Aus der Wörtersammlung: erle

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fernsehmaschine

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tan­go : 22.08 — Bil­der von der Fern­seh­ma­schi­ne, die einem Alb­traum ent­kom­men. Das Meer reißt mensch­li­ches Leben an sich, eine gewal­ti­ge, flüs­si­ge Faust, die auf schwan­ken­des Land nie­der­geht. Ato­ma­re Höl­len­hit­ze in zer­brech­li­chen Gefä­ßen. Ein klei­ner Jun­ge steht unter Nadel­bäu­men, erho­be­ne Hän­de, vor einer erwach­se­nen Per­son, die einen Schutz­an­zug trägt. Der Astro­naut misst, ob das Kind gefähr­lich gewor­den ist. Uralte Men­schen ruhen in der kal­ten Luft auf Bah­ren in Decken gewi­ckelt dicht über dem Boden, Neu­ge­bo­re­ne in ihren letz­ten Lebens­ta­gen, die mit wild gewor­de­nen Augen den Him­mel betas­ten. Von Stun­de zu Stun­de zäh­len Kom­men­ta­to­ren in den Spra­chen die­ser Welt Geis­ter­zah­len, Tote, Ver­miss­te, Ver­letz­te. Da ist ein brau­sen­des Geräusch, schwar­zes Was­ser, das Autos, Schif­fe, Häu­ser durch enge Stra­ßen land­ein­wärts drückt, Hupen, ble­cher­nes Kra­chen, kei­ne mensch­li­chen Stim­men. Am Strand dann aber ein Mann, der zu einer Kame­ra spricht. Er sagt, er glau­be, sich in einem Hor­ror­film zu befin­den, er wis­se nicht, ob er träu­me. Mit einem fes­ten Griff reißt er an der Haut sei­nes Gesich­tes. Das Unsicht­ba­re schon anwe­send. Weit drau­ßen auf dem offe­nen Pazi­fi­schen Oze­an treibt ein wei­te­rer Mann. Er steht auf dem Dach sei­nes eige­nen Hau­ses. — stop

ping

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swetlana geier

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del­ta : 0.03 — Ein auf­re­gen­des Buch, das ich gera­de wie­der lese in klei­nen Etap­pen, Wil­helm Gen­a­zi­nos Erzäh­lung Das Licht brennt ein Loch in den Tag. Ein­hun­dert­fünf­zehn Geschich­ten eines Man­nes, der fürch­tet, sein Gedächt­nis zu ver­lie­ren, Geschich­ten, die der Mann sei­nen Freun­den erzählt, damit sie ihm spä­ter ein­mal zurück­ge­ge­ben wer­den könn­ten. Ja, so soll­te man leben, so genau, dass für jeden geleb­ten Tag eine Geschich­te zu ver­zeich­nen ist. Man­che die­ser Geschich­ten wer­den viel­leicht nur aus einem ein­zi­gen Satz bestehen, einem Gedan­ken oder einem zitie­ren­den Text, Wör­tern wie die­sen, die ich ges­tern, nach­dem ich den fas­zi­nie­ren­den Film Die Frau mit den 5 Ele­fan­ten gese­hen hat­te und in sei­ne zwölf­te Minu­te zurück­ge­kehrt, der Über­set­ze­rin Swet­la­na Gei­er von den Lip­pen las: Es stellt sich immer wie­der her­aus, und es ist ein Zei­chen für einen hoch­wer­ti­gen Text, dass der Text sich bewegt. Und plötz­lich, man hat es vor­be­rei­tet und man sieht alles, und man weiß alles, aber plötz­lich ist da etwas, was man noch nie gese­hen hat. Ein sol­cher Text ist uner­schöpf­lich. Man kann ihn eigent­lich, auch wenn man ihn über­setzt hat oder zwei­mal, ich hab das jetzt zwei­mal über­setzt, man kann ihn nicht aus­schöp­fen. Und das ist eben wahr­schein­lich ein Zei­chen der aller­höchs­ten Qua­li­tät. Natür­lich, man muss lesen ler­nen. — stop


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nachtfalter

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alpha : 0.03 – Tru­man Capo­tes fei­ne Geschich­te Music for Cha­me­le­ons. Das Por­trät einer Aris­to­kra­tin, die dem ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­ler wäh­rend der 50er-Jah­re auf Mar­ti­ni­que Gast­ge­be­rin gewe­sen war. Ich hat­te die Geschich­te vor lan­ger Zeit bereits gele­sen und seit­her nie aus den Augen, nie aus dem Nah­ge­dächt­nis ver­lo­ren. Wie eine ele­gan­te Lady auf einem gut gestimm­ten Kla­vier eine Mozart-Sona­te spielt, und wie sich Cha­mä­le­ons, von den Geräu­schen des Instru­ments ange­zo­gen, zu ihren Füßen ver­sam­meln. Ich konn­te mich gut erin­nern an Geis­ter­we­sen, an rot­äu­gi­ge klei­ne Men­schen weiß wie Krei­de, an einen Gar­ten rie­si­ger Nacht­fal­ter, an Pfef­fer­minz­tee und Absinth, an Gau­gu­ins schwar­zen Spie­gel. Und wie die Cha­mä­le­ons in ihren Far­ben, die über ihren Kör­per blitz­ten, die Musik Mozarts impro­vi­sie­ren, davon hat­te ich begeis­tert immer und immer wie­der ein­mal erzählt. Und dann lese ich Capo­tes Geschich­te wie­der. Da waren Nacht­fal­ter und Men­schen von krei­de­wei­ßer Haut, und Pfef­fer­minz­tee und Absinth, Mozart, Gau­gu­in, aller­lei Geis­ter, eine Lady und ihr Kla­vier, und natür­lich Cha­mä­le­ons, Cha­mä­le­ons laven­del­far­ben, gelb, lind­grün, schar­lach­rot. Ich las und war­te­te, war­te­te dar­auf, dass ich bald jene Stel­le errei­chen wür­de im Text, da Far­ben impro­vi­sie­rend die Kör­per der Cha­mä­le­ons beleuch­te­ten. War­te­te ver­geb­lich. War­te­te noch, als der Text schon lan­ge Zeit zu Ende gele­sen war. — Exis­tiert viel­leicht eine gehei­me Schreib­ma­schi­ne in mei­nem Kopf, die Lek­tü­ren mei­nes Lebens geräusch­los wei­ter­schreibt? — stop

ping

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spindel

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del­ta : 0.05 — Wie­der beob­ach­tet, dass ich mei­ne Ohren nicht bewe­gen kann, obwohl mir doch Ohren­mus­keln zur Ver­fü­gung ste­hen, gehei­me Spin­del­kör­per, sagen wir, sie tra­gen ernst­haf­te ana­to­mi­sche Namen, dem­zu­fol­ge ich ver­such­te, sie behut­sam mit­tels der Spra­che mei­ner Gedan­ken in die Pflicht zu neh­men. Bewegt Euch, sag­te ich, und noch ein­mal und wie­der und wie­der eini­ge Minu­ten lang, bis ich, schein­bar leicht ver­rückt gewor­den, das Gefühl für mei­nen Kopf zwi­schen den Ohren ver­lo­ren habe. — stop

 

interview
tahrir square februar 2011
kurz nach ausbruch staatlicher gewalt
gegen aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project

 

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radar

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alpha : 0.02 – Viel­leicht sind Dis­zi­pli­nen der Arith­me­tik einer­seits, das lei­den­schaft­li­che Wün­schen eines schrei­ben­den Erfin­ders ande­rer­seits, im Moment der Ent­de­ckung sei­ner Spur Werk­zeu­ge ein und der­sel­ben Hand. — stop

 

interview
tahrir square februar 2011
kurz vor ausbruch staatlicher gewalt
gegen aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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kairobildschirm

pic

sier­ra : 0.05 — Wie sich eine Wel­le vom Strand zurück­zieht, ent­zie­hen sich die Geräu­sche des Tages nacht­wärts den Stra­ßen. Viel­leicht ist die Stun­de von 2 bis 3 Uhr die Stun­de der lei­ses­ten Geräu­sche, oder aber jene Stun­de von 3 bis 4 Uhr, da die Her­zen der Schla­fen­den so vor­sich­tig schla­gen, dass man sie zur Sicher­heit wecken möch­te. — stop. — Nach­mit­ter­nacht­stun­den in Kai­ro, Ägyp­ten. monasosh via twit­ter for black­ber­ry : > 2 mins away from the squa­re. U? — Com­mon ppl, be nice, atleast give us a chan­ce to feel hap­py abt the pos­si­bi­li­ty of him step­ping down even if the batt­le isn’t over yet. — BREAKING: New Face­book upgrade opti­on is cal­led Muba­rak. You click on quit and not­hing hap­pens. — enta fi helio­po­lis? How many r u? — chants, ever­y­thing is peaceful. — A group of pro­tes­ters mar­ched to the pre­se­den­ti­al palace in Helio­po­lis. All is peaceful & they r spen­ding the night the­re. — I am her­ein­front of TV buil­ding, a lot of ppl r still in Tah­r­ir, may­be no one tweeting :) — Ppl are chan­ting “here are the liars” while poin­ting at ppl loo­king at us from the TV buil­ding. — Ama­zing ener­gy, ppl just seem to recy­cle their anger into posi­ti­ve blasts of ener­gy. Chants and drums & whist­les all over.

 

 

interview
tahrir square februar 2011
kurz vor ausbruch staatlicher gewalt
gegen aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project

 

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luftpostbrief

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lima : 0.55 — Manch­mal sit­ze ich im Zug und foto­gra­fie­re mit mei­nem Kopf. Ich betrach­te eine Frau, einen Mann, ein Kind für zwei oder drei Sekun­den, und ver­su­che mir bereits in der nächs­ten Minu­te ein Licht­bild in Erin­ne­rung zu rufen. Ich den­ke: blau­er Schal, Hän­de, fei­ne Hän­de, Augen blau, Augen müde, Augen glück­lich, blau und müde, Turn­schu­he, gel­be Turn­schu­he, Zei­tung, was für eine Zei­tung, Haar­far­be, Schnee­haut, Mund, lächeln­der Mund, hör­te eine frem­de Spra­che, was für eine Spra­che könn­te das gewe­sen sein? Ich sit­ze also mit einem Bild in mei­nem Kopf im Zug und lau­sche einer Stim­me. Das Bild spricht. Das Bild lebt wei­ter. In jedem Bild, das in einem Zug auf­ge­nom­men wird, fin­det sich Bewe­gung, jene Stimm­be­we­gung viel­leicht, oder bereits die Bewe­gung der Erfin­dung. Wes­halb waren die Augen müde und ihr Aus­druck glück­lich? Eine Lie­bes­ge­schich­te? Oder war es die Zei­tung? Ja, was war das noch für eine Zei­tung? Viel­leicht ein Irr­tum, viel­leicht war die Zei­tung kei­ne Zei­tung, son­dern ein Brief gewe­sen, ein lang erwar­te­ter Brief, ein Brief, lie­be­voll von Hand geschrie­ben, ein Luft­post­brief, leicht, sehr leicht, ein Brief, noch kühl vom Flug. stop. Das Geräusch des Papiers. stop. Knis­ternd. stop. Auf­ste­hen! stop. Den Zug ver­las­sen! stop. Mit geschlos­se­nen Augen. — stop

interview
tahrir square
februar 2011
kurz vor ausbruch
staatlicher gewalt gegen
aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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entfaltung

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sier­ra : 22.15 — Sobald ich notie­re, das ist merk­wür­dig, wild vor mich hin notie­re, ver­mag ich zugleich über etwas nach­zu­den­ken, das mit dem, was ich notie­re, schein­bar nicht in Ver­bin­dung steht. Es ist so, als wür­den die gedach­ten und sofort geschrie­be­nen Wör­ter oder die Bewe­gun­gen mei­ner Hän­de, abseits gefal­te­te Gedan­ken öff­nen, die nur in die­ser Wei­se erreich­bar sind, warum?

 

interview
tahrir square
februar 2011
kurz vor ausbruch
staatlicher der gewalt gegen
aktivisten/innen auf dem platz
source : zero silence project
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kairobildschirm

pic

echo : 5.38 — Ich erin­ne­re mich, dass ich im Schlaf zu mir sag­te: Das will ich nicht wei­ter träu­men. Unver­züg­lich wur­de ich wach. – Schnee ist gefal­len, ein wei­ßes Tuch liegt auf den Bür­ger­stei­gen. Das Kai­ro­fens­ter flim­mert seit bald vier­zehn Stun­den auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Kamel­rei­ter prü­geln auf Demons­trie­ren­de ein, Stei­ne flie­gen durch die Luft, Kühl­schrän­ke von Haus­dä­chern, um Men­schen zu töten. Mit der Däm­me­rung kom­men Bar­ri­ka­den, Ölfeu­er­fla­schen, tau­meln hin und her, bren­nen­de Autos, der hell­graue Rauch der Pan­zer­mo­to­ren, die Stim­men der Kom­men­ta­to­ren, die Zah­len ver­letz­ter und getö­te­ter Men­schen mel­den. Auf dem Platz der Befrei­ung wird nach Stei­nen gegra­ben. Mil­li­me­ter hohe Men­schen­fi­gu­ren schlei­fen lie­gen­de Mil­li­me­ter hohe Men­schen­fi­gu­ren über den Boden. Rei­ne Mord­lust scheint aus­ge­bro­chen zu sein. – Es ist jetzt 5 Uhr und 30 Minu­ten. Seit drei Stun­den wird scharf geschos­sen. Nie­mand weiß, woher die Schüs­se kom­men. Eine jun­ge Frau, 24, die sich auf dem Platz befin­det, erzählt wei­nend von Men­schen, die soeben getö­tet wur­den. Wie das mög­lich sein kön­ne, dass die Welt nicht ein­grei­fe, dass kei­ne Hil­fe kom­me. We will not lea­ving this place. Sie nennt ihren Namen. — stop

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igoumenitsa

picping

MELDUNG. Fünf star­ke Ker­le, Schä­fer aus den Ber­gen über der grie­chi­schen Stadt Igo­u­me­nit­sa, haben eine Schild­krö­te von ein­hun­dert­und­fünf­zig Lebens­jah­ren in die Stadt getra­gen, wo man sie durch­such­te nach Grün­den für hohes Fie­ber unter der uralten Deckung. Fol­gen­de Ware wur­de vor­ge­fun­den : 3 Geschos­se — Nacken — und Kehl­schild [ Sturm­ge­wehr FG 42 Kali­ber 8 x 57 IS Wehr­macht ], 6 Geschos­se – zen­tra­les Bauch – und Anal­schild [ Stan­dard­ka­ra­bi­ner Enfield Kali­ber 303 Bri­tish (7,62 mm) ], 12 Geschos­se — lin­kes Schul­ter­schild [ Maschi­nen­pis­to­le Sten Kali­ber 9 mm Para ], 2 Geschos­se — zen­tra­les Wir­bel­säu­len­schild [ US Car­bi­ne Kali­ber 30 M1 (7,62 mm kurz) ]. Ein maro­die­ren­des Trüm­mer­stück im wei­chen Hals­be­reich erzeug­te Tem­pe­ra­tu­ren. — stop

ping



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