Aus der Wörtersammlung: falle

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glück

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india : 6.00 — Am Flug­ha­fen arbei­tet ein zier­li­cher Mann. Er kommt aus Indi­en, aus Kal­kut­ta genau­er, lebt aber schon lan­ge Zeit hier im Exil. Euro­pa ist gut, sagt er, nicht so anstren­gend wie mei­ne Hei­mat. Er heißt Singh, so muss das sein, und steht hin­ter dem Tre­sen einer schi­cken Bar, Ter­mi­nal 2. Mr. Singh arbei­tet seit zehn Jah­ren immer nur nachts, jede Nacht, Jahr ein Jahr aus, weil ihm der klei­ne Laden zur Pacht gehört. Hier kann man Rauch­wa­ren kau­fen und Zei­tun­gen in allen mög­li­chen Spra­chen und Bour­bon trin­ken, lei­se Jazz­mu­sik im Hin­ter­grund kommt aus Laut­spre­chern, man­che Men­schen schla­fen an den Tischen ein und wer­den nie­mals geweckt, der klei­ne Mann ist gern ein Wäch­ter der Schla­fen­den, der Gestran­de­ten. Wenn er die eng­li­sche Spra­che spricht, dann hört sich das an, als wür­de sei­ne Zun­ge auf Stel­zen gehen. Deutsch kann er nicht sehr gut, muss er auch nicht, weil er am Flug­ha­fen arbei­tet, weil hier inter­na­tio­na­ler Luft­raum ist, auch nachts, wenn nichts fliegt, außer im Som­mer ein paar Fal­ter, die sich in die Hal­len ver­irr­ten. Men­schen wie ich, sagt Mr. Singh, die nachts arbei­ten und am Tag schla­fen, fal­len die Augen aus dem Kopf. Glau­ben Sie mir, jun­ger Mann, das ist schon mein fünf­tes oder sechs­tes Paar Augen, das Sie hier vor sich sehen. Mit die­sen Augen, die frisch und jugend­lich zu sein schei­nen, schaut er mir seit gerau­mer Zeit zu, wie ich mei­ne Schreib­ma­schi­ne bear­bei­te. Er scheint sehr auf­merk­sam und tat­säch­lich inter­es­siert zu sein. Ich erzäh­le ihm vom Erfin­den. Dass das ein wenig wie Flie­gen sei. Sobald man ein­mal los­ge­flo­gen ist, kann man nicht ein­fach wie­der auf­hö­ren, das wäre eine Kata­stro­phe. Also, sage ich, dass ich mich sehr frei füh­le, indem ich notie­re. Und ich den­ke: Die­se schö­nen Augen, wie sie mich sanft betrach­ten. Und ich erzäh­le wei­ter davon, dass ich einen Mann erfun­den habe, der Bie­nen beob­ach­tet. Der Mann füh­re ein Funk­ge­rät mit sich, er mel­de an ein Wett­bü­ro, das sich im See­bad Brigh­ton an der eng­li­schen Küs­te befin­det, wel­che Stre­cken die Bie­nen flie­gen, dar­auf kön­ne man sein Glück set­zen, gro­ße Beträ­ge, klei­ne Beträ­ge. Wel­che Blu­me wird die nächs­te sein, die Blü­te einer Mohn­blu­me oder die Blü­te eines Löwen­zahns? Feu­er­nel­ken und Berg­le­ber­blüm­chen sind sel­ten, mit Feu­er­nel­ken und Berg­le­ber­blüm­chen kann man wohl­ha­bend wer­den. Und wie­der die­se schö­nen Augen, wie sie mich betrach­ten, dun­kel­gol­de­ne, gro­ße Augen, Augen in einem zier­li­chen Män­ner­ge­sicht, Augen, die Augen einer Frau sein könn­ten. Augen­äp­fel. — stop

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doppellunge

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del­ta

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : DOPPELLUNGE

Heu­te, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, als ich im Park spa­zier­te, hab ich an Euch gedacht. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich wie­der ein­mal übte, im Wan­dern die Luft anzu­hal­ten. Ich ver­such­te 100 Meter weit zu kom­men, lang­sam, sehr lang­sam, dann etwas schnel­ler gehend. Es ist mög­lich, heu­te end­lich ist es mög­lich gewor­den. Plötz­lich frag­te ich mich, wel­che Wir­kun­gen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch frü­her ein­mal gezei­tigt haben könn­te. Ich über­leg­te, ob ihr Euch über das Luft­an­hal­ten ver­stän­digt haben wür­det. Es ist immer­hin denk­bar, dass das Anhal­ten der Luft in Eue­rem Fal­le, bei der einen wie der ande­ren eine gewis­se Kurz­at­mig­keit her­vor­ge­ru­fen haben müss­te. Viel­leicht wer­det Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbei­te zur­zeit sehr hart in die­sen Din­gen. Vor eini­gen Tagen habe ich mir eine Pas­sa­ge der Klei­nen Erin­ne­run­gen José Saramago’s laut vor­ge­le­sen, und zwar in der Art und Wei­se lang­sa­men Aus­at­mens. Das ist fol­gen­der­ma­ßen vor­zu­stel­len: Ich fass­te das ers­te Wort der ers­ten Zei­le des klei­nen Tex­tes ins Auge, schöpf­te Luft so tief ich konn­te und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal fra­ge ich mich, ob bestimm­te Erin­ne­run­gen wirk­lich mei­ne eige­nen sind oder viel­leicht eher frem­de, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las so lan­ge ich konn­te, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft ver­lo­ren hat­te. Im ers­ten Ver­such kam ich 11 Zei­len weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setz­te ich noch ein­mal von vorn an, ich hat­te eine ent­spann­te Posi­ti­on des Sit­zens ein­ge­nom­men und füll­te mei­ne Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Die­ses Mal las ich mit lei­ser Stim­me, wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zei­le, also 55 Zei­chen wei­ter. Kurz dar­auf war zu beob­ach­ten gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa leg­te und den­sel­ben Text noch ein­mal hauch­te. Das lie­gen­de atem­lo­se Lesen ermög­lich­te nun eine wei­te­re Zei­le a 55 Zei­chen. Ich mach­te also klei­ne Fort­schrit­te in die­ser Kunst des Lesens, ich ver­moch­te bald die Zei­le 14 des klei­nen Tex­tes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mit­den­ken konn­te. Nach einer Stun­de des Übens hör­te ich für die­se Nacht auf, um in der kom­men­den Nacht­zeit fort­zu­fah­ren. — Herz­lichst grüßt Euch Euer Lou­is. Ahoi! – stop

gesen­det am
10.07.2012
22.01 MESZ
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lou­is to dai­sy and violet »

ping

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eine geschichte die mein vater einmal las

9

nord­pol : 6.46 — An einem Sonn­tag neu­lich habe ich in Tex­ten gele­sen, die ich wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re an genau die­ser Stel­le sen­de­te. Man­che die­ser Tex­te waren mir ver­traut, ande­re wirk­ten, als wären sie von einem Frem­den geschrie­ben. Gemein war ihnen, dass mein Vater sie noch mit eige­nen Augen gele­sen haben könn­te. Wie der alte Mann zu sei­nem Com­pu­ter wan­dert. Wie er auf einer Trep­pe steht, Rede an sein lin­kes Bein: Beweg Dich! Ein­mal rief mein Vater mich an. Ein Text hat­te ihm gefal­len. Es ist eigen­ar­tig, der Text, der mei­nem Vater gefal­len hat­te, erzählt heu­te noch immer die­sel­be Geschich­te und doch ist alles ganz anders gewor­den. Ich hat­te Fol­gen­des notiert: Man stel­le sich ein­mal vor, Papier­tier­chen exis­tier­ten in unse­rer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder ver­gleich­ba­rer Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil die­se Lebe­we­sen, wie ich sie mir gera­de male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­ge­bil­det sein. Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, mit­tels feins­ter Ten­ta­keln zu ver­bin­den oder zu befreun­den, und zwar nur mit die­sen, so dass man von ein­deu­ti­ger Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich spricht von einem urei­ge­nen Ort, den es nie­mals ver­gisst. Sobald alles schön zu einer Sei­te geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schreibt. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen berührt vom notie­ren­den Licht, nimmt es sogleich die schwar­ze Far­be an und ver­bleibt von die­sem Schwarz, bis es von wei­te­rem Licht berührt wer­den könn­te, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lam­pe das Zei­chen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per schrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen in Panik, sich ver­ste­cken, um jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist sehr gut denk­bar. Ich wer­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken. Und jetzt habe ich einen Kno­ten im Kopf. — stop

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eiszimmer

9

sier­ra : 6.52 — Vor eini­gen Tagen habe ich einen beson­de­ren Kühl­schrank in Emp­fang genom­men, einen Behäl­ter von enor­mer Grö­ße. Ich kann mit Fug und Recht behaup­ten, dass die­ser Kühl­schrank, in wel­chem ich pla­ne im Som­mer wie auch im Win­ter kost­ba­re Eis­bü­cher zu stu­die­ren, eigent­lich ein Zim­mer für sich dar­stellt, ein gekühl­tes Zim­mer, das wie­der­um in einem höl­zer­nen Zim­mer sitzt, das sich selbst in einem grö­ße­ren Stadt­haus befin­det. Nicht dass ich in der Lage wäre, in mei­nem Kühl­schrank­zim­mer auf und ab zu gehen, aber es ist groß genug, um einen Stuhl in ihm unter­zu­brin­gen und eine Lam­pe und ein klei­nes Regal, in dem ich je zwei oder drei mei­ner Eis­bü­cher aus­stel­len wer­de. Dort, in nächs­ter Nähe zu Stuhl und Regal, habe ich einen wei­te­ren klei­ne­ren, äußerst kal­ten, einen gut iso­lier­ten Kühl­schrank auf­ge­stellt, einen Kühl­schrank im Kühl­schrank sozu­sa­gen, der von einem Not­strom­ag­gre­gat mit Ener­gie ver­sorgt wer­den könn­te, damit ich in den Momen­ten eines Strom­aus­fal­les aus­rei­chend Zeit haben wür­de, jedes ein­zel­ne mei­ner Eis­bü­cher in Sicher­heit zu brin­gen. Es ist näm­lich eine uner­träg­li­che Vor­stel­lung, jene Vor­stel­lung war­mer Luft, wie sie mei­ne Bücher berührt, wie sie nach und nach vor mei­nen Augen zu schmel­zen begin­nen, all die zar­ten Sei­ten von Eis, ihre Zei­chen, ihre Geschich­ten. Seit ich den­ken kann, woll­te ich Eis­bü­cher besit­zen, Eis­bü­cher lesen, schim­mern­de, küh­le, uralte Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schu­ber glei­ten. Wie man sie für Sekun­den lie­be­voll betrach­tet, ihre pola­re Dich­te bewun­dert, wie man sie dreht und wen­det, wie man einen scheu­en Blick auf die Tex­tu­ren ihrer Gas­zei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U‑Bahn, den lei­se sum­men­den Eis­buch­rei­se­kof­fer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­ter­ten Bli­cke der Fahr­gäs­te, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eis­buch besitzt! Schaut, die­ser glück­li­che Mensch, gleich wird er lesen in sei­nem Buch. Was dort wohl hin­ein­ge­schrie­ben sein mag? Man soll­te sich fürch­ten, man wird sei­nen Eis­buch­rei­se­kof­fer viel­leicht etwas fes­ter umar­men und man wird mit einem wil­den, mit einem ent­schlos­se­nen Blick, ein gie­ri­ges Auge nach dem ande­ren gegen den Boden zwin­gen, solan­ge man noch nicht ange­kom­men ist in den fros­ti­gen Zim­mern und Hal­len der Eis­ma­ga­zi­ne, wo man sich auf Eis­stüh­len vor Eis­ti­sche set­zen kann. Hier end­lich ist Zeit, unter dem Pelz wird nicht gefro­ren, hier sitzt man mit wei­te­ren Eis­buch­be­sit­zern ver­traut. Man erzählt sich die neu­es­ten ark­ti­schen Tief­see­eis­ge­schich­ten, auch jene ver­lo­re­nen Geschich­ten, die aus purer Unacht­sam­keit im Lau­fe eines Tages, einer Woche zu Was­ser gewor­den sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist kei­ne Zeit für alle die­se Din­ge. Es ist immer die ers­te Sei­te, die zu öff­nen, man fürch­tet, sie könn­te zer­bre­chen. Aber dann kommt man schnell vor­an. Man liest von uner­hör­ten Gestal­ten, und könn­te doch nie­mals sagen, von wem nur die­se fei­ne Luft­eis­schrift erfun­den wor­den ist. — stop
ping

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lichtpilze

9

alpha : 6.55 — Noch nie habe ich aus der Sicht eines Tau­chers oder eines Fisches fal­len­den Schnee wahr­ge­nom­men. Ich stel­le mir vor, dass eine Schnee­flo­cke wie ein urplötz­lich aus dem Nichts kom­men­der Licht­pilz erschei­nen könn­te, ein Wesen, das in genau dem Moment, da ich es wahr­neh­men kann, bereits wie­der ver­schwun­den sein wird. Muss auf Win­ter war­ten. — stop

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fischvögel

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~ : louis
to : Madame van Lishout
sub­ject : FISCHVÖGEL

Sehr geehr­te Madame van Lishout, ver­zei­hen Sie bit­te viel­mals mein Schrei­ben auf elek­tri­schem Wege. Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre kor­rek­te Adres­se erin­ne­re. Ein Brief auf Papier mit unter­zeich­ne­ter Bestel­lung wur­de an fol­gen­de Anschrift gesen­det: M.v.L., Chal­li­ons 7, 4968 Mal­mers­by, Bel­gi­um. Es geht um ein drin­gen­des Geschenk, das bis zum 10. August für einen Freund fer­tig­ge­stellt sein muss. Sie erin­nern sich viel­leicht, es geht um jenen Freund, der seit einem Jahr­zehnt im Was­ser exis­tiert. Da die Krea­ti­on unter der Was­ser­ober­flä­che leben­der Sing­vö­gel nicht mög­lich ist, – ich habe Ihre Erläu­te­run­gen ver­stan­den -, sehr wohl aber die Manu­fak­tur eines Fisch­pär­chens, das in Gestalt und Beneh­men Sing­vö­geln ähn­lich sein könn­te, wäre ich Ihnen dank­bar, wenn Sie für mich ein oder zwei Ent­wür­fe zur Ver­wirk­li­chung for­mu­lie­ren wür­den. Auch einen Käfig, der in Süß­was­ser län­ge­re Zeit über­dau­ern könn­te, habe ich vor, in Auf­trag zu geben, schön wäre ein fili­gra­nes Gehäu­se von dunk­lem Holz. In der Grö­ße soll­te das Pär­chen vogel­ähn­li­cher Fische die Dimen­si­on der Zei­si­ge nicht über­tref­fen, da die Was­ser­woh­nung mei­nes Freun­des eher beschei­den aus­ge­fal­len ist. In der farb­li­chen Aus­füh­rung wün­sche ich wei­che pas­tell­far­be­ne Töne. Ein gewis­ses Leucht­ver­mö­gen von innen her wäre wun­der­voll. Könn­te dies alles mög­lich sein, wür­den Sie mich sehr glück­lich erle­ben. Der Gesang der klei­nen Fische soll­te fröh­lich, nicht all­zu laut, vor allem eben hei­ter sein. Ich erwar­te Ihre Ant­wort drin­gend und ver­blei­be hoch­ach­tungs­voll mit freund­li­chen, dank­ba­ren Grü­ßen. Ihr Mr. Lou­is

gesen­det am
5.06.2012
2.58 MEZ
1551 zeichen

polaroidtaucher

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karawane

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del­ta : 0.02 — Auf dem Broad­way wan­der­te eine Kara­wa­ne mensch­li­cher Trä­ger süd­wärts. Ich folg­te die­ser merk­wür­di­gen Erschei­nung von der 30. bis zur 8. Stra­ße an einem win­di­gen Tag. Die Son­ne leuch­te­te tief vom Hud­son her, Staub war in der Luft, die Män­ner, die sich sehr lang­sam beweg­ten, hus­te­ten und nies­ten. Sie waren alle sehr ordent­lich geklei­det, Anzü­ge von dun­kel­grau­er Far­be und Kra­wat­ten in unter­schied­li­cher Mus­te­rung. Außer­dem tru­gen sie fin­ger­brei­te Schil­der über ihren Her­zen von japa­ni­schen Schrift­zei­chen besetzt. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich wun­der­te, weil die Män­ner nicht mit­ein­an­der spra­chen. Sie bil­de­ten eine lini­en­för­mi­ge Ein­heit, einer der Trä­ger führ­te die­se Linie an, er war sozu­sa­gen ihr Kopf. Sobald die­ser Mann nun eine Kreu­zung erreich­te, blieb er ste­hen und war­te­te, bis die Ampel der Kreu­zung zunächst rot wur­de und dann wie­der grün. Ein Mann stand jetzt exakt hin­ter dem ande­ren, in dem sie sehr geschickt ihren Bal­last auf ihren Köp­fen balan­cier­ten, jeder Trä­ger einen Kar­ton. Indes­sen schien die Kara­wa­ne der grau­en Män­ner jenen Men­schen, die mit oder gegen ihre Lauf­rich­tung über die Stra­ßen eil­ten, nicht beson­ders auf­zu­fal­len. Für einen Moment hat­te ich die Idee, sie wären viel­leicht unsicht­bar, genau­er, sie wären nur für mich sicht­bar gewe­sen, rei­ner Unsinn natür­lich, weil der Raum, den die Kara­wa­ne auf Geh­we­gen und Stra­ße ein­ge­nom­men hat­te, respek­tiert wur­de. Etwa drei Kilo­me­ter lie­fen sie so ruck­wei­se süd­wärts dahin, um dann in der 8. Stra­ße in einem Back­stein­haus zu ver­schwin­den. Ende der Geschich­te einer Beob­ach­tung. Es ist Mon­tag. In den Kas­ta­ni­en vor dem Fens­ter das Sum­men der Nacht­bie­nen. – stop
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posaune

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india : 0.28 — Ich habe vor weni­gen Minu­ten mit­tels eines Film­do­ku­ments den Posau­nis­ten Fred Wes­ley solan­ge beob­ach­tet, bis ich der fes­ten Über­zeu­gung sein konn­te, die Posau­ne habe auf Fred Wes­leys Schul­ter wie ein Tier Platz genom­men, sie habe den kor­pu­len­ten, alten Herrn sozu­sa­gen okku­piert, um auf ihm Musik zu machen. Fun­ky! Fun­ky! Mit Fred Wes­ley ist das so: Er bewegt sich geschmei­dig und ele­gant, er scheint zu tan­zen, selbst dann noch, wenn er reg­los, wie schein­bar ange­hal­ten, vor einem Mikro­fon ver­harrt. Seit Mona­ten habe ich den Ver­dacht, dass der alte Posau­nist außer­ge­wöhn­lich lan­ge Zeit die Luft anzu­hal­ten ver­mag. Ich wer­de des­halb sofort, in die­ser Nacht noch, eine E‑Mail ver­fas­sen und mich erkun­di­gen, ob ich mit mei­ner Ver­mu­tung recht haben könn­te. Sehr geehr­ter Mr. Wes­ley, so viel­leicht soll­te ich begin­nen, es ist Mit­ter­nacht in Euro­pa. Ich hei­ße Lou­is, und ich wüss­te ger­ne, wo Sie sich gera­de befin­den, weil ich ein Gespräch mit Ihnen zu füh­ren wün­sche über das Anhal­ten der Luft und die­se Din­ge, die einem Posau­nis­ten, wie sie einer sind, viel­leicht außer­or­dent­lich gut gelin­gen. Ges­tern auf dem Weg von einem Zim­mer in ein ande­res Zim­mer, wäre ich um Haa­res­brei­te umge­fal­len, weil mir schwin­de­lig wur­de, weil ich kurz zuvor eine Minu­te und eine hal­be Minu­te nicht geat­met hat­te. Ich fra­ge mich, ob ich viel­leicht etwas falsch gemacht haben könn­te. Wie trai­nie­re ich am bes­ten und was sind sinn­vol­le Zie­le, die ein Mensch in die­sem Sport errei­chen kann, ohne sein Leben aufs Spiel zu set­zen? Soll ich mir eine Posau­ne kau­fen? Wie auch immer, ver­ehr­ter Mr. Wes­ley, ich wäre Ihnen dank­bar, wenn Sie mir recht bald ant­wor­ten wür­den, damit ich in mei­nen Übun­gen fort­fah­ren kann. Ihr Lou­is — stop

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libellen

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sier­ra : 0.02 — Dass ich gut den­ken und erfin­den kann, sobald ich Libel­len beob­ach­te. Das ist mög­li­cher­wei­se so, weil Libel­len sich in der Art und Wei­se der Gedan­ken selbst bewe­gen. Sie schei­nen lan­ge Zeit still in der Luft zu ste­hen und sind doch am Leben, was man dar­an erken­nen kann, dass sie nicht zu Boden fal­len. Etwas Zeit ver­geht, wie immer. Und plötz­lich haben sich die fei­nen Libel­len­raub­tie­re wei­ter­be­wegt. Sie sind von einer Sekun­de zur nächs­ten Sekun­de an einem ande­ren Ort ange­kom­men. Genau so scheint es mit Gedan­ken zu sein. Sie sprin­gen wei­ter und machen neue Gedan­ken, ohne dass der Weg von da nach dort sicht­bar oder spür­bar gewor­den wäre. — stop

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tiefsee : 38. etage

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hima­la­ya : 0.08 — Hef­ti­ge Gewit­ter. Regen­ge­räu­sche auf dem Dach. Gehe auf und ab und lese oder sit­ze im Ses­sel, der sich nord­wärts zu bewe­gen scheint. Auf mei­nem Sekre­tär, weni­ge Meter ent­fernt, leuch­tet der Bild­schirm eines hand­li­chen Com­pu­ters. Hun­dert­tau­sen­de Wör­ter und ihre Über­set­zun­gen befin­den sich im klei­nen Kas­ten. Run­ning lus­ter. Gegen drei Uhr die Lek­tü­re Pete L. Munki’s Roman Nau­ti­lus wie­der auf­ge­nom­men. Eine sich äußerst lang­sam vor­wärts erzäh­len­de Bewe­gung. Die Geschich­te eines Man­nes, der einen Kof­fer in den 38. Stock eines Wohn­hau­ses wuch­tet. Alle Auf­zü­ge des Hau­ses sind seit Tagen aus­ge­fal­len. Es ist Sams­tag. Hoch­som­mer. Lex­ing­ton Ave­nue Ecke 58. Stra­ße. Im Kof­fer des Man­nes ein Glas­be­häl­ter, in wel­chem zwei leben­de Tief­see­fi­sche sit­zen. Fol­ge eine Stun­de lang dem Gespräch des Kof­fer­trä­gers mit sich selbst. Ein lei­ses Buch, ein Buch wie geflüs­tert. — stop

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