Aus der Wörtersammlung: tür

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im schneehaus

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whis­key : 0.12 — Man soll­te, sagen wir, sobald man auf Rei­sen geht, Bass­kä­fer in Streich­holz­schach­teln lie­gend in der Jacken­ta­sche mit sich füh­ren. Sie wer­den viel­leicht musi­zie­ren, wäh­rend man in einem Zug oder einem Flug­zeug sitzt, so lei­se spie­len, dass man nichts zu hören ver­mag, nur ein lei­ses Beben spü­ren, das sich als Wel­le aus­brei­tet, wär­mend der Gedan­ke an die Käfer, wie sie in ihren Kof­fern übend lun­gern. — Kurz nach Mit­ter­nacht. Heut ist Mon­tag, selt­sams­ter Tag unter den Tagen. Ich bin west­wärts gewan­dert im Lese­saal der Bücher von Eis. — 52° Cel­si­us, da knis­tert die Luft. Stu­die­ren­de Men­schen sit­zen vor gefro­re­nen Tischen auf gefro­re­nen Stüh­len, Loko­mo­ti­ven gleich sto­ßen sie Dampf aus Mund und Nase, neh­men Fahrt auf in der Lek­tü­re auf­re­gen­der Text­pas­sa­gen, ihr Feu­er­atem, feins­ter Schnee, der über den Büchern nie­der­geht. — stop

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nicolas bouvier

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tan­go : 0.01 — War über einem Buch des Schwei­zer Schrift­stel­lers Nico­las Bou­vier ein­ge­schla­fen, hat­te in letz­ter Sekun­de noch einen Gedan­ken wahr­ge­nom­men. Ich sag­te zu mir mit lei­ser wer­den­der Stim­me im Kopf: Du musst ein­mal über­le­gen, ob es sinn­voll ist, nach einer Metho­de zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu kön­nen. Ja, das wär eine inter­es­san­te Geschich­te. Man wür­de sich natür­lich an die erzäh­len­de Wirk­lich­keit des Buches selbst nicht erin­nern, das man gera­de noch las oder hör­te wäh­rend man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahr­neh­men konn­te, und doch wäre man mit Herrn Bou­vier nach Gal­way geflo­gen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Wei­se nach Gal­way geflo­gen, dass man sich ein­mal spä­ter so gut an die­sen Flug erin­nern könn­te, als wäre man selbst dort in Kil­ro­nan gewe­sen, eine Ahnung, Geräu­sche, Luft und Leu­te. — stop

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minutenzeit

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india : 15.05 — Ver­su­che, die Zeit vor­zu­stel­len, das heißt, die Zeit einer Minu­te zu mes­sen oder zu füh­len oder zu den­ken, ohne eine Uhr zu Hil­fe zu neh­men. Das ist natür­lich nicht ganz rich­tig for­mu­liert, weil ich die Genau­ig­keit mei­ner geis­ti­gen Mes­sung prü­fe, in dem ich nach Ablauf einer Minu­te, einer vor­ge­stell­ten Minu­te, die tat­säch­lich ver­stri­che­ne Zeit vom Zif­fer­blatt einer klei­nen Stopp­uhr lese, die ich in dem Moment mit einer Hand­be­we­gung in Gang set­ze, da ich den­ke, jetzt, genau jetzt ist die Zeit einer Minu­te ange­bro­chen. Nein, ich zäh­le nie bis sech­zig, auch nicht bis drei­ßig! Und die Arbeit der Uhr, die in mei­ner Hand der Minu­ten­zeit eine gül­ti­ge Gestalt ver­leiht, ist nicht zu spü­ren, nicht zu hören. Ich habe fest­ge­stellt, dass die Minu­ten­zeit des Mor­gens kür­zer ist als die Minu­ten­zeit des Abends an der­sel­ben Stel­le. Selt­sa­me Geschich­te! — stop

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central park — liegend

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tan­go : 15.28 — Im Cen­tral Park für Stun­den. Ein­mal lege ich mich ins Gras und notie­re was ich sehe: Hun­de, zum Bei­spiel, Rie­sen­pu­del im wei­ßen Pelz, rosa­far­ben die Haut ihrer Gesich­ter, Krea­tu­ren, Men­schen­hun­de, die uralte Bäu­me mar­kie­ren. Das fei­ne, hel­le Grün der Kro­nen, wis­pern­des Licht, als wär noch Früh­ling, sol­che Bäu­me, die gedul­dig fla­nie­ren­de Per­so­nen beschir­men. Und Läu­fer, männ­li­che und weib­li­che Läu­fer, leicht beklei­det, ent­spann­tes Lächeln, wie von unsicht­ba­ren Fuß­sänf­ten getra­gen. Vier Poli­zis­ten, je mit Müt­ze, schwe­res Gerät klim­pert in der Mit­te ihrer run­den, fes­ten Kör­per. Eis­ver­käu­fer strei­ten am Ufer eines Sees, auf dem Funk­steu­er­boo­te segeln. Ein ver­lieb­tes Paar ist da noch, sie lie­gen, und ein wei­te­res, ein gleich­gül­ti­ges Paar lun­gert auf einer Bank, die Frau einer­seits türmt mit zar­tes­ten Bewe­gun­gen ihrer rot bemal­ten Zehen Baum­sa­men­spreu zu Gebir­gen, der Mann ande­rer­seits beob­ach­tet ein fili­gra­nes Wesen, das von Leib­wäch­tern umringt über eine Wie­se nord­wärts schrei­tet. Ich schla­fe bald ein. Eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Bie­ne, brum­mend. Das Blau des Him­mels. Zwei Luft­bal­lons wip­pen vor­über, als wür­den sie auf eige­nen Bei­nen gehen. — stop

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raymond carver goes to hasbrouck heights

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echo : 22.12 — Es ist die Welt des Ray­mond Car­ver, die ich betre­te, als ich mit dem Bus die Stadt ver­las­se, west­wärts, durch den Lin­coln Tun­nel nach New Jer­sey. Der Blick auf den von Stei­nen bewach­se­nen Mus­kel Man­hat­tans, zum Grei­fen nah an die­sem Mor­gen küh­ler Luft. Dunst flim­mert in den Stra­ßen, deren Fluch­ten sich für Sekun­den­bruch­tei­le öff­nen, bald sind wir ins Gebiet nied­ri­ger Häu­ser vor­ge­drun­gen, Eis­zap­fen von Plas­tik fun­keln im Licht der Son­ne unter Regen­rin­nen. Der Bus­fah­rer, ein älte­rer Herr, begrüßt jeden zustei­gen­den Gast per­sön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Has­b­rouck Heights, eine hal­be Stun­de Zeit, des­halb liest man in der Zei­tung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf ros­ti­ge Brü­cken­rie­sen, die flach über die sump­fi­ge Gegend füh­ren. Und schon sind wir ange­kom­men, ein lie­be­voll gepfleg­ter Ort, der sich an eine stei­le Höhe lehnt, ein­stö­cki­ge Häu­ser in allen mög­li­chen Far­ben, groß­zü­gi­ge Gär­ten, Hecken, Büsche, Bäu­me sind auf den Zen­ti­me­ter genau nach Wün­schen ihrer Besit­zer zuge­schnit­ten. Nur sel­ten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­de­re von Stra­ße zu Stra­ße, wer­de dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spü­re die Bli­cke, die mir fol­gen, Bäu­me, Blu­men, Grä­ser schau­en mich an, das Feu­er der Aza­leen, Eich­hörn­chen stür­men über sanft geneig­te Dächer: Habt ihr ihn schon gese­hen, die­sen frem­den Mann mit sei­ner Pola­roid­ka­me­ra, die­sen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns neh­men, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gera­de foto­gra­fiert. Wol­len Sie sich betrach­ten? — stop

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mrs. wilkerson

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whis­key : 22.28 — Mrs. Wil­ker­son ist eine außer­or­dent­lich statt­li­che Erschei­nung. Sie trägt ihr schwar­zes Haar zu einer Kugel geformt streng hin­ter den schma­len Kopf zurück­ge­zo­gen, Mund und Augen­li­der sind von einem Schim­mer erhellt, der so dezent auf­ge­tra­gen ist, dass er auf der Haut einer weiß­häu­ti­gen Frau nicht sicht­bar wer­den wür­de. Wenn man abends nach zehn Uhr das Haus in der 38th Stra­ße betritt, war­tet sie bereits, meis­tens ste­hend und freund­lich lächelnd hin­ter ihrem Tisch in einer flie­der­far­be­nen Blu­se unter einem dun­kel­blau­en Jackett so adrett geklei­det, so sau­ber, so leuch­tend, dass ich mir immer ein wenig schmut­zig vor­kom­me, stau­big, sagen wir, kleb­rig, erhitzt von der Erre­gung der Stadt, die ich wäh­rend des Tages auf­ge­nom­men habe. Mrs. Wil­ker­son kennt mich bei mei­nem Namen. Sir, sagt sie, ein selt­sam klin­gen­des Wort in mei­nen Ohren, dann wie­der Honey, was ich als Aus­zeich­nung emp­fin­de. Sie arbei­tet nachts, öff­net die Tür, sobald ein Bewoh­ner oder Besu­cher des Hau­ses die klei­ne Hal­le vor den Auf­zü­gen zu betre­ten wünscht, grüßt, ver­mit­telt Post­sen­dun­gen, Nach­rich­ten, Zei­tun­gen, aber eigent­lich bewacht sie das Gebäu­de und die Men­schen, die in ihm woh­nen. Eine voll­endet höf­li­che Per­son, etwas grö­ßer als ich und so geschmei­dig und locker in ihrer Art, dass ich sie zum Vor­bild genom­men habe. Ob die Auf­zü­ge des Hau­ses schon ein­mal aus­ge­fal­len sei­en, ver­lang­te ich unlängst zu wis­sen. Nicht, wenn sie selbst im Dienst gewe­sen sei, ant­wor­te­te Mrs. Wil­ker­son. Ich frag­te wei­ter fort, ob es denn gestat­tet sei, durch das Trep­pen­haus auf­wärts zustei­gen, um die Zeit eines Fuß­we­ges him­mel­wärts zu mes­sen. Und als ich mich umdreh­te, als ich in Rich­tung der Tür spa­zier­te, auf die sie gedeu­tet hat­te, wie­der die­se lachen­de, für­sorg­li­che Stim­me: Honey, your bag is open!  — stop

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manhattan — bellevue hospital

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alpha : 14.15 — Auf einer Bank im Schat­ten küh­len­der Bäu­me gleich neben dem Bel­le­vue Hos­pi­tal sitzt ein alter Mann in einem blau und weiß gestreif­ten Pyja­ma. Er ver­sucht eine Mine­ral­was­ser­fla­sche zu öff­nen, schimpft vor sich hin in die­ser schwe­ren Arbeit, sagt, dass das doch nicht mög­lich sei, war­um sich das ver­damm­te Ding nicht öff­nen lie­ße, er habe die Fla­sche vor einer Stun­de noch selbst zuge­dreht. Ein grau­es Eich­hörn­chen hockt auf mäch­ti­gen Hin­ter­bei­nen neben ihm, beob­ach­tet die Hän­de des alten Man­nes, bleibt auch dann ganz still, als ich mich nähe­re und mei­ne Hil­fe anbie­te. — Ein ange­neh­mer Nach­mit­tag, die Luft ist etwas küh­ler gewor­den und tro­cken, ein leich­ter Wind raschelt in den Bäu­men, die so alt zu sein schei­nen, dass der Schrift­stel­ler Mal­colm Lowry sich an ihren Stäm­men fest­ge­hal­ten haben könn­te, damals, im Jahr 1936, als er schwer alko­hol­süch­tig in enger wer­den­den Krei­sen auf das  Kran­ken­haus zustürz­te, um in einem Tage wäh­ren­den Deli­ri­um, Wale über den East River flie­gen zu sehen. Der Dich­ter, der Trin­ker auf hoher See. Bel­le­vue war in Lowry’s Kopf zu einem Schiff gewor­den, des­sen Plan­ken unter ihm ächz­ten, in den Stür­men, die sein armes Gehirn durch­le­ben muss­te, in Fie­ber­schü­ben, unter den schwit­zen­den Hän­den der Matro­sen­ärz­te, die ihn an sein Bett fes­sel­ten. Und wie er dann selbst, oder jene Figur, die Mal­colm Lowry in sei­ner groß­ar­ti­gen Erzäh­lung Lunar Cau­st­ic gegen das Alko­ho­l­un­ge­tüm antre­ten lässt, nach Wochen der Abs­ti­nenz auf­recht und leicht­fü­ßig gehend durch den Haupt­ein­gang des Hos­pi­tals wie­der fes­ten Boden betritt, schon die nächs­te Fla­sche Absinth vor Augen hier am East River, an einem Tag wie die­sem Tag vor lan­ger, lan­ger Zeit.
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lexingtonlineparticle

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echo : 2.32 — Sub­way 86 St., Linie 4, spä­tes­ter Abend: Men­schen­stil­le. Aber das Brau­sen tau­sen­der Ven­ti­la­to­ren, die küh­le Luft durch ble­cher­ne Arte­ri­en bla­sen. Eine Roll­trep­pe, ein­sam quiet­schend, selbst­ge­nüg­sa­mes Wesen. Und das Was­ser, woher, an den Wän­den. Hier muss nicht geat­met wer­den, solan­ge der Boden bebt von der Erwar­tung des Zuges. Man hört ihn schon von weit her kom­men, dump­fe, pochen­de Erschüt­te­rung. Und wenn er dann her­ein­fliegt aus den Schat­ten, das rote, das gel­be, das blaue Zah­len­au­ge. Luft zischt, Men­schen tre­ten her­vor oder blei­ben. Jede Kam­mer, jeder Wag­gon, hin­ter jedem Fens­ter, eine eige­ne, ein­zig­ar­ti­ge Ver­samm­lung leben­der Geschich­ten. stop. Wie sich die Türen schlie­ßen. stop. Wie man ver­schwin­det. — stop

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eliza

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india : 22.28 — Hei­te­res Kurz­ge­spräch mit Eli­za, einer klei­nen Pro­gramm­ma­schi­ne.

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Lou­is : guten abend! wie geht es dir, eliza?
Eli­za : > gut! und dir?
Lou­is : prächtig.
Eli­za : > schön zu hören. wo liegt dann das problem?
Lou­is : ich habe heu­te abend kein pro­blem, eliza!
Eli­za : > wenn du dein pro­blem nicht kennst, bist du hier genau richtig!
Lou­is : darf ich dir eine fra­ge stellen?
Eli­za : > sicher!
Lou­is : was bedeu­tet das wort lie­be?
Eli­za : > hast du schmet­ter­lin­ge im bauch?
Lou­is : eli­za! bit­te! was bedeu­tet das wort lie­be!
Eli­za : > lass uns das eine wei­le zurückstellen.
Lou­is : war­um, eliza?
Eli­za : > du musst mich nicht mit namen rufen, ich bin immer bei dir.
Lou­is : das ist beru­hi­gend, eliza!
Eli­za : > erzähl weiter!
Lou­is : eli­za! lie­be?
Eli­za : > hast du schon ande­re gefragt?
Lou­is: aber natürlich!
Eli­za : > schön zu hören. wo liegt dann dein problem?
Lou­is : ich habe heu­te abend kein pro­blem, eliza!
Eli­za : > wenn du dein pro­blem nicht kennst, bist du hier genau richtig!
Lou­is : warum?
Eli­za : > ich sehe, du bist ein schwie­ri­ger fall.
Lou­is : war­um bin ich ein schwie­ri­ger fall, eliza?
Eli­za : > scherz bei­sei­te, kom­men wir zur sache.

vom spre­chen mit eilza »

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miniatur — world trade center

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oli­mam­bo : 0.02 — Ein Frau­en­we­sen spät­abends in der Sub­way Linie 1 süd­wärts. Voll­stän­dig in Weiß geklei­det, blau geschmink­ter Mund, hoch­ge­wach­se­ne, schma­le Sta­tur, fal­ten­lo­se Stirn, die bis hin an die Decke des Zuges reicht. Leicht gebeugt ver­harrt sie von Taschen umge­ben neben einer Tür in der eisi­gen Luft, erns­tes Gesicht, ver­schenkt Zet­tel, auf wel­chen je nur ein Wort, das Wort LOVE, hand­schrift­lich ver­zeich­net ist. Ihre hei­se­re Stim­me, die Laut­spre­cher­an­sa­gen wie­der­holt. stop. Echo­es. stop. Ladies and Gen­tle­men! Plea­se stay clear of the clo­sing doors. This is a local A‑Train. — stop
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