delta : 0.03 — Ein aufregendes Buch, das ich gerade wieder lese in kleinen Etappen, Wilhelm Genazinos Erzählung Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Einhundertfünfzehn Geschichten eines Mannes, der fürchtet, sein Gedächtnis zu verlieren, Geschichten, die der Mann seinen Freunden erzählt, damit sie ihm später einmal zurückgegeben werden könnten. Ja, so sollte man leben, so genau, dass für jeden gelebten Tag eine Geschichte zu verzeichnen ist. Manche dieser Geschichten werden vielleicht nur aus einem einzigen Satz bestehen, einem Gedanken oder einem zitierenden Text, Wörtern wie diesen, die ich gestern, nachdem ich den faszinierenden Film Die Frau mit den 5 Elefanten gesehen hatte und in seine zwölfte Minute zurückgekehrt, der Übersetzerin Swetlana Geier von den Lippen las: Es stellt sich immer wieder heraus, und es ist ein Zeichen für einen hochwertigen Text, dass der Text sich bewegt. Und plötzlich, man hat es vorbereitet und man sieht alles, und man weiß alles, aber plötzlich ist da etwas, was man noch nie gesehen hat. Ein solcher Text ist unerschöpflich. Man kann ihn eigentlich, auch wenn man ihn übersetzt hat oder zweimal, ich hab das jetzt zweimal übersetzt, man kann ihn nicht ausschöpfen. Und das ist eben wahrscheinlich ein Zeichen der allerhöchsten Qualität. Natürlich, man muss lesen lernen. — stop
Aus der Wörtersammlung: text
nachtfalter
alpha : 0.03 – Truman Capotes feine Geschichte Music for Chameleons. Das Porträt einer Aristokratin, die dem amerikanischen Schriftsteller während der 50er-Jahre auf Martinique Gastgeberin gewesen war. Ich hatte die Geschichte vor langer Zeit bereits gelesen und seither nie aus den Augen, nie aus dem Nahgedächtnis verloren. Wie eine elegante Lady auf einem gut gestimmten Klavier eine Mozart-Sonate spielt, und wie sich Chamäleons, von den Geräuschen des Instruments angezogen, zu ihren Füßen versammeln. Ich konnte mich gut erinnern an Geisterwesen, an rotäugige kleine Menschen weiß wie Kreide, an einen Garten riesiger Nachtfalter, an Pfefferminztee und Absinth, an Gauguins schwarzen Spiegel. Und wie die Chamäleons in ihren Farben, die über ihren Körper blitzten, die Musik Mozarts improvisieren, davon hatte ich begeistert immer und immer wieder einmal erzählt. Und dann lese ich Capotes Geschichte wieder. Da waren Nachtfalter und Menschen von kreideweißer Haut, und Pfefferminztee und Absinth, Mozart, Gauguin, allerlei Geister, eine Lady und ihr Klavier, und natürlich Chamäleons, Chamäleons lavendelfarben, gelb, lindgrün, scharlachrot. Ich las und wartete, wartete darauf, dass ich bald jene Stelle erreichen würde im Text, da Farben improvisierend die Körper der Chamäleons beleuchteten. Wartete vergeblich. Wartete noch, als der Text schon lange Zeit zu Ende gelesen war. — Existiert vielleicht eine geheime Schreibmaschine in meinem Kopf, die Lektüren meines Lebens geräuschlos weiterschreibt? — stop
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traumstempel
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alpha : 20.48 — Wieder einmal von Regenschirmtieren geträumt. Es ist immer derselbe oder ein ähnlicher Traum, der in einer pendelnden Bewegung durch mein Leben streift. Sofort einen Text erinnert, der sich nunmehr wie ein Traumerzählstempel zu verhalten scheint: Die Luft im Traum war hell vom Wasser gewesen, und ich wunderte mich, wie ich in dieser Weise, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut, ja, Haut von der Art der Flughaut eines Abendseglers. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnet noch immer. – Guten Abend! — stop

tapetum cellulosum lucidum /// IED EXPLOSION IN BAGHDAD (ZONE X) 2004-01-14 18:40:00 ///
sierra : 22.01 — Knisternde Kälte. Dompfaffen, Rotkehlchen, Grünfinken hängen, zwitschernde Trauben, an Futterbällen im Garten über Schnee. Ich hatte, in dem ich sie beobachtete, die Idee, dass mir selbst bald einmal reflektierende Zellschichten in den Augenhöhlen wachsen könnten, tapetum cellulosum lucidum, hinter den Glaskörpern hinter den Pupillen, Katzenaugenhäute, nicht von der Beobachtung der Natur da draußen im Garten, sondern vom Lesen der Wikileaks – Irak — Protokolle : IED EXPLOSION IN BAGHDAD (ZONE X) 2004-01-14 18:40:00 — IP X REPORTED THAT A GREY X EXPLODED IN A RESIDENTIAL AREA. IPS AND X ELEMENTS WENT TO THE SITE AND FOUND THE EXPLODED CAR. X BROTHERS AND THEIR X CLAIMED THAT SOMEONE ELSE MUST HAVE PUT THE EXPLOSIVES IN THEIR CAR. IZ EOD BELIEVES AN IED WENT OFF PREMATURELY. — UPDATE: DETAINED THE X BROTHERS AND HAVE COORDINATED TO HAVE THE BOMB DOGS GO TO THE HOUSE LATER TODAY. IED TRACKING NUMBER IS X. stop. stop. 390136 Dokumente. stop. Nehmen wir einmal an, ich versuchte Tag für Tag 100 dieser Texte zu lesen und nachzufühlen, was sie bedeuten könnten, Particles, die von Bombenanschlägen, Scharfschützen, Enthauptungen, Feuergefechten, Entführungen berichten, dann würde ich längere als zehn Jahre Zeit in dieser Arbeit verbringen. Inwiefern würde sich bald die Gestalt meines Gehirnes verändert haben, meine Sprache, welcherart wären die Geschichten, die ich noch erzählte? — stop
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kalkutta
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echo : 17.05 — Im Traum in Kalkutta gewesen. Spazierte unter einem Regenschirm bis zu den Hüften hin in schillerndem Wasser. Büchsen und Tüten und Schuhe dümpelten um mich herum, darunter strahlende, lachende Gesichter von Kindern, die badeten, in dem sie mit hellen Stimmen zu mir sprachen. Bald zogen sie mich mit sich fort durch enge Straßen, die hölzerne Häuser säumten. In die Wand eines dieser Häuser war ein Computerbildschirm eingelassen, darunter eine Tastatur mit Tasten je so groß wie eine ausgewachsene menschliche Hand. Die Kinder erzählten, jene gefangene Maschine sei ihre Maschine. Sie hüpften vor der Wand hin und her, in dem sie einen Text notierten, den ich nicht lesen konnte. Auch deshalb nicht lesen konnte, weil ich meine Arme und Beine beobachtete, die je in eine andere Himmelsrichtung fortgetragen wurden. Eine Selbstauflösung, die sich in Minutenfrist vollzog, als sei der Text der Kinder eine Beschwörung gewesen, die meine anatomische Gestalt sorgfältig in kleinere Teile zerlegte. Eines der Kinder nahm meinen Kopf mit sich nach Hause. Behutsam wurde ich getragen und voller Stolz herumgezeigt. Eine gespenstische Geschichte vielleicht, die sich ereignete am Montag bereits gegen 3 Uhr am Nachmittag. — stop

herr auf bahnsteig
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echo : 6.28 — Ein älterer Herr abends spät auf dem Bahnsteig einer Metrostation. Der Mann ist offensichtlich glücklich. Gerade noch, vor wenigen Minuten, passierte er mit einem Koffer in der linken Hand eine Bildschirmwand, las im langsamen Gehen einen Text, der eine halbe Minute zuvor dort erschien. Dieser Text, eine Meldung, berichtet von Forschungsergebnissen eines nordamerikanischen Institutes, man habe nämlich herausgefunden, dass die Intensität der Gefühle mit dem wachsenden Alter eines Menschen steigen würde, man könne sich mit 60 Jahren am besten in eine andere Person hineinversetzen, gleichwohl schwierigen Zeiten etwas Gutes abgewinnen. Wie er diesen Text nun liest, wird der alte Mann langsamer, hält schließlich an, wendet sich dem Licht des Bildschirmes zu, setzt den Koffer neben sich auf den Boden ab. Leicht nach vorne gebeugt steht er da, ein Schatten, eine Silhouette, die sich auch dann nicht bewegt, als die Nachricht, die von der Natur, vom elektrischen Wesen des alten Mannes persönlich erzählt, verschwindet und stattdessen ein Wetterbericht (Eis und Schnee), eine Reiseempfehlung (Ägypten), sowie aktuelle Devisenkurse (Dollar steigend) erscheinen. Der alte Mann wartet, er wartet zwei oder drei Minuten, bis der Text, den er studierte, wiederkehrt. Weitere Minuten vergehen, dann nimmt der alte Mann seinen Koffer vom Boden, dreht sich auf dem Absatz herum, sieht mich an, er lächelt und geht weiter. Eine Frau nähert sich in diesem Moment, da ich notiere, dem Luftraum vor dem Bildschirm. Sie trägt einen länglichen Pappkarton, in dem sich, einer Zeichnung folgend, ein Weihnachtsbaum (Tanne) befinden soll. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte. Guten Morgen! — stop
lufteisschrift
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romeo : 2.18 — Ein Eisbuch besitzen, ein Eisbuch lesen, eines jener schimmernden, kühlen, uralten Bücher, die knistern, sobald sie aus ihrem Schneeschuber gleiten. Wie man sie für Sekunden liebevoll betrachtet, ihre polare Dichte bewundert, wie man sie dreht und wendet, wie man einen scheuen Blick auf die Texturen ihrer Gaszeichen wirft. Bald sitzt man in einer U‑Bahn, den leise summenden Eisbuchreisekoffer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeisterten Blicke der Fahrgäste, wie sie flüstern: Seht, dort ist einer, der ein Eisbuch besitzt! Schaut, dieser glückliche Mensch, gleich wird er lesen in seinem Buch. Was dort wohl hineingeschrieben sein mag? Man sollte sich fürchten, man wird seinen Eisbuchreisekoffer vielleicht etwas fester umarmen und man wird mit einem wilden, mit einem entschlossenen Blick, ein gieriges Auge, nach dem anderen gegen den Boden zwingen, solange man noch nicht angekommen ist in den frostigen Zimmern und Hallen der Eismagazine, wo man sich auf Eisstühlen vor Eistische setzen kann. Hier endlich ist Zeit, unter dem Pelz wird nicht gefroren, hier sitzt man mit weiteren Eisbuchbesitzern vertraut. Man erzählt sich die neuesten arktischen Tiefseeeisgeschichten, auch jene verlorenen Geschichten, die aus purer Unachtsamkeit im Laufe eines Tages, einer Woche zu Wasser geworden sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist keine Zeit für alle diese Dinge. Es ist immer die erste Seite, die zu öffnen man fürchtet, sie könnte zerbrechen. Aber dann kommt man schnell voran. Man liest von unerhörten Gestalten, und könnte doch niemals sagen, von wem nur diese feine Lufteisschrift erfunden worden ist. – Guten Morgen. Heute ist Mittwoch. — stop
verschwinden
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tango : 18.57 — Was hätte ich zu unternehmen, wenn ich wüsste, dass ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen mit dem Gedanken spielte, mich so rasch wie möglich ums Leben zu bringen. Wie viele Spuren meines Aufenthaltsortes sind in dieser Textlinie zu finden, sodass man die Positionen, die ich bewohne, identifizieren könnte. Weiß man von meinen Freunden? Welche Verzeichnisse im Internet müsste ich von Hinweisen befreien, wen inständig bitten, kein Wort über mich zu verlieren? Wie also unsichtbar werden, nach und nach einer sein, der nie existierte? Ich könnte mich bewegen, reisen, bis ich ein armer Hund geworden bin. Könnte dann innehalten, könnte vorgeben, als habe ich geträumt, meine perforierte Seele, oder selbst noch zum Jäger werden. — stop
im schneehaus
whiskey : 0.12 — Man sollte, sagen wir, sobald man auf Reisen geht, Basskäfer in Streichholzschachteln liegend in der Jackentasche mit sich führen. Sie werden vielleicht musizieren, während man in einem Zug oder einem Flugzeug sitzt, so leise spielen, dass man nichts zu hören vermag, nur ein leises Beben spüren, das sich als Welle ausbreitet, wärmend der Gedanke an die Käfer, wie sie in ihren Koffern übend lungern. — Kurz nach Mitternacht. Heut ist Montag, seltsamster Tag unter den Tagen. Ich bin westwärts gewandert im Lesesaal der Bücher von Eis. — 52° Celsius, da knistert die Luft. Studierende Menschen sitzen vor gefrorenen Tischen auf gefrorenen Stühlen, Lokomotiven gleich stoßen sie Dampf aus Mund und Nase, nehmen Fahrt auf in der Lektüre aufregender Textpassagen, ihr Feueratem, feinster Schnee, der über den Büchern niedergeht. — stop

natalie sarraute
echo : 22.55 — Während ich einen Text über Hände und Finger notierte, beobachtete ich meine eigenen, arbeitenden Hände und Finger, wie sie die Tastatur der Maschine bedienten, ohne dass ich ihnen bewusst Anweisung erteilte. Einmal konnte ich nicht weiter, deshalb machte ich eine kleine Pause und betrachtete zunächst meine linke, dann meine rechte Hand. Sie ruhten Seite an Seite auf der Tastatur der Maschine und warteten. Sie warteten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktieren würde, was aufzuschreiben ist. Ich könnte jetzt vielleicht sagen, dass meine Hände darauf warteten, mein Gedächtnis entlasten zu dürfen, weil ich alle Sätze, die ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, nie lernen, nie speichern muss, weil ich bereits vor der Niederschrift weiß, dass ich bald wiederkommen und lesen könnte, was ich notiere und notierte. Ich betrachtete also meine Hände, und weil ich sehr lange Zeit nicht weiterwusste in meinem Text, habe ich in Nathalie Sarrautes wunderbarem Buch Kindheit gelesen. Nach einer Stunde schaltete sich mein Computer aus und ich konnte auf dem Bildschirm folgende Zeile lesen: no signal. going to sleep. — stop







