Aus der Wörtersammlung: falle

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yanuk : frogs

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sier­ra

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : LIGHT
date : july 12 08 6.15 p.m.

Lie­ber Mr. Lou­is, ich schreib Dir noch rasch, bevor die Dun­kel­heit wie ein nas­ses Tuch vom Him­mel fal­len wird. Ist Dir bekannt, dass ich seit bald zwei­hun­dert Tagen auf Baum No 728XZ sit­ze, ohne ein­mal den Erd­bo­den berührt zu haben? Viel Zeit habe ich in den ver­gan­ge­nen Wochen damit ver­bracht, mein Zelt gegen das Licht der Son­ne abzu­dich­ten. Wer­de fort­an ver­su­chen, am Tag zu schla­fen und nachts mei­nen For­schungs­ar­bei­ten nach­zu­ge­hen. Bin zufrie­den, habe vie­le neue Wesen ent­deckt, aber die Hit­ze setzt mir zu, und das Licht scheint doch eine Flüs­sig­keit zu sein, die durch den kleins­ten Spalt flie­ßen und mein Zelt aus­zu­fül­len ver­mag. Viel­leicht ist das Licht des­halb nicht aus­zu­schal­ten, weil ich weiß, dass es dort drau­ßen, vor mei­nem Zelt unter dem Man­tel von Blät­tern, hell ist, oder weil Licht in mei­nem Kopf brennt, das ich nicht zu Ende den­ken kann. Und doch, mein lie­ber Lou­is, bin ich glück­lich. Dank Dir herz­lich für den fei­nen Sim­mons Text. Das ers­te Buch, das ich per E‑Mail erhal­ten habe. Ich bin natür­lich bis­lang nicht sehr geübt im Lesen vor Bild­schir­men und die Fal­ter set­zen mir zu. Sie haben die Grö­ße mei­ner Hän­de, sind stau­big und zu schwer für die Zun­gen der Frö­sche, die in mei­ner Nähe sit­zen und war­ten, dass ich mit mei­nen Selbst­ge­sprä­chen begin­nen wer­de. Manch­mal habe ich das Gefühl, bereits selt­sam gewor­den zu sein. Viel­leicht bin ich ein erfun­de­nes Geschöpf? Wirst Du schrei­ben, sobald Du etwas Ver­rückt­heit bei mir fin­dest? – 6.12 p.m. 32 °C. 97 Pro­zent Luft­feuch­te. Posi­ti­on 1°38’S 61°42’W — Yanuk

 

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22.05 UTC
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george w. bush

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tan­go : 14.12 — Mr. Bush mit Gat­tin auf Bild­schirm. Wie­der die Wahr­neh­mung, dass nicht der Prä­si­dent, son­dern Mrs. Lau­ra Bush mir äußerst unheim­lich ist. – Lasst uns nicht trau­ern um die Gefal­le­nen, son­dern froh sein, dass die­se Men­schen gelebt haben. – Mr. Allis­ter [ Mili­tär­pfar­rer ] am 8. Tag der Boden­of­fen­si­ve kurz vor Bagdad. 

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regenmaschine

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char­lie : 0.01 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs ent­deck­te ich unlängst im Ein­gangs­be­reich einer luxu­riö­sen Wohn­an­la­ge eine Regen­ma­schi­ne. Eine Regen­ma­schi­ne, wer­den Sie viel­leicht fra­gen, was ist denn das? Nach Beob­ach­tung, eine hal­be Stun­de, lässt sich Fol­gen­des notie­ren. Eine Regen­ma­schi­ne reg­net je für drei Sekun­den genau dort­hin, wohin ein ordent­li­cher Regen, der vom Him­mel kommt, nicht fal­len kann, weil ihn ein Dach, bei­spiels­wei­se, dar­an hin­dert. Eine Regen­ma­schi­ne hin­ge­gen reg­net auch unter Dächern oder in Haus­ein­gän­gen oder in Woh­nun­gen, und auch dann, wenn es gera­de ein­mal nicht vom Him­mel reg­net, reg­net sie im Takt einer Minu­te. Die­ser Regen einer Regen­ma­schi­ne, wie ich sie vor­ge­fun­den habe, ist also ein beson­de­rer Regen, ein Regen, der sich gegen Per­so­nen rich­tet, gegen Stra­ßen­bür­ger, gegen Men­schen ohne eige­nes Dach über dem Kopf. Orga­ni­sier­ter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und die­se Din­ge. — stop
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edmond jabès

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tan­go : 0.05 — Als wür­de Regen fal­len, so mäch­tig die Küs­se der Flie­gen ins Was­ser. Irr auch die Fal­ter, die Wei­ßen und die Roten und die Blau­en. Und auch die Libel­len am Him­mel, alle irr von der Lie­be. — Wenn der Stein durch­sich­tig wird oder – genau­er – wenn die Durch­sich­tig­keit Stein wird, las­sen sich alle Träu­me der Erde lesen. Edmond Jabès

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mercè rodoreda

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0.02 — Eine wun­der­ba­re Geschich­te habe ich ent­deckt, eine Geschich­te der kata­la­ni­schen Schrift­stel­le­rin Mer­cè Rodo­re­da. Ich darf sie rasch notie­ren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die wei­ße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zer­streut­heit und schon ist sie blau. Die­ses Insekt trägt in einem Knie, mit fadi­gem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in die­sem Päck­chen, umge­ben von Eiern und von Blau – reins­tes Indu­lin – ist der Ehe­mann. Die­ser Ehe­mann schläft den gan­zen Tag und bebrü­tet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fal­len, das in dem Knie ist, wor­an es fest­ge­näht ist. Wenn die Stun­de kommt, kriecht das Insekt der Blu­me ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blu­me, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blu­men­um­hüllt sieht, das Päck­chen auf­bricht und alles von blau­em Saft über­schwemmt wird und die Eier plat­zen und die Klei­nen sofort los­flie­gen, jedes mit sei­nem Päck­chen im Knie … ein­ver­stan­den. Aber das sind blo­ße Ver­mu­tun­gen. Die Wahr­heit ist, daß die Blu­me in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jeder­mann ist ein biß­chen durch­ein­an­der und ver­wirrt. — stop
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papiere

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22.02 – Ich habe Papie­re, auf die ich ges­tern Abend noch einen klei­nen Text notier­te, im Selbst­ge­spräch umkreist, ohne mich zu nähern, weil ich fürch­te­te, mei­ne Notiz könn­te mir nach fünf Stun­den Schlaf miss­fal­len. Zehn Stun­den Zeit sind seit­her ver­gan­gen und ich habe die Furcht vor den Papie­ren, die ich den gan­zen Tag über mit mir her­um­ge­tra­gen habe, ohne sie noch ein­mal zu lesen, ver­lo­ren. Ich kann nicht sagen, war­um das so ist. — stop

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salznamen

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2.01 — Dass die Fische eines Schwarms kei­ne Namen tra­gen. Auch die Som­mer­fä­den eines August­him­mels oder die Mole­kü­le eines Was­ser­trop­fens sind kaum je beschrif­tet, wie der Sand einer Wüs­te ohne jede Bezeich­nung ist, sodass man eine Hand­voll Sand nicht auf einen Tisch wer­fen könn­te und sagen, die­ser klei­ne Stein hier, das ist S‑sa­ha­ra-No 537675258386. Ich sehe Dich, aber ich gebe Dir kei­nen Namen. Statt­des­sen ver­su­chen wir den Him­mel. Wir sagen: Das ist Gala­xie M‑23. Und die­ser blaue Nebel hier ver­dun­kelt die Gala­xie M‑C58. Unse­re elek­tro­ni­schen Augen sind emp­find­lich. Wir könn­ten mit die­sen Augen viel­leicht einen Golf­ball auf dem Mond erken­nen oder eine Tele­fon­zel­le auf dem Mars, nicht aber einen Stern hin­ter einem Stern in einer 7 Mil­lio­nen Licht­jah­re ent­fern­ten Spi­ral­ga­la­xie. Viel­leicht soll­te ich, wenn ich wie­der ein­mal auf­ge­regt sein wer­de, weil mir der Him­mel auf den Kopf zu fal­len droht, einen Tee­löf­fel Salz auf mei­nen Schreib­tisch schüt­ten und eine Zäh­lung und Bezeich­nung der Kris­tal­le vor­neh­men. Wie lan­ge Zeit wür­de ich zäh­len? Könn­te ich je wie­der auf­hö­ren? — stop

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apollo

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3.15 — Zwei Stun­den vor Com­pu­ter­ma­schi­ne. Ich beob­ach­te­te Astro­nau­ten einer Apol­lo­mis­si­on, wie sie sich Fischen gleich durch ihre Kap­sel oder durch den Welt­raum bewe­gen. Indem ich ver­fol­ge, wie sie vor einer Kame­ra an Spiel­ob­jek­ten die Wir­kun­gen der Schwe­re­lo­sig­keit demons­trie­ren, indem ich ihre beschä­dig­ten Stim­men höre, der Gedan­ke, die­ses Schep­pern, Pfei­fen, Knis­tern, Kräch­zen könn­te ent­stan­den sein, weil ihren Stimm­in­stru­men­ten das Gewicht der Welt ent­zo­gen wur­de. – Weit nach Mit­ter­nacht. Woll­te mich erhe­ben, da ver­sag­te mein lin­kes Bein den Dienst. Hat­te gedan­ken­ver­lo­ren auf ihm Platz genom­men und wäre um ein Haar umge­fal­len. Ein selt­sa­mes, ein irri­tie­ren­des Gefühl der Lee­re. Dann die sicht­ba­re Gegen­wart eines Kör­per­teils, ohne die Anwe­sen­heit die­ses Kör­per­teils von innen her­aus bestä­ti­gen zu kön­nen. — stop
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winterkäfer

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14.10 — Habe über einen Win­ter­kä­fer nach­ge­dacht. Aber dann ist mir ein ganz ande­rer Käfer ein­ge­fal­len, ein Wesen, für das ich noch kei­nen Namen habe. Die­ser namen­lo­se Käfer soll­te ohne Aus­nah­me paar­wei­se erschei­nen, weich sein wie eine Schne­cke und von der Kör­per­tem­pe­ra­tur der Men­schen und genau­so groß, dass er sich in die Augen­höh­le eines Schla­fen­den ein­zu­schmie­gen ver­mag. Man möch­te nun mei­nen, der Käfer wür­de sich mit sei­ner Wir­kung als Nacht­schirm begnü­gen, statt­des­sen wird er ein wenig flie­ßen und da er in die­ser Wei­se in Bewe­gung ist, sehr ent­span­nen­de Polar­licht­spie­le von mil­der, beru­hi­gen­der Lumi­nes­zenz erzeu­gen. — Wäh­rend ich die­se Zei­len über­tra­ge, die Nach­richt, dass Bena­zir Bhut­to von einem Selbst­mord­at­ten­tä­ter getö­tet wor­den sein soll. — stop

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wartezeit

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0.15 — Ich schrei­be die­sen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wün­sche, wach zu blei­ben. Vor den Fens­tern: Dun­kel. Das Licht einer Stra­ßen­la­ter­ne ist aus­ge­fal­len und der Him­mel bedeckt. Jetzt ste­he ich auf. Lau­fe hin und her und pfei­fe. Sobald ich am Schreib­tisch vor­über­kom­me, setz­te ich mich und schrei­be ein paar Wör­ter und dann ste­he ich wie­der auf und gehe pfei­fend wei­ter. Nichts weist dar­auf hin, dass die­ser Text tat­säch­lich von einem lau­fen­den Men­schen gedacht und geschrie­ben wur­de, von einer Per­son, die je nur ein oder zwei Wor­te notier­te, um sogleich wei­ter­zu­ge­hen. Alles könn­te nur behaup­tet sein. — Wes­halb höre ich auf zu pfei­fen, sobald ich schrei­be?  Ist die Zeit, die ich damit ver­brin­ge, auf ein Wort zu war­ten, als Arbeits­zeit anzu­se­hen? Ist der Zustand kon­zen­trier­ter Auf­merk­sam­keit für sich schon eine Leis­tung? — stop

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