lima : 5.48 — Ich erinnere mich, im August des Jahres 2008 einen Strauß Fragen notiert zu haben. Ich wollte wissen, ob es Menschen möglich ist, einen alt und müde gewordenen Falter am offenen Herzen so lange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie also betäubt, wie beatmet man einen Falter? Mit welchen Materialien werden geöffnete Falterbrustkörbe günstigerweise wieder geschlossen? Ich habe auf diese Fragen bisher keine Antworten gefunden. Manchmal denke ich, dass das Sammeln seltener Fragen an sich ein großes Vergnügen bedeutet. Meine Fragen haben jedenfalls einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich keinen Falter, der seither nachts zu mir zu Besuch gekommen ist, betrachten konnte, ohne sofort an die Möglichkeit einer Notoperation zu denken. – Freitag. Regen. Kühle Luft. — stop

Aus der Wörtersammlung: rinne
atem
tango : 6.52 — In der vergangenen Nacht von 2 bis 3 Uhr habe ich mir eine Passage der Kleinen Erinnerungen José Saramago’s laut vorgelesen, und zwar in der Art und Weise langsamen Ausatmens. Das ist folgendermaßen vorzustellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erinnerungen wirklich meine eigenen sind oder vielleicht eher fremde, in denen ich unbewusst mitgespielt habe. Ich las so lange ich konnte, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natürlich nicht befriedigend. Also setzte ich noch einmal von vorn an, ich hatte eine entspannte Position des Sitzens eingenommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu sprechen. Dieses Mal las ich mit leiser Stimme, wie geflüstert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beobachten gewesen, wie ich mich rücklings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atemlose Lesen ermöglichte nun eine weitere Zeile à 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fortschritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu erreichen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nachtzeit fortzufahren. – stop

karawane
delta : 0.02 — Auf dem Broadway wanderte eine Karawane menschlicher Träger südwärts. Ich folgte dieser merkwürdigen Erscheinung von der 30. bis zur 8. Straße an einem windigen Tag. Die Sonne leuchtete tief vom Hudson her, Staub war in der Luft, die Männer, die sich sehr langsam bewegten, husteten und niesten. Sie waren alle sehr ordentlich gekleidet, Anzüge von dunkelgrauer Farbe und Krawatten in unterschiedlicher Musterung. Außerdem trugen sie fingerbreite Schilder über ihren Herzen von japanischen Schriftzeichen besetzt. Ich erinnere mich, dass ich mich wunderte, weil die Männer nicht miteinander sprachen. Sie bildeten eine linienförmige Einheit, einer der Träger führte diese Linie an, er war sozusagen ihr Kopf. Sobald dieser Mann nun eine Kreuzung erreichte, blieb er stehen und wartete, bis die Ampel der Kreuzung zunächst rot wurde und dann wieder grün. Ein Mann stand jetzt exakt hinter dem anderen, in dem sie sehr geschickt ihren Ballast auf ihren Köpfen balancierten, jeder Träger einen Karton. Indessen schien die Karawane der grauen Männer jenen Menschen, die mit oder gegen ihre Laufrichtung über die Straßen eilten, nicht besonders aufzufallen. Für einen Moment hatte ich die Idee, sie wären vielleicht unsichtbar, genauer, sie wären nur für mich sichtbar gewesen, reiner Unsinn natürlich, weil der Raum, den die Karawane auf Gehwegen und Straße eingenommen hatte, respektiert wurde. Etwa drei Kilometer liefen sie so ruckweise südwärts dahin, um dann in der 8. Straße in einem Backsteinhaus zu verschwinden. Ende der Geschichte einer Beobachtung. Es ist Montag. In den Kastanien vor dem Fenster das Summen der Nachtbienen. – stop

tahiti
olimambo : 5.08 — In der vergangenen Nacht habe ich das Rufregister meines Telefons bearbeitet. Zwei Nummern oder Personen wurden gelöscht. Das war kurz vor 1 Uhr gewesen. Ich hatte mir eine Seebarbe gebraten, und während ich nun einerseits den Fisch beobachtete, wie er in der Pfanne dampfte, betastete ich anderseits das Telefon mit beiden Händen. Der Apparat piepste, indem ich die Nummern löschte und ich hatte im Moment des Löschens das Gefühl, leichter geworden zu sein. Dann legte ich das Telefon auf einen Tisch und betrachtete es. Ich erinnere mich, dass ich daran dachte, mit genau diesem Telefon, hin und wieder meinen Vater angerufen zu haben. Und ich dachte noch dazu, dass das nun nicht mehr möglich sein wird. Wenn ich früher einmal vorhatte, meinen Vater anzurufen, öffnete ich das Menü der Anrufliste und navigierte, bis ich den Eintrag ELTERN erreichte. Bisweilen war mein Vater sofort am Telefon, meistens aber war meine Mutter schneller gewesen. Ich sagte, Hallo, hier ist Louis, wie geht es Euch? Oh, ja, bei uns regnet es auch. Nein, ich konnte tief schlafen, trotz der Hitze. Ich hatte die Fenster geöffnet, während ich arbeitete, die Luft riecht heute wieder so gut nach Steinen. Ein paar nasse Falter sitzen auf der Fensterbank und zittern um die Wette. In der vergangenen Nacht regnete es nicht, aber die Fenster waren wieder geöffnet und die Falter segelten durch die Luft. Ich könnte vielleicht noch etwas Verrücktes unternehmen, ich könnte ein wenig in Georg Forster Reise nach Tahiti und in die Südsee lesen. Das machen wir jetzt. 5 Uhr und zwei Minuten. Mittwoch. – stop

rosen
echo : 5.26 — Ich erinnere mich an einen Mann, den ich im Februar in Manhattan beobachtet hatte, wie er durch Subway Stationen wanderte. Er sah ein wenig aus wie Art Garfunkel in jüngeren Jahren, trug einen hellen Anzug, um den Hals war ein roter Schal gewickelt, außerdem hielt er einen Strauß unsichtbarer Rosen im Arm. Diese nicht sichtbaren, aber sehr wohl existierenden Rosen nun, verschenkte er an Frauen, die auf Züge warteten. Wenn er sich einer Frau genähert hatte, machte er eine leichte Verbeugung und entnahm kurz darauf mit der rechten Hand aus der Rosenwiege seines linken Armes eine Blume. Er hielt sie mit drei Fingern vorsichtig fest, um sie in einer weiteren, tieferen Verbeugung zu überreichen. Dann setzte er seinen Weg fort, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Manchmal verzog er sein Gesicht, vermutlich weil er sich an einer der Rosendornen gestochen hatte, aber bald lachte er wieder und machte eine fröhliche Miene. Für einen Beobachter wie mich war das eine aufregende Geschichte. Deshalb folgte ich dem Mann an einem sehr kalten Vormittag in einen Zug, der in südlicher Richtung fuhr. Als der Rosenkavalier nämlich das Ende des Bahnsteiges erreicht hatte, stieg er in den nächstbesten Waggon, setzte sich dort auf eine Bank und wartete darauf, an der nächsten Station wieder aussteigen zu können. Friedlich saß er unter den Fahrgästen, zupfte immer wieder einmal an seinen Rosen herum, ordnete die Wicklung seines Schales, dann stieg er aus und machte sich wiederum auf den Weg über den Bahnsteig, um dort versammelte Frauen zu begrüßen, und zwar jede Frau ohne Ausnahme, sofern sie nicht vor ihm flüchteten oder vorgaben, blind zu sein. Manche der Frauen lachten und bedankten sich, viele schienen den Mann zu kennen. Eine feine, berührende Erfahrung, insbesondere deshalb, weil ich dem Mann nahe kommen konnte, ohne dass er je auf mich reagiert hätte. — Existieren eventuell unsichtbare Vasen in Queens, Brooklyn, Harlem, der Bronx? — stop

leuchtfeuer
echo : 8.01 — Die Wiederholung einer Nachtzeit vor wenigen Stunden noch. Regen. Das Geräusch des Wassers, ein Geräusch des Bodens, der Stämme, der Dächer, der Regenrinnen. Vielleicht, weil in ihm Zeit enthalten ist, Tropfen für Tropfen zu einer regelmäßigen Bewegung, höre ich dieses Geräusch als ein beruhigendes Geräusch. Oder auch deshalb, weil ich das Wesen der Kiemenmenschen in mir trage, weil ich von Menschenwohnungen erzähle, die unter Wasser stehen. An diesem kühlen Morgen ist etwas Wesentliches festzuhalten, ein angenehmes Wort, das Wort Leuchtfeuer. Und dass ich von Kranichen träumte, ja träumte, selbst ein Kranich unter Kranichen zu sein. Wir flogen eine Küste entlang. Ich erinnere mich, dass ich durstig gewesen war, weil viel Sonne vom Himmel brannte. Die Kraniche bemerkten bald, dass mich die Hitze quälte. Sie suchten nach meinem Schnabel, um mich mit Wasser zu füttern. Aber ich hatte keinen Schnabel, sondern einen menschlichen Mund, weshalb sie bald aufgaben, mich füttern zu wollen. Stattdessen näherte sich einer nach dem anderen, um nachzusehen, welch seltsamer Vogel mit ihnen nach Norden flog. — stop

ein inspektor der stille
sierra : 16.05 — Seit einigen Tagen spaziert ein drahtiger Herr von kleiner Gestalt in meinem Kopf herum. Er ist so deutlich zu sehen, dass ich meinen könnte, ich würde ihn einmal persönlich gesehen haben, eine Figur, die durch die Stadt New York irrt auf der Suche nach Lärmquellen, die so beschaffen sind, dass man ihnen mit professionellen Mitteln zu Leibe rücken könnte, Hupen, zum Beispiel, oder Pfeifgeräusche jeder Art, Klappern, Kreischen, verzerrte Radiostimmen, Sirenen, alle diese verrückten Töne, die nicht eigentlich begründet sind, weil sie ihre Ursprünge, ihre Notwendigkeit vielleicht längst verloren haben im Laufe der Zeit, der Jahre, der Jahrzehnte. Ich erinnere mich in diesem Moment, da ich von meiner Vorstellung erzähle, an einen schrillen Ton in der Subway Station Lexington Avenue / 63. Straße nahe der Zugangsschleusen. Dieser Ton war ein irritierendes Ereignis der Luft. Ich hatte bald herausgefunden, woher das Geräusch genau kam, nämlich von einer Klingel mechanischer Art, die über dem Häuschen der Stationsvorsteherin befestigt war. Diese Klingel schien dort schon lange Zeit installiert zu sein, Kabel, von grünem Stoff ummantelt, die zu ihr führten, waren von einer Schicht öligen Staubes bedeckt. Äußerst seltsam an jenem Morgen war gewesen, dass ich der einzige Mensch zu sein schien, der sich für das Geräusch interessierte, weder die Zugreisenden, noch die Tauben, die auf dem Bahnsteig lungerten, wurden von dem Geräusch der Klingel berührt. Auch die Stationsvorsteherin war nicht im mindesten an dem schrillenden Geräusch interessiert, das in unregelmäßigen Abständen ertönte. Ich konnte keinen Grund, auch keinen Code in ihm erkennen, das Geräusch war da, es war ein Geräusch für sich, ein Geräusch wie ein Lebewesen, dessen Existenz nicht angetastet werden sollte. Wenn da nun nicht jener Herr gewesen wäre, der sich der Klingel näherte. Er stand ganz still, notierte in sein Notizheft, telefonierte, dann wartete er. Kaum eine Viertelstunde verging, als einem U‑Bahnwaggon der Linie 5 zwei junge Männer entstiegen. Sie waren in Overalls von gelber Farbe gehüllt. Unverzüglich näherten sie sich der Klingel. Der eine Mann faltete seine Hände im Schoss, der andere stieg auf zur Klingel und durchtrennte mit einem mutigen Schnitt die Leitung, etwas Ölstaub rieselte zu Boden, und diese Stille, ein Faden von Stille. — stop

letzte stimme
echo : 0.02 — Ich kann mich an die Stimme meines Vaters noch erinnern, nicht allein an die Stimme meines Vaters vor Jahren, sondern an die letzte Stimme meines Vaters. Ich hör sie deutlich. Ich frage mich, ob sie einmal in meinem Kopf verloren gehen könnte, verschwinden, weil ich sie von dort aus nicht aufnehmen kann, nicht übertragen auf einen Datenträger, wie sie spricht. Was ist zu tun? — stop

zezito lopes
india : 0.05 — Während Zugfahrt nach einer Textstelle in Pete L. Munkis Roman Nautilus gesucht, die ich vor einigen Tagen markiert hatte, um sie bei Gelegenheit noch einmal lesen zu können. Der Erzähler der Geschichte, ein junger Mann namens Zezito Lopes, ruhte im 10. Stock eines Hauses in der Lexington Avenue auf einer Treppenstufe. Früher Nachmittag. Ein schwerer Behälter von gepanzertem Glas, in dem sich zwei Molluskenfische der Gattung Nautilus befanden, stand neben dem wartenden Mann auf dem Boden. Ich erinnere mich, dass der junge Mann, er war ein gut trainierter Träger, sich kurz darauf erhob, um an einer der Wohnungstüren, die auf den Flur führten, zu klingeln und nach einem Glas Wasser zu fragen. Unverzüglich wurde geöffnet, ein Gespräch entwickelte sich, in dessen Folge Zezito Lopes sich bückte, seinen gepanzerten Behälter in die Hände nahm und mit ihm in der Wohnung verschwand. So weit, so gut. Als ich nun aber das Buch im Zug öffnete, konnte ich die markierte Textstelle nicht finden. Sofort der Gedanke, ich hätte möglicherweise fantasiert, eine beunruhigende Vorstellung. Nicht minder beunruhigend scheint mir in diesem Moment der Gedanke zu sein, das Buch selbst könnte sich verändert haben, weiter- oder umgeschrieben worden sein, obwohl sich das Buch, auch nachts, immer in meiner Nähe aufgehalten hatte. Eine Nacht leichter Verwirrung. Das Beste ist, einfach weiterzumachen. — stop

five dollars
romeo : 0.05 — In einer Subway Station unter dem Times Square kauerte im Februar ein dunkelhäutiger Mann, der seine Hände so schnell über eine Batterie von Eimern bewegte, dass sie kaum noch wahrnehmbar waren, Schatten in der Luft, Unschärfen. Der Mann war etwa 50 Jahre alt, Drummer, ein Perkussionist von Bedeutung. Hunderte Menschen umringten ihn, klatschten, tanzten, sangen zu seinen wilden Rhythmen. Auf dem Boden vor dem Mann ausgebreitet lag ein Tuch der New Yorker Metropolitan Transportation Authority, Arts for Transit, Muny, ein Zeichen, das ihn als einen von der Stadt geschützten Künstler auswies. Dieser zierliche Schlagzeuger nun ist mir nicht allein seiner Kunst wegen in Erinnerung geblieben, sondern auch deshalb, weil er eine sehr wirkungsvolle Methode entdeckt hatte, Geld einzunehmen. Sobald nämlich einer der Zuhörer seine Fotokamera auf ihn richtete, unterbrach er sein Spiel, deutete mit einem Finger auf den Apparat und rief: 5 Dollars. Man kann sich das vielleicht vorstellen, diese Stille, die von einer Sekunde zur anderen Sekunde herrschte, wie der Fotografierende vom Publikum mahnend ins Auge genommen wurde, wenn die Zahlung nicht unverzüglich erfolgte. Indessen war auch eine Flucht mit Kamera für die versammelte Gemeinschaft der Genießenden nicht wirklich nützlich, weil selbst dann, wenn einer der angesprochenen Räuber mit seinem digitalen Bild in der Aufnahmemaschine flüchtete, spielte der Schlagzeuger nicht weiter. Er hielt so lange inne, bis ein weiterer, ein Zuhörer ohne Kamera vielleicht, die offene Rechnung des Verschwundenen bezahlte. Ein kleines Wunder, eine Art Geld ansaugender Pumpe, die einen Unterdruck mittels ausbleibendem Geräusches erzeugte. It works. — stop



