olimambo : 5.08 — In der vergangenen Nacht habe ich das Rufregister meines Telefons bearbeitet. Zwei Nummern oder Personen wurden gelöscht. Das war kurz vor 1 Uhr gewesen. Ich hatte mir eine Seebarbe gebraten, und während ich nun einerseits den Fisch beobachtete, wie er in der Pfanne dampfte, betastete ich anderseits das Telefon mit beiden Händen. Der Apparat piepste, indem ich die Nummern löschte und ich hatte im Moment des Löschens das Gefühl, leichter geworden zu sein. Dann legte ich das Telefon auf einen Tisch und betrachtete es. Ich erinnere mich, dass ich daran dachte, mit genau diesem Telefon, hin und wieder meinen Vater angerufen zu haben. Und ich dachte noch dazu, dass das nun nicht mehr möglich sein wird. Wenn ich früher einmal vorhatte, meinen Vater anzurufen, öffnete ich das Menü der Anrufliste und navigierte, bis ich den Eintrag ELTERN erreichte. Bisweilen war mein Vater sofort am Telefon, meistens aber war meine Mutter schneller gewesen. Ich sagte, Hallo, hier ist Louis, wie geht es Euch? Oh, ja, bei uns regnet es auch. Nein, ich konnte tief schlafen, trotz der Hitze. Ich hatte die Fenster geöffnet, während ich arbeitete, die Luft riecht heute wieder so gut nach Steinen. Ein paar nasse Falter sitzen auf der Fensterbank und zittern um die Wette. In der vergangenen Nacht regnete es nicht, aber die Fenster waren wieder geöffnet und die Falter segelten durch die Luft. Ich könnte vielleicht noch etwas Verrücktes unternehmen, ich könnte ein wenig in Georg Forster Reise nach Tahiti und in die Südsee lesen. Das machen wir jetzt. 5 Uhr und zwei Minuten. Mittwoch. – stop

Aus der Wörtersammlung: vater
letzte stimme
echo : 0.02 — Ich kann mich an die Stimme meines Vaters noch erinnern, nicht allein an die Stimme meines Vaters vor Jahren, sondern an die letzte Stimme meines Vaters. Ich hör sie deutlich. Ich frage mich, ob sie einmal in meinem Kopf verloren gehen könnte, verschwinden, weil ich sie von dort aus nicht aufnehmen kann, nicht übertragen auf einen Datenträger, wie sie spricht. Was ist zu tun? — stop

schirmsamenwölkchen
echo : 0.03 — Ich träume zur Zeit von Blumen. Sie liegen in Bergen herum, Blütenberge, solche Blumen. Gestern, das habe ich nicht geträumt, war ich auf dem Friedhof und habe das Grab meines Vaters besucht. Ich hatte einen Zollstock bei mir, um eine Vorstellung aus der Luft zu holen, die Vorstellung eines Windrades, das ich einmal für meinen Vater bauen werde. Viele Menschen waren auf dem Friedhof unterwegs, manche trugen Gießkannen, andere Windlichter oder Blumen in kleinen Töpfen, Hornveilchen, Ringelblumen, Vergissmeinnicht. Es war ein ganz normaler Tag gewesen. Ich glaubte, beobachten zu können, dass manche der Menschen sich noch nicht ganz sicher fühlten in der neuen Umgebung ihres Lebens, andere begrüßten einander, winkten sich über die Reihen der Gräber hin zu. Einige knieten, wühlten mit bloßen Händen in der dunklen Erde. Eine Frau, sie war von zwergenhaftem Wuchs, überquerte eine Wiese voller Löwenzahn. Unter ihren Füßen stiegen Schirmsamenwölkchen auf. Sie ging so langsam, das heißt, mit derart kleinen Schritten, dass sie sich zunächst kaum zu bewegen schien. Ihr Gesicht war dem Boden zugewandt, weil sich ihr Rücken, wohl unter der Wirkung der Zeit, gekrümmt hatte. Als sie das Grab erreichte, das zu ihr gehörte, war dort ein ebenso kleiner, gebückter Baum zu erkennen, ein Baum, der die Gestalt der alten Frau nachzuahmen schien. — Ob vielleicht Kakteen existieren, die im Norden, die auch im Winter blühen und gedeihen? — stop

seelenkästchen
zoulou : 0.02 — Ich balanciere das Kreuz, das aus Eisen gedreht wurde, im Zug zwischen den Händen. Wunderschöne weiße Berge am Horizont, entlang der Strecke blühen Apfelbäume. Der Mann, der sich das Kreuz ansehen will, ist Künstler. Er arbeitet ausschließlich an Kreuzen. Das Kreuz meines Vaters soll kostbar, soll über 200 Jahre alt sein, wird er bald erzählen, wir haben es in Südtirol auf einem Schuttberg gefunden. In der Halle flackern offene Feuer. Es ist still. Ein paar Fliegen sind im warmen Licht in der Luft zu erkennen und die Hand des Schmiedes, klein und weich. Sie fährt die feinen Schmucklinien des Kreuzes entlang, da und dort fehlen Spitzen. Jede der fehlenden Spitzen wird geschätzt, wie sie wohl ausgesehen haben mag und was sie vielleicht kosten wird. Es ist nicht das Material, sagt der Mann, es ist heutzutage die Zeit, verstehen Sie, die Arbeitszeit. Er öffnet behutsam die Tür eines Gehäuses, das sich im Zentrum des Kreuzes befindet. Jetzt schließt er es wieder, tritt einen Schritt zur Seite und erkundigt sich, ob ich den wisse, dass dieses Gehäuse, ein sogenanntes Seelenkästchen sei, ein Ort, an dem sich die Seele eines verstorbenen Menschen ausruhen könne, bis sie weiter himmelwärts aufsteigen würde. Eine wundervolle Erfindung. Es ist für mich die erste Begegnung mit einer Form, die eine konkrete Vorstellung der Größe einer Menschenseele sofort entstehen lässt. Ich sage zu dem Mann, der dicht neben mir steht, dass sie doch kleine Wesen sind, die Seelen der Menschen. Und dann gehe ich wieder. Es ist schon halber Nachmittag. – stop

nachtstimmen : julija tymoschenko chen guangcheng
tango : 3.08 — Gegen 2 Uhr in der Nacht werde ich wach. Regen, schwer, schlägt gegen das Fenster im Dach. Ein Sturm, unmöglich, der nicht angekündigt war in den Nachrichtenlinien, die ich verfolge. Stimmen kommen aus der Fernsehmaschine, berichten von der umstrittenen Politikerin Julija Tymoschenko, von der Willkür, die in nächster Nähe in einem europäischen Land herrscht. Und da ist dieser mutige Mann zu Peking, er trägt den Namen Chen Guangcheng. Wie lange Zeit werden wir noch von ihm und seiner Familie hören? stop. Die Namenlosen? stop. Dieser Sturm heute Nacht, unmöglich, ein Gewitter, kühle Luft, sie scheint im Kreis zu fahren. Wie ich am Fenster stehe und schaue, plötzlich das Bedürfnis, zum Friedhof zu laufen und einen Regenschirm über das Grab meines Vaters zu halten. – stop

koffer unsichtbar
echo : 0.03 — Mein Vater war ein Liebhaber technischer Messgeräte. Er notierte mit ihrer Hilfe Dauer und Kraft des Sonnenlichts beispielsweise, das auf den Balkon über seinem Garten strahlte. Die Temperaturen der Luft wurden ebenso registriert, wie die Menge des Regens, der in den warmen Monaten des Jahres vom Himmel fiel. Selbst die Bewegungen der Goldfische im nahen Teich wurden verzeichnet, Erschütterungen des Erdbodens, Temperaturen der Prozessoren seiner Computermaschine. Es ist merkwürdig, beinahe täglich gehe ich zurzeit auf die Suche, weil wieder irgendeine dieser Messapparaturen einen piepsenden Ton von sich gibt, als ob mein Vater mittels seiner Maschinen noch zu mir sprechen würde. Indessen habe ich seit zwei Tagen Kenntnis von einer Fotografie, die mich neben meinem sterbenden Vater zeigt. Ich sitze auf einem Stuhl, mein Vater liegt in einem Bett. Es ist ein Bild, das ich zunächst kaum anzusehen wagte. Ich habe tatsächlich eine Hand vor Augen gehalten und zwischen meinen Fingern hervor gespäht. Jetzt ist mir warm, wenn ich das Bild betrachte. Die Fotografie zeigt einen friedlichen Moment meines Lebens. Etwas geschieht, wovor ich mich lange Zeit gefürchtet habe. Weinen und Lachen falten sich, wie Hände sich falten. Mutter irrt zwischen Haus und Friedhof hin und her, als würde sie irgendeine unsichtbare Ware in gleichfalls unsichtbaren Koffern tragen. — stop

von den glücksgeräuschen der froschvögel
ulysses : 4.18 — Früher Morgen. Windstille. Licht noch schwach. Die Luft ist kühl geworden über die Nacht. Vor dem Teich im Garten die Spuren meiner Füße im Gras. Am Ufer des kleinen Sees ruht ein Molch, äußerst langsam geht sein Herzschlag, da muss doch ein Geräusch zu hören sein. Ich erinnere mich, gestern wurde die Entdeckung eines neuen Teilchens im Atom bekannt gegeben. Das Teilchen trägt den Namen: Xi_b^0. Hätte ich von seiner Entdeckung nicht gelesen, wäre ich in der Beobachtung meiner Hand, die auf meinem Knie ruht, nicht so aufmerksam wie an diesem frühen Morgen. Ich frage mich, wie viele Teilchen der Bezeichnung Xi_b^0 sich in meiner halbschlafenden Hand wohl befinden mögen, wie alt sie sind und woher sie vielleicht gekommen waren. Es ist still am Morgen heute. Die Amseln schlafen noch. Ein Wasserläufer überquert den Teich. In diesem Moment bemerke ich ein ballonartiges Wesen, das hoch über mir am Himmel schwebt. Es nähert sich langsam, in dem es tiefer kommt. Das Wesen ist hell, es ist weiß, es verfügt über Flügel, die sich sehr schnell bewegen, Fühleraugen, wie die Augen der Lungenschnecken, es ist ein Vogel. Der Vogel scheint den See unter ihm aufmerksam zu betrachten. Jetzt öffnet sich sein Bauch an erdnaher Stelle, ein Mund spitzt seine fahlrosa Lippen, Beutel fallen heraus aus diesem Mund, sie schlagen hohe Wellen im Teich. Der Molch verschwindet im Gras, Wasserläufer, die bewegungslos an Seerosenblattspitzen dämmerten, flitzen auf und davon. Jene Beutelchen, das kann ich von meiner Position aus gut erkennen, die aus dem Vogel herausgefallen sind, haben sich geöffnet, Kaulquappen, tausende, schwärmen nach allen Richtungen aus. Noch immer schwebt der Vogel über mir über dem See über der Wiese. Ein faszinierendes Geräusch ist von seinem Körper her zu vernehmen, ein Hupen, das Trompetengeräusch eines Zwergelefanten. Es ist nun denkbar, dass ich als erster Mensch die Glücksgeräusche der Froschvögel wahrgenommen habe. — stop
für meine Mutter,
für meinen Vater

radio
charlie : 0.15 — Er habe, erzählte mein Vater, kurz nach dem Krieg ein Radio gebaut, einen Kurzwellenempfänger, um die Sender der amerikanischen Befreiungsarmee empfangen zu können. Er hoffte, Benny Goodman hören zu können, Gene Krupa, Glenn Miller, Duke Ellington, alle jene großartigen Musiker. An diese Geschichte erinnerte ich mich, während ich gestern durch den warmen Tag spazierte, Spinnen seilten von den Bäumen, Spechte mit roten Köpfen segelten über die Wege am Fluss, Dioden, Widerstände, der Geruch von Zinn, das Glimmen einer Lötkolbenspitze. Plötzlich die Vorstellung, mein Vater könnte in den Stunden meines Spazierganges irgendwo da oben jenseits der Baumkronen in einem hellen Zimmer sitzen, auf einem weißen Stuhl an einem weißen Tisch. Wie er sich nach vorn beugt, wie er ein Radio konstruiert, einen sensiblen Detektor, um unsere diesseitigen Stimmen wahrnehmen zu können. Dampf stieg auf, ein heller, dünner Faden. Kaum hundert Meter war ich weitergekommen, da war aus der Vorstellung eines Radios die Hoffnung eines Funkgerätes geworden. — stop

luftzungen
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : LUFTZUNGEN
Liebe Daisy, liebe Violet! Was für ein stürmischer Morgen hier bei uns in Mitteleuropa. Wetter, wie ich es mir wünsche in diesen Tagen. Eiskörner pfeifen durch die Luft, Wolkendämmerung. Ich vermute, Ihr werdet bemerkt haben, mein Vater ist gestorben. Drei Stunden war ich noch an seinem Bett gewesen, habe von Bildern eines nahen Sees berichtet, den ich vom Zimmer des Hospitals aus sehen konnte. Ein Schaufelraddampfer fuhr hin und her, der Wind schrieb mit Luftzungen schimmernde Spuren ins Wasser, Möwen segelten über den Uferbäumen. Wie mein Vater gestorben ist, war es noch hell, die Sonne nicht untergegangen, weiß der Himmel, ob er sie zu erkennen vermochte, sein Blick war ein Blick, wie ich meinte, der schon nach innen sich richtete. Wenn ich Euch sage, es ist nicht wirklich begreifbar, nicht wirklich fühlbar, dass ein geliebter Mensch nie wieder neben uns am Tisch sitzen wird, werdet Ihr vielleicht verstehen, wovon ich spreche. Dieses Niewieder macht einen Eindruck von Unwirklichkeit, von Unwirksamkeit, als würde man versuchen, eine Trompete vom Schallbecher her zu bespielen. Und doch, nach und nach werde ich ruhiger, ich schlafe tief, träume seltsame Geschichten. Ja, so ist das, liebe Daisy, liebe Violet. Was machen die Simmons? Ist alles o. k.? Ahoi – Euer Louis — stop
gesendet am
22.04.2012
7.05 MEZ
1212 zeichen
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luftsterne
echo : 0.02 — Im Reisepass meines Vaters befinden sich seit wenigen Stunden gestanzte Sternformen von Luft, durch die man hindurchsehen kann. Dinge werden leichter, Menschen werden schwerer. Vielleicht ist das so, dass ich in der Trauer nicht allein Abschied nehme von einem Menschen, der gestorben ist, sondern auch von seiner Welt, einer Welt, in der dieser Mensch mit anderen Menschen viele Jahre lebte. Ich muss mich selbst neu erfinden. – stop



