echo : 5.32 — Um kurz nach vier Uhr entdecke ich das Patent eines Bürostuhls, der sich mit Strom versorgen lässt, um Schlafende durch leichte oder mittelschwere elektrische Schläge zu wecken. Kurz darauf, schon hell, ein Text Kurt Tucholskys aus dem Jahr 1928. Ich zitiere: John Dos Passos, ›Manhattan Transfer‹ Da ist ›Manhattan Transfer‹ von John Dos Passos (bei S. Fischer in Berlin). Dieser halbe Amerikaner, dessen ›Drei Soldaten‹ (im Malik-Verlag) gar nicht genug zu empfehlen sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich denke, dass die Mode der amerikanischen Romane, die uns die Verleger und die Snobs durch Übermaß sacht zu verekeln beginnen, nachgelassen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil nervöse und wenig erfolgreiche Reaktionäre der Literatur, zum Beispiel in den ›Münchner Neuesten Nachrichten‹, gegen die Übersetzungen aus dem Fremdländischen poltern –, sondern weil es zwischen der Hysterie der Anbetung und der Neurasthenie der Verdammung ein vernünftiges Mittelmaß gibt. Man soll fremde Länder kennenlernen – man soll sie nicht sofort segnen und nicht gleich verfluchen. ›Manhattan Transfer‹ ist ein gutes Buch – die Amerikaner haben sich da einen neuen Naturalismus zurechtgemacht, der zu jung ist, um an den alten französischen heranzureichen, aber doch fesselnd genug. Es sind Fotografien, nein, eigentlich gute kleine Radierungen, die uns da gezeigt werden; ob sie echt sind, kann ich nicht beurteilen, die Leute, die lange genug drüben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Großstadt darin, eine männliche Lyrik. Der Einsame auf der Bank: »Fein hast du dein Leben versaut, Josef Harley. Fünfundvierzig und keine Freude und keinen Cent, um dir gütlich zu tun.« Das hat einmal so gehießen: »Qu’as tu fait de ta jeunesse?«, und das ist von Verlaine und ist schon lange her, aber doch neu wie am ersten Tag. Das Mädchen da liegt auf ihrem Zimmer in der großen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bettkante sitzt, und da ist eine Frau, seine Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötzlich sieht er, dass er »hagere rötliche Füße hat, von Treppen und Trottoirs verkrümmt. Auf beiden kleinen Zehen saß ein Hühnerauge.« Und da hat er Mitleid mit sich und weint. Das Buch ist auch formal gut – Dos Passos ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein begabter Schriftsteller. Sehr hübsch ist diese Denkfigur, der man öfter bei ihm begegnet: »Auf dem Treppenabsatz befand sich ein Spiegel. Kapitän James Merivale blieb stehen, um Kapitän James Merivale zu betrachten.« Und diese, die gradezu programmatisch ist und viel tiefer als sie, leichtgefügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähnliche Drehtür des Stils steht bei Sinclair Lewis, im ›Elmer Gantry‹, einem Buch von dem hier noch ausführlich die Rede sein soll … Ein einziger Klub, heißt es da, wird Herrn Gantry, den Prediger, vielleicht aufnehmen. »Des Ansehens wegen. Um zu beweisen, dass sie unmöglich den Gin in ihren Schränken haben können, den sie in ihren Schränken haben.« Die Übersetzung von ›Manhattan Transfer‹ durch Paul Baudisch ist sauber und anständig. Kleine Anmerkung: Man sagt im Deutschen kaum: »Das macht mich zipflig« –, sondern wohl immer: »Das macht mich kribblig«. Und was ist dies hier? »Dü Mauretania läuft öben eun; vürundzwanzig Stunden Verspötung« – Spricht eine alte gezierte Dame so? ein Oberhofprediger? Nein, das ist die Übersetzung irgendeines ›slang‹, und die Männer, die sich mit Übertragungen aus dem Englischen befassen, sollten sich das abmachen. — Der Morgen kommt. Tauben sitzen auf dem Fensterbrett. Sie haben tief geschlafen. — stop

Aus der Wörtersammlung: manhattan
am telefon
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sierra : 6.05 — Mein Freund Louis erzählte eine Geschichte von einem Mann, dem er vor wenigen Jahren in New York begegnet sein will. Ich werde kurz berichten, obwohl es schon spät geworden ist. An dem Tag, an dem Louis’ Geschichte sich ereignete, wanderte er durch die Stadt ohne Ziel. Manchmal stieg er in einen Zug der Subway und fuhr irgendwohin. Einmal, es war Abend geworden, erreichte er Brighton Beach, aber anstatt den Strand zu besuchen, fuhr er sofort wieder zurück. Das war ein großes Glück gewesen, denn hätte er nur einen oder zwei spätere Züge nach Manhattan genommen, wäre er dem Mann, von dem er mir erzählte, vermutlich nie begegnet. Dieser Mann war ein kleiner, schmächtiger Herr, der breitbeinig vor einer Tür stand und zu telefonieren schien. Er sprach, ohne eine Pause zu machen, mit lauter Stimme Wörter, die Louis nicht verstehen konnte. Als der Zug nach einer halben Stunde Fahrt über den Dächern Brooklyns in den Untergrund tauchte, geschah etwas Seltsames, denn der Mann sprach weiter in sein Telefon, obwohl jede Funkverbindung im Tunnelsystem sofort unterbrochen wurde. Kaum jemand unter den Fahrgästen schien den kleinen Mann zu bemerken. Eine Fünf-Mann-Band betrat den Waggon, sie spielte einen Brasstango, der Zug bebte und der schmächtige Mann telefonierte und lachte und spendete einen Dollar. In der Lexington Avenue, Höhe 63. Straße, stieg der Mann aus, fuhr mit der Rolltreppe in das Zwischengeschoss, stieg zur Straßenebene hinauf und lief weiter nordwärts. Er hatte bis dahin, eine Stunde war seit seiner Entdeckung vergangen, nie aufgehört zu sprechen, und auch jetzt, im Gehen, setzte er seine Rede fort. An der Ecke zur 83. Straße besuchte der Mann eine Pizzeria, auch Louis trat in den düsteren Laden ein. Er hörte dem Mann weiter zu, wie er mit vollem Mund seinen Text vollzog, als könnte er unmöglich aufhören, als würde etwas Schreckliches geschehen, wenn er nur einmal für eine Sekunde eine Pause machte. Bald trat der kleine, sprechende Mann wieder auf die Straße und setzte seinen Weg in Richtung Harlem fort. Es war inzwischen später Abend geworden, die Luft kühler, Menschen saßen entlang der Häuserwände auf Klappstühlen. Um kurz nach Mitternacht plötzlich hielt der Mann an und verstummte. Er stand einige Minuten ganz still. Er schien zu überlegen. Dann legte er das Telefon auf dem Boden ab, drehte sich um und machte sich auf den Weg zurück. Er ging zunächst südwärts über die Lexington Avenue, Höhe der 60. Straße bog er nach links ab, schlenderte langsam zur Tramway – Station, gegen drei Uhr löste er ein Ticket. — stop

lichtbild : eine straße in manhattan
ulysses : 8.05 — Einmal entdeckte ich nach stundenlanger Suche in den Archiven der Bayerischen Staatsbibliothek eine Fotografie auf einem Mikrofilmstreifen und ich wusste sofort, dass ich dieses Lichtbild besitzen musste. Ich bat eine Bibliothekarin, aus dem Material das Beste herauszuholen, höchste Auflösung, weswegen ich bald einen kleinen Stapel Papiers entgegennehmen konnte, den ich im Arbeitszimmer an einer Wand zum Bild zurück sortierte, wie in der vergangenen Nacht noch einmal, zurück zur Ansicht einer Straße des Jahres 1934 präzise, einer Straße nahe des Bellevue Hospitals zu New York. Staubige Bäume, eilende Menschenschatten, die Silhouette einer alten, in den Knochen gebeugten Frau, der Wagen eines Eisverkäufers, rostige Hydranten, die spröde Steinhaut der Straße, zwei Vögel unbekannter Gattung, Spuren von Hitze, und ich erinnere mich noch gut, dass ich eine Zeile von links nach rechts auf das Papier notierte: Diese Straße könnte Malcolm Lowry überquert haben, an einem Tag vielleicht, als er sich auf den Weg machte, seinem Körper den Alkohol zu entziehen. Und weil ich schon einmal damit begonnen hatte, das Bild zu verfeinern, zeichnete ich in Worten weitere Substanzen auf das Papier, Unsichtbares oder Mögliches. Einen Schuh notierte ich westwärts: Hier flüchtet Jan Gabriel, weil sie Mr. Lowry’s Liebe nicht länger glauben konnte. Da lag ein Notizbuch im Schatten eines Baumes und ich sagte: Dieses Notizbuch wird Malcolm Lowry finden von Zeit zu Zeit, er wird es aufheben und mit zitternden Händen in seine Hosentasche stecken. Schon segelten fiebernde Wale über den East River, der zwischen zwei Häusern schimmerte, ein Schwarm irrer Bienen tropfte von einer Fensterbank, und da waren noch zwei Mädchen, barfuß, — oder trugen sie doch Strümpfe, doch Schuhe? — sie spielten Himmel und Hölle, ihre fröhlichen Stimmen. Ich gestehe, dass Daisy und Violet nicht damals, sondern in dieser letzten Stunde einer heiteren Arbeitsnacht ins Bild gekommen sind. — stop

manhattanstunde
ulysses : 1.58 — Ich stelle mir eine handliche Box vor, nicht größer als eine Streichholzschachtel. Wenn ich diese Box öffnete, würde 1 Stunde der Stadt New York in ihr festgehalten sein, jeder Mensch und jeder seiner Atemzüge, Gedanken, Gespräche und Wünsche. Auch alle großen und kleinen Häuser, Straßen, Züge wären versammelt, das Licht und seine Schatten, Vögel und Wolken, das Wasser der Flüsse, das Meer, das Lachen der Kinder, und jede der Beckettgestalten, die mir begegnen, wohin ich auch geh. Könnte zufrieden bald in einem Park sitzen und warten, 1 Stundenzeit in der Hosentasche. Auf dem Tisch eine Traube, mein Blick ruht sich aus. Dann wieder gehen, Stunde um Stunde gehen und schlafen, schauen und zugleich nicht schauen, kurze Blicke, Sekundenbilder, Augen geschlossen, Blicke durchs transparente Lid abends auf der großen alten Brücke mit der blätternden rostigen Haut, das Vibrieren der Schritte, der Stimmen auf hölzernen Stegen von Insel zu Insel. — stop
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Viktoria og Marit Ansethmoen
sierra : 6.50 — Ich beobachtete einen älteren Mann, der auf einer Fahrt von Manhattan nach Staten Island Schriftzeichen in die hölzerne Sitzbank einer Fähre gravierte. Ein kalter Wintertag, der Mann war sportlich gekleidet, rote Windjacke, Lapplandmütze, Wanderschuhe, dazu Fäustlinge, die seine kräftigen Hände schützten. Er war überhaupt von mächtiger Statur gewesen. Ich hatte die Vorstellung, dass es sich um einen Norweger oder Finnen gehandelt haben könnte. Als der Mann das Schiff betrat, folgte ich ihm, setzte mich in seiner Nähe nieder. Leichter Seegang, die Scheiben des unteren Decks waren von der Salzgischt geblendet, draußen bedeckte eine Eiskruste die Promenade der Fähre. Während der Überfahrt, da ich den alten Mann beobachtete, spielten ein paar schwarzhäutige Jungs wunderbar scheppernden Blues auf Metallgitarren. Eine Handvoll Schulkinder tollten herum. Das Horn des Schiffes grüßte in die Luft der Upper New York Bay wie immer. Da begann der alte Mann vor meinen Augen mit einem Klappmesser seine Arbeit. Er verfügte über eine schöne Schrift. Während er arbeitete, schien er keinen Blick für seine Umgebung zu haben, er machte das so wie einer, der meint, er sei nicht sichtbar, solange er fest an seine Unsichtbarkeit glaubt. Eine gute Viertelstunde schnitzte er vor sich hin. Dann packte er sein Messer in seinen Rucksack und verließ das Schiff mit allen anderen Passagieren. Kaum waren wir an Land, stellte ich mich in die Warteschlange Richtung Manhattan, um sofort wieder zurück auf dasselbe Schiff zu gelangen, mit dem ich zur Insel hin gefahren war. Nur wenige Minuten später nahm ich genau an der Stelle Platz, an der der Mann gearbeitet hatte. Auf dem Boden des Schiffes lag ein Häufchen dunkler Späne, in den Sitz eingraviert ein Name: Viktoria og Marit Ansethmoen. Dem Namen folgte eine Ziffer: No 7563. Diese Ziffer, und den dazugehörigen Namen, entdeckte ich gestern in einem Notizbuch wieder, das ich damals geführt hatte während winterlicher Fahrten auf Staten Island Fähren. Noch immer weiß ich nicht, was diese Zahl bedeuten könnte, und warum der alte Mann den Namen einer Frau in die Sitzbank des Schiffes eingetragen hatte. Heute Nacht die Vorstellung, ich könnte meinen Text in die norwegische Sprache übersetzen lassen, um ihn der digitalen Sphäre zu übergeben: Alter Manhattanmann, melden Sie sich bitte. Code: Viktoria og Marit Ansethmoen / No 7563 — stop

auf ellis island
echo : 6.27 — An einem schwülwarmen Tag besuchte ich Ellis Island. Gewitter waren aufgezogen, der Himmel über Manhattan bleigrau. Trotzdem fuhren kleine weiße Schiffe von Battery Park aus los, um Besucher auf die frühere Quarantäneinsel zu transportieren. Ehe man an Bord gehen konnte, wurde jeder Passagier sorgfältig durchsucht, Taschen, Schuhe, Computer, Fotoapparate. Ein griechischer Herr von hohem Alter musste mehrfach durch die Strahlenschleuse treten, weil das Gerät Metall alarmierte. Er schwitzte, er machte den Eindruck, dass er sich vor sich selbst zu fürchten begann, auch seine Familie schien von der ernsten Prozedur derart beeindruckt gewesen zu sein, dass ihnen ihr geliebter Großvater unheimlich wurde. Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten. Es begann heftig zu regnen, das Wasser wurde grau wie der Himmel, Pusteln, Tausende, blinkten auf der Oberfläche des Meeres. Im Café des Einwandermuseums kämpften hunderte Menschen um frittierte Kartoffeln, gebratene Hühnervögel, Himbeereis, Sahne, Bonbons. Ihre Beute wurde in den Garten getragen. Dort Sonnenschirme, die der Wind, der vom Atlantik her wehte, davonzutragen drohte. Am Ufer eine herrenlose Drehorgel, die vor sich hin dudelte, Fahnen knallten in der Luft. Über den sandigen Boden vor dem Zentralhaus tanzten handtellergroße Wirbel von Luft, hier, genau an dieser Stelle, könnte Mary Mallon im Alter von 15 Jahren am 12. Juni 1895 sich ihre Füße vertreten haben, ehe sie mit Typhus im Blut nach Manhattan einreisen durfte. Ihr Schatten an diesem Tag in meinen Gedanken. Ein weiteres Gewitter ging über Insel und Schiffe nieder, in Sekunden leerte sich der Park. Dann kamen die Möwen, große Möwen, gelbe Augen, sie raubten von den Tischen, was sie mit sich nehmen konnten. Wie ein Sturm gefiederter Körper stürzten sie vom Himmel, es regnete Knochen, Servietten, Bestecke. Unter einem Tisch kauerte ein Mädchen, die Augen fest geschlossen. – stop
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hummergeschichte
alpha : 20.16 — Ich habe gestern mit K. gesprochen. Er erzählte, er habe unlängst versuchsweise online von Hamburg aus einen gekochten Hummer in Manhattan bestellt. Das Tier kostete 28 Dollar, alle notwendigen Angaben waren bald ausgefüllt, Name, Adresse, Kreditkartennummer. Es war ein später Abend gewesen. K. erhielt einen Anruf. Er plauderte einige Zeit mit einem Freund. Als er an den Computer zurückkehrte, war seine Maschine eingeschlafen, sie erwachte sofort, als er eine Taste bewegte. In diesem Moment muss es geschehen sein. K. berührte die weiterhin geöffnete Bestellform an entscheidender Stelle mit seiner Mouse, kurz darauf erreichte ihn per E‑Mail eine Bestätigung, der Hummer sei (Shipping) auf dem Weg. Versuche K.’s, die Bestellung telefonisch rückgängig zu machen, schlugen fehl, der Betrag von 28 Dollar für das Tier plus 25 Dollar Transportgebühr wurden von seinem Kreditkartenkonto abgebucht. Zwei Wochen später erhielt K. Nachricht von hiesiger Zollbehörde, eine Sendung liege für ihn am Hafen zur Abholung bereit. Ein flaches Gebäude, Import, mehrere Schalter, Transportbänder, Beamte in grünen Uniformen. Als K. vor Ort erschien, wurde gerade eine Person, die heftig diskutierte, in Handschellen abgeführt. K. wartete. Nach einer Stunde wurde er zu einem Schalter gerufen. Man überreichte ihm ein Formular, dem eine Fotografie beigefügt worden war. Das Dokument zeigte ein geöffnetes Paket von Styropor, darin einen Sud, in welchem wesentliche Teile eines Hummers schwammen, Fühler, Schwanz, Augenstiele, Zangen, alles war noch gut zu erkennen gewesen. Hände, die in Handschuhen steckten, hielten das Paket ins Licht. Auf begleitendem Schreiben wurden Verbrennungskosten von 118 EUR für importierte Sondermüllware angemahnt. Ein Beamter berichtete, einer seiner Kollegen sei während der Öffnung des Paketes umgefallen, dieser habe sich am Kopf verletzt, weitere Kosten wären denkbar. – Sonntag. stop. Vielleicht. stop. Guten Abend! — stop
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rooseveltblüte
~ : malcolm
to : louis
subject : ROOSEVELTBLÜTE
date : nov 22 13 8.15 p.m.
Am 22. November berichtet die New York Times über Eichhörnchen Frankie, das seit Wochen auf dem Hurrikane Deck der Staten Island Fähre John F. Kennedy lebt. Wir konnten das nicht aufhalten. Weder den Bericht selbst, noch eine Fotografie, die das Eichhörnchen zeigt, wie es auf einer Sitzbank nach einem Finger greift. Frankie scheint sich auf dem Schiff wohlzufühlen. Vielleicht ist es die Wärme, vielleicht sind es die Bewegungen der Fähre auf dem Meer, die ihm gefallen. Natürlich ist er längst zur Attraktion geworden, zum Stadtgespräch, wird fotografiert und mit frischen Erdnüssen versorgt. Seit einigen Tagen nimmt Frankie gleichwohl Bananen zu sich, zutraulich wagt er sich nah an die Passagiere der Fähre heran, greift mit seinen Händen nach den Früchten, vermag sie zu öffnen, duckt sich, hastet mit seiner Beute je unter eine der Sitzbänke, weshalb zahlreiche Passagiere niederknien, um Frankie nicht aus den Augen zu verlieren. Gestern beobachteten wir, wie ein Mädchen Frankie berühren durfte. Er zitterte leicht, als das Kind mit einer Hand über seinen Rücken fuhr. Das Mädchen bemerkte Frankies Sender, der dicht unter seiner Haut verborgen liegt, rasch zog es seine Hand zurück. Es ist beunruhigend, welch große Aufmerksamkeit Frankie genießt. Wir haben den Eindruck, manche der Passagiere fahren nur deshalb mit der Fähre, um Frankie besichtigen zu können. Kaum noch kommen wir an ihn heran, ohne selbst fotografiert zu werden. Heute ist es sehr windig. Brooklyn und New Jersey liegen im Nebel. Man könnte glauben, dass wir uns auf hoher See befinden. Die Scheiben des Schiffes scheppern. Wasser peitscht über die Vordecks der Fähre. Menschen mit Fotoapparaten stehen im Wind und suchen nach Manhattan. Etwas seekrank sende ich allerbeste Grüße aus New York – Malcolm / codewort : rooseveltblüte
empfangen am
23.11.2013
1855 zeichen

fenster zum fluss
sierra : 17.08 — Ein Freund, der sich seit längerer Zeit in Manhattan aufhält, erzählt via E‑Mail eine heitere Geschichte, die er selbst erlebt haben will. Vor einigen Tagen habe er demzufolge eine Bekannte besucht, die ein Apartment in einem modernen Mietshaus der Upper East Side bewohnt. Es handele sich um eine geräumige Wohnung in der 28. Etage mit faszinierender Aussicht auf den East River. Eine Leidenschaft der Wohnungsbesitzerin, eine Passion geradezu, sei die Beobachtung der Schiffe geworden, die den Fluss tief unten befahren. Der Anblick der Kähne und Ozeandampfer beruhige sie, schon von Weitem könne sie erkennen, wenn sich ein größeres Schiff vom Atlantik her nähere. Nicht zu vergessen natürlich, jene zierlichen, weißen und gelben Ameisenschiffe, Wassertaxis bei Tag und Nacht, und das beständige Blinken der Spierentonnen, Pulse, welche sie durch ihr Fernglas wahrnehmen könne. Als nun mein Freund seinen Besuch telefonisch ankündigte, wurde er gewarnt, der Aufzug des Hauses sei seit zwei Wochen defekt, weshalb viele der älteren Bewohner das Haus seit Tagen entweder gar nicht oder für längere Zeit ganz verlassen haben, er müsse zu Fuß emporsteigen und eine halbe Stunde Zeit für seinen Aufstieg berechnen, er solle sich etwas Proviant mitnehmen. Mein Freund machte sich wenige Stunden später auf den Weg nach oben. Weil er nicht trainiert war, ging er langsam, zunächst zählte er noch seine Schritte, aber bereits in der 6. Etage musste er sich setzen und seinen Atem beruhigen. Einige Boten, junge Männer mit Rucksäcken auf dem Rücken, kamen vorüber. Kurz darauf passierte ihn eine ältere Dame, schlafend oder bewusstlos, auf einer Trage liegend abwärts. Höhe der 18. Etage stand die Tür einer Wohnung offen. Treten Sie ein, war auf einem Zettel zu lesen. Im Wohnzimmer saß eine weitere ältere Dame hinter einem Tisch, reich gedeckt, Obst und kalter Fisch und Brot und Wasser. Ein reizender Anblick, Katzen lagen auf dem Boden herum. Die alte Frau wartete unter einem Sonnenschirm. Sie sagte: Komm, komm, in Zeiten der Not muss man zusammenhalten, alles ist umsonst, aber Du darfst in der Stadt nicht davon erzählen! Eine Stunde später erreichte mein Freund endlich die Wohnung seiner Bekannten. Sie saßen lange Zeit vor dem Fenster zum Fluss. Einmal näherte sich ein Hubschrauber. Er landete auf dem Dach. – stop

seepocken
olimambo : 2.18 — Sonntag. Große Hitze. — Zum ersten Mal habe ich eine Serie Fotografien betrachtet, die ich mit einer Kamera aufgenommen hatte, während ich die Fifth Avenue in Manhattan südwärts spazierte. Ich hatte nur eine vage Idee, was auf diesen Fotografien einmal zu sehen sein könnte, weil ich den Fotoapparat mit der rechten Hand festhielt, die an meiner Seite baumelte. Ich stellte mir vor, meine Hand würde sich in eine Kamera verwandelt haben, die in einem regelmäßigen Abstand von etwa 5 Sekunden je eine Aufnahme machte. Wie erwartet, waren Taschen und Beine, Schuhe, Hosen, Röcke, Papierkörbe, Ampeln, der Asphalt, Randsteine, Himmel, Wolken und Tauben zu sehen, Dächer sehr hoher Häuser, gleichwohl Klimaanlagen, die wie Seepocken an den Fassaden der Häuser sitzen, Feuerleitern, Dampfwolken, Gesichter von Menschen, die mir entgegengekommen waren, sie sahen mich an, nicht die Kamera, sondern mich selbst vielleicht, oder sie sahen vor sich hin, lachten, träumten. Manche der Menschen aßen, einige trugen dunkle Brillen, weil die Sonne sehr tief in die Straße leuchtete, andere hatten Hüte auf dem Kopf, es waren ein paar ausgesprochen müde Gesichter darunter, kaum jemand rauchte. Ich habe in dieser Art und Weise des Gehens 1524 Aufnahmen gemacht. Keiner der fotografierten Menschen schien indessen bemerkt zu haben, dass ich ihn abgebildet hatte. Aber es ist denkbar, dass der ein oder andere der fotografierten Menschen mein Tun bemerkte, nachdem ich längst vorübergegangen war, ein Gedanke, ein Gefühl, ein Verdacht, langsam, sehr viel langsamer als das Licht, das ich gerade noch eingefangen hatte. — stop



