gen rät­sel­haf­ten Sät­zen der Erwach­se­nen, die mich nicht los­lie­ßen. Eini­ge Jah­re spä­ter, ich ging schon zur Schu­le, sag­te die jüngs­te Schwes­ter mei­ner Mut­ter, wenn wir an den Sonn­ta­gen zu mei­ner Groß­mutter gin­gen, bei der sie leb­te, fast regel­mä­ßig am spä­ten Nach­mit­tag: > Ich glau­be, ich gehe jetzt ins Kino. < Sie war Pia­nis­tin, unter­rich­te­te für kur­ze Zeit an der Musik­aka­de­mie in Wien und übte lang und lei­den­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehen. Ihr Kino war das Fasan­ki­no. Es war fast immer das Fasan­ki­no, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hau­se und erklär­te meis­tens, es hät­te gezo­gen und man kön­ne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­ki­no nicht, und sie hol­te sich dort nicht den Tod. Den hol­te sie sich, und der hol­te sie gemein­sam mit mei­ner Groß­mutter im Ver­nich­tungs­la­ger Minsk, in das sie depor­tiert wur­den. Es wäre bes­ser gewe­sen, sie hät­te ihn sich im Fasan­ki­no geholt, denn sie lieb­te es. Aber man hat kei­ne Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, son­dern auch bezüg­lich der Aus­wahl der Fil­me zuwei­len bedaue­re, wenn mei­ne liebs­ten Fil­me plötz­lich aus den Kino­pro­gram­men ver­schwin­den. Obwohl ich es ger­ne wäre, bin ich lei­der kei­ne Cine­as­tin, son­dern gehe sechs oder sie­ben­mal in den­sel­ben Film, wenn in die­sem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaf­ten von Eng­land oder Neu­eng­land auf­tau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast eben­so zuge­neigt bin. Ilse Aichin­ger: Mitschrift

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PRÄPARIERSAAL : skalpell

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romeo : 3.05 — Ich habe das Fau­chen eines Schwans gehört. Zunächst war ich mir nicht sicher gewe­sen, ob ich mich nicht viel­leicht geirrt haben könn­te, ein Nach­ge­räusch, dach­te ich, ein Schat­ten in den Ohren, wie in den Augen Nach­bil­der ent­ste­hen, weil ich am Abend wirk­li­chen, fau­chen­den Schwä­nen im Pal­men­gar­ten begeg­net war. Also spul­te ich das Band zurück und hör­te noch ein­mal genau­er hin, und da war das luf­ti­ge Geräusch tat­säch­lich wie­der zu hören gewe­sen, in einer Atem­pau­se Emi­lys, deren Stim­me ich im Nym­phen­bur­ger Schloss­park auf­ge­zeich­net hat­te. Sie woll­te Spa­zie­ren­ge­hen. Sie hat­te gesagt, sie kön­ne sich bes­ser kon­zen­trie­ren in Bewe­gung, vor allem bes­ser schwei­gen, nach­den­ken im Gehen. Win­ter­zeit, Schnee lag hoch bis zu den Knien und die Schwä­ne fauch­ten hung­rig. Emi­ly nun, so wie sie gespro­chen hat­te, ohne Pau­sen an die­ser Stel­le, weil ich ihr Schwei­gen in den Zei­chen ent­fern­te: > Bevor ich erzäh­le, wie ich die Öff­nung des Kör­pers erlebt habe, möch­te ich erwäh­nen, dass die­ser ers­te Tag und auch der zwei­te Tag für mich nur schwer zu ertra­gen gewe­sen sind. Ich war beein­druckt von der gro­ßen Zahl der Tische, die in den Apsi­den stan­den. Ganz ehr­lich, ich war ein­ge­schüch­tert. Ich fühl­te mich unsi­cher und unbe­deu­tend und ich glau­be, vie­le ande­re haben sich selbst auch so wahr­ge­nom­men. Man will das natür­lich nicht zei­gen. Man wünscht sich, sou­ve­rän zu sein. Aber ich muss­te mich über­win­den, den Kör­per über­haupt nur zu berüh­ren. Da war ein Wider­stand in mir, dem ich bis heu­te noch nach­spü­ren kann Ich habe meh­re­re Ver­su­che unter­nom­men und hat­te plötz­lich gro­ße Angst, dass ich das über­haupt nie­mals könn­te. Aber mei­ne Freun­de am Tisch waren sehr ver­ständ­nis­voll. Sie haben mich nicht gedrängt und auch unser Tischas­sis­tent nicht. Er sag­te, dass das ganz nor­mal sei und dass ich mich beru­hi­gen sol­le und ganz ruhig atmen. Ich hat­te eine irgend­wie ver­zerr­te Wahr­neh­mung, alles war so laut um mich her­um und ich bekam schlecht Luft. Ich bin dann erst ein­mal aus dem Saal geflüch­tet. Eine Freun­din hat mich beglei­tet und wir sind auf dem Flur hin- und her­ge­lau­fen. Und dann woll­te sie zurück und ich folg­te. Ich erin­ne­re mich an den grü­nen Kit­tel unse­res Assis­ten­ten. Er beug­te sich gera­de über den Kör­per des Toten und zog das Skal­pell vom Kinn in Rich­tung des Nabels. Ich wun­der­te mich, dass man gar nichts hören konn­te. Ver­ste­hen Sie, ich kann mir heu­te noch nicht erklä­ren, war­um ich ein Geräusch erwar­tet habe. Man konn­te auch kei­ne Spu­ren eines Schnit­tes erken­nen. Dann ist etwas Merk­wür­di­ges mit mir gesche­hen. Ich habe mei­ne Posi­ti­on am Tisch wie­der ein­ge­nom­men, das heißt, ich habe mich wie­der zu mei­ner Grup­pe gestellt. Ich habe mei­ne Hand­schu­he ange­zo­gen, mein Skal­pell aus­ge­packt und mei­ne Pin­zet­te und dann habe ich ange­fan­gen zu arbei­ten. Ich will das so sagen, ich habe den Kör­per auf dem Tisch zunächst mit dem Skal­pell berührt und dann mit mei­nen Hän­den. Ich war sehr glück­lich gewe­sen, dass ich mich über­win­den konn­te. Immer wie­der ist aber das Gefühl einer gewis­sen Unwirk­lich­keit zurück­ge­kehrt, der Ein­druck an die­sem Ort deplat­ziert zu sein, fremd oder so etwas. Sobald ich dann etwas getan habe, wenn ich gear­bei­tet habe, wenn ich also prä­pa­riert habe, ging das gut mit mir. Ich glau­be, ich war eine von jenen, die stets tief über das Prä­pa­rat gebeugt waren, ich bin sehr schnell in den Saal zum Tisch gelau­fen, und wenn ich fer­tig war, habe ich den Saal so rasch wie mög­lich wie­der verlassen.

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PRÄPARIERSAAL — so haben wir angefangen

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del­ta : 22.20 — Sobald ich mein Ton­band­ge­rät betrach­te, wenn ich beob­ach­te, wie sich zier­li­che Räd­chen hin­ter einer Schei­be bewe­gen, Lust, die klei­ne Maschi­ne aus­ein­an­der­zu­neh­men, alles zu betrach­ten und dann wie­der zusam­men­zu­set­zen, auch wenn viel­leicht Jah­re ver­ge­hen, bis die Zusam­men­hän­ge der Maschi­ne wie­der feh­ler­los her­ge­stellt sein wer­den. An die­sem Abend, da im Hin­ter­grund eine wei­te­re, eine digi­ta­le Ton­band­ma­schi­ne Joshua Red­man wie­der­holt, ist alles noch in Ord­nung, unbe­rührt, sagen wir. Tom erzählt: > Man geht also vor­sich­tig los, man kommt durch eine Klapp­tür in den Saal und sieht sofort, dass da sehr vie­le Men­schen sind. Ich hat­te zunächst ein paar Pro­ble­me damit, die Knöp­fe mei­nes Kit­tels in die Fin­ger zu bekom­men, weil ich einen Atlas unter den Arm geklemmt hat­te und ein Paar Latex­hand­schu­he in der einen Hand und in der ande­ren mei­nen Werk­zeug­kas­ten, eine höl­zer­ne Schach­tel mit Pin­zet­ten und Skal­pel­len. Ich habe mir gedacht, du musst jetzt nicht beson­ders sou­ve­rän sein, mein Jun­ge, son­dern zunächst ein­mal dei­nen Tisch fin­den und dei­ne Leu­te und dann wirst Du ganz ein­fach anfan­gen. Also bin ich gleich nach links gelau­fen, weil ich wuss­te, dass ich in einer Abtei­lung arbei­ten wer­de, die links liegt, wenn man das von der Tür aus betrach­tet. Aber dann hat­ten wir natür­lich kei­ne Ahnung, wie wir anfan­gen soll­ten. Wir stan­den um einen Tisch her­um und haben zunächst ein­mal abge­war­tet. Wir waren acht Leu­te. Weil wir uns noch nicht alle kann­ten, haben wir uns erst ein­mal vor­ge­stellt. Viel­leicht bekomm ich sie grad schnell zusam­men. Da war, zum Bei­spiel, Mika, eine Nor­we­ge­rin, und Micha­el, der mir am Tisch gleich gegen­über arbei­te­te, und Sus­an, die sich ein Tuch um ihren Kopf gebun­den hat­te, damit das Haar ihr nicht ins Gesicht fal­len konn­te. Und da waren Zue natür­lich, eine Afri­ka­ne­rin von der Elfen­bein­küs­te, die uns nicht immer ver­ste­hen konn­te, weil sie die eng­li­sche und fran­zö­si­sche Spra­che flüs­si­ger spre­chen konn­te als die deut­sche Spra­che, und Isme­ne, eine Grie­chin, die uns sofort erzählt hat­te, dass sie Chir­ur­gin wer­den wol­le. Ich erin­ne­re mich, Ihre Augen waren stark gerö­tet, viel­leicht weil ein schar­fer Geruch in der Luft hing, irgend­et­was, das die Augen reiz­te. Ich konn­te die­sen Geruch bereits auf der Stra­ße wahr­neh­men, und spä­ter, am Abend, zu Hau­se, hat­te ich ihn an den Hän­den. Kurz­um, wir haben dann also gewar­tet. Ich kann nicht genau sagen, wie lan­ge wir so gewar­tet haben. Das war eine selt­sa­me Situa­ti­on. Wir haben uns immer wie­der ange­lä­chelt. Ich glau­be, wir waren alle sehr ver­le­gen und stan­den zu die­sem Zeit­punkt unter einer gro­ßen Span­nung. Der Tisch hat­te die Num­mer 4/12. Eine rote Pla­ne war über die­sen Tisch aus­ge­brei­tet und wir konn­ten eine Kon­tur erken­nen, eine Erhe­bung. Wir wuss­ten, dass da ein Kör­per lag und dass die­ser Kör­per eher klein sein muss­te, zier­lich, sagen wir. Ich hat­te die Vor­stel­lung, dass dort unter der Decke eine Frau lie­gen könn­te. Und ich erin­ne­re mich, dass ich in die­sem Moment über­leg­te, ob das Geschlecht des Kör­pers, den ich in den kom­men­den Wochen aus­ein­an­der neh­men wür­de, eine Bedeu­tung für mich haben wür­de oder nicht. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Coas­sis­tent kam zu uns an den Tisch und erkun­dig­te sich, ob alles o. k. sei. Er hat­te die Arme vor der Brust ver­schränkt und schau­te jeden ein­zel­nen von uns an und lach­te sehr freund­lich. Wir haben dann damit begon­nen, das rote Tuch vom Tisch zu neh­men. So haben wir angefangen.
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PRÄPARIERSAAL : namen

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marim­ba : 22.51 — Feuch­te Flie­gen lun­gern am Abend auf dem Boden her­um. Das sanf­te, ein­schlä­fern­de Geräusch des Was­sers, Dun­kel­heit kommt bald aus den Wol­ken gefal­len. Unter dem Schirm dort wei­ter ana­to­mi­sche Ton­bän­der ver­zeich­net. Vero­ni­ka* erzählt eine fei­ne Geschich­te, die ich bei­na­he genau so wie­der­ge­be, wie ich sie vor weni­gen Minu­ten hör­te: > Ich ste­he vor einem Tisch und betrach­te einen Kör­per. Das ist ein Bild, das ich nicht erfun­den habe, ein Bild, das jetzt zu mei­nem Leben gehört. Eine Frau, die in einem wei­ßen Kit­tel vor einem Tisch steht, auf dem ein Mensch liegt, der tot ist. Ich habe mit den Ursa­chen die­ses Todes nichts zu tun, ich emp­fin­de kei­ne Trau­er, aber Respekt. In den ers­ten Minu­ten im Saal am Tisch habe ich nicht sehr geord­net, nicht sys­te­ma­tisch jeden­falls nach­ge­dacht. Ich glau­be, ich habe zunächst ver­sucht, ein Gefühl, ein geeig­ne­tes Gefühl für die­se Situa­ti­on zu fin­den, eine Posi­ti­on, mei­ne Posi­ti­on. Kurz zuvor waren wir noch im Hör­saal gewe­sen. Unser Pro­fes­sor hat­te ein Prä­pa­rat mit­ge­bracht. Die­ser hel­le Kör­per, der weit ent­fernt in einem Oval unter den hoch auf­ra­gen­den Sitz­rei­hen auf einer Bah­re lag, hat­te etwas Ein­sa­mes an sich. Als ich mich dann an mei­nem Tisch ste­hend über den Kör­per eines Man­nes beug­te, den ich in den fol­gen­den Wochen zer­le­gen wür­de, such­te ich unwill­kür­lich nach Spu­ren, die zu einer Vor­stel­lung füh­ren könn­ten, wie er ein­mal leb­te. Aber da war nichts, was mich mit sei­ner Zeit noch ver­bin­den konn­te, kein Name. Das Haar des Man­nes war ent­fernt, an sei­nen Ohren waren höl­zer­ne Schil­der ange­bracht, auch an sei­nen Hand­ge­len­ken und an sei­nen Füßen, sein Gesicht war ohne jeden Aus­druck. Ich erin­ne­re mich, der Mann wirk­te weder fried­lich noch so, als wür­de er nur schla­fen, da waren weder Zei­chen einer lan­gen Lei­dens­zeit noch Spu­ren eines Kamp­fes. Das Gesicht war leb­los, ein Gesicht ohne Aus­strah­lung, ohne Elek­tri­zi­tät. Der Kör­per erin­ner­te mich an eine gro­ße Pup­pe, er hat­te etwas Sche­ma­ti­sches, aber viel­leicht war das bereits mein Blick, mei­ne Per­spek­ti­ve gewe­sen, die die­sen Ein­druck erzeug­te? Ein Bein und noch ein Bein. Ein Arm und noch ein Arm, und ein Kopf. Ich konn­te das bald gut, die­sen Mann, die­sen Kör­per betrach­ten. Ich war ganz ent­spannt dabei. Ich wuss­te auch, dass sich die­ser Kör­per sehr rasch ver­än­dern wür­de in der Fol­ge mei­ner Arbeit. Ich war der fes­ten Über­zeu­gung, dass wir dem Toten kei­nen Namen geben soll­ten. Ich war sehr froh, dass ich nicht wuss­te, wie sein Name lau­te­te, als er noch leb­te. Ich habe, kurz­um, ver­sucht, die­sen Kör­per auf dem Tisch als ein Prä­pa­rat zu betrach­ten, als eine für uns kost­ba­re Hül­le, als ein Ver­mächt­nis. Mei­ne Kom­mi­li­to­nen haben ihm einen Namen gege­ben, aber wir haben uns des­halb nicht gezankt. Ich habe mich an der Suche nach einem Namen ganz ein­fach nicht betei­ligt. - stop

* Name geändert
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regentaucher

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sier­ra : 18.55 — Ich habe Geräu­sche ent­deckt, Töne, die vie­le Jah­re zurück ein­mal in mei­nem Leben exis­tier­ten. Ich lag damals oft auf dem Rücken in einem Wagen, der schau­kel­te. Groß war ich zu jener Zeit noch nicht gewe­sen, ich war nicht län­ger als 50 cm. Meis­tens trug ich kei­ne Schu­he. Ich erin­ne­re mich, dass die Wol­ken und der Him­mel über mir schau­kel­ten, und da war ein höl­zer­nes Röhr­chen, von dem wei­te­re höl­zer­ne Röhr­chen bau­mel­ten, die klim­per­ten, hel­le Geräu­sche, wäh­rend sich der Wagen und ich beweg­ten, oder auch dann hel­le Geräu­sche, wenn der Wagen ange­hal­ten war, weil ich sofort mit mei­nen klei­nen Hän­den nach den Röhr­chen lang­te. Jetzt, da ich jene ent­fern­ten Geräu­sche erin­ner­te und ihre Ent­ste­hung, kann ich sie belie­big zur Auf­füh­rung brin­gen, obwohl sie so unmög­lich in der Wirk­lich­keit sind, wie Geräusch des Regens für einen Tief­see­tau­cher uner­reich­bar. — stop
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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz

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bamako : 2.58 – Beob­ach­te­te im Prä­pa­rier­saal kurz vor acht Uhr mor­gens eine Assis­ten­tin, indem sie sich mit­tels eines Skal­pells und einer Pin­zet­te in die Tie­fe eines Lun­gen­flü­gels vor­ar­bei­te­te. Fei­ne, zup­fen­de Hand­be­we­gun­gen einer Uhr­ma­che­rin. Ein metal­le­ner Ton, sobald die Assis­ten­tin etwas Gewe­be am Rand einer Scha­le von ihren Werk­zeu­gen streif­te. Wort­los stand die jun­ge Frau am Tisch, schein­bar ohne sich an mei­ner Gegen­wart zu stö­ren. Nach eini­gen Minu­ten dann schob sie das Lun­gen­prä­pa­rat zur Sei­te und wen­de­te sich einem Her­zen zu, das in unmit­tel­ba­rer Nähe eines wei­te­ren Lun­gen­flü­gels auf einem Blech schau­kel­te, als sei es noch von eige­ner Kraft in Bewe­gung. Das war ein kräf­ti­ges Herz gewe­sen, ich erin­ne­re mich noch gut, über das Gewicht in mei­nen Hän­den gestaunt zu haben. Ich hat­te das Prä­pa­rat vom Tisch geho­ben und hielt es in der Scha­le mei­ner Hän­de fest, um die Arbeit der Assis­ten­tin zu erleich­tern. Das Herz ist schwer, sag­te ich. Ein mäch­ti­ger Mus­kel, ant­wor­te­te die Frau, ja, ein mäch­ti­ges Herz, fest und dun­kel, das Herz eines Läu­fers. Oder ein Künst­ler­herz viel­leicht. Schwei­gen jetzt. Sie trom­mel­te mit ihren Werk­zeu­gen auf den höl­zer­nen Rand des Tisches. Mei­nes wird wohl etwas klei­ner sein, setz­te ich vor­sich­tig hin­zu, ein hel­les Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also flie­gen, bemerk­te die jun­ge Frau und lach­te, das ist eine gute Geschich­te! — Wie sie für den Bruch­teil einer Sekun­de ihr Gehirn mit einem Lid bedeck­te.  Fin. – stop

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PRÄPARIERSAAL : ismene

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sier­ra : 18.02 — Abend. Die Fens­ter geöff­net, es reg­net, für einen Moment ist Herbst gewor­den. Höre ein Inter­view, das ich mit Isme­ne, einer Medi­zin­stu­den­tin, in Mün­chen führ­te. Sie erzählt mit ruhi­ger Stim­me fol­gen­de Geschich­te: > Wie wir ange­fan­gen haben? Ich erin­ne­re mich gut. Ich hat­te kaum geschla­fen. End­lich soll­te es los­ge­hen. Als ich dann im Prä­pa­rier­saal vor dem Tisch stand, war ich erst ein­mal irri­tiert vom Anblick des Leich­nams. Ich glau­be, alle mei­ne Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen waren irri­tiert gewe­sen, min­des­tens waren sie beein­druckt. Wenn man unsi­cher ist, schaut man nach, was die ande­ren tun. Und wenn die Bli­cke ein­an­der begeg­nen, lächelt man. Ich habe die­se ers­te Situa­ti­on vor dem Tisch als sehr authen­tisch emp­fun­den, als ehr­lich und unmit­tel­bar. Wir hat­ten nur unse­re Augen, unse­re Hän­de, also unse­ren Tast­sinn, ein Skal­pell und eine Pin­zet­te, um den Kör­per, der uns zur Ver­fü­gung gestellt war, zu unter­su­chen. Natür­lich arbei­te­ten wir auch mit unse­rem Gehör­sinn. Wir waren acht Leu­te an jedem der 52 Tische, und wir dis­ku­tier­ten, was wir gese­hen haben. An die­sem ers­ten Tag aber waren wir eher still gewe­sen. Ich glau­be, jeder von uns muss­te zunächst ein­mal mit sich selbst zurecht­kom­men. Das waren ja sehr kräf­ti­ge Ein­drü­cke. Ich habe mir, um mich vor dem schar­fen Geruch zu schüt­zen, ein Tuch in die Brust­ta­sche gesteckt, das ich in Euka­lyp­tus­öl getaucht hat­te. Und da war nun die­se alte Frau gewe­sen. Sie lag voll­kom­men unbe­klei­det auf dem Tisch vor uns. Ich habe gewusst, dass die­ser Moment kom­men wür­de, aber man kann sich auf den Augen­blick einer ers­ten Begeg­nung die­ser Art nicht wirk­lich vor­be­rei­ten. Viel­leicht hat­ten wir des­halb mit hoher, zupa­cken­der Geschwin­dig­keit die rote Decke und das wei­ße Tuch, die den Leich­nam vor Aus­trock­nung schüt­zen, ange­ho­ben, weil wir unse­rer Unsi­cher­heit Akti­vi­tät ent­ge­gen­set­zen woll­ten. Ich war sehr bewegt und ich war unru­hig und ich schäm­te mich für mei­nen sach­li­chen Blick, der das Gewicht der alten Dame schätz­te und ihre Grö­ße. Sie lag rück­lings auf dem Tisch. Ihre Bei­ne und Arme waren aus­ge­streckt. Wenn sie noch am Leben gewe­sen wäre, wür­de sie ver­mut­lich ver­sucht haben, sich zu schüt­zen. Sie hät­te ihre klei­nen, fla­chen Brüs­te mit Hän­den bedeckt und ihre Scham, und sie hät­te viel­leicht irgend­ei­ne abweh­ren­de Ges­te unter­nom­men. Ich sehe ihr Gesicht, ihre geschlos­se­nen Augen noch sehr genau vor mir. Ein fei­nes Gesicht. Das For­ma­lin hat­te ihr kaum zuge­setzt, an ihrem Kör­per war kei­ne wei­te­re Nar­be zu fin­den als ein Schnitt an der Innen­sei­te des lin­ken Ober­schen­kels, der von einer Kanü­le der Prä­pa­ra­to­ren ver­ur­sacht wor­den war. Und wenn ich jetzt sage, dass sie sehr echt aus­sah, wirk­lich, ver­letz­lich, dann kom­me ich der Ursa­che mei­ner Irri­ta­ti­on viel­leicht näher. Ver­ste­hen Sie, die alte Dame war mir ähn­lich. Ich bemerk­te eine Frau, eine Frau, die nur durch ein wenig Zeit von mir getrennt war. Ich sah eine Per­son und ich fürch­te­te, sie in ihrer Ruhe zu stö­ren, und des­halb sprach ich lei­se. Auch mei­ne jun­gen Freun­de am Tisch spra­chen sehr lei­se, zurück­hal­tend, behut­sam. Ich sah, dass ihre Hän­de in den Latex­hand­schu­hen schwitz­ten und auch, dass sie ein wenig zit­ter­ten, wäh­rend sie arbei­te­ten. Die Hän­de der alten Dame wirk­ten, als hät­te sie zu lan­ge geba­det. Das waren sehr fei­ne Hän­de. Sie hat­te zuletzt noch ihre Fin­ger­nä­gel bemalt in einem hel­len Rot. Sie hat­te sich noch geschmückt. Sie woll­te schön sein! Immer­zu muss­te ich ihre Hän­de betrach­ten. — stop

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herzgeschichte

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hibis­kus : 0.05 — Zu einer Zeit, als mei­ne Mut­ter noch für mich atme­te, beweg­te sich zum ers­ten Mal mein Herz. Bald wur­de ich gebo­ren und lern­te zu schwei­gen, zu sit­zen, zu ste­hen und mei­ne Schu­he zu bin­den, mit Krei­de auf eine Tafel zu schrei­ben und zu lesen, und wäh­rend ich die­se fei­nen Din­ge lern­te, schlug immer­fort mein Herz. Auch am Tag, als ich sie­ben Jah­re alt wur­de, schlug mein Herz so unbe­merkt, wie an allen ande­ren Tagen zuvor, und ich freu­te mich, weil ich an die­sem Tag ein Schach­spiel über­reicht bekam. Der klei­ne Jun­ge, der mir die­ses Schach­spiel schenk­te, war nicht zu mei­nem Fest für Freun­de gekom­men, statt­des­sen kam sei­ne Mut­ter. Sie war blass, nein durch­sich­tig, sie erzähl­te, ihr Sohn kön­ne nicht kom­men, weil sein Herz sehr schwach gewor­den sei. Kur­ze Zeit spä­ter starb der Jun­ge, der bei­na­he mein Freund gewor­den wäre, an die­ser Nach­richt. An jenem Abend, am Abend mei­nes klei­nen Fes­tes, leb­te der klei­ne Jun­ge noch, und ich dach­te an ihn und über­leg­te, was die Wor­te ein schwa­ches Herz viel­leicht bedeu­te­ten. Ich lag also auf dem Bett und hat­te eine Hand auf die Brust gelegt und spür­te den Bewe­gun­gen mei­nes Her­zens nach. Mit geschlos­se­nen Augen, ich erin­ne­re mich genau, konn­te ich Erschüt­te­run­gen füh­len, eine selt­sa­me Erfah­rung. Sehr lan­ge lag ich so rück­lings auf dem Bett und dach­te, dass mein Herz ein star­kes Herz zu sein schien, aber als ich mei­ne Hand zur Sei­te leg­te, war mir für einen kur­zen Moment, als ob mein Herz ste­hen geblie­ben war, weil ich sei­ne Bewe­gun­gen nicht län­ger spü­ren konn­te. Als ich erwach­te, wun­der­te ich mich, dass ich noch immer leb­te, obwohl ich mein Herz ver­ges­sen hat­te wäh­rend der Nacht. Und jetzt, da ich die­se klei­ne Geschich­te notie­re, den­ke ich, dass ich damals viel­leicht, an jenem Abend genau, damit begon­nen habe, mich zu wun­dern. Auch heu­te noch, um vie­le Jah­re älter, wun­de­re ich mich über mein Herz, oder ich wun­de­re mich über Stra­ßen­bah­nen, dass sie exis­tie­ren. Ja, sehr ger­ne wun­de­re ich mich über Straßenbahnen.

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