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0.15 — Die Wahrnehmung, dass ich Sternbilder, die ich als Kind noch ausdeuten konnte, in meinem Kopf und auch am Himmel nicht wieder finden kann.

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0.15 — Die Wahrnehmung, dass ich Sternbilder, die ich als Kind noch ausdeuten konnte, in meinem Kopf und auch am Himmel nicht wieder finden kann.

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0.02 — Eine wunderbare Geschichte habe ich entdeckt, eine Geschichte der katalanischen Schriftstellerin Mercè Rodoreda. Ich darf sie rasch notieren: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötzlich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augenblick der Zerstreutheit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Speichel festgenäht, ein Päckchen, und in diesem Päckchen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päckchen fallen, das in dem Knie ist, woran es festgenäht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päckchen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: — Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumenumhüllt sieht, das Päckchen aufbricht und alles von blauem Saft überschwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päckchen im Knie … einverstanden. Aber das sind bloße Vermutungen. Die Wahrheit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jedermann ist ein bißchen durcheinander und verwirrt. — stop

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2.05 — Ich habe mir etwas Luxus gestattet. Ich habe mich mit einer Schachtel Pistazieneis auf mein Sofa gesetzt und einen Film betrachtet, den ich vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen und seither nie wieder vergessen habe : Harold and Maude. Ein großes Vergnügen. Wie weit entfernt in der Zeit doch Harold erscheint. Unlängst noch, ist er vertraut und nah gewesen. Aber Maude ist in meinen Augen sehr viel jünger geworden. Für einen kurzen Moment habe ich überlegt, in welcher Art und Weise ich mein Leben gestalten sollte, um Maude einmal als junges Mädchen wahrnehmen zu können. — Zwei Stunden nach Mitternacht, also später Nachmittag. Nichts zu tun in dieser Nacht, als mit Dorothy Parkers New Yorker Geschichten durch die Zeit zu segeln. — stop
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3.01 — Ich wurde, noch nicht lang her, gefragt, worin denn die Vorzüge eines Lebens auf Bäumen zu sehen seien. Hört zu, habe ich geantwortet, keine Zeitung, kein TV. Ruhe. Fast Stille. Etwas Pfeifen, etwas Schnattern. Käfer. Ameisentiere. Und Affen, größere Gruppen frecher Affen. Tamarine. Die Kerle drohen mit längst vergorenen Früchten, die sie für Geschenke halten. Moskitos. Fauchende Schaben. Kein Besteck, keine Waffen, keine Telefone. Abendsegler. Leichtere Fliegen. Fliegen in Blau, in Rot, in Schwarz. Schnelle Spinnen. Abwartende Spinnen. Regen. Warmes Wasser. Die Stämme der Bäume, die so hoch aufragen, dass man ihre Kronen nicht mit Blicken erreichen kann, auf und ab, auf und ab, Schiffsmasten im Hafen vor Sturm. Deshalb Seekrankheit, deshalb Höhenangst. Aber Vögel, sehr kleine Vögel. Flügel. Unschärfen der Luft. Öffnet man vorsichtig den Mund, wird man für eine Blüte gehalten. — stop

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22.15 — Im Café eine Unterhaltung mit einem Ermittlungsbeamten organisierte Kriminalität. Wir kommen auf eine Geiselnahme im Moskauer Dubrowka — Theater am 23. Oktober 2002 zu sprechen. 132 Menschen waren ums Leben gekommen. Folgendes > b : Wenn Du zwei Geiseln nimmst und verhandelst, hast Du gute Überlebenschancen. Wenn Du damit drohst eine Geisel zu erschießen, wird’s gefährlich. Wenn Du eine Geisel erschießt, bist Du ein toter Mann. — louis : Und wenn ich schlafe, wenn Ihr kommt? — b : Betäubt? — louis : Betäubt. — b : Bombe? — louis : Bombe! b : Dann bist Du tot. Du bist eine Bombe, Du schläfst und Du bist tot.

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20.50 — Die alte Frau mit der roten Handtasche ist tot. Während des Tages irgendwann muss sie im Hospital gestorben sein. Jetzt, es ist ohne sie wieder Abend geworden, verlässt ihr Fernsehgerät das Haus. Ein Hin und Her auf der Straße, noch nie gesehene, tieffliegende Vögel. Im Haus, vom Flur her, Kampfgeräusche, Gezeter, Verwünschungen, Empfehlungen, heisere Stimmen. Der Sohn ist da und der Sohn des Sohnes, betrunken steht der blutjunge Geier auf der Straße herum und regelt den Verkehr. Wohnungsauflösung. Nun, zu vorgerückter Stunde, hat sich mir das Wort erschlossen. Ein Prozess der Entropie, der Verwertung, des Verschwindens. Ich sehe die Verschwundene wie im Traum, eine 89-jährige Frau in bunter Kleidung, Stehlampe in der Hand, das Haus verlassen. Unlängst noch war sie unterwegs gewesen. Sie hatte bereits den Gang der Hochseematrosen. Manchmal rastete sie im Schatten der Bäume. Sie ging spazieren, als melde sie sich, Tag für Tag, bin noch am Leben. Niemand weiß genau, wie lange sie in der Gegend, diesem Haus, dieser Wohnung lebte, sie war schon hier, als Bomben fielen, und noch immer, bis gestern, stolz und einsam und zu langsam für die rasende Stadt. Jawohl, sie war stolz gewesen, ließ sich nicht helfen, niemand durfte ihr Milch oder den Sand für ihre Tiere durch das Treppenhaus in die Wohnung tragen. Manchmal heulte das Fernsehgerät durch die Wand. Jetzt ist es vorbei, jetzt werden Monteure und Maler kommen. Es ist vorbei, auch für die Katzen. — stop

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1.02 – Heute Nacht ist etwas Seltsames geschehen. Ich habe einer Fliege beim Fliegen zugehört. Vielleicht könnte ich sagen, dass Fliegentiere Propellerflugzeugen in ihrer akustischen Erscheinung ähnlich sind. Sie sind bereits zu hören, wenn sie noch zu weit entfernt sind, um sie mit den Augen wahrnehmen zu können. Das Geräusch einer fliegenden Fliege lässt mich an feuchtes Holz denken und an geölte Zahnräder und an Schrauben, die aus Elfenbein gemacht sind. Wie ist diese lebende Fliege in meinem Winterzimmer möglich gewesen? — stop

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5.24 — In der U‑Bahn immer wieder der Eindruck, dass Menschen mittels ihrer raschelnden Zeitungen zueinander sprechen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blättert jemand eine Seite um, und schon knistert der Waggon von Reihe zu Reihe weiter. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungspapiere von stoffartiger Substanz vorgestellt, Papiere von Seide zum Beispiel, sodass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde, sobald man sie berührte. Eine eigentümliche Stille, Geräuschlosigkeit, Leere, ein Sog, eine Wahrnehmung gegen jede Erfahrung, eine vergebliche Erwartung. — stop

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12.52 — Nehmen wir einmal an, jenseits der uns bekannten Lebenszeiträume würde eine Zeit existieren, ein Zeitort, an dem wir unbegrenzt anwesend sein könnten, eine Gegend weiterhin, von der aus wir in ein vergangenes Leben zurückschauen und reisen könnten, indem wir Filme gelebter Tage betrachteten. Nehmen wir also an, dieses Kino würde existierten, dann sollte ich von dieser Stunde an, — nicht eine Minute sollte ich verschwenden -, Filme von starkem Licht verzeichnen, Gedanken wie Erlebnisse behandeln, sodass sie später gleichwohl als Filme zu besichtigen wären. Ich setze mich also in eine U‑Bahn oder in einen Park oder vor meinen Schreibtisch und mache je einen Film für später nur mit dem Kopf. — stop

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10.15 — Lektüre der Erzählung Something out There von Nadine Gordimer aufgenommen. Sofort der Wunsch, in der Elektrosphäre nach einer Fotografie des Karibasee zu suchen, weil Mrs. Gordimer vom künstlichen Gewässer in der Savannenlandschaft erzählt, von Elefanten gleichwohl, die sich in seine Fluten stürzten, um uralten Wanderrouten zu folgen. — Was haben die ertrinkenden Tiere dort unter dem Wasserspiegel gesehen? — Wovon haben sie gehört in ihrer letzten Lebenssekunde? — Ich lese von der Tiefe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sollen, von der Luftfeuchtigkeit und vom Gewicht der Elefantenkörper, von der Biodichte ihrer Körper und von Kulturen in Seenähe siedelnder Menschen. Und während ich so vor mich hin lese, von Seite zu Seite, von Link zu Link, vergeht eine Stunde Zeit. Plötzlich erinnere ich mich an Nadine Gordimer und ihr Buch und setzte meine Lektüre fort. — stop
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