Aus der Wörtersammlung: fliege

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malimali

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marim­ba : 22.32 UTC — Oder so: Zunächst Flüs­ter­wör­ter, dann Lip­pen­wör­ter. Ob Augen­wör­ter exis­tie­ren? Das sind viel­leicht Wör­ter, die sich in Gedan­ken for­mu­lie­ren, wenn man in die Augen eines Men­schen schaut, der nicht mehr spricht, weil er nicht mehr spre­chen kann. In die­sem Sin­ne sind Augen­wör­ter denk­bar. Wie Über­set­zun­gen. Oder Rada­re, ping. — Ich hör­te einen schö­nen Namen an die­sem Tag unter­wegs: Mali­ma­li. Jetzt ist Abend. Schau aus dem Fens­ter und denk noch, da flie­gen Vögel her­um und Bie­nen, obwohl schon Dun­kel gewor­den ist. Dass sie also doch exis­tie­ren, die Nacht­bie­nen. — stop

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tasmanien

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echo : 22.15 UTC — In den Maga­zi­nen eines Brief­mar­ken­händ­lers ent­deck­te ich kürz­lich einen beson­de­ren Brief. Der Brief war mit Post­wert­zei­chen Ita­li­ens, Frank­reichs und Groß­bri­tan­ni­ens ver­se­hen, eine nicht übli­che Art der Fran­kie­rung. Wei­ter­hin war der Brief an eine weib­li­che Per­son adres­siert, wohn­haft in einer Stadt, die über­haupt nicht exis­tiert: 85, Teatree-City / Tas­ma­nia. Unter die­ser hand­schrift­li­chen Orts­an­ga­be nun fand sich eine fili­gra­ne Bunt­stift­zeich­nung, deren Schön­heit sich zunächst im Licht eines star­ken Ver­grö­ße­rungs­gla­ses erschloss. Sie zeig­te ein Kreuz­fahrt­schiff, das eine Küs­te pas­siert, dort eine ber­gi­ge Land­schaft, dicht bewal­det. Affen, ver­mut­lich Gib­bons, waren zu erken­nen, die an ihren Schwän­zen oder lan­gen Armen in den Bäu­men hin­gen. Man­che der Affen hiel­ten die Augen geschlos­sen, ver­mut­lich, weil sie schlie­fen, ande­re schie­nen den Künst­ler selbst, der sie gestal­te­te, zu beob­ach­ten. Da waren noch zwei Pan­ther im Unter­holz, eini­ge Muscheln im Sand, und Krab­ben, und flie­gen­de Fische. Über den Stamm eines Bau­mes wan­der­ten Amei­sen, wel­che Ein­zel­tei­le eines Vogels trans­por­tier­ten, Federn, Tei­le eines Schna­bels, Kno­chen. Über einen Absen­der ver­füg­te der Brief übri­gens nicht, auch nicht über fühl­ba­ren Inhalt. — stop
ping

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wolkenserver

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tan­go : 8.32 UTC — Ich stell­te mir einen klei­nen Vogel vor, so groß viel­leicht wie eine Frucht­flie­ge mit einem Plu­to­ni­um­herz, ein Geschenk der Eltern an ein Kind, eine Auf­zeich­nungs­ma­schi­ne, feder­leicht, wel­che das Leben des Kin­des beglei­tet, ver­zeich­net, was das Kind unter­neh­men wird in sei­nem Leben, was es notie­ren und spre­chen, wohin es rei­sen, wie gut oder schlecht es schla­fen wird. Ein Leben aus nächs­ter Nähe, zuver­läs­sig auf­ge­nom­men und gespei­chert in einem Wol­ken­ser­ver. — stop

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vor dem radio

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hima­la­ya : 18.55 UTC – Ich stel­le mir vor, wie ich in der Küche vor einem Tisch sit­ze. Auf dem Tisch steht ein Radio. Das Radio ist 10 cm lang und eben­so breit und eben­so hoch, ein Wür­fel dem­zu­fol­ge. Der Wür­fel ver­fügt über zwei Knöp­fe, die ich ver­tie­fen oder an wel­chen ich dre­hen könn­te. Dort, wo ich Schrau­ben erken­ne, die in das höl­zer­ne Gehäu­se ein­ge­las­sen sind, scheint sich die hin­te­re Sei­te des klei­nen Radi­os zu befin­den. Ich könn­te das Radio öff­nen. Als ich das Radio öff­ne, ent­de­cke ich wei­te­re win­zi­ge Schrau­ben, eine Pla­ti­ne, Dioden, Wider­stän­de, Beschrif­tun­gen in einer Spra­che, die ich nicht zu lesen ver­mag, außer­dem einen Zylin­der. Ich ent­de­cke also vie­le Din­ge, aber nichts, was mir behilf­lich sein konn­te, das Radio zum Schwei­gen zu brin­gen, das Radio spielt näm­lich in einem Abstand von einer Stun­de eine Pas­sa­ge aus der 2. Sym­pho­nie Rach­ma­ni­nows, die weder lei­ser noch lau­ter ein­zu­stel­len ist, sie ist eben, wie sie ist, laut genug, um das Radio vor das Fens­ter stel­len zu müs­sen. Ein­mal sit­zen zwei Tau­ben links und rechts des Radi­os. Als das Radio sei­ne Musik zu spie­len beginnt, erschre­cken sie und flie­gen davon. Ein ande­res Mal kom­men sie wie­der und bau­en auf dem Radio ein Nest. — stop

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von hohen frequenzen

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sier­ra : 16.02 — Vor dem Roll­stuhl, in dem die alte Dame hock­te, knie­te ein Mäd­chen im Alter von 6 Jah­ren. Die alte Dame erzähl­te dem Mäd­chen eine Geschich­te. So lei­se war die Stim­me der alten Dame gewor­den, dass sie kaum noch zu hören war, man­che der lei­sen Wör­ter waren nur in Gedan­ken zu ver­neh­men, waren Ver­mu­tung. Je mehr der Ver­mu­tun­gen sich in den laut aus­ge­spro­che­nen Wör­tern der Erwach­se­nen, die links und rechts des Roll­stuh­les ste­hend, in gebück­ter Hal­tung lausch­ten, anein­an­der reih­ten, des­to stren­ger wur­de der Blick der alten Dame, sie schien unzu­frie­den, viel­leicht sogar ver­zwei­felt zu sein. Plötz­lich sag­te das Mäd­chen: Ihr hört nicht rich­tig zu! Die Tan­te sagt, dass sie an Weih­nach­ten immer den Got­tes­dienst in der Kir­che St. Paul besuch­te. Sie sagt gar nichts über das Wet­ter mor­gen. Unver­züg­lich begann die alte Dame zu lächeln. Sie wink­te das Mäd­chen zu sich her­an und flüs­ter­te ihm etwas ins Ohr. Ja, sag­te das Mäd­chen, das stimmt, ich kann her­vor­ra­gend hören, ich glau­be, ich kann auch Fle­der­mäu­se hören, wenn sie bei uns im Gar­ten her­um­flie­gen. Die alte Dame flüs­ter­te etwas Wei­te­res in das Ohr des Mäd­chens, sofort stand das Mäd­chen auf und schob den Roll­stuhl der alten Dame auf den Flur hin­aus. Im Flur vor einem Fens­ter hock­te eine wei­te­re alte Dame in einem Roll­stuhl, sie schien zu schla­fen. Schnee fiel vor dem Fens­ter, dich­te, gro­ße und sehr run­de Flo­cken. Bald saßen nun zwei alte Damen Sei­te an Sei­te in ihren Stüh­len. Und das Mäd­chen ging vor den Damen in die Hocke. Sie weck­te die schla­fen­de alte Dame und sag­te mit ihrer hel­len Stim­me: Du, du woll­test heu­te Mor­gen mei­ner Tan­te etwas erzäh­len. Ich bin jetzt ganz Ohr! — stop
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jui patel

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echo : 10.12 — Ein­mal erleb­te ich einen älte­ren Herrn, den ich immer wie­der erin­ne­re, bei­na­he jedes Mal, sagen wir, wenn ich bewusst Flie­gen beob­ach­te. Die­ser Herr näm­lich nann­te jede der zahl­rei­chen Flie­gen, die auf ihm selbst oder in sei­ner Nähe durch die Luft turn­ten, beim Namen. Ich hör­te eine Wei­le zu, dann hol­te ich mei­nen Schreib­block aus der Tasche und begann die Namen der Flie­gen zu notie­ren. Das waren wun­der­ba­re Namen, eine sehr lan­ge Lis­te, Namen ver­mut­lich, die in genau dem Moment, da sie an eine Flie­ge gerich­tet wür­den, erfun­den wor­den waren. Ich zitie­re: Line Jacob­sen . Nameer Buri­ni . Jui Patel . Zoll­ai Janos . Isa­bell Weber . Yvetta Cemo­hors­ta . Alo­is Szeg . Bent Lau­rit­zen . Kat­ja Sal­ly Innes . Vili Luk­sha . Abra­ham Vele . Mag­la Sell­al . Sabi­ba Lu. — stop. Nichts wei­ter. — stop

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max

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char­lie : 20.45 UTC — Ich habe mei­nen Freund Max besucht, der in Mün­chen wohnt in der Bri­en­ner­stra­ße unter dem Dach in einem Loft, das der­art weit­räu­mig ist, dass man dar­in Hal­len­fuß­ball spie­len könn­te. Sei­ne Vögel, zwei Kaka­dus, flie­gen dort gern frei her­um, sie sol­len, so Max, nie­mals bis­lang irgend­ei­nen Scha­den an sei­nen Möbeln ange­rich­tet haben. Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass Max’ Vögel mög­li­cher­wei­se nicht ganz echt sind, ich mei­ne, dass sie küh­le Tie­re von äußerst leich­tem Metall sein könn­ten unter dich­tem Feder­kleid ver­bor­gen, dass sie also nur vor­ge­ben, Vögel zu sein, wäh­rend sie viel­mehr Droh­nen sind, die sich von Max’ Com­pu­ter gesteu­ert durch die Woh­nung bewe­gen, als wären sie natür­li­che Wesen. Ich habe bei­de Tie­re immer nur im Flug beob­ach­tet, nie aus nächs­ter Nähe, denn wenn sie ein­mal nicht flie­gen, sit­zen sie in einem Käfig, der dicht unter der Decke des Rau­mes uner­reich­bar weit ent­fernt mon­tiert wur­de. Wun­der­ba­re Algo­rith­men steu­ern den Flug der Kaka­dus, auch ihre Gesprä­che, die sie bestän­dig füh­ren. Es ist spät gewor­den, eigent­lich woll­te ich eine ganz ande­re Geschich­te erzäh­len, von Max’ Com­pu­ter, der über eine Tas­te für Cap­puc­ci­no ver­fü­gen soll. Die­se Geschich­te wer­de ich im nächs­ten Jahr erzäh­len. — stop

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sturm

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romeo : 15.01 UTC — Im Zug saßen zwei alte Damen, es war Herbst, sie waren unter­wegs an die Nord­see, erzähl­ten von Spa­zier­gän­gen am Strand, von wan­dern­den Dünen, vom Wind, der sehr hef­tig wer­den soll­te in den Tagen, die sie am Meer ver­brin­gen wür­den. Du bist leicht, sag­te die eine Dame zur ande­ren Dame. — Ja, ich habe noch ein wenig abge­nom­men. — Viel­leicht wirst du davon­flie­gen? — Ja, ich wer­de viel­leicht vom Sturm erfasst, Du musst mich dann fest­hal­ten. — Dann flie­gen wir bei­de davon. Wir soll­ten unse­re Sturm­schu­he tra­gen. — Ja, wir soll­ten unse­re Sturm­schu­he tra­gen. - Wäh­rend sie spra­chen, hielt eine der bei­den Damen einen klei­nen Hut fest, den sie auf dem Kopf trug, als ob schon ein Wind gehen wür­de im Abteil. Eine Wei­le sahen sie aus dem Fens­ter. Na so was, sag­te die Dame mit dem Hut. Wie­der sahen sie aus dem Fens­ter. Wie­sen zogen vor­über, es war etwas nebe­lig drau­ßen. — stop
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