india : 22.58 UTC — In einem schattigen Laden nahe der Roosevelt Island Tramway Basisstation West wartete einmal ein alter Mann hinter einem Tresen. Er war vermutlich amerikanischer Staatsbürger chinesischen Ursprungs. Als ich von dem kleinen Park her, dessen Lindenbäume Kühle spendeten, in den Laden trat, verbeugte sich der Mann, grüßte, er kannte mich bereits, wusste, dass ich mich für Schnecken interessiere, für Wasserschnecken präzise, auch für wandernde Seeanemonenbäume, und für Pralinen, die unter der Wasseroberfläche, also im Wasser, hübsch anzusehen sind, schwebende Versuchungen, ohne sich je von selbst aufzulösen. An diesem heißen Sommerabend kamen wir sofort ins Gespräch. Ich erzählte dem alten Mann, ich würde nach einem besonderen Geschenk suchen für ein Kiemenmädchen namens Rose. Sie sei zehn Jahre alt und nicht sehr glücklich, da sie schon lange Zeit den Wunsch verspürte, wie andere Kinder ihres Alters zur Schule zu gehen, leibhaftig am Unterricht teilzunehmen, nicht über einen Bildschirm mit einem fernen Klassenraum verbunden. Ich glaube, ich war genau zu dem richtigen Zeitpunkt in den Laden gekommen, denn der alte, chinesisch wirkende Mann, freute sich. Er machte einen hellen, pfeifenden Ton, verschwand in seinen Magazinen, um kurz darauf eine Reihe von Spieldosen auf dem Tresen abzustellen. Das waren Walzen- und Lochplattenspieldosen mit Kurbelwerken, die der Ladung einer Federspannung dienten. Vor einer Stunde geliefert, sagte der alte Mann, sie machen schauerlich schöne Geräusche im Wasser! Man könne, setzte er hinzu, sofern man sich in demselben Wasser der Spieldosen befände, die feinen Stöße ihrer mechanischen Werke überall auf dem Körper spüren. Bald legte er eine der Dosen in ein Aquarium ab, in welchem Zwergseerosen siedelten. Kurz darauf fuhr ich mit der Tram nach Roosevelt Island rüber. Das Musikwerk, Benny Goodman, das ich für Rose erstanden hatte, war in das Gehäuse einer Jakobsmuschel versenkt. Die Schnecke lebte, weswegen ich tropfte, weil der Beutel, in dem ich Roses Geschenk transportierte, über eine undichte Stelle verfügte. Gegen Mitternacht, ich war gerade eingeschlafen, öffnete tief in meinem rechten Ohr knisternd eine Zwergseerose ihre Blüte. — stop
Aus der Wörtersammlung: mitternacht
faro
sierra : 0.12 UTC — Der junge Mann hockt auf einem Schemel in der Nähe eines Ofens, in dem etwas glüht. Es ist später Nachmittag, warmes Licht kommt von den Fenstern her. Ich beobachte in meinen Gedanken, wie der junge Mann einen weichen, feurigen Glaskörper, der an einem Stab befestigt ist, dicht über dem staubigen Boden dreht. Er kann dort in den Stab Luft hineinblasen, sodass der erhitzte Glaskörper am gegenüberliegenden Ende des Stabes selbst zu atmen scheint, ein lodernder Tintenfischkörper. Da sind Zangen, seltsame Zangen von der Form der Hirschkäfergeweihe, und Pinzetten von enormer Größe, und Scheren, auch kleinere Scheren, weil man das glimmende Glas zu schneiden vermag, als wäre es von warmem Marzipan. Der junge Mann schwitzt. Sein Hemd steht weit offen. Vom Glaskörper strahlt eine stille Hitze aus, dort unten, zwei Meter weit entfernt, eine handzahme Sonne, die sich geduldig dreht, in dem sie dunkler wird, orange, dann rot. Ich stehe auf und trete ein oder zwei Schritte zurück und öffne die Augen. Kurz nach Mitternacht. — stop
luftgesellschaft
nordpol : 0.05 UTC — Irgendetwas fehlte, oder jemand. Ein Gefühl zunächst, ich begann zu zählen. Ich zählte von 23 Uhr bis Mitternacht folgende Besucher, die durch mein geöffnetes Fenster lichtwärts flogen: Zwei kleine Fliegen, eine grün, die andere bläulich schimmernd. 3 Marienkäfer, rot, je 5 Punkte. 1 Falter, der mir ein Tagfalter zu sein schien, er war aus dem Fenster hinaus, ehe ich ihn untersuchen konnte. 2 fast durchsichtige Wesen von hellem Grün, die mir bekannt gewesen, weil ich mich seit Jahren, sobald ihre Art an den Wänden meiner Zimmer zitternd eingetroffen ist, beobachtet fühle. Zuletzt 1 Wespe. Es ist Ende Juli, und es ist warm und schwül. — stop
eine seerose perdu
romeo : 8.55 UTC — Gestern, gegen Mitternacht, wurde eine Person, die sich als deutsche Seerose definierte, von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Twittermaschine dauerhaft ausgesperrt, weil sie in regelmäßiger Weise Menschen nicht deutscher Herkunft an deutschen Bäumen erhängen wollte. Ein Vorgang, der ein siebenjähriges Twitterleben abrupt beendete. Über zwölftausend Kurznachrichten sind sehr plötzlich nicht wiederzufinden, Geschichten aus einem Albtraumleben. Man (Seerose. Deutsch) fängt vermutlich, ohne das Erhängen, wieder von vorn an. — stop
nachtuhr
india : 0.06 UTC — Diese eine Minute in der Nacht. Ich stehe in der Diele im Licht und schaue auf meinen linken Arm. Ich meine, eine Uhr zu erkennen, die sich unter meiner Haut befindet, eine winzige Uhr mit einem blauen Zifferblatt, es ist dort kurz nach 2 Uhr. Ich bin überzeugt, diese Uhr noch nie zuvor gesehen zu haben. Ich gehe in die Küche und schreibe im Halbschlaf auf einen Zettel: Nachtuhr suchen. Dann schlafe ich wieder ein und finde am Morgen auf dem Tisch neben Äpfeln und Bananen meine Notiz. Seltsame Geschichte. Ob vielleicht Uhren dieser Art existieren, tauchende Uhren. Es ist jetzt kurz nach Mitternacht. Bald wieder schlafen. — stop
verwandlung
echo : 0.52 UTC — Vor wenigen Tagen führte ein Gedankenaustausch mit einer Person, die mir in der digitalen Sphäre begegnete, zu einer seltsamen Situation. Später Abend. Ich stand in der Küche und schaute aus dem Fenster und überlegte, ob es sein kann, dass ein Mensch, der meinen tatsächlichen Namen nicht kennt, weil ich mit ihm unter einem Decknamen diskutierte, in der Lage sein könnte, herauszufinden, wer ich tatsächlich bin, in welcher Stadt ich wohne, in welcher Straße noch dazu. Er hatte mich nämlich als Tier bezeichnet, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er denn jemals mit einem Menschen, der in Afrika geboren worden war, persönlich gesprochen habe. Er schrieb: Du Zecke, so können nur Schmarotzer fragen. Ich antwortete, ich müsse doch annehmen, dass er sehr viele afrikanische Menschen kenne, weil er doch andauernd über sie schreiben würde, dass man oder gar er persönlich inzwischen daran gewöhnt sei, dass Afrikaner Babys Köpfe abschneiden. Und schon wollte er mich besuchen, nicht sofort, in ein paar Tagen, vielleicht in der kommenden Woche, er würde mir dann das Licht ausknipsen. Deshalb stand ich in der Küche und überlegte. Es war kurz nach Mitternacht. — stop
apfel
echo : 0.10 UTC — Ich hatte an einem Abend der vergangenen Woche mein Fernsehgerät ausgeschaltet, war in die Küche getreten, um Schnecke Esmeralda zu beobachten, wie sie einen Apfel zunächst umrundete, sich dann aufrichtete samt ihrem Gehäuse und auf den Apfel kletterte. Eine Bewegung, die geradezu waghalsig anmutete. Es regnete. Ich wurde schläfrig. Um kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. Jemand war in der Leitung, sprach aber nicht, atmete nur. Ich hörte eine Weile zu, und ich dachte, dass Atem eine schöne Sprache ist, aber auch etwas unheimlich. Also kehrte ich zu Esmeralda zurück, die nun auf dem Apfel hockte, als wäre der Apfel ein Stuhl oder ein Sofa. Wie so häufig nachts las ich Esmeralda einen verschlüsselten Nachrichtentext vor. Ich habe nämlich bemerkt, dass Esmeralda sehr aufmerksam wird, sobald ich ihr kryptische Texte vortrage, erstaunlich, da Schnecken doch gehörlos sein sollen. In diesem Fall, es war nicht leicht gewesen, las ich T.C.Boyle: Nfjof muvoh jtu tfis foutdijfefo- bcfs xbt oýu{u ft@ Jdi cjo gýs Gsbvfosfdiuf/ Jdi cjo gýs Vnxfmutdivu{/ Jdi cjo gýs Nvmujlvmuvsbmjtnvt/ Jdi cjo gýs Cjmevoh/ Ejf wjfmfo Nfotdifo bvt efs Bscfjufslmbttf- ejf jdi lfoof- tjoe qpmjujtdi sbejlbm boefsfs Botjdiu bmt jdi/ Ejf VTB tjoe fjo hftqbmufoft Mboe/ Jdi lpnnf tfmctu bvt efs Bscfjufslmbttf- voe jdi mfcf fjofo hspàfo Ufjm nfjofs [fju jo efo lbmjgpsojtdifo Cfshfo- xp wjfmf tphfoboouf Sfeofdlt mfcfo/ Jdi mjfcf ejftf Nfotdifo- wjfmf wpo jiofo tjoe joufmmjhfou voe fjogýimtbn/ Bcfs jo qpmjujtdifo Gsbhfo ibcfo tjf tjdi usbvsjhfsxfjtf hbo{ voe hbs nbojqvmjfsfo mbttfo/ Ebcfj xfsefo hfsbef tjf ejf Pqgfs wpo Usvnqt Qpmjujl tfjo voe bn nfjtufo voufs jis {v mfjefo ibcfo/ Xfoo qsjwjmfhjfsuf Bnfsjlbofs xjf jdi ovs hfnåà jisfo xjsutdibgumjdifo Joufsfttfo hfxåimu iåuufo- eboo iåuufo xjs Usvnq hfxåimu- xfjm fs ejf Tufvfso tfolfo xjmm voe ebgýs tpshu- ebtt xjs votfs Hfme cfibmufo/ Bcfs jdi xåimf efo Lboejebufo- efttfo Ibmuvoh jdi gýs sjdiujh ibmuf- voe ojdiu efo- efs njs Qspgju csjohu/ Jdi cjo Qbusjpu/ — stop
ABOUT ESMERLADA / ENDE
von fliegerbomben
alpha : 1.15 UTC — Gestern Abend sagte ich zu Jakob: Lieber Jakob, es ist kurz vor Mitternacht. Ich habe Dich zwei Monate, drei Tage und acht Stunden lang belichtet, in diesem Moment bist Du fertig geworden. Ich spazierte in der Küche auf und ab, ging für eine halbe Stunde auf der Straße spazieren, als ich zurückkam, saß Jakob noch immer still vor dem Tisch und betrachtete seine Hände. Er schien unglücklich zu sein, er war vielleicht unsicher, wusste nicht zu sagen, was das bedeutet, belichtet oder fertig geworden zu sein. Ich fragte: Sag, mein lieber Jakob, was ist los, wie geht es Dir? Lieber Louis, antwortete Jakob, ich kann nicht sagen, wie ich mich fühle, weil ich nicht weiß, wie es weitergehen wird mit mir. Werde ich von Dir vergessen werden, oder wirst Du mich in eine Geschichte übertragen, in der ich mich wohlfühlen kann? Lange Zeit beobachtete ich den feingliedrigen, zeitlos wirkenden Mann, wie er scheu zu mir aufsah, wie er versuchte, in meinen Augen zu lesen. Ich sagte: Lieber Jakob, ich werde Dich niemals vergessen! Ich werde eine Geschichte schreiben, die nur für Dich gemacht sein wird, für einen Mann von außerordentlichem Fingerspitzengefühl. Ich werde für Dich sorgen, lieber Jakob, in Deiner Freizeit wirst Du Briefmarken sammeln, versprochen, ich werde für Dich eine zarte Geschichte schreiben. — stop
no 45
olimambo : 23.52 UTC – Gestern habe ich etwas Seltsames mit mir selbst erlebt. Ich saß am Tisch vor meiner Schreibmaschine, als es plötzlich dunkel wurde in der Wohnung, nur etwas Licht vom Himmel war noch zu erkennen gewesen. Auch war es ganz still geworden, John Coltrane in dem Augenblick verstummt, als sich das Radio ausschaltete, ein Klicken, kaum wahrnehmbar. Nach ein oder zwei Minuten bemerkte ich, dass der Bildschirm meiner Schreibmaschine noch hell ins Zimmer strahlte, trotzdem hatte ich den Eindruck, dass es stockfinster geworden war, eine seltsame Beobachtung, dass ich das Licht der Schreibmaschine nicht als eigentliches Licht wahrgenommen habe. Was, fragte ich mich, würde ich unternehmen, wenn nun nach zwei oder drei Stunden meine Schreibmaschine sich erschöpft ausschalten würde, wie mein Radio sich ausgeschaltet hatte. Nehmen wir einmal an, dachte ich, es wird dunkel bleiben und still für Monate oder Jahre, wäre ich in der Lage, mich an meine Gedanken, an meine Geschichten, die sich in der Schreibmaschine noch immer aufhalten werden, aber nicht lesbar sein würden, erinnern? Tatsächlich überlegte ich bald, ob es möglich wäre, mit Gegenständen, die sich in meinem Besitz befinden, Strom zu erzeugen. Wie lange Zeit müsste ich eine Handkurbel drehen, um kurz darauf für eine Stunde Zeit, Texte auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine lesen zu können. — Kurz vor Mitternacht. Agenturen melden, dass Menschen aus sieben muslimisch geprägten Ländern im Transferbereiches des New Yorker John F. Kennedy Airport gestrandet, das heißt, festgehalten sind. — stop
schokolade
charlie : 3.05 — In der Straßenbahn berichtete ein älterer Herr, er erinnere sich immer wieder einmal zur Weihnachtszeit an das Wort Panzerschokolade. Das sei Schokolade gewesen, die für kämpfende Soldaten mit der angstlösenden Substanz Pervitin versetzt worden sein soll. Er könne nicht mit Sicherheit sagen, ob er als Kind jemals einen Nikolaus von Schokolade geschenkt bekommen habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blauen und golden glänzenden Metallmäntel unserer Tage rufen unausweichlich das Wort Panzerschokolade in ihm hervor. Ob ich wüsste, fragte er, dass Pervitin Crystal Meth ähnlich sei, dass man Panzerschokolade damals an Kiosken verkaufte, an Zivilisten, eine unglaubliche Sache. — Mitternacht. Noch zu tun: Ein authentisches Wort für Pulsgeräusche der Kolibris erfinden. — stop