nordpol : 2.06 — Über die Brooklyn Bridge nach Manhattan. Wunderbares Licht, klar und sanft. Da ist ein Wind, der aus dem Landesinneren kommt, ein beständiger, kalter Strom, gegen den sich Möwen in einer Weise stemmen, dass sie in der Luft zu stehen scheinen. Helle Augen, grau, blau, gelb, das Gefieder dicht und fein wie Pelz. Ich folge kurz darauf einem alten chinesischen Mann durch Chinatown. Tack, tack, tack, das Geräusch seines Stocks auf dem Boden, ein Faden von Zeit über enge Straßen. Links und rechts des Weges, schmale Läden in roten, in goldenen Farben, Waren, die Harmonie bedeuten, Bänder, Fächer, lächelnde Masken. Ich rieche heute nichts, oder die Gerüche, wenn sie noch existieren, bewegen sich dicht über den Boden hin, Morchelberge, getrocknete Schwämme, Muscheln, Nüsse, Algenwedel, Krabben, zwei Hummertiere, sie leben noch, sind für 20 Dollar zu haben. Im Restaurant nahe der Mottstreet, eine milde Entensuppe gegen den Abend zu. Messer der Köche, die vor meinen speisenden Augen lautlos durch halbe Schweine flitzen. Gebratene Entenkörper, glänzend, als wären sie von der Art kandierter Früchte, baumeln in den Fenstern. Dann Dämmerung und Wärme im Bauch und das Schwingen der Brücke noch in den Beinen. – stop

Aus der Wörtersammlung: net
roosevelt island : lawrence
ulysses : 1.58 — Wolkenloser Himmel. ‑8° Celsius. Ich trage heute zum ersten Mal Lawrence spazieren unter Mantel, Pullover, Hemd unmittelbar auf meiner Haut, ein Schlangenwesen mit einem kleinen Kopf, der in der Nähe meines Halses zu liegen gekommen ist. Dort lurt er jetzt unterm Schal hervor, man muss sich das einmal vorstellen, Lawrence’s sandfarbenen Kopf ohne Augen, Ohren, Nase, aber von einem Mund beseelt, den ich mit getrockneten Speckstreifen füttere, während ich durch die knisternde Winterluft stelze. Ich kann Lawrence hören, er ist ein leiser, ein gemächlicher Fresser. Und die Wärme fühlen, wundervoll, die sein feinhäutiger Körper erzeugt, der mich fest umwickelt, meine Brust, meinen Bauch, meine Arme, meine Beine. Speck für sechs Stunden Wanderzeit habe ich in meine Taschen gepackt. Es ist jetzt 10 Uhr vormittags, um kurz vor vier Uhr nachmittags sollte ich zurückgekommen sein, dann sehen wir weiter. Sonntag ist geworden. Und so gehen wir an diesem Sonntag also spazieren, Lawrence und ich. Zunächst gehen wir die 5th Avenue nordwärts und ein wenig durch den Central Park. Tausende heller Wölkchen steigen dort aus den Mündern tausender New Yorker Menschen. Höhe 67. Straße drehen wir wieder um, laufen zurück, folgen der 59. Straße westwärts, bis wir den East River erreichen, Roosevelt Island Tramstation. In der Seilbahn übergesetzt, einmal hin und sofort wieder zurück, Pingpong. In einem Baum, 61. Straße, lungerten Hunderte schlafender Tauben, als wären sie Blüten. — stop

misrata
nordpol : 6.38 — Ein faszinierendes Wort geistert seit Monaten in meinem Kopf. Ich kenne das Wort schon lange Zeit, hatte ihm aber zunächst keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, bis ich das Wort in dem Zusammenhang einer unheimlichen Szene hörte aus dem Mund eines Reporters, der von der libyschen Stadt Misrata berichtete. Das war im Oktober des vergangenen Jahres gewesen. Im Kühlraum eines Supermarktes lagerte der Leichnam Muamar Gaddafis auf einer Matratze, das Haar des Diktators war zerzaust, seine Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet, dünne Fäden von Blut sickerten aus zwei Wunden. Menschen standen in nächster Nähe, ihre Fußspitzen berührten das Lager des Toten. Sie standen dort auf neugierigen Füßen, um den Leichnam zu betrachten, manche fotografierten mit Handyapparaten, andere, auch Kinder waren unter ihnen, warteten in einer Schlange vor dem Gebäude darauf, eintreten zu dürfen. Ich dachte noch an den scharfen Geruch des Todes, der dort unsichtbar auf die wartenden Menschen einwirken musste, als der kommentierende Reporter bemerkte, die Bevölkerung der geschundenen Stadt würden sich aus allen Himmelsrichtungen nähern, um den Leichnam Gaddafis und den seines Sohnes zu b e ä u g e n. In diesem Augenblick war das Wort, von dem ich hier berichtete, eingetroffen, ein zartes Wort wandernder Augen. Wie sich unverzüglich in der Gegenwart dieses Wortes der Schrecken der Situation, in etwas Menschliches, beinahe Kindliches verwandelte, in ein Verhalten, das ich verstehen konnte, eine Berührung, eine Vergewisserung, dass wahr ist, wovon man hörte. Ein sanftes Wort in der Umgebung eines Krieges, ein neuronaler Hebel. — stop

puma 15 gramm
echo : 7.05 – Abend war geworden. Wärme stieg vom Holz des Tisches auf, die Luft bewegte wie die Seiten des Buches, in dem ich las, als sich ein unbekanntes Wesen auf langen Beinen von Westen her kommend näherte. Eine tatsächlich höchst merkwürdige Erscheinung war das gewesen. Irgendjemand hatte den Kopf eines filigranen Tropenvogels, den Körper eines Insekts und das Bewegungsvermögen einer Raubkatze lose verschraubt und freigelassen. Geräuschlos, auf Giraffenbeinen, stolzierte das Montierte nun über mein Buch hinweg, langsam, furchtlos, sodass ich alles genau betrachten konnte. Indessen schien sich das Wesen nicht im mindesten für mich, seinen Beobachter, zu interessieren, sondern war allein um das Buch bemüht, vielleicht deshalb, weil das Buch angenehm duftete. Nach einigen Minuten der Papieruntersuchung legte sich das Tier mittels einer grazilen Sinkbewegung seitwärts auf den Tisch und lag genau dort immer noch, als ich am folgenden Morgen zurückkehrte, um weiterzulesen. Ich blieb dann einige Zeit wie gebannt unter freiem Himmel sitzen und beobachtete das frisch entdeckte Lebewesen, wie es fraß, wie es ruhte, wie es badete, atmete, nach Fliegen jagte. Und weil ich nichts vergessen wollte, notierte ich, was ich sah und was ich denken konnte, ich schrieb unter anderem folgende Notiz: Flügelloses Mischwesen. stop Hautfarbe blau. stop Fleischfresser. stop 15 Gramm. stop Sprachlos. stop Ich arbeitete fieberhaft. Drei Tage, drei Nächte. Einmal legte ich meinen Kopf auf den Tisch, schlief ein und träumte, wie sich der Körper des Tieres öffnete. Flügel entfalteten sich, das Tier schwebte, schnurrendes Geräusch, über meinem Gesicht auf und ab. stop. Schnee bis ins Tal. — stop
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obersalzberg : kentauren
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sierra : 12.10 — Man sollte meinen, ein Buch sei ausschließlich zum Lesen geeignet, eine Substanz hellen Papiers, Zeichen in gefalteter Linie, die mit den Augen studierend entlangzuarbeiten ist, Farben, Gerüche, Klänge, Drama. Seit einigen Stunden nun weiß ich, Bücher helfen gleichwohl in mechanischer Weise anatomisch wieder beweglich zu werden. Toni Morrisons Roman Jazz, zum Beispiel, 402 Gramm Gewicht für Minuten in meiner Hand am Ende eines Unterarmes, den ich zu strecken wünsche, widerspenstig ist er noch, bewegt sich nicht von eigener Kraft in jede der von mir gewünschten Richtungen. Wie er jetzt von der Schwerkraft der Dichtung nach unten gezogen wird, behutsam, in der Art und Weise langsam fallender Äpfel, sagen wir, eine Bewegung, mit den Augen nicht wahrnehmbar. – Kurz vor 12 Uhr. Mittag. Jenseits des Tales, das ich vom Hospital aus überschauen kann, spaziert gleißendes Sonnenlicht über den Obersalzberg hin, unheimliche Gegend. Ich meinte für Sekunden ein Rudel Kentauren gesehen zu haben, die den Saum eines Buchenwaldes entlang galoppierten. stop. Großartige erste Sätze im Kopf. stop. Toni Morrison. stop. STH, I know that woman. She used to live with an flock of birds on Lenox Avenue. Know her husband, too. He fell for an eighteen-year-old girl with one of those deepdown, spooky loves that made him so sad and happy he shot her just to keep the feeling going. When the woman, her name is violet, went to the funeral to the the girl and to cut her dead face they threw her to the floor and out of the church. She ran, then, through all that snow, and when she got back to her apartment she took the birds from their cages and set them out the windows to freeze or fly, including the parrot that said, „I love you.“

radio
echo : 15.05 — Ich war einmal Besitzer eines Radios mit elektrischem Auge. Sobald ich auf einen Knopf drückte, glühte das Auge zunächst dämmernd, dann leuchtete das Auge grün wie das Wasser eines Bergsees und ich hörte seltsame Stimmen und Rauschen und Pfeifen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es existierte seit dem Jahre 1952, war also viel älter als ich selbst und musste nie zur Reparatur gebracht werden. Nur einmal hüpfte eine Taste heraus und das Radio sah fortan aus, als habe es einen Zahn verloren. An einem sehr heißen Julitag des Jahres 1974 saß ich gerade vor dem Radio ohne Zahn, als gemeldet wurde, Fallschirmjäger seien über Zypern abgesprungen. Von einem Konflikt war die Rede und das Auge des Radios leuchtete dazu und die Membran seines Lautsprechers zitterte. Ich erinnere mich, dass ich dachte, dass nun Krieg sei, ein wirklicher Krieg, der erste Kriegsbeginn, den ich als Wellenempfänger miterlebte. Irgendwann verschwand das alte Radio und ich bekam ein neues Radio. Dieses Radio konnte Geräusche speichern, und so speicherte ich Geräusche, singende Frösche vielleicht, oder meine Stimme, die mich befremdete, die nie meine eigene Stimme gewesen war, sondern immer die Stimme eines anderen, der ähnliche Dinge sagte. Bald machte ich mit einer weiteren Maschine Filme, nein, ich zeichnete Filme auf ein Band, den Film der Stadt Bagdad an einem Vorkriegsmorgen zum Beispiel. Die Sonne strahlte vom Himmel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwitscherte. Vielleicht saß der Vogel auf einer gepanzerten Kamera, die das Bild der leuchtenden Stadt zu mir hin übertrug. Dieser Vogel war noch Radio gewesen. — stop

eine fliege
india : 6.28 — Eine Fliege war unlängst aus großer Höhe abgestürzt und vor mir auf den Tisch gefallen. Die Vorstellung zunächst, das Tier könnte, noch im Flug befindlich, aus dem Leben geschieden sein, dann aber war Bewegung im liegenden Körper zu erkennen, zwei der vorderen Fliegenbeinchen bewegten sich bebend, bald zuckten zwei Flügel. Die Fliege schien benommen, aber nicht tot gewesen zu sein, weswegen sie bald darauf erwachte, eine äußerst schnelle Bewegung und schon hatte die Fliege auf ihren Beinen Platz genommen, das heißt genauer, auf Fünfen ihrer sechs Beine Platz genommen, das linke hintere Bein streckte die Fliege steif von sich. Keine Bewegung der Flucht in diesem Zeitraum meiner Beobachtung. Auch dann, als ich mich mit dem Kopf näherte, keine Anzeichen von Beunruhigung. Die Fliege schien mit sich selbst beschäftigt zu sein, tastete mit einem ihrer Hinterbeinchen nach der gestreckten Extremität, die verletzt zu sein schien, gebrochen, vielleicht oder gestaucht. Natürlich stellte sich sofort die Frage, ob es möglich ist, das Bein einer Fliege medizinisch erfolgreich zu versorgen, Bewegungsstillstand zu erreichen, sagen wir, um eine Operation zum Beispiel, die dringend geboten sein könnte, vorzubereiten. Ich machte ein paar Notizen von eigener Hand, ich notierte in etwa so: Forschen nach Mikroskop, Pinzetten, Skalpellen, anatomischen Aufzeichnungen, Schrauben, Narkotika und Verbandsmaterialien für Operation an geöffneter Calliphora vicina. Nein, fangen wir noch einmal von vorne an. Unlängst. Eine Fliege. — stop

dair az-zaur
sierra : 7.48 — Das zwanzigste Jahrhundert blickt nieder auf eine geheimnislose Welt. Alle Länder sind erforscht, die fernsten Meere zerpflügt. Landschaften, die vor einem Menschenalter noch selig frei im Namenlosen dämmerten, dienen schon knechtisch Europas Bedarf, bis zu den Quellen des Nils, den Langgesuchten, streben die Dampfer; die Viktoriafälle, erst vor einem halben Jahrhundert vom ersten Europäer erschaut, mahlen gehorsam elektrische Kraft, die letzte Wildnis, die Wälder des Amazonasstromes ist gelichtet, der Gürtel des einzig jungfräulichen Landes, Tibets, gesprengt. Das Wort TERRA INCOGNITA der alten Landkarten und Weltkugeln ist von wissenden Händen überzeichnet. – Stefan Zweig. In jenen Landschaften aber Frauen, Männer, Kinder. Ahnungen. Was in der ostsyrischen Stadt Dair az-Zaur protestierenden Menschen in diesen Stunden geschieht, wissen wir nicht. – stop

wintermütze
kilimandscharo : 8.55 — Seit Tagen frage ich mich, welchen Anblick ich dargeboten haben könnte, narkotisiert, ich, Louis, über vier Stunden Zeit im chirurgischen Saal auf einem Tisch. Habe ich gesprochen? Habe ich mich aus eigener Kraft bewegt? Wenn ich sage: Meine schlafenden Augen, spreche ich von Augen, die ich nie gesehen habe. Kann mich an den Moment des Schlafens nicht erinnern, als ob dieser Moment nie existierte. Möchte bald meinen, unter Narkose unsichtbar geworden zu sein. Stattdessen war ich sichtbar, wie ich zuvor nie sichtbar gewesen bin. Mein Ellenbogen, von mehreren Seiten her geöffnet, ausgeleuchtet, dargelegt. Einer der Chirurgen, die operierten, erzählte, man habe, sobald Kapsel, Bänder, Muskeln, Sehnen sortiert und genäht worden waren, alle üblichen Bewegungen eines Ellenbogengelenks erfolgreich ausprobiert, ich solle mir keine Gedanken machen, ich könne bald wieder schreiben von Hand, essen, meine Wintermütze aufsetzen. Im Januar spätestens das beidhändige Werfen schwerer Koffer üben. — stop
PRÄPARIERSAAL : cerebum
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nordpol : 8.02 — TONAUFNAHME / Mai 2005 — Yomo : Als wir das Gehirn entnahmen, haben wir uns zunächst keine Gedanken darüber gemacht, was für ein faszinierendes Teil des menschlichen Körpers wir gerade in der Hand hielten. Wir hatten das nämlich so verstanden, dass die Studierenden das Gehirn selbst entnehmen dürfen und wir haben das dann auch gemacht. Aber bald haben wir festgestellt, dass die Assistenten, nicht die Studierenden, das an den anderen Tischen machten. Wir hatten bei der Entnahme einen Fehler gemacht und das Gehirn an der falschen Stelle durchtrennt. Wir waren sofort damit beschäftigt, zu überlegen, was wir jetzt machen sollen, um keinen Ärger zu bekommen. Wir haben deshalb in dieser Situation nicht so sehr an das Gehirn gedacht. Zum Glück kam dann aber eine nette Assistentin und hat das Gehirn vollständig entnommen, ohne uns weiter Vorwürfe zu machen. Sie fand unsere Art der Entnahme fast noch besser als die vorgegebene Methode, da man viele Strukturen sehen konnte, die wir anders nicht gesehen hätten. Wir waren auf jeden Fall ziemlich froh, dass wir keinen Ärger bekommen haben. Ich habe erst etwas später ein besonderes Gefühl gespürt, als ich das Gehirn in den Händen hatte. Vielleicht lag das auch daran, dass wir uns am Anfang auch noch gar nicht so genau mit dem Gehirn auskannten. Ein paar Dinge über das Gehirn wusste ich zwar schon aus der Schule, aber wie genau es aufgebaut ist, aus wie vielen Strukturen das Gehirn besteht und was man alles an einem Gehirn sehen kann, das habe ich erst in der Anatomie gelernt. So wurde das Gehirn im Lauf Zeit zu einem immer interessanteren und faszinierenderen Körperteil für mich. An dem Tag, als wir die Sulci mit bunten Fäden auslegen sollten, hatte ich das Gehirn dann länger in der Hand. Das ist jener Tag, an den ich mich besonders intensiv erinnern kann, da ich ein besonderes Gefühl hatte, als ich das Gehirn in der Hand gehalten habe. Ich war ein wenig glücklich und stolz auch, denn wer hat schon die Möglichkeit ein Gehirn in der Hand zu halten. Für mich war kaum vorstellbar, dass diese Struktur in meiner Hand einmal so viele und wichtige Aufgaben erfüllt hatte.




