sierra : 15.02 – Rollläden von rostigem Metall. Zerbrochene Leuchtschriftzeichen. Der Fußboden vor dem Laden mit schwarzer Farbe beschmiert. Das Büro der Libyen Air, trostlose Aussicht, als hätte ein ganzes Land seine Fernaugen für immer geschlossen. Gleich links und rechts des eisernen Lids sitzen junge Menschen in Cafés. Dienstag, früher Vormittag, Taxifahrer lungern in der St Pius Street. Ich folge einer Katze, die ihrerseits Gerüchen, Geräuschen, Bewegungen und weiteren unsichtbaren Spuren und Wünschen folgt. Prächtiges Tier, schwarzes, zerzaustes Fell, breiter Kopf, gelbe Augen. Sie scheint ihren Beobachter angenommen zu haben, dreht sich immer wieder einmal nach mir um, als würde sie mich in der Verfolgung ermuntern. Von der Republik Street in die Windmill Street, dann nordwärts die Merchant Street entlang. Schulkinder in Uniformen, ein paar ältere Menschen, Frauen, Männer, in dunkler, feiner Kleidung, kleinere Läden, Süßstoffe im Halbdunkel. Mein Blick einmal zur Katze hin, dann wieder hinauf zu den hängenden Wintergärten an den Fassaden der alten Häuser, die schmal sind, ohne Zwischenräume. In der Old Hospital Street eine verwitterte Tür, die sich im Wind leicht bewegt. Dort verschwindet die Katze. Wildnis ohne Dach. Zitronenbäume entkommen dem Boden. An einer Wand, von Flechten besetzt, ein Ofen. Im Regal gleich darüber, eine Tasse von Porzellan. — stop
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Aus der Wörtersammlung: einmal
malta : 81er bus
echo : 22.05 – Sagen wir das so: Ich bin heute, an diesem sonnigen Montag mit dem Bus hin und her übers Land gefahren, mit einem 81er-Bus, mit Luca’s Bus, und zwar die Strecke von Valletta nach Rabat bis rauf zu den Dingli Cliffs, von wo man weit aufs Meer hinaus südwärts nach Afrika schauen könnte, wenn die Erde nicht rund wäre wie wir sie vorgefunden haben. Luca ist ein Busfahrer aus Leidenschaft. Er trägt ein blaues Hemd, seine Arme sind gebräunt wie sein Gesicht, rechts, von wo die Sonne kommt, etwas stärker als von links. 47 Cent kostet eine einfache Fahrt nach Rabat. Jeder, der hereinkommt, wird begrüßt: Welcome, welcome! Dann 15 Kilometer stetig dem Himmel zu, links und rechts der Straße, Spuren von Weizen, Tomaten, Kartoffeln, Inseln blühender Blumen, Mohn und Margeriten und Linien von Kakteenpflanzen, als seien Meereswellen zu fleischigen Blattkörpern gefroren für alle Zeit. Da und dort ein Dorf, Büsche, Orangenbäume, Windräder, Funkantennen. Nach einer Stunde kommt man dann an in Rabat oder Mdina, man weiß jetzt, dass man über einen Knochenkörper verfügt, und man ahnt, dass Luca seinen Weg noch finden würde, wenn er einmal blind geworden sein sollte. Luca sammelt Marienbilder wie ich Überraschungen sammle, Momente wie diesen, da Luca bemerkt, dass ich nicht aussteigen, dass ich wieder mit ihm zurückfahren werde, dass der Bus und er selbst für mich bedeutender sind, als Orte und Landschaft, die wir durchreisen. Jetzt darf ich ihn fotografieren und sein Armaturenbrett, Diesel, Diesel! Und ich darf ihm eine Frage stellen, ich wollte nämlich wissen, ob es für ihn denkbar ist, seinen Bus einmal bis hin unter die Decke mit Wasser zu füllen, ob er sich vorstellen könne, mit einem Bus voll lebender Fische über Land zu fahren. Luca’s Hupe, eine Lufttrompete. — stop

malta : fallschirmregen
nordpol : 16.22 – Aus heiterem Himmel setzt sich vor der Nationalbibliothek eine uralte britische Lady zu mir in den Schatten. Helle, faltige Haut, die sich mit dem Seewind über ihren dürren Körper hinzubewegen scheint. Sie trägt einen grünen Sonnenhut, gelbe Ledersandalen und einen langen beigefarbenen Rock; hellblaue Augen, Stecknadelpupillen, die mich fixieren, kein Lidschlag. Wo ich herkomme, will sie wissen, was ich da notiere, ob ich mit dem Internet verbunden sei. Indem sie mir zuhört, lehnt sie sich in ihren Stuhl zurück, um sich sofort wieder zu nähern, wenn sie selbst zu sprechen beginnt. Dass es ein Wunder sei, wie schnell die Deutschen nach dem Krieg wieder wohlhabend geworden sind. Ja, die Deutschen, sagt sie mit ihrer hellen Stimme, alles, was die Deutschen tun, machen sie gründlich. Einmal, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, regneten eines frühen Morgens Fallschirme auf die Ebenen Maltas herab. Sie hatten es nicht leicht mit der Landung, da waren überall steinerne Wälle zum Schutz vor dem Wind. Kurz darauf fielen Bomben auf den kleinen Ort Mosta. Wenn Sie Zeit haben, besuchen Sie Mosta, das müssen Sie unbedingt tun! Eine Bombe traf die Kirche, dorthin hatten sich hunderte Menschen geflüchtet, aber die Wände, das Gewölbe waren unbesiegbar gewesen. Eine weitere Bombe traf den Marktplatz und tötete ein Dutzend Hühner. Die alte Frau spricht jetzt langsam und präzise, als erwartete sie, dass ich ihre Erzählung Wort für Wort im Kopf mitschreiben würde. Eine ihrer Schwestern sei verwundet worden, ein Splitter habe den Onkel, der sich auf sie geworfen habe, glatt durchschlagen. Ihr Vater habe dann ein Zelt im Haus für die Familie errichtet, weil das Haus sein Dach verloren hatte durch den Luftdruck, als ein benachbartes Grundstück einen Volltreffer erhielt. Es ist schon ein Wunder, sagt sie und lächelt, es ist schon ein Wunder. - stop
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luftgespräch
echo : 8.18 – Ich spazierte in einer Stadt seltsamer Menschen. Diese Menschen waren Wesen ohne Augen in ihrem Gesicht, weswegen ich sie nicht begrüßen konnte, was ich natürlich schon deshalb versuchte, weil ich herausfinden wollte, ob diese Menschen, die sich in engen Straßen fortbewegten, ohne je aneinanderzustoßen, eventuell über geheime Augen verfügten, sehr kleine Augen in den Nasenflügeln, sagen wir, oder ihren Wangen, feinste Facetten. Als ich einmal den Himmel über mir betrachtete, bemerkte ich wegweisende Sätze auf Schildern und Pfeile und Spiegel, sodass ich mich selbst betrachten konnte, meinen in den Nacken geworfenen Kopf. In einer Bahnhofshalle ruhten wartende Reisende auf Bänken. Sie lagen so zueinander, dass ihre Schädeldächer sich fast berührten. Manche schliefen, andere unterhielten sich. Je ein Auge dort pro Kopf von feinem Haar umgeben. Aus der Ferne betrachtet sah das ganz so aus, als würden jene Liegenden Selbstgespräche führen oder mit der Luft. Dann wach. — stop. — Montag. Acht Uhr zweiundzwanzig Minuten in Bengasi, Libyen. — stop
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moskitoeintagsfliegen no.2
sierra : 5.24 — Bald einmal, ich wiederhole mich, menschliche Wesen von 20000 Jahren Lebenserwartung gestalten, Hüter der Plutoniumwerke, memorierende Beobachter, flüsternde Sprecher durch Räume der Zeit, die bisher nicht vorstellbar sind, weil wir sie weder fühlen noch träumen, weil unsere Herzen durch die Atomzeit rasend schlagen wie die Herzen der Moskitoeintagsfliegen. — stop

existenz
himalaya : 3.38 — Von allen intensiven Lebensmomenten war einer der Schönsten jener gewesen, als mich ein Mensch, der mir sehr nahe ist, wiedererkannte. Ein Blitz war ihm nachts in den Kopf gefahren, hatte Bedeutungen der Gegenstände und Orte und Menschen derart umgeschrieben, dass er nicht mehr sagen konnte, wo er sich gerade befand, dass er einen Baum für eine Birne halten wollte, einen Fernsehapparat für den Mond, und mich persönlich für einen wildfremden Menschen, eine Person, deren Namen und deren Gesicht er nie zuvor gesehen haben wollte. Ein Blick, fremd, kalt. Ein Blick, der nach langen Wochen des Wartens nachdenklich wurde, der wieder wärmen konnte, weil er sich der Vertrautheit seines Gegenübers zu erinnern schien. Wie ich in der Zeit der Verlorenheit mit meiner Stimme lockte, mit Geschichten, die wir gemeinsam erlebten, kleinen Alltagsverbrechen, Fotografien, Musik. Ich bin kein Anderer! Und wie der suchenden Nachdenklichkeit Erinnerung folgte, ein Licht, Irisbrennen, das meinen Namen noch vor Mund und Stimme formulierte. Und wie ich nach langer Abwesenheit von einer Minute zur anderen im gemeinsamen Augenraum wieder zu existieren begann, davon wird einmal zu erzählen sein. stop. Heute ist Montag. stop. Leichter Regen. stop. Drei Uhr zweiundfünfzig in Bengasi, Libyen. — stop
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luftteilchen
romeo : 6.02 — Wie mich das begeistert, Details einer Geschichte nachzudenken, feinsten Teilchen einer Wirklichkeit, die später einmal unsichtbar sein werden in der Zeichenlinie auf Papieren, nur für mich wahrnehmbar im Moment der Erfindung. Ein Duft. Ein Geräusch. Die Farbe der Wolken über einer Landschaft. Oder eine Bewegung. Die Bewegung einer Hand, eines Mundes, einer Schrift. Das Murmeln einer Stimme im Schlaf. Gestern habe ich darüber nachgedacht, welcher Art ein Geschenk sein könnte, das ich mit mir nehmen würde, wenn ich ein befreundetes Ehepaar besuchte in seiner wohlgestalteten Wohnung, die eine menschliche Wohnung ist, aber eben vollständig mit Wasser gefüllt. Ich dachte, dass ich ihnen eine Schmuckschnecke zum Geschenk machen sollte, ein ganz besonderes Exemplar von der Größe einer Hand, das nun über die Wände der unterseeischen Behausung gleiten und musizieren würde, warme, leise pfeifende Geräusche. Diese freundliche Molluske könnte von innen her blau beleuchtet sein, so weit lässt sich das gut denken. Wie aber verpacke ich mein Geschenk, ja, wie zum Teufel lassen sich 2 Pfund Süßwasserschnecke artgerecht verschnüren? — stop
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swetlana geier
delta : 0.03 — Ein aufregendes Buch, das ich gerade wieder lese in kleinen Etappen, Wilhelm Genazinos Erzählung Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Einhundertfünfzehn Geschichten eines Mannes, der fürchtet, sein Gedächtnis zu verlieren, Geschichten, die der Mann seinen Freunden erzählt, damit sie ihm später einmal zurückgegeben werden könnten. Ja, so sollte man leben, so genau, dass für jeden gelebten Tag eine Geschichte zu verzeichnen ist. Manche dieser Geschichten werden vielleicht nur aus einem einzigen Satz bestehen, einem Gedanken oder einem zitierenden Text, Wörtern wie diesen, die ich gestern, nachdem ich den faszinierenden Film Die Frau mit den 5 Elefanten gesehen hatte und in seine zwölfte Minute zurückgekehrt, der Übersetzerin Swetlana Geier von den Lippen las: Es stellt sich immer wieder heraus, und es ist ein Zeichen für einen hochwertigen Text, dass der Text sich bewegt. Und plötzlich, man hat es vorbereitet und man sieht alles, und man weiß alles, aber plötzlich ist da etwas, was man noch nie gesehen hat. Ein solcher Text ist unerschöpflich. Man kann ihn eigentlich, auch wenn man ihn übersetzt hat oder zweimal, ich hab das jetzt zweimal übersetzt, man kann ihn nicht ausschöpfen. Und das ist eben wahrscheinlich ein Zeichen der allerhöchsten Qualität. Natürlich, man muss lesen lernen. — stop
an der nachtzeitküste
ginkgo : 6.00 – Flughafen. Terminal 1. Drei Uhr und fünfzehn Minuten. Ich stoße auf Charlie, 36, Arbeiter. Der Mann, der in Togo geboren wurde und lange Zeit dort gelebt hatte, sitzt unter schlafenden Reisemenschen an der Nachtzeitküste. Er sieht seltsam aus an dieser Stelle, ein Mann, der in seinem Leben noch nie mit einem Flugzeug reiste, stattdessen in Zügen, Bussen, Schiffen durch den afrikanischen Kontinent Richtung Europa geflüchtet war, ja, merkwürdig sieht Charlie aus, wie er so unter schlummernden Nordamerikanern, Usbeken, Chilenen, Japanern, Neuseeländern sitzt. Er trägt Sicherheitsschuhe, ein kariertes Holzfällerhemd und Hosen von kräftigem Stoff, mit Katzenaugen besetzte dunkelblaue Beinkleider, die in jede Richtung reflektieren. Nein, unsichtbar ist Charlie, auch im Dunkeln, sicher nicht. Er macht gerade Pause, trinkt Kaffee aus einer schreiend gelben Thermoskanne und genießt ein Stückchen Brot und etwas Käse, den er aus einer Dose fischt. Sorgfältig kaut er vor sich hin, nachdenklich, vielleicht weil er sich auf ein Spiel konzentriert, das er seit Jahren bereits an dieser Stelle wartend studiert. Charlie tippt Lotto. Charlie ist ein Meister des Lottospiels, Charlie spielt mit System. Er hat noch nie verloren. Er hat noch nie verloren, weil er noch nie einen wirklichen Cent auf eine der Zahlenreihen setzte, die er in seine Notizbücher notiert. Charlie ist ein beobachtender Spieler, Vater von fünf Kindern, immer ein wenig müde, weil er eben ein Nachtarbeiter ist. Wenn ich mich neben ihn setze und ihm zusehe, wie er mit einem roten Kugelschreiber Zahlenkolonnen in seine Hefte notiert, freut er sich, macht eine kleine Pause, erkundigt sich nach meinem Befinden, und schon schreibt er weiter, analysiert, rechnet, sucht nach einer Formel, die seine Familie zu einer reichen Familie machen wird. Einmal frage ich Charlie, ob er noch Briefe schreiben würde an seine Eltern in Lomé. Ja, sagt Charlie, jede Woche schreibe er einen Brief an seine Eltern, die am Meer leben, am Atlantik nämlich. Ein andermal will ich wissen, warum er nicht einen Computer einsetzen würde, um vielleicht schneller finden zu können, was er sucht. Charlie lacht, sieht mich an durch kräftige Gläser einer Brille, sagt, dass er wisse, wie bedeutend Computer seien für die Welt, in der wir leben, seine Kinder spielten mit diesen Maschinen, für ihn sei das aber nichts. Und sofort schreibt er weiter. Eine ruhige, klare Schrift. Rote Zeichen. In diesem Moment begreife ich, dass ich einer Beschwörung beiwohne, einem Gebet, Malerei, einer Komposition, der allmählichen Verfertigung der Idee beim Schreiben. Hermann Burger — stop
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nachtfalter
alpha : 0.03 – Truman Capotes feine Geschichte Music for Chameleons. Das Porträt einer Aristokratin, die dem amerikanischen Schriftsteller während der 50er-Jahre auf Martinique Gastgeberin gewesen war. Ich hatte die Geschichte vor langer Zeit bereits gelesen und seither nie aus den Augen, nie aus dem Nahgedächtnis verloren. Wie eine elegante Lady auf einem gut gestimmten Klavier eine Mozart-Sonate spielt, und wie sich Chamäleons, von den Geräuschen des Instruments angezogen, zu ihren Füßen versammeln. Ich konnte mich gut erinnern an Geisterwesen, an rotäugige kleine Menschen weiß wie Kreide, an einen Garten riesiger Nachtfalter, an Pfefferminztee und Absinth, an Gauguins schwarzen Spiegel. Und wie die Chamäleons in ihren Farben, die über ihren Körper blitzten, die Musik Mozarts improvisieren, davon hatte ich begeistert immer und immer wieder einmal erzählt. Und dann lese ich Capotes Geschichte wieder. Da waren Nachtfalter und Menschen von kreideweißer Haut, und Pfefferminztee und Absinth, Mozart, Gauguin, allerlei Geister, eine Lady und ihr Klavier, und natürlich Chamäleons, Chamäleons lavendelfarben, gelb, lindgrün, scharlachrot. Ich las und wartete, wartete darauf, dass ich bald jene Stelle erreichen würde im Text, da Farben improvisierend die Körper der Chamäleons beleuchteten. Wartete vergeblich. Wartete noch, als der Text schon lange Zeit zu Ende gelesen war. — Existiert vielleicht eine geheime Schreibmaschine in meinem Kopf, die Lektüren meines Lebens geräuschlos weiterschreibt? — stop
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