MELDUNG. Nahe Palizzi Marina, beinahe zeitgleich, sind Menschen [ 128 Personen ] von hellblauer Haut wie aus dem Nichts heraus an Land gekommen. Man ist fiebrig, aber freundlich wie immer. — stop

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romeo : 1.02 — Irgendwann, nachdem er wach geworden am Nachmittag, muss K. einen Brief notiert haben. Bei diesem Brief nun handelt es sich um einen besonderen Brief, denn er ist von einem mutigen Mann ausgedacht, von einem Mann, der lange Zeit überlegte, wie er seine Gedanken formulieren sollte, an den Vorstand, der über sein Leben zu bestimmen wünscht. K. solle anstatt vier in Zukunft sechs Nächte einer Woche zur Arbeit an den Maschinen erscheinen. Es sind feine, ja zarte Worte, die K. für seine Ansprache wählte, ich hätte sie ihm niemals zugetraut, höflich und traurig: Nun werde ich, schrieb K., sechs weitere Stunden in einem Zug verbringen, die nicht bezahlt sein werden, Stunden, da meine Frau mich vermissen und möglicherweise einmal deshalb verlassen wird, es ist eine Tragödie! Ich habe diesen Brief, in dem von einer Tragödie die Rede ist, vor wenigen Minuten fotografiert, er wurde von Hand geschrieben, ich erkannte die Schrift eines betrunkenen Kindes, diese Hände, sie zitterten, weil K. sich fürchtete, in dem Moment, da er schrieb, oder überhaupt. Ob er mir den Brief auf seinem Computer aufschreiben könne, fragte ich K.: Würdest Du mir Deinen Brief bitte per E‑Mail senden, damit ich ihn weitergeben kann? So etwas habe ich nicht, antwortete K., einen Computer, E‑Mail, Internet. Er habe auch kein Telefon, fuhr er fort, kein Telefon mit Schnur, und auch kein Telefon, das er sich in die Hosentasche stecken könnte. Du bist der erste Mensch, setzte K. hinzu, der einen Brief, den ich geschrieben habe, fotografiert, als sei er eine Landschaft. Manchmal begegne ich K. im Zug, der zum Flughafen fährt, ich grüße ihn und er freut sich. Er liest dort seit Jahren immer in demselben Buch. Manchmal hält er das Buch fest an seine Brust gedrückt, dann ist er eingeschlafen. — stop

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india : 1.02 — Der Blick vom 15. Stock eines Apartmenthauses mittels eines Fernglases über die Park Avenue hinweg. Es ist Abend geworden in Manhattan, schon dunkel. Hinter einem ungewöhnlich großen Fenster schwebt ein älterer Herr ungefähr einen Meter über dem Boden eines hell erleuchteten Zimmers. Es handelt sich um ein geräumiges Zimmer, beigefarbene Wände. Der alte Herr bewegt sich langsam wie in Zeitlupe. Er scheint mir zu winken, als ob er mich wahrnehmen könne, obwohl ich doch im Halbdunkel stehe und zugleich weit entfernt bin. In seiner linken Hand hält er einen Apfel fest, in der rechten Hand ein Messer. Er beginnt den Apfel mit einer kreisenden Bewegung zu schälen, schaut immer wieder in meine Richtung. Für einen Augenblick hält er inne, dann lässt er die Schale des Apfels los, sie entfernt sich, von einer Strömung erfasst, langsam, sehr langsam, eine Schraube von Haut. In diesen Minuten, da ich notiere, was ich beobachtete, wird der alte Herr eingeschlafen sein, der Apfel, den er schälte, hat inzwischen seine Hand verlassen, sinkt auf den Boden des Zimmers. — Vier Uhr und sieben Minuten im Flüchtlingslager Jarmuk nahe Damaskus. — stop
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kilimandscharo : 1.52 — Es ist heiß und schwül. Ein Ventilator dreht sich langsam über dem Tresen einer Bar. Zwielicht. Auf einem Hocker vor einem Glas Whiskey sitzt ein trinkender Mann, der bereits betrunken zu sein scheint. Wir befinden uns in Amerika irgendwo im Süden, ich glaube in Savannah. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, auch nicht in welchem Film präzise der trinkende Mann auf einem Stuhl vor einem Glas Whiskey sitzt. Das Seltsame, das Besondere an diesem Mann ist, dass um seinen Kopf herum Fliegen schwirren, die sich nicht entfernen, weil sie in irgendeiner Weise an dem Kopf selbst oder in seiner Nähe befestigt wurden, Fliegen, die sozusagen Gefangene oder Haustiere des trinkenden Mannes sind. Plötzlich fällt mir ein, dass sich diese Szene in dem Film Mitternacht im Garten von Gut und Böse ereignet haben könnte, den ich vor einiger Zeit beobachtet und in Besitz genommen hatte. Also suche ich nach der Szene im Film und entdecke bald einen hellen Ort, einen Imbiss, in dem ein Mann namens Lucer vor einem Tresen sitzt. Der Mann ist weder betrunken noch existiert ein Glas Whiskey, aber eine Tasse Kaffee. Um seinen Kopf herum schwirren Bienen, deren Körper nun tatsächlich an Fäden befestigt sind, welche wiederum mit Hemd und Hose des Mannes unmittelbar in Verbindung stehen. Einige Bienen haben auf dem haarlosen Kopf des Mannes Platz genommen, er scheint sich darüber zu wundern, dass man ihn beobachtet. In der 46. Minute der Filmzeit verlässt der Mann den kleinen Laden, um sofort wieder rückwärts einzutreten. Ich nehme an, ich erinnerte mich an diese Szene, weil ich gegen 22 Uhr eine Nachricht von Atombatterien gelesen hatte, die nicht stärker als ein menschliches Haar sein sollen und in der Lage, hunderte Jahre kleinere Maschinen mit Strömen zu versorgen. Das war in der Tat eine wunderbare Nachricht, weil ich jetzt ernsthaft über die Existenz künstlicher Taubenschwänzchen nachzudenken vermag, Wesen, die ein menschliches Leben von seinem Anfang bis zu seinem Ende als fliegende Satelliten begleiten und dokumentieren könnten. Wie sie nun in der Nacht leise summend dicht über den Schlafenden schweben und warten. — stop
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marimba : 15.02 — Im Palmengarten im Wüstenhaus das feine Geräusch der Kakteen, sobald ich ihr Stachelhorn mit einem Pinsel, einem Mikadostäbchen, einem Finger berühre. Hell. Federnd. Propellernd. Klänge, für die in meinem suchenden Wortgehör noch keine eigene Zeichenfolge zu finden ist. Oder in der Mangrovenabteilung diese merkwürdige Stille beim Durchblättern eines feucht gewordenen Buches. — Diese Beobachtungen habe ich zu einem früheren Zeitpunkt bereits einmal notiert. Sie sind mir so nah, als würde ich sie soeben erfunden haben. — stop.

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echo : 1.58 — Vor längerer Zeit einmal wollte ich ein Haus besuchen, das die Fotografin Alice Austen viele Jahre ihres Lebens bewohnte. Ich erinnere mich, es war ein bitterkalter Tag gewesen, Schnee bedeckte Staten Island, und die Luft war so eisig, dass selbst die Möwen nicht zu fliegen wünschten. Vermutlich deshalb, weil es so kalt gewesen war, blieb ich an der Railway Station Clifton im Zug, anstatt auszusteigen und ein paar Meter zu Fuß zu Austens Haus zu gehen. Ich fuhr weiter bis nach Tottenville, wo der Zug eine halbe Stunde wartete, um dann dieselbe Strecke zurückzufahren. Ein Angestellter der Bahngesellschaft dampfte wie eine Lokomotive über den Bahnsteig von Waggon zu Waggon, er schlug Eis von den Trittbrettern des Zuges. Als wir uns wieder in Bewegung setzten, ließ er sich auf eine Bank fallen und schlief sofort ein. Auch auf meinem Rückweg zum Fährschiffterminal stieg ich in Clifton nicht aus, es war noch immer stürmisch, und ich vergaß das Haus, das ich besichtigen wollte, und Alice Austen, die tausende Fotografien Manhattans zu einer Zeit angefertigt hatte, da das Fotografieren noch Mut, Kraft und Ausdauer erforderte. Gestern habe ich ein wenig Zeit auf der Suche nach ihr verbracht. Sie soll als einzige Frau der Insel Besitzerin eines Automobils gewesen sein. Auf einer Fotografie ist ihre Lebensgefährtin Gertrude Tate zu sehen, wie sie stillhält. Die junge Frau sitzt auf einer Veranda, die heute noch existieren soll, umgeben von Blumen, einer Wildnis so wild, dass sie die nahe Küste verbirgt. Auf einer weiteren Fotografie, die ich noch nicht kenne, soll Alice Austen an derselben Stelle im Alter von 26 Jahren zu sehen sein, auch sie sitzend, eine Selbstaufnahme, unter einem Strauß Blumen verborgen ein Gummiball gefüllt mit Luft, die sie mittels einer kräftigen Bewegung ihrer Hand durch einen Schlauch zu ihrer Kamera gepresst haben musste, um die Lichtaufnahme auszulösen. Ein Geräusch vielleicht, wie ein Atemzug möglicherweise, oder ein Seufzen. — stop
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himalaya : 15.08 — Von einer Straßenunterführung aus beobachtet der Cellist Nathaniel Ayers den Himmel, ein kleines Fenster, von Fahrbahnebenen begrenzt, das gerade in diesem Augenblick ein Flugzeug durchquert. Er fragt den Journalisten Steve Lopez: Do you fly this plane? Der Journalist antwortet: No, I am here! Nathaniel setzt staunend hinzu: I don’t know how god works! / Filmzeit 18 Minuten 7 Sekunden: The Soloist. Director: Joe Wright. — stop
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himalaya : 18.08 — Er schreibe, erzählte M., damit sich in seinem Leben nicht alles wiederhole, Tag, Nacht, Winter, Sommer, wenn ich erfinde und das Erfundene notiere, dann ist das so, als würde ich neues Land entdecken, das ich betreten, auf dem ich spazieren kann. Deshalb bleibe sein Leben spannend, es würde ihm wohl nie langweilig werden, auch wenn er sich wochenlang mit ein und derselben Frage beschäftigen würde, zum Beispiel, weshalb er noch nie eine Fliege bemerken konnte, die auf dem Rücken fliegen kann, obwohl sie doch längst erfunden worden sei. — Vor wenigen Minuten habe ich an M. seit langer Zeit wieder einmal gedacht, es war vielleicht deshalb gewesen, weil ich einen Film beobachtete, der von der Arbeit und dem Leben John Irvings erzählt. Der Schriftsteller erwähnt Folgendes: Jener Zeitraum, wenn ein Buch veröffentlicht wird, wenn alle Leute mit dir darüber reden, ist sehr kurz, es ist nach wenigen Monaten vorbei. Dagegen hat das Schreiben des Buches vielleicht vier, fünf, sechs oder sogar sieben Jahre gedauert. Und für das nächste Buch benötigt man dann wieder so lange. Durch das Ringen habe ich gelernt, dass man diesen langen Prozess lieben muss. Man muss es lieben, zu üben, dieselbe Bewegung hundertmal zu wiederholen, mit demselben langweiligen Sparringspartner. Es dauert lange, Zentimeter für Zentimeter, hier etwas durchstreichen, diesen Satz an diese Stelle, den Satz hier weg und dorthin schieben, die Leute würden einschlafen, wenn sie einem Schriftsteller bei der Arbeit zusehen, oder einem Ringer beim Training. Es war wichtig für mich, das zu lernen. — stop

delta : 18.12 — Helena erzählt, sie habe einen Text notiert, 258 Seiten, in dem von einem jungen Mann die Rede sein soll, der sich unter einen Maulbeerbaum setzte, um seinen Pulsschlag zu zählen. Wie er nun gegen seine Müdigkeit kämpft, gegen das aufreizende Gefühl der Ameisenbeine, welche unter seinen Hosenbeinen spazieren, auch gegen Durst- und Hungergefühle, wie lange Zeit kann man so sitzen und zählen, nicht lange. Es war noch nicht einmal dunkel geworden, als der junge Mann aufstand und verschwand. Da war nun also ein Maulbeerbaum gewesen, irgendwo im Süden, ein paar Vögel außerdem, Hasen, Füchse, Eidechsen, Spinnen, Käfer und eine Erzählerin, die darauf wartete, dass der junge Mann wieder kommen und seine Pulse weiterzählen würde. Wie sie in ihrem Kopf Stunden, Tage, Wochen lang den Baum beobachtete, wie sie sich indessen einmal erinnerte an einen Freund, der verrückt geworden sein soll, weil er nicht damit aufhören konnte, Zeitungspapiere mittels Scheren zu zerlegen. Er sammelte Beweise für dies und das! Berge von Zeitungen soll er in seiner Leidenschaft für Beweissicherung zerlegt haben, auch unterwegs konnte er nicht damit aufhören, ein Seltsamer, der nur deshalb in Zugabteilen sichtbar wurde, weil die Papiere, die Zeitungen selbst damals, als er lebte, noch sichtbar gewesen waren. Heutzutage darf man, sagt Helena, in unsichtbarer Weise verrückt werden, fast alle sind wir schon längst verrückt, haben auf Computern Texte gesammelt, die wir niemals lesen werden, weil das Leben nicht reicht, auch nicht für Beweise. In ihrer Geschichte im Übrigen will sie eine weitere Erzählung versteckt haben, jedes einzelne Wort der Geschichte, auch ganze Sätze. Um welche Erzählung es sich präzise handelt, möchte sie nicht verraten. Die Erzählung soll von einer berühmten Schriftstellerin erfunden worden sein, eine wunderbare Miniatur. Sie wartet noch immer. — stop

alpha : 22.01 — Fiebertage. Ich meine, stürmischen Wind vor den Fenstern zu hören. Ein helles Geräusch weiterhin in meinem Kopf, leise, zu jeder Zeit. Einmal stehe ich auf, schalte meine Computermaschine an, entdecke eine Nachricht Noes. Tag 1498 im Taucheranzug vor Neufundland, Tiefe 84 Meter. ANFANG 18.22.58 | | | > ich höre das ticken einer uhr. s t o p ich könnte die zeit zählen. s t o p weitermachen. t w o b l u e f i s h e s i n l o v e s t r a i g h t a h e a d. s t o p solange ich lache ist leben in meinem gehäuse. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielleicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p ich stelle mir vor ich arbeitete im weltraum. s t o p grandiose idee. s t o p da ist etwas das nicht stimmt. s t o p eine menschliche stimme in meiner nähe. s t o p eine warme menschliche stimme so nah dass ich den luftzug spüre der sie webt. s t o p < | | | ENDE 18.24.28

