echo : 0.28 UTC — Ich arbeite sehr gerne in der Vorstellung, ein Mensch, der nicht ich bin, würde mir zusehen, beobachten, was ich tue. Ich könnte eine Erfindung sein, eine Vorstellung, wie meine Schreibmaschine und meine Rechenkerne, Bildschirm, Tastaturen, Sensoren, Mikroskope und feinste Lichtfangmaschinen, auch Meißel und Hämmerchen. Warum? — stop
Aus der Wörtersammlung: ast
reisende pinguine
nordpol : 20.01 UTC — Lese in Louis Kekkolas Eisbuch Jennifer.Five. Es ist jetzt kurz nach acht Uhr abends, Vögel pfeifen. In diesem Moment trage ich Handschuhe. Ich habe mein Tonbandgerät angeschaltet und spreche leise, indem ich das zerbrechliche Buchwesen in Händen halte. Kaum habe ich eine Seite abgetastet, schließe ich den Kühlschrank, gehe in der Wohnung spazieren und lasse mir alles durch den Kopf gehen. Dann kehre ich zurück und lese mit dampfendem Atem weiter. Höre in diesen Minuten das Ticken des Weckers, der mir 15 Sekunden Zeit erteilt, um das Buch ungestüm warmer Heizluft auszusetzen. Auf Seite 52 entdecke ich Louis Kekkola’s Notiz über 22 Pinguine, die nordwärts reisten in Flugzeugen in hölzernen Behältern, um auf Grönland weiterzuleben. Sie sollen dort das Nordlicht (Aurora borealis) studieren. — stop

von zeichenfühlern
delta : 7.16 UTC — Ich träumte einen Mann, der in einer staubigen Stadt auf einem Schemel vor einer Schreibmaschine hockte. Der Mann schien zu warten, mit geschlossenen Augen oder schlief. Sobald sich jemand näherte und sich vor den Mann hin auf einen weiteren Schemel setzte, hob der Mann die Schreibmaschine vom Boden auf und setze sie auf seinen Oberschenkel ab, dann lauschte er. Nach wenigen Sekunden hob er eine Hand, um eine Sprechpause zu bewirken. Es war eine mächtige Geste, die Vögel hörten auf zu singen, und der Wind und die Automobile schwiegen. In dieser Stille, die ihm persönlich zu gehören schien, begann er unverzüglich die Tasten seiner Schreibmaschine mit winzigen, runden Papieren zu bekleben, zeichnete sodann mit roter Farbe Zeichen auf die Papiere, um kurz darauf mit einer zarten Handbewegung, den vor ihm Wartenden zu ermuntern, weiterzusprechen. Vorsichtig tippte er nun Zeichen um Zeichen in die Tasten, sie waren von zahllosen Papieren derart erhöht, dass sie wie Fühler eines Schreibmaschinentieres wirkten, die mit jeder Berührung einer der Tasten federnd sich hin und her und auf und ab bewegten. — stop

lupenvögel
tango : 20.58 — Es ist Sonntag, Oktober, und warm inmitten der Stadt. Louis darf seine Fenster öffnen, Vögel werden keine ins Zimmer kommen, weil Vögel nicht zu hören sind, auch nicht am Morgen, weil Vögel keine da draußen in den Bäumen wohnen, außer einem Rotkehlchen, zwei Tauben und einer Elster, die sind verbürgt, die sind Louis unlängst vor die eigenen Augen gekommen. So ist also Sonntag fast ohne Vögel, die Fenster sind geöffnet, mal schaut Louis zum Fenster hinaus, mal steht er vor seiner schneeweißen Tafel, die in der Nähe des Fensters an einer Wand befestigt ist. Magnete, kleine silbern blitzende Zylinder halten Papiere fest. Auf den Papieren sind Schatten zu erkennen, Wolken von winzigen Zeichen. Je näher man der Tafel kommt, desto deutlicher sind Zeichenblöcke zu erkennen, eine Ordnung in Wolken von Zeichenvögeln, jeder der Vögel eine Geschichte, hunderte Textvögel, die nicht zu entziffern sind mit bloßem Auge. Sobald Louis in seinen Werken liest, nähert er sich seiner Vogelsammlung mittels eines Mikroskops, welches sich an einem filigranen Arm befestigt, millimeterweise über den schneeweißen Metallhimmel hin und her fahren lässt. So steht er und liest und sucht in seinen Gedanken, Erfindungen, Erzählungen. Alles ist dort sichtbar oder unsichtbar zunächst für menschliche Augen oder menschliche Erinnerung, alles liegt vor, Erkenntnisse, Ergebnisse, Irrtümer, das Glück und Unglück der Worte, der Sätze, alles. — stop

vogel
echo : 18.18 UTC — Auf dem Weg zur Straßenbahn habe ich heute ein Rotkehlchen gesehen. Der kleine Vogel hockte auf einem Ast in der Höhe meines Kopfes. Ich dachte, wie viele Jahre habe ich kein Rotkehlchen gesehen? Auch das kleine Wesen schien verwundert zu sein, flog nicht davon. — Ist das eine Nachricht? — stop
am nachmittag
foxtrott : 16.22 UTC — Im Park hörte ich ein Geräusch, das mich an einen Trompetenstoß erinnerte. Das Geräusch wiederholte sich, war mal lauter, dann wieder leiser zu hören, vielleicht weil es vom Wind davongetragen wurde. Wenig später trat ein Cello aus dem Unterholz. Das Cello spazierte auf zwei Beinen in Richtung des Geräusches, das ich als Trompetengeräusch identifizierte. Bald war es jenseits des Weges unter den Schattenschirm einer Kastanie getreten, wo es stoppte. Das Instrument, dessen Holz leuchtete, schien zu warten. Als ich nun weiter spazierte, begegneten mir ein Becken, das sich auf acht kurzen Beinen fortbewegte, die sich sowohl vorwärts als auch kreisend bewegten, nur Minuten später eine Oboe, die in einer horizontalen Haltung marschierte. Der Wind, der in ihr Mundstück drang, erzeugte leise hupende Klänge, ganz wundervoll. Als Becken, Oboe und Cello sich unter der Kastanie vereinigten, sendeten sie gemeinsam seltsame Frequenzen über die Wiese, die sich westwärts zur Stadt hin erstreckte. Dann Stille, dann von Neuem eine Wiederholung des bereits Gehörten, und wieder Stille. Man wartete nebeneinander stehend wie an einer Bushaltestelle, man wartete gemeinsam, worauf auch immer. — stop

ai : SRI LANKA

MENSCH IN GEFAHR: „Der Schriftsteller Shakthika Sathkumara wurde am 1. April 2019 festgenommen, als er auf einer Polizeiwache erschien, um eine Aussage zu einer Beschwerde zu machen, die buddhistische Mönche hinsichtlich seiner Kurzgeschichte eingereicht hatten. Er wurde unter Paragraf 3(1) des IPbpR-Gesetzes und Paragraf 291(B) des srilankischen Strafgesetzbuchs angeklagt. Diese Paragrafen lassen eine Freilassung gegen Kaution seitens regulärer Amtsgerichte nicht zu. Deshalb befand sich Shakthika Sathkumara fast vier Monate lang in Haft. Seine nächste Anhörung soll am 30. September vor dem Obersten Gerichtshof stattfinden. / Shakthika Sathkumaras literarische Arbeit ist von mehreren Organisationen, darunter auch dem Ministerium für kulturelle Angelegenheiten und der Kulturabteilung des Ministerpräsidenten der Nordwestprovinz, für Auszeichnungen vorgeschlagen worden. Paragraf 3(1) des IPbpR-Gesetzes und Paragraf 291 des Strafgesetzbuchs kriminalisieren das Propagieren von rassistischem und religiösem Hass, der Diskriminierung, Feindseligkeit und Gewalt schürt./ Die Festnahme von Shakthika Sathkumara ist Teil einer beunruhigenden Tendenz, das IPbpR-Gesetz dazu zu nutzen, friedlichen Aktivist_innen und Autor_innen in Sri Lanka die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit abzusprechen. Diese Rechte sind jedoch im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte festgeschrieben. Im Mai 2019 wurde eine Frau namens M. R. Mazahima unter dem IPbpR-Gesetz festgenommen, weil sie eine Bluse mit dem Aufdruck eines Schiffsteuerrades getragen hatte. Als Begründung wurde von den anzeigenden Personen fälschlicherweise angegeben, dass dies ein buddhistisches Symbol sei. Sie wurde mehr als drei Wochen lang in Gewahrsam gehalten, bis ihr endlich Kaution gewährt wurde. Im Juni 2019 wurde dem Kolumnisten Kusal Perera unter dem IPbpR-Gesetz mit der Festnahme gedroht, weil er über den zunehmenden extremistischen Sinhala-Buddhismus in Sri Lanka geschrieben hatte. / Der willkürliche Einsatz des IPbpR-Gesetzes – das Menschenrechte schützen und nicht gegen sie verstoßen soll – hat zu einem schwierigen Klima im Land geführt. In Sri Lanka reagieren die Behörden extrem sensibel auf vermeintliche Verunglimpfungen des Buddhismus und werden direkt von bestimmten Gruppen buddhistischer Mönche beeinflusst, die die Festnahme und Strafverfolgung von Personen verlangen, von der sie meinen, dass sie die Religion verunglimpft haben./ Gemäß dem IPbpR, an dessen Umsetzung Sri Lanka gebunden ist, darf das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit nur in einem engen, klar definierten Rahmen eingeschränkt werden. Einschränkungen dieser Rechte sind nur dann zulässig, wenn sie nötig sind, um die Rechte und Freiheiten anderer oder bestimmte öffentliche Interessen (wie z. B. die nationale bzw. öffentliche Sicherheit, die öffentliche Ordnung oder die öffentliche Gesundheit oder Moral) zu schützen, und wenn sie für diesen Zweck nachweisbar notwendig sind. Indirekte oder direkte Kritik an einer Religion oder einem Glaubenssystem darf nicht als Volksverhetzung kriminalisiert werden.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 17.10.2019 unter > ai : urgent action
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von blüten
lima : 15.01 UTC — Vor der Verkündung des Urteils hat sich das Gericht vornehm zurückgezogen. Der Angeklagte sitzt auf seinem Platz und wartet. Links und rechts etwas erhöht haben sich auch seine Verteidiger, zwei angesehene Anwälte der Stadt, von ihren Plätzen nicht erhoben, man rechnet mit einer raschen Entscheidung. So auch der Staatsanwalt, ein jüngerer Herr, nicht einmal seine Robe hat er abgelegt, währenddessen er den Angeklagten gleichen Alters in einer vorsichtigen Art und Weise betrachtet, als sei er sich nicht sicher, mit seinem Plädoyer eine ausreichende Begründung für die hohe Strafe dargelegt zu haben, die er zuletzt über den Angestellten der städtischen Bibliotheken zu werfen forderte. Genau so hatte er noch gesprochen, werfen, nicht verhängen solle man eine Strafe über diesen Mann, der sich hier im Saale höchst unauffällig benommen hatte. Wann hatte er die erste Blume freigelassen, wann den ersten Samen ausgestreut? War es ihm denn nicht in den Sinn gekommen, dass er unrecht handelte, als er mit Vorsatz versuchte Urwald in der Stadt auszusetzen? Ja, wie konnte er denn glauben, dass man ihn ohne Strafe davon kommen lassen würde, nachdem seine Larentiae Sinensios vor dem Opernhaus das Pflaster sprengten, nachdem man im schönsten der zentralen Parks gerade noch verhindern konnte, dass der goldrote Samenstaub der Lobelia Frasensis sich des Palmenhauses bemächtigte? Ja wie konnte er gestatten, dass man ihn rühmte als einen guten Menschen, da doch die von ihm vornehmlich unter der Straßenbahnfahrt in die Luft gepuderten Kostbarkeiten der Nemuso Lasastro in den Lungen der städtischen Bürger wundersame Blüten zu treiben begannen? Man hatte lange Zeit Mühe, sie in ihrem Wachstum zu begrenzen. Das Wunder ihrer feuerroten Kelche drang aus den Gräbern derer, die an den Blüten erstickten. Dort, unter den Ulmen und Kastanienbäumen, kämpften die Gärtner einen ungleichen Kampf, wie ihre Brüder und Schwestern in den Hängenden Gärten der gläsernen Bankentürme, die vergeblich versuchten, die Taraxaca des gefräßigen Schäferkorbbaums aus ihren Häusern zu kämpfen. Morgens, wenn die herrliche Oktobersonne von Osten her in die riesigen Atriien schien, sah man wohlgeformten Fallschirme dieser fruchtbarsten Pflanzengeschöpfe in den künstlichen Winden des Gebäudes auf und niedergehen. Es war dies die Stunde, da man sich geschlagen gab, um dann doch wieder auszuschwärmen, um den Notrufen zu folgen, die von verzweifelte Angestellten aus ihren Büros abgesetzt worden waren. Der junge Staatsanwalt sieht durch das kühle Licht des Saales zu dem Angeklagten hinüber, und ein Schauer überläuft ihn bei dem Gedanken, dass gerade jene von der Stadt bezahlten Stunden des Studiums es den Bibliothekaren ermöglichten, in den biologischen Sammlungen und Archiven nach den Gierigsten unter den Blumen dieser Welt zu forschen. Er sieht diesen bescheidenen Herrn an einem behördlichen Schreibtisch sitzen, einem hölzernen, wie er die Fächer seiner ledernen Tasche mit Samen munitioniert. Und dann sieht er ihn spazieren, da dort lächelnd eine Dosis Blütensamen auf den Boden werfend, sodass schon bald darauf im Wechsel der Duft von Kamille, der Duft der blauen Andenhyazinten vom Schotter der Straßenbahngeleise aufzusteigen begann. Aus der Regenrinne des Polizeipräsidiums wuchert noch heute eine Commeline Cestre himmelhoch über Radioantennen hinaus, das Bersten ihrer Nüsse im Oktober ist noch über hunderte Metern hin deutlich zu hören, es sind Schüsse, es ist die reinste Gefahr, die dort über den Dächern der Stadt auf den Winter lauert. Da sitzen sie nun, ein junger Herr, ein Samenwerfer und ein junger Staatsanwalt, und warten auf das Urteil, das eine gerechte Strafe aussprechen möge. — stop

coccinellidae
delta : 12.08 UTC — Freude am Abend gestern wie Kind, als aus dem Dunkel vor dem geöffneten Fenster ein Flugwesen tauchte. In dem Augenblick, da es erschien, legte ich gerade eben ein Buch zur Seite, als hätte ich geahnt, dass etwas Außergewöhnliches geschehen wird. Ein Marienkäfer saß kurz darauf an der Wand, wurde von warmem Atem begrüßt und mittels einer Lupe betrachtet. Der Käfer duckte sich, ein Jungtier oder halb verhungert. — 8:28 Uhr, noch 32° Celsius im Zimmer unter dem Dach. Nichts weiter. — stop
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bürgermenschen
Nordpol : 15.45 UTC — In der Straßenbahn Linie 11 sitzen zwei junge Männer. Sie sehen hin zum Fluss. Da ist ein Weg zu sehen, der gepflastert ist. Hier hat man die Juden entlang zu einer Halle geführt, sagt einer der jungen Männer. Dort haben sie gewartet und dann wurden sie in Züge gesetzt und nach Osten transportiert. Deportiert! — wiederholt der andere junge Mann und sieht hin zu dem Weg, über den die Menschen damals gingen. Sie trugen Koffer, nehme ich an, setzte der junge Mann fort, der zunächst von dem Weg und den unsichtbaren Menschen auf dem Weg erzählte. Es waren viele Juden, sagte er, es waren 10.000 oder vielleicht ungefähr 40.000 Juden. Er machte eine Pause. Es sagte dann: Ich kann mir die Zahl nicht merken. — stop
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