MELDUNG. Nahe Siderno, beinahe zeitgleich, sind Menschen [ 22 Personen ] von hellblauer Haut wie aus dem Nichts heraus an Land gekommen. Man ist fiebrig, aber freundlich wie immer. — stop



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echo : 2.26 — Früher einmal existierten Bücher, deren Seiten miteinander verbunden waren. Bevor man die Seiten dieser Bücher lesen konnte, musste man sie voneinander trennen. Seltsamerweise hatte ich ihre Existenz vergessen, bis ich soeben solche Bücher in einem Text von Nathalie Sarraute bemerkte. Aber vielleicht ist das Wort vergessen, in diesem Zusammenhang nicht richtig gewählt, ich hatte jahrelang nicht an sie gedacht, im Geheimen waren sie vermutlich immer anwesend gewesen. Sofort begann ich damit, die Umgebung meiner Erinnerung zu erkunden. Ich entdeckte eine Tante. Wenn die Tante zu Besuch kam, küsste sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauchsuppe, weil sie einen Gemüsehändler kannte, der ihr Lauchstangen schenkte. Diese Tante also, deren Gesicht zerfurcht war von unzähligen Falten, schenkte mir einmal ein Buch genau dieser erwähnten Art, ein Buch, dessen Seiten miteinander verbunden waren, sodass ich jede Seite mit einer Schere zunächst von der nächsten trennen musste. Das Buch war kein Kinderbuch gewesen, ich hatte noch nicht sehr viel mit Büchern zu tun zu diesem Zeitpunkt, aber Nathalie Sarraute, die damals ungefähr in meinem Alter gewesen sein könnte, in einem Alter, als mich die Tante mit den Lauchstangen noch besuchte. Sie notierte: Es liegen überall Bücher herum, in allen Zimmern, auf den Möbeln und sogar auf dem Boden, Bücher, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekommen sind … kleinere, mittlere und große … Ich nehme die Neuankömmlinge in Augenschein, ich schätze die Mühe, die jedes erfordern wird, die Zeit, die es mich kosten wird … Ich wähle eins aus und setze mich mit dem aufgeschlagenen Buch auf den Knien hin, ich umklammere das breite Papiermesser aus grau aussehendem Horn, und ich fange an … zuerst zertrennt das waagerecht gehaltene Papiermesser den oberen Falz der vier zusammenhängenden Doppelseiten, dann senkt es sich, richtet sich wieder auf und gleitet zwischen die beiden Seiten, die nur noch längsseits miteinander verbunden sind … dann kommen die „leichten“ Seiten, sie sind an ihrem langen Rand offen und brachen nur noch oben getrennt werden. Und wieder die vier „schwierigen“ Seiten … und dann vier „leichte“, und dann vier „schwierige“, und so weiter, immer schneller, meine Hand wird müde, mein Kopf wird schwer, er brummt, mir wird ein wenig schwindlig … „Hör jetzt auf, mein Liebling, das reicht, hast du wirklich nichts Interessanteres zu tun? Ich werde beim Lesen selbst aufschneiden, das stört mich nicht, ich mache das ganz automatisch …“ Es kommt jedoch nicht infrage, dass ich aufgebe. — stop / Nathalie Sarraute Kindheit — aus der französischen Sprache übersetzt von Erika und Elmar Tophoven

ulysses : 6.55 — Associated Press veröffentlichte vor einigen Monaten eine bemerkenswerte Fotografie. Menschen sind zu sehen, die an der Kasse eines Ladens darauf warten, bedient zu werden, oder Waren, die sie in Plastikbeuteln mit sich führen, bezahlen zu dürfen. Es handelt sich bei diesem Laden offensichtlich um ein Lebensmittelgeschäft, das von künstlichem Licht hell ausgeleuchtet wird. Im Hintergrund, rechter Hand, sind Regale zu erkennen, in welchen sich Sekt– und Weinflaschen aneinanderreihen, gleich darunter eine Tiefkühltruhe in der sich Speiseeis befinden könnte, und linker Hand, an der Wand hinter der Kasse, weitere Regale, Zeitschriften, Spirituosen, Schokolade, Bonbontüten. Es ist alles schön bunt, der Laden könnte sich, wenn man bereit ist, das ein oder andere erkennbare kyrillische Schriftzeichen zu übersehen, in einem Vorort der Stadt Paris befinden oder irgendwo in einem Städtchen im Norden Schwedens, nahe der Stadt Rom oder im Zentrum Lissabons. Es ist Abend, vermutlich oder Nacht, eine kühle Nacht, weil die Frau, die vor der Kasse wartet, einen Anorak trägt von hellblauer Farbe und feine dunkle Hosen, ihre Schuhe sind nicht zu erkennen, aber die Schuhe der Männer, es sind vier Personen, vermutlich mittleren Alters. Sie tragen schwarze, geschmeidig wirkende Militärstiefel, außerdem Uniformen von dunkelgrüner Farbe, runde Schutzhelme, über welchen sich ebenso dunkelgrüne Tarnstoffe spannen, weiterhin Westen mit allerlei Kampfwerkzeugen, der ein oder andere der Männer je eine Sturmwindbrille, Knieschützer, Handschuhe. Die Gesichter der Männer sind derart vermummt, dass nur ihre Augen wahrzunehmen sind, nicht ihre Nasen, nicht ihre Wangen, nicht ihre Münder. Sie tragen keine Hoheitszeichen, aber sie wirken kampfbereit. Einer der Männer schaut misstrauisch zur Kamera hin, die ihn ins Visier genommen hat, ein Blick kurz vor Gewalttätigkeit. Jeder Blick hinter eine Maske hervor ist ein seltsamer Blick. Einer anderer der Männer hält seinen Geldbeutel geöffnet. Die Männer wirken alle so, als hätten sie sich gerade von einem Kriegsgeschehen entfernt oder nur eine Pause eingelegt, ehe es weiter gehen kann jenseits dieses Bildes, das Erstaunen oder kühle Furcht auszulösen vermag. Ich stelle mir vor, ihre Sturmgewehre lehnten vor dem Laden an einer Wand. Und wenn wir gleich heraustreten an die frische Luft, wenn wir den Blick zum Himmel heben, würden wir die Sterne über Simferopol erkennen, oder über Jalta, Luhansk, Mariupol. — stop / koffertest : updated — ich habe diese aufnahme mit eigenen augen gesehen.

echo : 6.50 — In einem Tunnel des Londoner U‑Bahnsystems kauerten Menschen auf dem Boden. Kaum Licht, eine düstere Szene, die ein unbekannter Fotograf aufgenommen hatte, Anfang der 40er-Jahre. Bretter waren über U‑Bahngeleise gelegt. In dieser Weise entstanden unter der Stadt Flächen, die Menschen begehen, auf welchen sie sitzen oder liegen konnten. Auch Kinder waren zu sehen, sie trugen Röcke, Schuluniformjacken und sehr kleine Schuhe. Auf einem Schaukelpferd saß ein Junge, der schon älter gewesen war. Er bewegte sich vielleicht in dem Moment der Aufnahme, weshalb er etwas unscharf wiedergegeben wurde. In seiner unmittelbaren Nähe lehnte eine junge Frau mit dem Rücken zur Wand, sie las in einem Buch oder war eingeschlafen. Ich erinnere mich, dass ich die Fotografie, die ich aus einer Zeitung geschnitten hatte, einmal mit einer Lupe betrachtete. Irgendwann hatte ich sie vergessen. Gestern Abend nun kehrte sie aus meinem Gedächtnis zurück. – Neun Uhr in Luhansk, Ukraine. Zehn Uhr in Mossul, Irak. stop

lima : 4.15 — Ob es vielleicht möglich ist, menschlichen Gehirnen Programme zu entwickeln, die Computersuchmaschinen ähnlich sind? Prozessoren, zum Beispiel, die in der Lage wären, mit meinem Gehirn zu sprechen, mein Gehirn anzuregen, seine Register nach Schneckengeschichten zu durchsuchen. Wann also sind in meinem Leben Schnecken vorgekommen, in welcher Gestalt, in welchem Auftrag, welcher Art waren die Schnecken gewesen, die mir begegneten? Vor wenigen Tagen noch hatte ich Schneckengeschichten gesammelt, so wie ich sie ohne große Anstrengung in mir finden konnte. Es waren viele Geschichten, aber ich könnte zu diesem Zeitpunkt nicht mit Sicherheit sagen, ob meine Erinnerung vollständig gewesen ist, ob mein Katalog auch nur annähernd alle wesentlichen Schneckenbegegnungen meines Lebens in sich versammelt. — stop

nordpol : 1.55 — Eine stille Arbeitsnacht. Auf dem Tisch in der hölzernen Küche unter dem Dach stapeln sich Tonspulen, die ich nach Zeitpunkt der Aufnahme oder den Namen der Personen, die ich befragte, sortierte: Katinka 1 — 3. Vor wenigen Minuten war ich kurz eingeschlafen, ohne vom Stuhl zu fallen. Balance scheint möglich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschlafen. Als ich erwachte, saß Esmeralda vor mir auf dem Tisch. Sie betrachtete mich. Ihre Fühleraugen bewegten sich äußerst langsam auf und ab. Dann setzte sie sich in Bewegung, wendete sich einer Banane zu, die auf dem Teller lag, dort schien sie bald eingeschlafen zu sein. Ich kann sie derzeit berühren, ihren schimmernden Leib, sie flüchtet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Gestern hatte ich mich wieder einmal gefragt, ob Esmeralda vielleicht in der Lage sei, zu hören. Ich machte mich sofort auf den Weg zum Computer, um nachzuforschen, ob Schnecken über ein Gehör verfügen. Dann klingelte das Telefon, eine Stunde später erinnerte ich mich, dass ich nach den Ohren der Schnecken fragen wollte. Heute aber ist eine solche Nacht, da ich nichts wissen will, auch nicht ob Esmeralda hören kann, wenn ich pfeife oder spreche. In meiner Nähe, sie schlafen vermutlich gerade, existieren Personen, die nichts ahnen vom Morden in der Ukraine, von Viren, die in Afrika Menschen befallen, von Flüchtlingen, die durch das Singschar — Gebirge irren. Sie lesen keine Zeitung, sie besitzen weder Radio noch Fernsehgerät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hinter der Jetztzeit bewegen. — stop
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himalaya : 2.08 — Jeden Morgen, im Frühling oder im Sommer, Herbst oder Winter, erscheint Herr Bisaso gegen 4 Uhr am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Er trägt eine graue Hose, ein dunkelblaues Hemd, eine gelbe Krawatte und ein Schildchen, auf dem das Wort SECURITY zu lesen steht, außerdem ein Stäbchen von etwa 1 Meter 50 Länge, das er in der rechten oder linken Hand mit sich zu führen pflegt. Das Stäbchen scheint aus Bambusrohr gemacht, an seiner Spitze sitzt eine weiche Beere von Leder und Samt, die von Herrn Bisaso vermutlich höchstpersönlich dort angebracht worden war. Der alte Mann ist von stattlicher Erscheinung, beinahe zwei Meter groß, er wurde in Mombasa geboren, lebt aber schon lange Zeit, Jahrzehnte, in Europa. Blitzblanke, schwarze Schuhe. Auf diesen Schuhen macht er sich nun auf seinen morgendlichen Weg, der ihn über das Terminal 1 zum Terminal 2 und wieder zurückführen wird. Ich sehe ihn, wie er sich umsieht und pfeift, er scheint fröhlich zu sein, er liebt den Morgen und vielleicht auch seine Arbeit, seinen Auftrag. In dieser Weise, leise pfeifend, nähert er sich einer Bank, auf welcher ein Mann liegt, der schläft. Das Hemd des Mannes ist verrutscht, sein Bauch zu sehen, auch sind seine Schuhe zu Boden gefallen. Es riecht ein wenig bitter in der Luft. Behutsam berührt Herr Bisaso den Mann mit jenem weichen Ende seines Bambuszeigers an der Schulter, und schon fährt der Mann hoch aus einem Traum, reibt sich die Augen, fuchtelt dann mit den Händen, und beginnt laut zu schimpfen. Guten Morgen, entgegnet Herr Bisaso mit tiefer Stimme. Er steht ganz ruhig und wartet, bis der noch halbwegs, Schlafende aufgestanden ist. Jetzt ist er zufrieden. Er schlendert zur nächsten Bank, die zum Nachtlager einer jungen Frau geworden ist, auch sie scheint ein wenig bitter zu riechen und ohne Koffer zum Flughafen gekommen zu sein. Bald steht auch sie, reibt sich die Augen, betrachtet den großen Mann und sein Stäbchen, das Herr Bisaso noch nicht sehr lange Zeit mit sich führt. Folgende Nachricht wäre vor wenigen Wochen noch möglich gewesen. MELDUNG: Von 4 bis 5 Uhr wurden in den Terminals des Frankfurter Flughafens 87 Personen, die auf Sitzgelegenheiten ruhten, von Mr. Bisaso geweckt. Er musste deshalb 2 Tritte, eine Umarmung, allesamt unwillkürlich, aber nur zwei Ohrfeigen entgegennehmen. — stop
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india : 6.52 — Haruki, der in einer kleinen europäischen Stadt zu Hause ist, erzählte eine Geschichte, die ich kaum glauben mochte. Schon sein Name schien seltsam zu sein. Er habe, sagte er, manchmal das Bedürfnis, mitten in der Nacht zu telefonieren. Nicht weil er fürchte, sterben zu wollen, sondern weil er glücklich sei, wenn er einfach nur los erzählen könne, wenn ihm seine Worte von einem aufmerksamen Ohr sozusagen aus dem Mund gezogen würden. Genau dieses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wunderbare Gelegenheiten erinnere, als er im Erzählen Geschichten entdeckte, die ihm ohne diese Art des Sprechens niemals eingefallen wären. Leider würde ihm inmitten der Nacht niemand mehr zuhören, Menschen, die er persönlich kenne, eilten längst nicht mehr ans Telefon, wenn er sich bei ihnen melde. Er habe deshalb andere, wildfremde Menschen angerufen, die sich bei ihm beschwerten, ob er denn noch bei Verstand sei. Das war der Grund gewesen, weswegen er vor wenigen Wochen damit begonnen habe, Rufnummern in Übersee zu kontaktieren. Es meldeten sich dort Menschen, die Haruki in englischer, französischer, chinesischer oder spanischer Sprache begrüßten. Sobald die Stimme eines Menschen hörbar wurde, begann Haruki zu erzählen. Er formulierte in einer so hohen Geschwindigkeit, dass er sich selbst kaum noch verstehen konnte. 15 Minuten, länger durfte ein Gespräch mit Shanghai nicht dauern. Manchmal vernehme er Stimmen von der anderen Seite her, helle Stimmen, zitternde, wispernde Töne, weshalb er das Telefongerät ein wenig von seinem Ohr entferne, ohne indessen zu verstummen. Nach 15 Minuten verabschiede er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop
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tango : 5.12 — In der vergangenen Nacht hörte ich eine Tonaufnahme, die vor einigen Jahren während eines Spazierganges an der Isar in München aufgezeichnet wurde. Ein herbstlicher Tag. Das Rauschen des Flusses, bisweilen tosende Geräusche, wie ein weiteres Gespräch im Hintergrund. Und Hunde, und Gitarrenmusik immer wieder, und Schritte, nicht die Schritte der zwei Gehenden vor dem Mikrofon, sondern Schritte entgegenkommender Passanten. Wir unterhalten uns über Arme und Beine, Muskeln, Sehnen, Nervenstränge. Einmal beginnt es zu regnen, aufschlagende Tropfen sind auf Schirmen deutlich zu hören. Aber wir verlieren kein Wort über den Regen. Die junge Frau, die an meiner Seite wandert, spricht sehr langsam, macht lange Pausen, manchmal scheint sie nicht mir, sondern dem Wasser zuzuhören. Immer wieder erkundigt sie sich, ob das gut so sei, was sie sage, ob ich eine Geschichte daraus machen könne. Sie will nicht, dass ich ihren Namen wiedergebe: Nenn mich ‚junge Frau‘ oder nenn mich ‚Studentin‘. Manchmal sei sie müde, sagt sie, weil sie bis spät in der Nacht als Platzanweiserin in einem Kino arbeite. Sie sei so müde, dass sie einmal im Präpariersaal am Tisch beinahe eingeschlafen wäre. Das Skalpell sei ihr aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen, da sei sie gerade noch rechtzeitig wieder ganz wach geworden. Der Job wäre aber sehr praktisch, weil sie in den Zeiten der laufenden Filme, manchmal lernen könne, sie führe ihren Taschenatlas immer in ihrer Handtasche mit sich, Notizen und das Skript. Als Kind habe sie ihren Eltern gesagt, dass ihr Herz nicht dort schlagen würde, wo es bei den anderen Kindern üblich wäre. Sie fühlte ihr Herz immer auf der rechten Seite schlagen. Niemand habe sie ernst genommen. Nicht einmal ihr erster liebster Freund habe ihr zugehört, und auch nicht ihr zweiter Freund, der immer an der falschen Stelle sein Ohr an ihre Brust gelegt habe. Der dritte Freund war ein Mediziner gewesen, ein Student, der habe endlich nicht nur nach ihr, sondern auch nach ihrem Herzen an der richtigen Stelle gesucht. Er habe gesagt: Ein Situs inversus, eine Normabweichung. In dieser Sekunde habe sie beschlossen, Ärztin zu werden. — stop

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echo : 2.55 — Am Abend besuche ich Louis in seiner Küche unter dem Dach, Duft von Zimt und warmem Brot, in einer Lampe sirrt eine Wespe herum. Auf dem Küchentisch stapeln sich Tonbandspulen, 528 kleine Kassetten, die beschriftet sind: No 24 — Café Mozart 8. Mai / Laura — Über Lungenflügel : 1 Stunde 25 Minuten. Oder: No 48 — Botanischer Garten 5. Juni / Sebastian — Herzbetrachtungen : 2 Stunden 3 Minuten. Ich sehe Louis, wie er vor dem Tisch sitzt. Er ist alt geworden. Eine Schreibmaschine ruht unweit der Spulen. Es ist eine Hewlett Packard mit einem Bildschirm, sehr große Schriftzeichen, weil Louis nicht mehr gut sieht. Ein Satz ist dort zu lesen: Die Augen gehen auf, aber niemand sieht einen an. Ich höre Stimmen, sehr helle Stimmen. Stimmen in etwa so, wie sie klingen, wenn ein Mensch spricht, der Helium atmet. Louis sagt, das komme davon, dass er seine Tonbandmaschine schneller laufen lasse, beschleunigte Zeit, aus einer Stunde des Sprechens würde eine halbe Stunde, aus einem langen Schweigen ein kürzeres Schweigen. So, sagt Louis, ist das vielleicht zu schaffen in diesem Sommer, wenn ich nicht schlafe bis Ende September. — stop
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