sierra : 5.03 — Folgendes habe ich mir vorgestellt in einem Abendzug gestern von einer Minute zur anderen, Vögel nämlich, die über einen sommerlichen Himmel rasten, einander lockende, Haken schlagende Künstler, manche flogen weite Strecken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogelhimmel wild blühender Wiesen, Bienengeschosse, schwebende Brummkreiselpilze. Unter einem Baum kauerten ein paar Kinder, die schraubten an fauchenden Taubenköpfen herum, eine Geschichte feinster Werkzeuge, jawohl, eine Geschichte auch elektrisch knisternder Platinen, die unter jener vorgestellten Wiese verborgen lagen. Ich ruhte dann bald selbst auf dem funkenden Boden und meinte noch das Singen der Knochensägen hinter meinen Ohren zu hören. Dann auf und davon, senkrecht in Spiralen eines Ungeübten gegen die Wolken. — Heute ist Dienstag. Duke Ellington wartet. Guten Morgen! — stop

Aus der Wörtersammlung: vogel
ohren gebraten
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : OHREN
In der vergangenen Nacht hab ich von Euch geträumt. Hört zu! Wir spazierten am Atlantik an einem frühen Abend in der Dämmerung. Schnee war gefallen. Eis schindelte in der Bucht vor Coney Island, ein verrücktes Geräusch, eines, das ich nicht beschreiben kann, vielleicht weil das Geräusch so flüchtig gewesen war, dass ich nichts festhalten konnte von seiner Substanz in meiner Erinnerung, obwohl uns das Geräusch über Stunden begleitete. Ihr hattet rote Stiefel an den Füßen und wart in Pelze gewickelt, viel zu groß, sodass man Euch kaum noch sehen konnte. Einmal wachte ich auf, sah mich im Zimmer um, schlief dann sofort weiter, weil ich Euere hellen Stimmen noch hören konnte. Ihr hattet Euch in der Nähe einer fahrbaren Bude in den Schnee gesetzt. Feuer flackerten in Fässern. Unweit lag ein Walfisch im Wasser ohne Haut. Über den Flammen schaukelten Pfannen, in welchen menschliche Ohrmuscheln in der Hitze sausten. Das Krachen, das Knistern des knusprigen Fleisches zwischen unseren Zähnen begleitete mich durch den vergangenen Tag, der ein Tag gewesen war, da ich bald stündlich die Gegenwart meiner Wachohren prüfte. Nie zuvor habe ich mir vorzustellen versucht, wie ich selbst oder meine Ohren, – nein, das ist schon eine ganz andere Geschichte, die ich Euch nur dann erzählen werde, wenn Ihr mir schreiben solltet, dass ihr sie unbedingt hören wollt. Euer Louis, gute Nacht!
gesendet am
27.05.2011
8.48 MESZ
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kilimandscharo
ulysses : 5.05 – Folgendes: Ein Buch für Bergsteiger sollte von leichtem Wesen sein, sagen wir, leicht wie eine Handvoll Federn müsste es sein, damit man das leichte Buch im Gepäck nicht bemerkt, wenn man aufwärts oder abwärts schreitet. Janet Frames Roman An Angel at My Table in der Ausgabe für Himmelsstürmer, wöge gerade noch 12 oder 15 Gramm und würde im Falle höchster Not, gleichwohl zur Nahrung dienen, jeder Bissen so wirkungsvoll im hungrigen Bauch wie ein gebratener Entenvogel oder eine Staude feinster Bananen. Auch ist wünschenswert zu dieser späten Stunde der Nacht, dass das Buch, zur Entfaltung gebracht, sich als winddichtes Zelt erweisen könnte, oder als Fallschirm zur rechten Zeit. In einer Schneehöhle geborgen, wenn Eisstürme näherkommen, würde man lesen im Buch, auch das ist denkbar, lesen zum Beispiel, um Ruhe zu bewahren, Seite um Seite könnte man vorwärts oder rückwärts fabulieren und alles nach und nach verspeisen, bis man gerettet oder das Wetter angenehmer geworden sein wird. — stop / für h.d.
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rootserver charlie
delta : 2.55 – In der vergangenen Nacht habe ich meiner persönlichen Servermaschine, — sie befindet sich in etwa fünfhundert Kilometer Entfernung an einem nicht bekannten Ort -, einen Namen gegeben: Charlie, Rootserver Charlie. Das ist so gekommen, weil ich nämlich um Mitternacht an meinem Schreibtisch saß, als mein E‑Mailprogramm meldete, eine Nachricht sei für mich eingetroffen. Ich wusste sofort, woher diese nächtliche Mail allein gekommen sein konnte. Und ich dachte in zärtlicher Weise, als ob ich insgeheim diesen Namen schon längere Zeit vergeben haben würde: Charlie, hi Charlie! Nacht für Nacht, 0.01.12 MEZ, eine Sekundenuhr, dieselbe Botschaft: /etc/psa/plesk-cron/daily/completed : beruhigend in seiner lakonischen Art, mein lieber Louis, ich bin wach wie du, alle Systeme in Ordnung, Tag abgeschlossen, neuer Tag beginnt. stop. 12 ° Celsius. stop. Wolkenloser Himmel. stop. Ich verfüge zu diesem Zeitpunkt über 1.5 Kilogramm Mehl, 800 Gramm Reis, 2 Paprikaschoten in gelber Farbe, 1 Paprikaschote in roter Farbe, 1 halben Entenvogel, 3 Liter Wasser in Flaschen, Salz, Zimt und Pfeffer, 16 Scheiben finnischen Brotes, 1 Glas Aprikosenkonfitüre, 1 Glas Honig, 5 Kerzen. – stop
linie d
india : 22.02 – In einem New Yorker Subwayzug mit geschlossenen Augen freihändig stehen und balancieren, sagen wir eine zweistündige Fahrt mit der Linie D von Coney Island rauf zum Bedford Park Boulevard. Das Reiten auf einem wilden Tier. Vielleicht könnte ich sagen, dass das Erlernen einer Subwaystrecke, das neuronale Verzeichnen ihrer Steigungen, ihrer Gefälle, ihrer Kurven, auch ihrer feinsten Unebenheiten, dem wortgetreuen Studium eines Romantextes vergleichbar ist. Aber dann die Zufälle des Alltages, das Unberechenbare, ein Tunnelvogel, eine schmutzige Möwe, Höhe 135. Straße, die den Zug zur Bremsung zwingt, die Eigenart des Zuges selbst, das unvorhersehbare Verhalten zusteigender Fahrgastpersonen, wie sich eine Jazzband nähert, wie ich dringend darum bitte, man möge nicht näher kommen. — stop
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malta : carduelis carduelis, sanfter irrer
india : 8.32 – Im Zuckerwarenladen in der Manoelstreet No 15 pendelt über der Ladentheke ein hölzerner Käfig, nicht größer als ein Schuhkarton, in dem sich ein Stieglitz befindet, ein Männchen genauer, das bis in den Abend hinein, ohne je eine Pause einzulegen, sofort mit der Öffnung des Ladens gegen acht Uhr morgens zu singen beginnt. Das ist eine Art von Gesang, die kaum in Geräuschwörtern wiedergegeben werden kann, ich höre ein dududide oder ein didididu oder ein tschirrrzid. Der Käfig hängt dicht unter der gewölbten Decke. Er scheint sich stets in leichter Bewegung zu befinden, obwohl kein Windzug zu spüren ist in den schattigen Räumen. Eine schläfrige Frau sitzt dort hinter einem Tresen von Glas, unter dem mit Whiskey, Pinienkernen und Kirschen gefüllte Pronjolatataschen sorgfältig gestapelt lagern, Kastanientorten, Orangenkuchen, kandierte Früchte aller Art, und darüber eben jener Vogel, der unentwegt jubiliert oder nach Hilfe ruft. Er sitzt auf einer Stange immer an derselben Stelle, dreht oder neigt ein wenig seinen Kopf zur Seite hin und scheint die Bewegung seiner Wohnung in der Luft, allein durch die Vibration seines Körpers im Gesang hervorzurufen. Manchmal verschließt der Vogel mittels eines silbernen Häutchens, das weitgehend durchsichtig sein könnte, ein Auge. Nach ein oder zwei Sekunden nur ist er wieder zurück. Er scheint aufmerksam zu beobachten, wie ich in mein Notizbuch notiere, was ich von ihm höre. Ein sanfter Irrer. — stop
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malta : eine scheeweiße frau
tango : 10.18 – Kurz nach 10 Uhr morgens sind heute ein paar seltsame Dinge geschehen. Ich saß auf einem schmalen Balkon in angenehmster Luft und hörte dem bezaubernden Gesang eines nicht sichtbaren Vogels zu. Eine Fähre, vielleicht von Sizilien her, kreuzte indessen den Ausschnitt des Meeres, den ich von meinem Stuhl aus wahrnehmen konnte. Sobald sie verschwunden gewesen war, öffnete ich die Times vom Vortag und las, dass noch immer nicht bekannt geworden sei, wo der chinesische Künstler Ai Weiwei gefangen gehalten wird. In Japan versuchte man weiterhin unter höchster Gefahr in verseuchtem Gebiet, Opfer des Tsunami zu bergen. In diesem Moment öffnete sich ein Fenster jenseits der Straße, eine Frau, deren Gesicht schneeweiß gewesen war, starrte mich für einige Sekunden an. Das war ein merkwürdiger Blick, ein Blick, als ob sie mich in diesen Sekunden mit ihren Augen fotografieren würde. Bald zog sie ihren Kopf wieder zurück in den Schatten des Raumes, um kurz darauf wiederzukehren, mit einem Korb in der Hand, der an einer Schnur befestigt war. Sie seilte den Korb zur Straße hin ab, sah mich in dieser Bewegung wieder fotografierend an, beobachtete demzufolge, wie ich ihrem Korb mit den Augen folgte. Vor dem Haus weit unter uns wartete ein Briefträger. Der junge Mann entnahm dem Korb ein Schriftstück und legte stattdessen eine Flasche hinein. Unverzüglich holte die Frau den Korb wieder zu sich nach oben. Kräftige Bewegungen ihrer dürren Arme. Auch ihre Arme waren so strahlend weiß, dass ich den Eindruck hatte, sie wären aus Licht gemacht oder von der Einsamkeit des Zimmers. — stop
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flügel
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tango : 6.15 — Im Zug saß ein Mann, der sich mit einer Frau in der Handzeichensprache der gehörlosen Menschen unterhielt. Obwohl ich die Hände der zwei Sprechenden eingehend betrachtete, ließen sie sich nicht stören, vermutlich weil sie ahnten oder wussten, dass ich ihre Sprache nicht verstehen konnte. Der Eindruck, dass die beiden weitere Körperzeichen verwendeten, um die Sprache ihrer Hände zu ergänzen. Als wären sie Flügel eines Vogels, der sich Wasser aus dem Gefieder schüttelt, flatterten ihre Augenlider. Kaum den Zug verlassen, versuchte ich vergeblich diese erstaunliche Bewegung ihrer Augen nachzuahmen. Und auch heute Morgen, nach einer ruhigen Nacht, bin ich nicht in der Lage, meine Lider in der beschriebenen Weise erzittern zu lassen. So unerreichbar sind sie wie meine Ohren, die nie gehorchen wollen, wenn ich mir mit ihrer Hilfe Luft zufächeln möchte. Vielleicht werd ich’s am Abend noch einmal probieren. Nehme an, sie haben Töne erzeugt, singende Töne, mit ihren Augen im Zug. — stop

coney island
alpha : 5.05 — Das Gewicht einer Erfindung. Wie ich mit Innenaugen einen elektrischen Vogel beobachte, der sinkend reglos auf meiner elektrischen Handfläche ruht. Einmal folge ich in dieser Weise Gene Hackman. Wir gehen zu Fuß unter der Hochbahn, Stillway Avenue, Richtung atlantischer Küste. Coney Island, rot glühendes Neonlicht klappernder Buden, Gestank von ranzigem Fisch, Regen, Tangwind, mein Photoapparat, der den Polizisten erfolglos zu belichten sucht. Stattdessen Erscheinung der Tropfen, Bälle aus großer Höhe, erstaunlich. — Unbedingter Durchstiegswille. — stop





