Aus der Wörtersammlung: falle

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erzählende physik eines fallendes radios

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sier­ra : 6.32 — Von der Berech­nung des Luft­wi­der­stan­des, dem ein Kör­per begeg­net, wenn er sich im frei­en Fall befin­det, wuss­te ich bis kurz nach Mit­ter­nacht nichts. Auch die Berech­nung der wach­sen­den Geschwin­dig­keit, mit der sich ein stür­zen­der Kör­per dem Erd­mit­tel­punkt nähert, war mir bis­her nicht mög­lich, weil ich noch nie gut gewe­sen bin in der Mathe­ma­tik der Phy­sik. Ich habe also nach­ge­le­sen und bin in die­ser Lek­tü­re auf einen wun­der­ba­ren Text gesto­ßen, den der Phi­lo­soph Lukrez bereits im Jahr 55 vor Chris­tus notiert haben soll. Er schreibt: Wer nun etwa ver­meint, die schwe­re­ren Kör­per, die senk­recht rascher im Lee­ren ver­sin­ken, ver­möch­ten von oben zu fal­len auf die leich­te­ren Kör­per und dadurch die Stö­ße bewir­ken, die zu erre­gen ver­mö­gen die schöp­fe­risch täti­gen Kräf­te: Der ent­fernt sich gar weit von dem rich­ti­gen Wege der Wahr­heit. Denn was immer im Was­ser her­ab­fällt oder im Luft­reich, muss, je schwe­rer es ist, umso mehr sein Fal­len beei­len, des­halb, weil die Natur des Gewäs­sers und leich­te­ren Luft­reichs nicht in der näm­li­chen Wei­se den Fall zu ver­zö­gern imstand ist, son­dern im Kamp­fe besiegt vor dem Schwe­re­ren schnel­ler zurück­weicht: Dahin­ge­gen ver­möch­te das Lee­re sich nie­mals und nir­gends wider irgend­ein Ding als Halt ent­ge­gen­zu­stel­len, son­dern es weicht ihm bestän­dig, wie sei­ne Natur es erfor­dert. Des­halb müs­sen die Kör­per mit glei­cher Geschwin­dig­keit alle trotz unglei­chem Gewicht durch das ruhen­de Lee­re sich stür­zen. — Eine wei­te­re Stun­de spä­ter hat­te ich eine recht prä­zi­se Vor­stel­lung von der Beschleu­ni­gung, die ein Tran­sis­tor­ra­dio erfährt, wenn es aus 1,60 Meter Höhe von einem Bar­tisch aus zu Boden fällt. Das ist eine wich­ti­ge Erfah­rung, um eine Geschich­te erzäh­len zu kön­nen, die sich dem Ver­hal­ten eines fal­len­den Radi­os gemäß ent­wi­ckeln könn­te. Weil sich das Radio zunächst lang­sam, dann schnel­ler wer­dend durch die Luft bewegt, wür­den sich auch die Wör­ter der Geschich­te zunächst lang­sa­mer ereig­nen, eine gerin­ge Men­ge Wör­ter für ein erzähl­tes Par­tic­le der Geschich­te, wohin­ge­gen zuletzt, kurz vor dem Auf­prall des Radi­os sich sehr vie­le Wör­ter ereig­nen wer­den, um ein erzähl­tes Par­tic­le zu erzeu­gen. Eine inter­es­san­te Vor­stel­lung, die ich para­do­xer­wei­se in mei­nem Gehirn her­um­zu­dre­hen ver­mag. Weil sich das Radio zunächst lang­sam bewegt, ist viel Zeit, um vie­le Wör­ter zu notie­ren. Ste­tig wer­den die Wör­ter weni­ger, weil sich die Zeit ihrer Auf­füh­rung ver­kürzt. Alles das ist für eine extre­me Zeit­lu­pe aus­ge­dacht. Und jetzt habe ich einen klei­nen Kno­ten im Kopf. Guten Mor­gen. — stop

formel

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amsterdam avenue

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nord­pol

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : AMSTERDAM AVENUE
date : jan 18 13 0.12 a.m.

Ges­tern, in den frü­hen Mor­gen­stun­den, mel­de­te Alli­son, sie habe Fran­kie ver­lo­ren. Kein Signal, kei­ne Bewe­gung. Sie war sehr auf­ge­regt gewe­sen, hat­te sich auf ihr Fahr­rad gesetzt und eini­ge Run­den durch den Park gedreht, ehe sie uns alar­mier­te. Es ist selt­sam, wir haben nie dar­an gedacht, dass das Eich­hörn­chen Fran­kie den Cen­tral Park ohne unse­re Erlaub­nis je ver­las­sen könn­te. Zunächst glaub­ten wir, Fran­kie sei viel­leicht von einem Wasch­bä­ren oder einem streu­nen­den Hund oder einem Luchs gefan­gen wor­den. Auch haben wir dar­an gedacht, dass auf ihn geschos­sen wor­den sein könn­te. Aber das wür­de nicht erklä­ren, wes­halb Fran­kies Sen­der nicht län­ger funk­tio­nier­ten. Es war ein­zig denk­bar, dass Fran­kie in das Reser­voir gefal­len sein könn­te, viel­leicht, obwohl ein her­vor­ra­gen­der Schwim­mer hat­te ihn die Käl­te des Was­sers getö­tet. Aber dann mel­de­te Hen­ry, er habe wie­der ein Signal, und zwar in der 59. Stra­ße Ecke Ams­ter­dam Ave­nue. Ich ver­mu­te­te, dass irgend­je­mand Fran­kie gefan­gen haben könn­te, was kaum vor­stell­bar war, so schnell sich das klei­ne Tier zu bewe­gen ver­mag, mit sei­nem Kör­per und auch mit­tels sei­ner Gedan­ken. Es ist jetzt frü­her Nach­mit­tag. Ein eisi­ger Wind bläst von Wes­ten her durch die Stra­ßen. Und wenn ich nun erzäh­le, dass wir Fran­kie lebend in Frei­heit ent­deck­ten, wer­den Sie das viel­leicht kaum glau­ben. Er sitzt in unse­rer unmit­tel­ba­ren Nähe auf dem Dach eines Zei­tungs­ki­osks und nascht aus einer Tüte, ich mei­ne, Fran­kie hat ein paar Nüs­se erbeu­tet. Er wirkt gesund, der Lärm der Stra­ße scheint ihn nicht wei­ter zu berüh­ren. Ich glau­be, er hat uns bemerkt, scheint viel­leicht zufrie­den zu sein, unse­re ver­trau­ten Erschei­nun­gen zu sehen. Wir kom­men sehr nah an ihn her­an. Was sol­len wir tun? Sol­len wir den Ver­such unter­neh­men, Fran­kie ein­zu­fan­gen, oder sol­len wir abwar­ten, was gesche­hen wird? Alli­son spe­ku­liert, Fran­kie könn­te sich plan­voll in Rich­tung des Hud­son River Parks bewe­gen. Mel­den Sie sich bit­te, mel­den Sie sich so bald wie mög­lich! — Aller­bes­te Grü­ße sen­det ihn Mal­colm / code­wort : indianertrompete

emp­fan­gen am
18.01.2013
2035 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidmilli

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tod in peking 2

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india : 0.28 — Es ist nicht lang her, es war im Dezem­ber gewe­sen, als ich einen Text notier­te, der vom Tod eines Freun­des erzähl­te. Ich hat­te damals noch kei­ne wirk­li­che Erklä­rung, wes­we­gen das Leben mei­nes Freun­des ende­te, aber eine Ver­mu­tung, eine Befürch­tung. Ich notier­te so: „Ich war ein­mal dabei, wie Ted­dy sei­ne Kame­ra in den Park spa­zie­ren führ­te, an einem kal­ten, win­ter­li­chen Tag, es hat­te geschneit. In den Hän­den des statt­li­chen run­den Man­nes sah der Foto­ap­pa­rat, der einen Com­pu­ter ent­hielt, klein aus, zer­brech­lich. Unent­wegt berich­te­te sein stol­zer Besit­zer von den Mög­lich­kei­ten der Foto­gra­fie, die die­se Kame­ra in Zukunft für ihn eröff­nen wür­de. Es war eine Art Lie­bes­be­zie­hung, die ich damals beob­ach­te­te, Ted­dy und sei­ne klei­ne Licht­fang­ma­schi­ne, wie er mit sei­nem drit­ten Auge den Schnee betas­te­te, wie er mir erzähl­te, dass man Schnee eigent­lich nicht foto­gra­fie­ren kön­ne. Das war vor vier oder fünf Jah­ren gewe­sen. Seit­her sind Ted­dy und sei­ne Kame­ra weit her­um­ge­kom­men in der Welt, vor­wie­gend reis­ten sie nach Peking, ver­brach­ten dort meh­re­re Mona­te im Jahr, wan­der­ten durch die gro­ße Stadt auf der Suche nach Augen­bli­cken, die Ted­dy sam­mel­te. Es war ein Foto­gra­fie­ren wie ein Gespräch, auch ein Selbst­ge­spräch gegen die Ver­lo­ren­heit, gegen die Angst viel­leicht ein­mal wie­der in den Alko­hol zurück­zu­fal­len, jedes Bild ein Beweis für die eige­ne Exis­tenz. Eine sei­ner Foto­gra­fien aus dem Som­mer 2012 zeigt zwei Jun­gen, wie sie dem rie­si­gen, run­den Mann mit dem klei­nen Foto­ap­pa­rat begeg­ne­ten. Der eine Jun­ge scheint zu stau­nen, der ande­re will die rech­te, seit­wärts aus­ge­streck­te Hand des Foto­gra­fen berüh­ren. Es ist eine typi­sche Foto­gra­fie, das Werk eines Künst­lers, der manch­mal in Euro­pa anrief, weil er sich ein­sam fühl­te in irgend­ei­nem Hotel der chi­ne­si­schen Pro­vinz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hat­te er Freun­de, gute, wirk­li­che Freun­de, in sei­ner klei­nen Woh­nung dort wohn­ten eine jun­ge Stu­den­tin und ihre Mut­ter. Vor weni­gen Tagen erreich­te mich nun die Nach­richt sei­nes Todes, für den es zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Erklä­rung gibt. Auf Face­book notier­te er noch: Bit­te beach­te, dass ich prin­zi­pi­ell kei­ne Nach­rich­ten schrei­be oder beant­wor­te. Ver­wen­de bit­te immer mei­ne E‑Mail-Adres­se, um mich zu errei­chen. Per Mail bin ich stets zu errei­chen.“ – Nun habe ich eben genau durch eine E‑Mail erfah­ren, wor­an Ted­dy gestor­ben ist. Eine chi­ne­si­sche Freun­din Ted­dys schrieb: Hal­lo! Ich bin Li Bin. Erin­nerst du dich an mich, die gute chi­ne­si­sche Freun­din von Ted­dy. Es tut mir so Leid, dass Ted­dy am 22. Novem­ber in Peking gestor­ben ist, weil er zu viel Alko­hol getrun­ken hat. Als ich die Nach­richt gehört habe, fand ich mich sehr über­rascht. Eigent­lich hat­te ich mich mit Ted­dy ver­ab­re­det, am 22. Novem­ber nach Peking zu fah­ren und sei­ne Foto­aus­stel­lung zu besu­chen. Aber noch vor der Abfahrt haben ande­re Freun­de mich ange­ru­fen, dass Ted­dy schon gestor­ben ist. Sofern ich das beur­tei­len kann, hat er nicht für lan­ge Zeit Alko­hol getrun­ken, aber sehr viel. Des­we­gen war er schon ein­mal im Kran­ken­haus in Peking. Damals war es schon sehr schlimm, trotz­dem hat er nicht auf­ge­hört, zu trin­ken. Ande­re Freun­de haben erzählt, er hat­te frü­her die Krank­heit, die Abhän­gig­keit vom Alko­hol. Aber Ted­dy hat mit mir das nie bespro­chen. So war­ten wir jetzt auf das Ergeb­nis der Poli­zei. — stop
ping

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josephine auf der mary murray

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tan­go : 6.34 — Ist das nicht eine wun­der­ba­re Vor­stel­lung, wie sich Jose­phi­ne an einem war­men Sams­tag­vor­mit­tag auf den Weg macht nach New Jer­sey, um das Wrack der MS Mary Mur­ray zu besich­ti­gen? Wie sie ein Taxi ordert. Wie der Fah­rer erzählt, dass er noch nie eine so wei­te Fahrt unter­nom­men habe im Auf­trag. Eigent­lich dür­fe er mit sei­nem Wagen die Stadt nicht ver­las­sen. Also stei­gen sie in Jose­phi­nes Auto um, einen uralten Buick, der seit über einem Jahr­zehnt nicht aus der Gara­ge bewegt wor­den war. Sie neh­men die Ver­raza­no-Nar­rows Bridge süd­wärts. Jose­phi­ne raucht schon lan­ge nicht mehr, aber heu­te macht sie eine Aus­nah­me, eine. Ihr dün­nes wei­ßes Haar, das im Wind flat­tert, fängt sie mit wen­di­gen Fin­gern wie­der ein. Sie trägt Turn­schu­he und ein oran­ge­far­be­nes, som­mer­li­ches Kleid. Die Haut ihrer Bei­ne, Arme, Schul­tern sind hell wie ihr Haar. Eine Stun­de rau­schen sie wort­los auf dem New Jer­sey Turn­pi­ke dahin. Nahe Free­holf hal­ten sie an. Gleich neben dem High­way bewegt sich ein Fluss, dunk­les, müdes Was­ser, lang­sam. Am Ufer war­tet ein jun­ger, bär­ti­ger Mann in einem Pad­del­boot von leuch­tend roter Far­be. Wie Jose­phi­ne sich in die­sem Augen­blick wünscht, foto­gra­fiert zu wer­den, wie sie sich in das Boot setzt, wie sie ihren Stroh­hut mit bei­den Hän­den zurecht­rückt, dann fah­ren sie los, unter mäch­ti­gen Brü­cken hin­durch in Rich­tung des Rarit­an­flus­ses. Möwen ste­hen im bra­cki­gen Was­ser. Es ist fast still, nur das Geräusch des Pad­dels, ein paar Flie­gen brum­men durch die Luft. Ein­mal nähert sich ein Hub­schrau­ber der Küs­ten­wa­che, dreht wie­der ab. Und plötz­lich ist sie zu sehen, eine Fata Mor­ga­na in der Land­schaft, das aus­ran­gier­te gewal­ti­ge Fähr­schiff der Sta­ten Island Flot­te, die MS Mary Mur­ray. Schlag­sei­te steu­er­bords ruht sie in einem Bett von Schilf, Libel­len schie­ßen hin und her, blaue und grü­ne rie­si­ge Tie­re. Wie sich Jose­phi­ne und der jun­ge Mann dem Schiffs­wrack vor­sich­tig nähern. Wie der jun­ge Mann eine Lei­ter am Rumpf des Schif­fes befes­tigt. Wir sehen der alten Dame zu, wie sie vor­sich­tig Spros­se um Spros­se erklimmt. Ihr behut­sa­mer Gang über das Deck, das sich neigt. Jetzt, da die Far­ben vom Schiffs­kör­per fal­len, von Stür­men und Regen gepeitscht, von der Son­ne gebrannt, kann man das höl­zer­ne Herz der alten Flot­ten­da­me erken­nen, Käfer und Amei­sen spa­zie­ren über die Sitz­bän­ke der Pro­me­na­de. Jose­phi­ne muss nicht lan­ge suchen, im Schat­ten einer Ulme, die sich über das Schiff zu beu­gen scheint, eine Sitz­bank, hier genau, ja, hier genau muss die Schrift ihrer Schwes­ter Geral­di­ne zu ent­de­cken sein, ein Satz nur, den das klei­ne Mäd­chen im Jahr 1952 an einem Som­mer­nach­mit­tag auf dem Weg von Man­hat­tan nach Sta­ten Island in das Holz der Bank geritzt hat­te, wäh­rend ihre Zwil­lings­schwes­ter Char­lot­te sie vor Ent­de­ckung schütz­te. Wie Jose­phi­nes zit­tern­de Fin­ger in die­sem Augen­blick über die Ver­tie­fung der Zei­chen fah­ren. — stop

jose­phi­ne

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tod in peking

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tan­go : 0.25 — Ich war ein­mal zuge­gen, als Ted­dy sei­ne Kame­ra in den Park spa­zie­ren führ­te, an einem kal­ten, win­ter­li­chen Tag, es hat­te geschneit. In den Hän­den des statt­li­chen run­den Man­nes sah der Foto­ap­pa­rat, der einen Com­pu­ter ent­hielt, klein aus, zer­brech­lich. Unent­wegt berich­te­te sein stol­zer Besit­zer von den Mög­lich­kei­ten der Foto­gra­fie, die die­se Kame­ra in Zukunft für ihn eröff­nen wür­de. Es war eine Art Lie­bes­be­zie­hung, die ich damals beob­ach­te­te, Ted­dy und sei­ne klei­ne Licht­fang­ma­schi­ne, wie er mit sei­nem drit­ten Auge den Schnee betas­te­te, wie er mir erzähl­te, dass man Schnee eigent­lich nicht foto­gra­fie­ren kön­ne. Das war vor vier oder fünf Jah­ren gewe­sen. Seit­her sind Ted­dy und sei­ne Kame­ra weit her­um­ge­kom­men in der Welt, vor allem reis­ten sie nach Peking, ver­brach­ten dort meh­re­re Mona­te im Jahr, wan­der­ten durch die gro­ße Stadt auf der Suche nach Augen­bli­cken, die Ted­dy sam­mel­te. Es war ein Foto­gra­fie­ren wie ein Gespräch, auch ein Selbst­ge­spräch gegen die Ver­lo­ren­heit, gegen die Angst viel­leicht ein­mal wie­der in den Alko­hol zurück­zu­fal­len, jedes Bild ein Beweis für die eige­ne Exis­tenz. Eine sei­ner Foto­gra­fien aus dem Som­mer 2012 zeigt zwei Jun­gen, wie sie dem rie­si­gen, run­den Mann mit dem klei­nen Foto­ap­pa­rat begeg­ne­ten. Der eine Jun­ge scheint zu stau­nen, der ande­re will die rech­te, seit­wärts aus­ge­streck­te Hand des Foto­gra­fen berüh­ren. Es ist eine typi­sche Foto­gra­fie, das Werk eines Künst­lers, der manch­mal in Euro­pa anrief, weil er sich ein­sam fühl­te in irgend­ei­nem Hotel der chi­ne­si­schen Pro­vinz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hat­te er Freun­de, gute, wirk­li­che Freun­de, in sei­ner klei­nen Woh­nung dort wohn­ten eine jun­ge Stu­den­tin und ihre Mut­ter. Vor weni­gen Tagen erreich­te mich nun die Nach­richt sei­nes Todes, für den es zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Erklä­rung gibt. Auf Face­book notier­te er noch: Bit­te beach­te, dass ich prin­zi­pi­ell kei­ne Nach­rich­ten schrei­be oder beant­wor­te. Ver­wen­de bit­te immer mei­ne E‑Mail-Adres­se, um mich zu errei­chen. Per Mail bin ich stets zu errei­chen. – Lie­ber Ted­dy, ich wer­de das sofort ver­su­chen. — stop

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schildkröte

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nord­pol : 6.55 — Ich hör­te eine Geschich­te, die von einer Frau und einem Haus erzählt, das sich in einer alten nord­grie­chi­schen Stadt befin­det. Es ist ein statt­li­ches, stei­ner­nes Haus, die Böden des Hau­ses sind von Holz wie die Trep­pen und Türen. Ein hoch­be­tag­ter Oli­ven­baum steht unweit des Hau­ses. Manch­mal sit­zen dort Sper­lin­ge und pfei­fen. Im Win­ter kann man Wöl­fe hören, wenn man die Fens­ter des Hau­ses öff­net. Gele­gent­lich kom­men Schlan­gen zu Besuch und Eidech­sen und Amei­sen und Schild­krö­ten, ja, es gibt sehr vie­le Schild­krö­ten im Gar­ten des Hau­ses, aber nicht im Win­ter, in kei­nem Win­ter, soweit Men­schen zurück­den­ken kön­nen, hat irgend­je­mand Schild­krö­ten in der Nähe des Hau­ses, im Gar­ten oder in der Stadt gese­hen. In dem stei­ner­nen Haus also wohnt eine Frau. Sie wohnt seit weni­gen Wochen allein, weil ihre Mut­ter gestor­ben ist. Über zehn Jah­re lag die uralte Mut­ter in ihrem Bett und wur­de von ihrer Toch­ter, die gleich­wohl eine älte­re Frau ist, gepflegt. Das ist so üblich in Grie­chen­land, dass sich die jün­ge­ren um die älte­ren Men­schen küm­mern, auch wenn sie selbst schon alte Men­schen gewor­den sind. Als nun die Mut­ter der alten Frau starb, war es plötz­lich sehr still im Haus. Es war so still, dass die Frau glaub­te, ihre Mut­ter noch zu hören. Nachts ver­nahm sie den Wind, aber der Wind war drau­ßen gewe­sen hin­ter den Fens­tern, und sie hör­te das Dach, wie es flüs­ter­te. Manch­mal schloss die alte Frau ihre Augen in der Dun­kel­heit und schlief ein. Es war immer das­sel­be, sie hör­te im Schlaf die Stim­me ihrer Mut­ter, wie sie nach ihr rief, und ihr Atmen und wie ein Glas zu Boden stürz­te und wie die Bett­de­cke gewen­det wur­de. Davon wur­de sie immer­zu wach, und sie hör­te schar­ren­de Geräu­sche von der Trep­pe her, und wie­der den Wind. Das ging Wochen so, kaum eine Nacht konn­te die alte Frau schla­fen, weil sie mein­te, ihre Mut­ter zu hören. Ein­mal vor weni­gen Tagen, nach­dem sie wie­der ein­mal wach gewor­den war, ver­ließ die alte Frau nachts ihr Bett. Sie stieg die Trep­pe hin­ab in die Küche. Wie sie das Licht anschal­te­te, sah sie inmit­ten der Küche eine klei­ne, jun­ge Schild­krö­te sit­zen. Ges­tern erst soll Schnee gefal­len sein. — stop

ping

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schnee

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alpha

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.

Über Nacht ist Schnee gefal­len. Ein har­ter, böiger Wind fegt vom East River her durch die Stra­ßen in den Park. Wir sind die ers­ten Spa­zier­gän­ger heu­te Mor­gen. Es ist bei­na­he still in der Däm­me­rung. Weit­hin sehen wir hin­ter uns unse­re eige­ne Spur auf dem Weg, den wir nord­wärts gehen. Immer wie­der blei­ben wir ste­hen, um nach Fran­kie zu sehen. Er scheint sich wohl­zu­füh­len, man könn­te sagen, dass es sich bei die­sem Eich­hörn­chen um einen Schnee­tau­cher han­deln könn­te. Für Minu­ten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plötz­lich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüt­telt sich, sei­ne Ohren beben, ja, Fran­kie scheint glück­lich zu sein in die­ser neu­en wei­ßen Welt. Auch Möwen sind in den Cen­tral Park gekom­men. Sie hocken auf Sitz­bän­ken und Mau­ern, ich glau­be, sie haben es auf Zwer­ge wie Fran­kie abge­se­hen, denk­bar, dass sie den Schnee als Gewäs­ser betrach­ten und jene Tie­re, die sich für einen kur­zen Moment an der Ober­flä­che zei­gen, für Fische, die sie jagen müs­sen. Es sind gro­ße Vögel, gel­be Augen, rie­si­ge Schnä­bel, die uns heu­te Mor­gen tat­säch­lich Sor­ge berei­ten, sie könn­ten Fran­kie erle­gen und mit ihm aufs Meer hin­aus­flie­gen, mit all sei­nen Sen­so­ren, die uns dann nicht wei­ter­hel­fen wer­den. Wann wer­den Sie uns besu­chen, Mr. Lou­is? Wir hof­fen noch in die­sem Win­ter! Ein­mal Fran­kie mit eige­nen Augen betrach­ten, nicht wahr! Schnell ist er gewor­den. In der kom­men­den Woche wol­len wir zum ers­ten Mal erpro­ben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unse­rer Fern­steue­rung beein­flus­sen zu kön­nen. Wir haben vor, Fran­kie in Krei­sen durch den Park lau­fen zu las­sen. – Aller­bes­te Grü­ße sen­det ihn Mal­colm / code­wort : hillarystep

emp­fan­gen am
03.12.2012
1630 zeichen

mal­colm to louis »

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jennifer 7

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romeo : 6.25 — Ges­tern am spä­ten Abend erreich­te mich eine E‑Mail von einer Per­son namens Jen­ni­fer 7. Ich wun­der­te mich, dass die­ses Schrei­ben nicht sofort in einem Spam­ord­ner ver­schwun­den war, immer­hin ken­ne ich nie­man­den, der die­sen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der klei­ne Brief aus der Fer­ne erreich­te. Er war in eng­li­scher Spra­che ver­fasst, und ich sit­ze noch immer vor ihm und über­le­ge, was zu tun ist, was ich notie­ren soll, weil, das ist ganz sicher so, dass ich Jen­ni­fer 7 ant­wor­ten soll­te, mor­gen oder über­mor­gen. Viel­leicht wer­de ich ihr eine Fra­ge stel­len, wo genau sie denn wohnt, in wel­cher Stadt, in wel­chem Haus, wie das Haus beschaf­fen ist, wel­cher Art Men­schen in die­sem Haus woh­nen Tür an Tür. Jen­ni­fer 7 schrieb so: Lie­ber Mr. Lou­is, ich bin sehr müde, ich habe über eine gan­ze Woche lang kaum geschla­fen, weil ich in einer Miet­woh­nung lebe im 22. Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schla­fen, aber ich arbei­te nachts in einem Kran­ken­haus und tra­ge sehr viel Ver­ant­wor­tung und muss schla­fen am Tag. Neu­er­dings kann ich nicht schla­fen, weil man mich nicht schla­fen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben wür­de, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tau­ben sit­zen wür­den und ich könn­te schla­fen, weil Vögel lei­se, behut­sa­me, kul­ti­vier­te Tie­re sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau ein­ge­zo­gen sind, Men­schen­per­so­nen, die sich nicht küm­mern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schla­fen. Vor­ges­tern war ich zum ers­ten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vor­zu­stel­len. Ich habe mich gefürch­tet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schu­hen, mein Gott waren die wuch­tig. Sie sag­te, dass ich Pech haben wür­de, weil sie im Moment nicht arbei­te, des­halb wür­de ich ihre Schrit­te hören und alles Wei­te­re. Pech, sag­te die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schla­fen. Ich höre ihre Schrit­te. Stünd­lich las­sen sie irgend­et­was fal­len auf den schö­nen höl­zer­nen Boden, oder sie schrei­en sich an, obwohl sie noch jung und frisch ver­hei­ra­tet sind. Das ist ein wirk­li­ches Unglück, Mr. Lou­is, ich bin fast schon ver­zwei­felt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schö­ne Käfer erfin­den, die in Ohren woh­nen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl hel­fen, Mr. Lou­is! – stop

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handschuhbäume

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alpha : 6.45 — Im Waren­haus ent­de­cke ich Prei­se, unter ande­rem den Preis von 1.99 für ein Paar Hand­schu­he, gestrickt. Das fünf­te Jahr in Fol­ge ist es gekom­men, dass die Prei­se für Hand­schu­he fal­len. Sie schei­nen inzwi­schen auf Bäu­men zu wach­sen wie Bana­nen. Auch Bana­nen wer­den immer bil­li­ger. An den Hand­schuh­spit­zen, dort wo man einen Zei­ge­fin­ger hin­ein­ste­cken kann, ent­kom­men dem Gewe­be Fäden. An die­ser Stel­le, so neh­me ich an, waren sie mit ihrem Baum ver­bun­den, hier wur­den sie getrennt vom Wind, der Schwer­kraft oder von Men­schen, die kaum etwas ver­die­nen, nur gera­de so viel, dass sie nicht ver­hun­gern oder ver­durs­ten, weil man sie noch gebrau­chen könn­te in den nächs­ten Jah­ren, geüb­te, gedul­di­ge Frau­en und Män­ner. Ver­mut­lich sind Hand­schuh­bäu­me ganz­jäh­rig blü­hen­de Wesen, irgend­wo ist immer Win­ter. Außer­dem las­sen sich Hand­schu­he gut auf­be­wah­ren, sie ver­der­ben nicht so schnell, man muss sie nicht ein­mal küh­len, nur gefrä­ßi­ge Tie­re ver­trei­ben. Das alles, dass Hand­schu­he von den Bäu­men kom­men, scheint noch sehr geheim zu sein. Ich habe vor weni­gen Minu­ten ver­sucht mit­tels der Such­ma­schi­ne Goog­le her­aus­zu­fin­den, wo Bäu­me, wie ich sie mir vor­stell­te, wach­sen und wo man sie ihrer Früch­te beraubt. –stop

polaroidstrand5



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