charlie : 0.25 — Geträumt in einer Nacht im Januar 2012, das Fährschiff John F. Kennedy wäre der Küste Staten Islands entlang unter Verrazano-Narrows Bridge hindurch aufs offene Meer hinausgefahren. Das Schiff sollte längst in Europa eingetroffen sein. — stop
Aus der Wörtersammlung: schiff
paperwhite
echo : 15.12 UTC — Esmeralda erzählte im Zug zur Arbeit, sie lese schon seit drei Jahren an einem Buch in ihrem Kindle Paperwhite Lesegerät, das von Reisen durch die Stadt New York erzähle. Du liest langsam, frage ich. Nein, antwortete Esmeralda, ich bin eine geübte Leserin, ich glaube, ich werde immer schneller. Das Buch ist wohl sehr umfangreich, fuhr ich fort, wer hat es denn geschrieben, wollte ich wissen. Ein Spaziergänger namens L, sagte sie, es heißt, das Buch sei noch gar nicht fertig, sondern würde immer weiter fortgeschrieben, während andere es bereits lesen. Das ist eine gute Erklärung, antwortete ich, kann ich einmal sehen? Esmeralda reichte mir das Lesegerät, das leicht war wie eine Tafel Popcorn-Schokolade, dort tatsächlich schönes Papierlicht wie geschälter Reis. Ich las: Freitag. Es ist Freitag geworden. Fahre im Zug der Staten Island Railway ans Ende der Welt durch borstige Landschaft. Ortschaften, die sich ähnlich sind, Häuser von Holz, ein oder zwei Stockwerke hoch, helle Farben, Gärten, klein und von Holzwänden umzäunt, als wollten die Bewohner dieser seltsamen Gegend einander nicht sehen, nicht hören. Kirchturmspitzen, Tankstellen, Fabriken, Straßen ohne Ende, eine eiserne Wildnis, in welcher Öltanks und Schrottberge wie Pilze aus kargen Wäldern wachsen. Durch diese Menschenlandschaft schaukelt der Zug, dass man sich festhalten muss. Auf einem Schiffsdock liegt ein Schaufelraddampfer, den ich sofort mit mir nehmen würde, wenn ich ihn in meine Hosentasche stecken könnte. Frierende Menschen steigen ein und frieren weiter. Aus einer Tasche ragt die dampfende Schwanzflosse eines gekochten Fisches. Kondukteure wandern von Abteil zu Abteil, schlagen Eis von den Türen. Und da ist dieser wilde Kerl, läuft rufend und singend im Wagon auf und ab. Gefrorene Möwen fallen vom Himmel. Tompkinsville. Great Kills. Atlantic. - stop
ai : SRI LANKA
MENSCH IN GEFAHR: „Der Schriftsteller Shakthika Sathkumara wurde am 1. April 2019 festgenommen, als er auf einer Polizeiwache erschien, um eine Aussage zu einer Beschwerde zu machen, die buddhistische Mönche hinsichtlich seiner Kurzgeschichte eingereicht hatten. Er wurde unter Paragraf 3(1) des IPbpR-Gesetzes und Paragraf 291(B) des srilankischen Strafgesetzbuchs angeklagt. Diese Paragrafen lassen eine Freilassung gegen Kaution seitens regulärer Amtsgerichte nicht zu. Deshalb befand sich Shakthika Sathkumara fast vier Monate lang in Haft. Seine nächste Anhörung soll am 30. September vor dem Obersten Gerichtshof stattfinden. / Shakthika Sathkumaras literarische Arbeit ist von mehreren Organisationen, darunter auch dem Ministerium für kulturelle Angelegenheiten und der Kulturabteilung des Ministerpräsidenten der Nordwestprovinz, für Auszeichnungen vorgeschlagen worden. Paragraf 3(1) des IPbpR-Gesetzes und Paragraf 291 des Strafgesetzbuchs kriminalisieren das Propagieren von rassistischem und religiösem Hass, der Diskriminierung, Feindseligkeit und Gewalt schürt./ Die Festnahme von Shakthika Sathkumara ist Teil einer beunruhigenden Tendenz, das IPbpR-Gesetz dazu zu nutzen, friedlichen Aktivist_innen und Autor_innen in Sri Lanka die Rechte auf freie Meinungsäußerung und Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit abzusprechen. Diese Rechte sind jedoch im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte festgeschrieben. Im Mai 2019 wurde eine Frau namens M. R. Mazahima unter dem IPbpR-Gesetz festgenommen, weil sie eine Bluse mit dem Aufdruck eines Schiffsteuerrades getragen hatte. Als Begründung wurde von den anzeigenden Personen fälschlicherweise angegeben, dass dies ein buddhistisches Symbol sei. Sie wurde mehr als drei Wochen lang in Gewahrsam gehalten, bis ihr endlich Kaution gewährt wurde. Im Juni 2019 wurde dem Kolumnisten Kusal Perera unter dem IPbpR-Gesetz mit der Festnahme gedroht, weil er über den zunehmenden extremistischen Sinhala-Buddhismus in Sri Lanka geschrieben hatte. / Der willkürliche Einsatz des IPbpR-Gesetzes – das Menschenrechte schützen und nicht gegen sie verstoßen soll – hat zu einem schwierigen Klima im Land geführt. In Sri Lanka reagieren die Behörden extrem sensibel auf vermeintliche Verunglimpfungen des Buddhismus und werden direkt von bestimmten Gruppen buddhistischer Mönche beeinflusst, die die Festnahme und Strafverfolgung von Personen verlangen, von der sie meinen, dass sie die Religion verunglimpft haben./ Gemäß dem IPbpR, an dessen Umsetzung Sri Lanka gebunden ist, darf das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Gedanken‑, Gewissens- und Religionsfreiheit nur in einem engen, klar definierten Rahmen eingeschränkt werden. Einschränkungen dieser Rechte sind nur dann zulässig, wenn sie nötig sind, um die Rechte und Freiheiten anderer oder bestimmte öffentliche Interessen (wie z. B. die nationale bzw. öffentliche Sicherheit, die öffentliche Ordnung oder die öffentliche Gesundheit oder Moral) zu schützen, und wenn sie für diesen Zweck nachweisbar notwendig sind. Indirekte oder direkte Kritik an einer Religion oder einem Glaubenssystem darf nicht als Volksverhetzung kriminalisiert werden.“ - Hintergrundinformationen sowie empfohlene schriftliche Aktionen bis spätestens zum 17.10.2019 unter > ai : urgent action
licht und zeit
olimambo : 0.05 UTC — Wenn in dem Bauch eines fensterlosen Schiffes immerzu Tag ist in der Vorstellung der Menschen, könnte ebenso gut immerzu Nacht sein. — stop
crea
nordpol : 18.55 UTC — Kühle Luft trifft ein, als sei sie mit dem Zug in einem Koffer nach Venedig gekommen. Langsam wird Abend. Auf den Schiffen fahren leicht bekleidete Menschen ihre Gänsehaut heimwärts. Von der Dampfschiffstation Crea aus führt mich eine Wanderung ohne Stadtplan in Händen, nur mit dem Kopf und nach dem Gefühl gehend, durch das Cannaregio in Richtung Castello. Wie lange Zeit, überlegte ich, werde ich tastend ostwärts durch die Gassen streifen, bis ich mein Ziel, die Dampfschiffstation Giardini, erreicht haben werde? Bald ist es kreisend spät geworden. Auf den Stufen der Chiesa del Santissimo Redentore, die noch warm sind vom Taglicht, flitzen Eidechsen herum. Im Zwielicht werden sie zu unruhigen Schatten, die man mit Farben der Vorstellung füllen könnte, an einem bunten Tag werden sie bunt. Es ist jetzt schon zu dunkel, um noch lesen zu können. Ich sollte mir eine Taschenlampe besorgen oder rein elektrische Texte auf meiner flachen Schreibmaschine lesen. Ob papierene Bücher existieren, die zu leuchten, in der Lage sind? — stop
fondamente nove
india : 22.58 UTC — Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich Zeit in Venedig verbringe. Ich bin ein Beobachter, deshalb bin ich in Venedig, zur Beobachtung des Wassers und auch der Schnecken, die sich im Wasser oder in der Nähe des Wassers bewegen. Ich berichte gleichwohl sehr gerne, dass ich nach Eidechsen Ausschau halte. Einmal bemerkte ich einen Mann, der mittels einer Lupe Taustücke untersuchte, die zerfasert, wie kranke Schlangen sich neben Vaporettostationen türmten. Auf einer Brücke nahe des Fährenterminals Fondamente Nove wartete ein Fotograf auf größere oder kleinere Schiffe, die er senkrecht von oben her fotografierte. Nach zwei oder drei Stunden, die ich in seiner Nähe verbrachte, nickte er mir plötzlich zu. Kinder turnten auf rostigen Eisenstangen. Ich überlegte, ob sie wohl gelernt haben, mit einem Fahrrad zu fahren? Das Wasser unter der Bewegung der Schiffsschrauben pulsiert für Bruchteile von Sekunden zu Kuppeln von Glas. Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich eigentlich Zeit in Venedig verbringe. Schwankende Wirklichkeiten, vertraut. — stop
sacca fisola
echo : 18.12 UTC — Mit einem Marinaio der Linea 2 um kurz nach drei kam ich deshalb ins Gespräch, weil der junge Mann beobachtet hatte, wie ich eine halbe Stunde lang meinerseits seine Hände beobachtete, wie sie in einer eleganten oder lässigen oder ganz einfach erprobten Art und Weise bei Annäherung seines Dampfschiffchens an eine Haltestation, an diesen schwingenden und tanzenden und auf und ab wippenden Steg, der noch nicht Land ist aber auch nicht mehr Schiff, ein Tau zur Schleife formen, um es aus kurzer Distanz um einen eisernen Höcker zu werfen und zu knoten. Es geht dann rasant, wie sich das Tau knarzend windet, wie es sich zuzieht, weil es nicht anders kann, weil es in sich gefangen ist, sirrende Geräusche, die ich vor Tagen im Traum zu vernehmen meinte, weswegen ich erwachte und glaubte auf meinem Bett würde eine gewaltige Seemöwe Platz genommen haben, die mich mit hellblauen Augendioden anblitzte. Es war dann doch das Leuchtwerk eines Weckers gewesen, mit dem ich bislang nicht vertraut worden bin. Ich weiß nun, das Knotengebinde wird unter den Seeleuten der Kanäle als Dopino oder wahlweise Nodo di otto bezeichnet. Der junge Mann, der sich über meine Begeisterung freute, führte den Knoten mehrfach in Zeitlupe vor, hin und zurück, sodass ich die Seele des Knotens allmählich verstehen konnte. Es war ein Freitag, es regnete leicht. Ich fuhr dann nach Giudecca zurück, besuchte einen kleinen Markt, ich glaube, ich war der einzige Fremde an diesem Ort gewesen. Ich kaufte einen Pecorino Siciliano, 100 Gramm. Auch heute leichter Regen, der unverzüglich im Meer verschwindet. — stop
academia
india : 5.16 UTC — Wasserbus. Dampfschiffchen. Botello. Vaporetto. Erstaunliche Wörter. — Einmal notierte Roland Barthes: Sprache existiert. Und damit beschäftigen wir Strukturalisten uns, wir denken darüber nach. Die meiste Zeit reden die Menschen, ohne zu wissen, dass die Sprache existiert, wir reden, ohne zu wissen, dass wir reden. Wir wissen nur, dass wir Gedanken und Gefühle übermitteln. Aber wir reden, ohne das Geringste über unsere eigenen Worte zu wissen. — Ich höre sehr gerne menschliche Stimmen, deren Sprache ich nicht verstehe wie Musik. Heute beobachtete ich Zahlzeichen, die Vaporettos stolz an ihrem Bug seitwärts tragen. 264 oder 58 oder 182. — stop
san marco
echo : 8.15 UTC — In der vergangenen Nacht habe ich geträumt, wunderbare 5 Jahre lang geschlafen zu haben. Als ich erwachte, fühlte ich mich wohl, dann bemerkte ich, dass ich im Wasser stand bis zum Bauch. Das Wasser war warm, es roch nach Tang und nach Salz und nach Öl in diesem Augenblick des Erwachens. Ich hörte vor dem Fenster die Stimmen spielender Kinder. Ich sah mich um und dachte: Was für ein schöner Anblick, all diese Lichter, es muss Nacht sein, Schiffe fahren herum, die von Vögeln gezogen werden, als wären sie Pferde. Dann erwachte ich erneut. Es war früher Morgen, anstatt Kinderstimmen, hörte ich die hell pfeifenden Stimmen einiger Seemöwen. Ich trat an ein Fenster, sah auf den Hof. Da waren tatsächlich Möwen. Sie versuchten, Mülltüten zu öffnen. Manche der Mülltüten lagen auf dem Boden, andere hingen in den Bäumen. Ich fand, die Möwen waren nicht sehr geschickt im Öffnen der Mülltüten. Plötzlich hüpften Kinder auf der Gasse herum. Sie trugen Schulranzen auf dem Rücken und Telefone mit Bildschirmen in ihren Händen. Immer wieder blieben sie stehen und steckten die Köpfe zusammen und lachten. Ich bemerkte, dass der Oleander vor dem Westfenster im Hof zu blühen begann. Es waren rote Blüten. Gestern Abend habe ich Menschen beobachtet, die auf dem Markusplatz um eine Öffnung im Boden standen, aus welcher Wasser sickerte. Sie fotografierten, aber das Wasser war sehr wenig, weswegen sie heranzoomen mussten. Auch waren da Menschen, die Tango tanzten nach Melodien eines Kaffeehaus-Orchesters. — stop
lido santa maria elisabetta
tango : 22.06 UTC — Eine Welt ohne Automobile kenne ich nicht. Auch eine Welt ohne Strom ist mir nicht bekannt. Nach Stunden der Fahrt mittels Wasserbussen hin und her und herum, muss ich deshalb an Land gehen, muss meine Schreibmaschine mit Strom versorgen, um arbeiten zu können. Ich stellte mir einmal vor, wie ich unter Venezianerinnen und Venezianern sitze mit einer klappernden Olympiaschreibmaschine auf den Knien. Oder das Notieren von Hand in ein Notizbuch auf schwankenden Sitzgelegenheiten der Dampfschiffchen reisend. Man kann niemals erahnen, in welche Richtung sich die Welt bewegen wird. Plötzlich fährt die Stiftspitze unter der Hand sprunghaft vorwärts oder rückwärts, zieht eine Linie jenseits geplanter Schriftzeichen, bildet die Bewegung des Meeres auf Notizpapieren nach. In der digitalen Zeit werden verrückte Zeichen, Folge der Meeresbewegung von dem Korrekturgedächtnis der elektrischen Schreibmaschine unverzüglich korrigiert. Eine wunderbare Beobachtung ist, wie ich sicherer werde im Stehen auf dem Wasser im Bus. Beobachtete hunderte Male Knotenbindung in dem Moment, da sich das Batello dem Lande nähert, da es anzulegen wünscht, sodass es für einen kurzen Moment selbst zu Land wird. Wie wir Menschen dann über Brücken gehen, wie tanzen. Am Abend einmal spürte ich die uralte Stadt selbst unter mir schwanken. Da ich mich in diesem Augenblick dem Lido nähere, bemerke ich, dass ich die Erfindung der Automobile bereits nach wenigen Tagen vergessen habe. — stop