nordpol : 17.12 UTC — Auf dem südlichen Fensterbrett meiner Wohnung steht seit längerer Zeit eine Matroschka-Puppe. Zuvor war sie in einer Truhe verborgen gewesen im Hause meiner Eltern, als meine Eltern noch lebten. Diese Puppe steht so selbstverständlich an Ort und Stelle, dass ich sie seit unbestimmter Zeit nicht wahrgenommen hatte. Vielleicht hätte ich ihr Fehlen bemerkt, aber nicht ihre Anwesenheit. Vor wenigen Tagen ist etwas Seltsames geschehen. Ich stand am Fenster und entdeckte die Puppe, als wäre sie eine vollständig neue Erscheinung. Als ich mich abwandte, erinnerte ich mich daran, sie als Kind geöffnet zu haben, bis zur kleinsten Puppe hin. Ich legte damals um die kleinste der Puppen einen gefalteten Zettel mit dem Vorsatz, irgendwann einmal nachzusehen, ob die Puppe vielleicht von irgendjemandem während meiner Abwesenheit geöffnet worden war. Nun nahm ich die Matroschka-Puppe also in die Hand und begann, mich langsam zu der kleinsten der Puppen vorzuarbeiten. Acht Puppen saßen über viele Jahre ineinandergestellt in einer Truhe, später in einem Umzugskarton, bis sie hier in meinem Südzimmer angekommen waren. Als ich die letzte der Hohlraumpuppen erreicht hatte, rutschte tatsächlich ein Zettel auf den Tisch, ein Zettel, an dessen hellgrüne Farbe ich mich erinnert hatte.- stop
Aus der Wörtersammlung: ton
abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 456, Luftfahrt — 1022, Automobile — 58331], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 55, 19. Jahrhundert – 18, 20. Jahrhundert – 751 , 21. Jahrhundert — 3556 ], physical memories [ bespielt — 21, gelöscht : 178 ], Lichtfangmaschinen [ Vögel / künstlich Gattung Inari 2 : 8 ], Öle [ 0.7 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 21, Kniegelenke – 521, Hüftkugeln – 886, Brillen – 356 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 14553, Größen 38 — 45 : 455 ], Kühlschränke [ 1522 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 15, mit Taucher – 12 ], Engelszungen [ 687 ] | stop |

tonspur
delta : 22.32 UTC — L. erzählt, sie habe den Mann, der in einer Wohnung lebt, die sich hinter der Wand ihrer Küche befindet, noch nie gesehen. Seit einem Jahr hört sie seine Lebenszeichen, ein blechern klingendes Radio. Das Radio spielt Jazzmusik. Manchmal ein Piepsen, vielleicht das Piepsen einer Mikrowelle. Abends fällt Licht an eine gegenüberliegende Hauswand, er ist zu Hause, ein Schatten bewegt sich. Sie wünschte sich einen Türspion, durch den sie auf den Flur spähen könnte. Oft Stimmen, als wäre die Küche voller Menschen. Nein, sie habe sich nicht gelauscht, die Stimmen sind laut. Schritte draußen auf dem Flur sind nie zu vernehmen. Das Geräusch eines Wasserhahns. Das Scheppern von Metall. Ein hell singendes Glas. Türen auf und zu. Die Stimmen, die sie hört, immer abends, eine Tonspur junger Stimmen, fröhlich, in arabischer, englischer, französischer Sprache. Nachts Stille, manchmal spät, soeben Dämmerung vor den Fenstern, wieder Stimmen. Sie meint, ihr Nachbar würde vermeiden, gesehen zu werden. Er will nicht gesehen werden, denkt sie, aber doch bemerkt. Sie würde ihm helfen in der Not. Unlängst, kurz vor Weihnachten, hörte sie seine Wohnungstür draußen in nächster Nähe. Sie war bereits in ihren Regenmantel geschlüpft. — stop

Lew Kopelew und Raissa Orlowa
Anfang der 80er Jahre in Crottorf.
Vertraute vertraut im
Garten arbeitend.
Fotografie: Archiv
der FSO Bremen
hydra No 3
echo : 20.38 UTC — Eine Filmdatei existiert seit Jahren im Gedächtnis meiner Computermaschine. Ich habe diese Datei noch nie geöffnet. Sie soll Bilder enthalten, die den gewaltsamen Tod des Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera zeigen. Immer wieder der Gedanke, die Frage, was ich unternehmen, was ich fühlen, wie ich leben würde, wenn ich wüsste, dass Bilder des Todes eines von mir geliebten Menschen, seine Erniedrigung, seine Verzweiflung betrachtet werden oder betrachtet werden könnten von Abertausenden wilder und fremder Augenpaare. — Kann man mit einer Hydra verhandeln? — Ich stelle fest. Das Wesen dieser digitalen Hydra der Grausamkeit ist zu ungeheurer Größe gewachsen. In Kanälen der Telegram-Applikation sind tausendfach Filmdokumente publiziert, die den Tod kämpfender Menschen an den Frontlinien in der Ukraine zeigen. Sie werden in ihrem Sterben aus der Luft beobachtet, von den Augen der Drohnen, die zunächst nach Bewegung der Menschen suchen, die unter ihnen in Wäldern und Gräben liegen. Drohnen und ihre Augen sind tödliche Geschöpfe. Sie bombardieren, sie filmen, sie prüfen ihr Werk. Noch, es ist Sommer 2024, wirken sie nicht autonom. — stop

In einer Nebelkammer
Spuren kleinster
Teilchen
die Vater
beobachtete
murmansk
delta : 0.28 UTC — Regen fällt. Nach Mitternacht sind Sirenen zu hören im Zimmer 305 eines Hotels an der Rue de Javel im 15. Arrondissement der Stadt Paris. Eine Frau, sie vielleicht 60 Jahre alt, sitzt auf dem Sofa, Blick zum Fenster. Sie hört diesem gnädigen Regen zu und jenem Sirenenton, den ihr Telefon spielt, ein Ton, den sie so gut kennt. Sie schließt das Fenster, geht ein oder zwei Schritte vor dem Bett auf und ab. Der hölzerne Boden knarzt. Sie nimmt ihr Handtelefon vom Tisch, wählt und spricht sofort los: Hier ist Mama! Seid ihr schon im Flur? Sind alle da, habt ihr Strom? Wasser? Und die Katzen? — Die Frau spricht mit ruhiger, fester Stimme, als würde sie eine Liste verlesen. Auf jede der Fragen antwortet ihre Tochter mit ebenso ruhiger Stimme: Ja, alle sind da. Anna ist da. Artem ist da. Viktorija ist da. Alle sind im Flur, ja, die Türen sind geschlossen, ja, wir haben zwei Powerbanks, Wasser, Licht. Liebe Mutter, sagt die Tochter, wenn das Telefon ausfällt, reg Dich nicht auf, ich ruf Dich wieder an. — Am Nachmittag bereits waren strategische Bomber in der Ferne gestartet, tief im russischen Hinterland, von Murmansk aus, um die Menschen der Stadt Kyjiw zu bombardieren. In dieser Stunde, es regnet in Paris, sind ihre Geschosse angekommen, schrittweise in Wellen. Eine lange, sorgenvolle Nacht. Die Mutter, die in Paris auf ihrem Bett sitzt, wird ihr Telefon nicht aus der Hand legen. Vielleicht wird sie gegen den Morgen zu eingeschlafen sein von der Müdigkeit der Jahre. Es regnet, die Vögel werden nass. Noch immer ist kurz nach Mitternacht. — stop
abschnitt neufundland
Abschnitt Neufundland meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 1222, Luftfahrt — 3798, Automobile — 55635], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 17, 19. Jahrhundert – 155, 20. Jahrhundert – 2802 , 21. Jahrhundert — 622 ], physical memories [ bespielt — 22, gelöscht : 178 ], Lichtfangmaschinen [ Vögel / künstlich Gattung Inari 3 : 5 ], Öle [ 0.8 Tonnen ], Prothesen [ Herz — Rhythmusbeschleuniger – 22, Kniegelenke – 307, Hüftkugeln – 761, Brillen – 358 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 4531, Größen 38 — 45 : 307 ], Kühlschränke [ 122 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 4, mit Taucher – 22 ], Engelszungen [ 507 ] | stop |

bei harrods
MELDUNG. Automobile, folgende, wurden nach einem Kaufhausbesuch zu London in Martha B., 90, vorgefunden. Magen ‑1 Studebaker Commander State [ 1967 ] , Dünndarm — 1 Stuyvesant Four [ 1911 ], Dickdarm — 2 Mercury Hp 7 [ 1911 ]. Ein geduldiger Richter hatte die Durchsuchung des hochbetagten Bauches einerseits, sowie unmittelbare Rückführung der Fahrzeuge in das Warenhaus Harrods an der Brompton Road andererseits, dringend empfohlen. — stop
karussellfahrt
delta : 14.14 UTC — Träumte. Während ich träumte, machte ich Übungen zur Sprache. Ich erzählte einem Tonband, das sich im Traum befand, was ich träumte, um mich morgens erinnern zu können. Ich wachte auf und erinnerte mich an den Wunsch im Traum einem Tonband zu erzählen. — stop

stimmen
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india : 20.12 UTC — Gestern hatte ich mich plötzlich an Vaters Stimme erinnert. Die Stimme sagte: Aber das ist doch Kokolores. Dann lachte die Stimme. Und ich dachte noch daran, wie ich vor Jahren einmal bemerkte, dass ich mich für einen Moment nicht mehr an die Stimme meines Vaters erinnern konnte. Wie ich auch suchte, ich fand sie nicht. Ich war natürlich sehr erschrocken gewesen. Anstatt der Stimme meines Vaters, hörte ich die Stimme des großen Erzählers Isaak B. Singer, eine helle und zugleich raue Stimme, die der Stimme meines Vaters sicher ähnelte. Ich hatte vor ein oder zwei Jahren Singers Stimme in einem Filminterview gehört. Fotografien zeigen den alten Mann spazierend am Atlantik. Auch mein Vater war mehrfach in Brighton Beach gewesen, wenn ich nicht irre. Plötzlich kehrte die Erinnerung an die Stimme meines Vaters zurück. Isaac B. Singers Geschichte im Übrigen geht so: Kurz nach meiner Ankunft (in Amerika) betrat ich zum ersten Mal eine Cafeteria, ohne zu wissen, was das ist. Ich hielt es für ein Restaurant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restaurant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie ignorierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirklicher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kellnern, und niemand beachtet mich! Irgendwann begriff ich dann, was eine Cafeteria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafeterien wurden eine Art Zuhause für Flüchtlinge aus Polen, Russland und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafeterien, wo all diese Menschen aufeinandertrafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hintergrund meiner Geschichten, die in Cafeterien spielen. – stop

Spuren einer Zeit
da mein Vater
das Wort
Kokolores
sagte
ein kind
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nordpol : 0.58 — Ich stellte mir Nachrichten vor, die dazu geeignet sind, Telefone der Nachrichtenempfänger unverzüglich in Brand zu setzen. Was könnte das für Nachricht sein? Vielleicht folgende Nachricht, dass eine Geschichte wie diese Geschichte hier möglich ist, eine Geschichte, die von einem Kind erzählt, das in Großbritannien lebt. Das Kind, so wird erzählt, öffnete zur Weihnachtszeit einen Geschenkkarton, welcher in China erzeugt worden sein soll. In diesem Geschenk fand das Kind einen Zettel sorgfältig versteckt, der von Hand beschriftet worden war. Auf dem gefalteten Zettel war Folgendes zu lesen: S O S! Neugierig geworden öffnete das Kind das akkurat gefaltete Päckchen Papier. Das Kind entdeckte Zeichen, die mittels eines Kugelschreibers in blauer Farbe auf das Papier gesetzt worden waren. Und weil das Kind unbedingt herausfinden wollte, was dort handschriftlich notiert worden war, wurde die Zeichenfolge übersetzt. Von einem Ort in China war die Rede, von einem Gefängnis nahe einer großen Stadt im Norden des Landes, von der furchtbare Not eines menschlichen Wesens. Auch von der Zeit, von einem Zeitort. Bald drei Jahre war der Brief auf Reisen gewesen, ehe das Kind aufmerksam geworden war. — stop



