Aus der Wörtersammlung: manhattan

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manhattan — bellevue hospital

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alpha : 14.15 — Auf einer Bank im Schat­ten küh­len­der Bäu­me gleich neben dem Bel­le­vue Hos­pi­tal sitzt ein alter Mann in einem blau und weiß gestreif­ten Pyja­ma. Er ver­sucht eine Mine­ral­was­ser­fla­sche zu öff­nen, schimpft vor sich hin in die­ser schwe­ren Arbeit, sagt, dass das doch nicht mög­lich sei, war­um sich das ver­damm­te Ding nicht öff­nen lie­ße, er habe die Fla­sche vor einer Stun­de noch selbst zuge­dreht. Ein grau­es Eich­hörn­chen hockt auf mäch­ti­gen Hin­ter­bei­nen neben ihm, beob­ach­tet die Hän­de des alten Man­nes, bleibt auch dann ganz still, als ich mich nähe­re und mei­ne Hil­fe anbie­te. — Ein ange­neh­mer Nach­mit­tag, die Luft ist etwas küh­ler gewor­den und tro­cken, ein leich­ter Wind raschelt in den Bäu­men, die so alt zu sein schei­nen, dass der Schrift­stel­ler Mal­colm Lowry sich an ihren Stäm­men fest­ge­hal­ten haben könn­te, damals, im Jahr 1936, als er schwer alko­hol­süch­tig in enger wer­den­den Krei­sen auf das  Kran­ken­haus zustürz­te, um in einem Tage wäh­ren­den Deli­ri­um, Wale über den East River flie­gen zu sehen. Der Dich­ter, der Trin­ker auf hoher See. Bel­le­vue war in Lowry’s Kopf zu einem Schiff gewor­den, des­sen Plan­ken unter ihm ächz­ten, in den Stür­men, die sein armes Gehirn durch­le­ben muss­te, in Fie­ber­schü­ben, unter den schwit­zen­den Hän­den der Matro­sen­ärz­te, die ihn an sein Bett fes­sel­ten. Und wie er dann selbst, oder jene Figur, die Mal­colm Lowry in sei­ner groß­ar­ti­gen Erzäh­lung Lunar Cau­st­ic gegen das Alko­ho­l­un­ge­tüm antre­ten lässt, nach Wochen der Abs­ti­nenz auf­recht und leicht­fü­ßig gehend durch den Haupt­ein­gang des Hos­pi­tals wie­der fes­ten Boden betritt, schon die nächs­te Fla­sche Absinth vor Augen hier am East River, an einem Tag wie die­sem Tag vor lan­ger, lan­ger Zeit.
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ground zero

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sier­ra : 18.16 — Zwei Stun­den Broad­way süd­wärts bis Ful­tonstreet. Eine klei­ne Kir­che, St Paul’s Cha­pel, Gra­nit­stei­ne, Grä­ber, ein Gar­ten unter Bäu­men. Ich ken­ne die­sen Gar­ten, die­se Bäu­me, eine Foto­gra­fie genau­er, die einen Staub­gar­ten zeigt, Sekun­den­zeit ent­fern­ter Gegen­wart, ein Bild, das im Sep­tem­ber 2001 auf­ge­nom­men wur­de, am elf­ten Tag des Monats kurz nach zehn Uhr vor­mit­tags. Hell­graue Land­schaft, Papie­re, grö­ße­re und klei­ne­re Tei­le, lie­gen her­um, Akten, Scher­ben. Auch die Bäu­me vor der Kir­che, hel­le Gestal­ten, als hät­te es geschneit, eine fei­ne Schicht reflek­tie­ren­der Kris­tal­le, Spät­som­mer­eis, das an Wän­den, Stäm­men und an den Men­schen haf­tet, die durch den Gar­ten schrei­ten, träu­men­de, schlaf­wan­deln­de, jen­sei­ti­ge Per­so­nen im Moment ihres Über­le­bens. Ein merk­wür­di­ges Licht, bei­nern, nicht blau, nicht blü­hend wie am heu­ti­gen Tag um Jah­re wei­ter­ge­kom­men. Etwas fehl­te in der Luft im Raum unter dem Him­mel über Man­hat­tan sehr plötz­lich, war so fein gewor­den, dass es von flüch­ten­den Men­schen ein­ge­at­met wur­de. Kaf­fee­tas­sen. Trep­pen­läu­fe. Hän­de. Feu­er­lö­scher. Füße. Wasch­be­cken. Nie­ren. Stüh­le. Schu­he. Com­pu­ter­bild­schir­me. Arme. Brüs­te. Kopf­scha­len. Radio­ge­rä­te. Blei­stif­te. Tele­fo­ne. Ohren. Augen. Her­zen. stop
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lamellenohr

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ulys­ses : 17.
52 — Ich hat­te, selt­sa­me Geschich­te, die Idee, dass ich, in dem ich schla­fend oder wachend durch Man­hat­tan spa­zie­re, ler­nen soll­te, mei­ne Ohren in der Wei­se der See­hun­de durch Mus­kel­kraft zu ver­schlie­ßen. Denk­bar, dass mir bald Lamel­len feins­ter Haut gewach­sen sein wer­den, Innen­ohr­se­gel, deren Bewe­gung ich ver­fü­gen könn­te, wie ich die Bewe­gung mei­ner Hän­de vor­her­sa­gen kann. — Mensch­li­che Stim­men im Vor­über­ge­hen in den Far­ben sanf­ter Traum­ge­sprä­che. Der Schlaf der Augen in der Sub­way, die Wild­heit zufäl­li­ger Bli­cke. — stop
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linie d – nordwestwärts

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echo : 15.
02 — Von Brook­lyn nach Man­hat­tan Sub­way­fahrt, eine alte Dame vis–à–vis. Seit einer hal­ben Stun­de rei­sen wir so dahin, ich schrei­be, sie scheint zu schla­fen. Ein karier­tes Hütt­chen trägt sie auf dem Kopf und einen Sei­den­schal um einen gra­zi­len Hals gewi­ckelt. Ihr dun­kel­häu­ti­ges Gesicht, zart gefal­tet. Von Zeit zu Zeit öff­net sie für eine oder zwei Sekun­den eines ihrer Augen und berührt mich mit einem fes­ten Blick. Ich wür­de ger­ne wis­sen, ob sie mich wirk­lich sieht. Gleich wer­den wir die 33. Stra­ße errei­chen. Ich stel­le mir vor, wie die alte Frau wei­ter­fah­ren wird, um kurz dar­auf erneut eines ihrer Augen zu öff­nen. Ich wer­de dann nicht mehr da sein, ein ande­rer Mensch wird an mei­ner Stel­le sit­zen, viel­leicht wird auch die­ser Mensch bald ein­ge­schla­fen sein, und gera­de in dem Moment, da die alte Dame ihr Auge öff­net, eine eben­sol­ches, wach­sa­mes Auge geöff­net haben. — stop

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penn station

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marim­ba : 23.
12 — Penn­sta­ti­on am spä­ten Abend. Namen, Leucht­stof­fe, Ziel­or­te, die auf Tafeln klap­pernd von Zei­le zu Zei­le fal­len. Montauk. stop. Baby­lon. stop. Syra­kus. stop. Keroo­kee. stop. Muscheln­de Geräu­sche, Wör­ter, Sät­ze fort­be­we­gend, Dos Pas­sos, sagen wir, Man­hat­tan Trans­fer, Edi­ti­on für Tief­see­tau­cher. stop. 700 selbst­leuch­ten­de Sei­ten a 1200 Gramm. stop. Funk­blät­te­rung. stop. 1 x 0.5 Meter Kan­ten­län­ge. stop. Him­mel, was für ein gro­ßes, schwe­res Buch. stop. Schwe­bend. stop. 550 Fuß Tie­fe. — stop
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manhattanwelle

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marim­ba : 22.16 — Damp­fen­de Stadt. Dampf aus dem Boden, Dampf von den Wol­ken, Bäu­me damp­fen, Men­schen unter ihren Schir­men, selbst Eich­hörn­chen des Cen­tral Parks damp­fen klei­ne Wol­ken aus dem Mund. Wie ich so gehe von Har­lem aus nach Süden, von jedem Ticket­schal­ter her eine schwar­ze Stim­me von Jazz. Das rat­tern­de Geräusch der Sub­way, rhyth­misch, ihr war­mer, öli­ger Atem, der dem Spa­zie­ren­den unter den Regen­schirm fährt. — Ein Mann zur Mit­tags­stun­de nahe Madi­son Squa­re Park mit­ten auf dem Broad­way im tosen­den Ver­kehr. Er trägt einen fei­nen, dunk­len Anzug, aber gro­be, stau­bi­ge Schu­he. Immer wie­der beugt er sich zur Stra­ße hin, ver­senkt einen Zoll­stock in den Asphalt, tele­fo­niert, die Arme, als sei ihm kalt, eng an den Kör­per gepresst. Der Mann scheint wütend zu sein. Er geht ein paar Schrit­te süd­wärts, ver­misst ein wei­te­res Loch, Rauch steigt von dort, ein flat­tern­der Faden. Als ob sich der Mann ver­ges­sen haben wür­de, nun zunächst in die Hocke, dann kniet er nie­der, späht in den Schlund. — stop

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juli 14

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romeo : 22.38 — Stun­de um Stun­de auf Fähr­schif­fen zwi­schen Sta­ten Island und der süd­li­chen Spit­ze Man­hat­tans hin und her. Ein schau­keln­der Ort. Ein Ort, der im Moment mei­ner ers­ten Begeg­nung schon ver­traut gewe­sen war, als ob ich vor lan­ger Zeit gebo­ren wur­de auf einer der brum­men­den Bän­ke, ein frü­her Blick, Schat­ten rie­si­ger Möwen hin­ter Schei­ben, auf wel­chen Salz­kris­tal­le fun­kel­ten, der Klang der Nebel­hör­ner, und wie­der oder immer noch seit­her die­ser rote Ball, den die Bewe­gung des Mee­res über das unte­re Deck der Fäh­re spielt. Heiß und sti­ckig, der Tag mei­ner Notiz, auch über der Upper Bay ruh­te bewe­gungs­los die Luft, bereit zu sin­ken. Lun­ger­te mit Rei­se­schreib­ma­schi­ne auf den Knien hechelnd, Luv­sei­te, her­um und war­te­te. — stop

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avenue of the americas

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india

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : AVENUE OF THE AMERICAS

Ich muss Euch nicht erzäh­len, wo ich mich gera­de befin­de, lie­be Vio­let, lie­be Dai­sy, ich höre Eue­re Stim­men, hör, wie Ihr scherzt, was macht er nun schon wie­der, war­um ist er ein­ge­schla­fen, das muss ein betäu­ben­des Buch gewe­sen sein. Jetzt also bin ich wach gewor­den. Ich notie­re die­se Sät­ze in dem Wis­sen, dass Ihr lesen wer­det, Zei­chen für Zei­chen, wie in die­sem Augen­blick erscheint, was ich schrei­be. Das Notie­ren ist so etwas wie das Sicht­bar­ma­chen des Den­kens, nicht wahr, so könn­ten wir das viel­leicht sagen. > …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

… > Spa­zier­te in Eue­rer Ange­le­gen­heit, wie ver­spro­chen, durch Man­hat­tan. Ich hat­te mei­nen klei­nen Foto­ap­pa­rat in der Hand, stand mit­ten auf der Ave­nue of the Ame­ri­cas, um das neue Hip­po­drom-Gebäu­de abzu­lich­ten. Auch das wisst Ihr natür­lich, wie wir dann Rich­tung Bryant Park spa­zier­ten, unser Gespräch über gehei­me Ten­ta­keln der Bäu­me, die den Lärm der Stadt aus der Luft zu fan­gen schei­nen. Und mein Begeh­ren, gewiss, ein Eich­hörn­chen zu fan­gen, das war­me Licht des hupen­den Abends, mei­ne Über­le­gung, wie ich Euch eines Tages ein­mal per­sön­lich begeg­nen könn­te, und mein Ver­spre­chen, ein wei­te­res Eue­rer Jugend­bil­der zu sen­den. Was Euch nicht bekannt sein wird, weil ich’s nur dach­te, ich hat­te in all den gemein­sa­men Stun­den eine ver­we­ge­ne Fra­ge in mei­nem neu­gie­ri­gen Kopf. Nun, es ist kurz nach Mit­ter­nacht, wer­de ich die­se Fra­ge für Euch buch­sta­bie­ren, unsi­cher ein wenig, was gesche­hen wird, ob ich Euch nicht zu Nahe kom­me, sodass Ihr aus mei­nen Augen ver­schwin­den wer­det. Gebt gut acht! Es ist näm­lich so, dass ich mich fra­ge, wie auch immer die Räu­me beschaf­fen sind, die für Euch aus­ge­dacht, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mit­ein­an­der ver­wach­sen seid? – Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

gesen­det am
18.05.2010
0.05 MESZ
1775 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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