echo : UTC — Die seltsame Sprache der modernen Welt im alltäglichen Gebrauch. Einer sagt, nachdem er sich verliebt hatte, er werde mutig in Gefühle investieren. Ein anderer trifft sich mit Freunden und spricht am Telefon davon, sich gerade in einem Meeting zu befinden. Vor 10 Jahren wurde ich von einer Freundin gebrieft, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Ein Cluster von Komplikationen verhinderte die Zulassung seines Sohnes zur Prüfung am MIT, berichtet ein alter Bekannter. Er schreibe ein Memo, verspricht ein Nachbar, ich weiß nicht worüber. Slow-Fading Mosting Submarining Orbiting Zombieing. Einmal erwähnte ich, ich würde in der erzählenden Informationsverarbeitung arbeiten. Ich sagte dann: Ich schreibe Geschichten. Noch zu tun: Vermerk setzen für September 1 2035 > Kataloge der Wortgestaltung sind fortzuführen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: sprache
an einem nachmittag
echo : UTC — Einmal, vor 14 oder 16 Jahren, saß ich einige Stunden lang an der Seite meines Vaters vor seinem Schreibtisch. Wir sahen Notizen durch, die er seit der Studienzeit auf Zetteln niederlegte. Da waren nun Zettel aus jüngerer Zeit gewesen und Zettel, die er bereits vor 10 oder 20 Jahren notierte, Adressen, Telefonnummern, Verzeichnisse, auch philosophische Bemerkungen, Formeln, Passwörter. Wir versuchten gemeinsam zu unterscheiden, was noch wichtig war und was vielleicht zur Seite gelegt werden konnte. Mein Vater kämpfte an diesem Tag des Sortierens um jeden einzelnen seiner Zettel. Wenn ich das Zimmer einmal kurz verlassen hatte, um Milch oder Tee zu holen, konnte ich vom Flur her sehen, wie sich seine rechte Hand bemühte, Zettel, die wir dem Verschwinden übereignet hatten, in die Abteilung UNVERZICHTBAR zurückzuholen, ein lustiges Spiel, dachte ich damals. Heute bin ich mir nicht länger sicher, ob es nicht ein verzweifeltes Gespräch gewesen sein könnte. Ich erinnere mich, ich setzte mich bald zurück an den Tisch und wir taten beide so, als ob in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit nichts geschehen wäre. Draußen vor dem Fenster regnete es ohne Unterbrechung. Wir sprachen wenig. Immerzu bewegte ich mich zu schnell. Manchmal schlief mein Vater ein. Das war an einem Sommernachmittag gewesen. — stop
Nacht
Schwäne
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chicago
ulysses : 22.58 UTC — Einmal saß ich im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir, auf derselben Bank, hockte ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß. Auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwandte, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht doch nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu. Aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben: Hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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korie
whiskey : 15.58 UTC – Für wenige Minuten stehen wir uns gegenüber. Er ist etwas kleiner als ich und etwa 40 Jahre jünger. Ein Bahnhof. Winter. Er reicht mir die Hand, seine Stimme spricht leise, als wolle er seine Stimme im Rauschen der Menschenstimmen um uns herum verstecken. Ich habe seinen Namen nicht verstanden. Ich frage nach. Du heißt Korie, wiederhole ich, das ist ein ungewöhnlicher Name. — Das war gestern, so war es gewesen. Ich hatte Korie immer wieder einmal gesehen, am Bahnhof, vor den Aufzügen stehend. Er wartete und ich wartete. Wir wären vielleicht nie in ein Gespräch gekommen, wenn sich dieser junge Mann nicht aus heiterem Himmel erkundigt hätte, welches für mich das schönste Wort sei, das ich kennen würde. Ich antworte: Das ist eine der wunderbarsten Fragen, die ich jemals hörte. Ich lerne gerade die deutsche Sprache, antwortete Korie. Ich sammele Wörter, die Menschen erzählen. Darf ich fragen, woher Du kommst, Korie? Afghanistan, antwortete der zierliche, junge Mann. Du bist von weit her gekommen, sagte ich. Ja, von sehr weit, antwortete er, drei Jahre weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konnte schwimmen. — stop
heimsuchung
tango : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement kreist seit drei Tagen ein krähenartiger Vogel, ohne je zu landen. Er scheint mit der kalten Winterluft ein Gespräch zu führen im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogelbeobachter sind eingetroffen. Sie sitzen auf Bänken und Balkonen, ihre Fernrohre auf Stative gestellt und gegen den Himmel ausgerichtet. Es ist deshalb, weil mit diesem sprechenden und singenden Vogel möglicherweise etwas nicht stimmt. Seit der Vogel eingetroffen ist, so wird erzählt, erscheinen auf den Bildschirmen lokaler Fernsehgeräte Filmaufnahmen, die aus der Sicht dieses Vogels aufgenommen worden sein könnten. Gleichwohl sind Geräusche verzeichnet, sodass nun das Weinen von Kindern in den Pariser Häusern zu vernehmen ist, auch auf den Bildschirmen der Handtelefone sind Kinder zu sehen, die in Zelten wohnen ohne einen Fußboden, weil dort hindurch der Schlamm, der von den Bergen kommt, talabwärts strömt. Die Kinder sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschrockenen Augen öffnet. Auch die Eltern der Kinder sind krank, sie tragen Pusteln im Gesicht und auf den Armen und Beinen und auf ihren mageren Rücken. Vulkane wachsen auf den Körpern der Menschen und speien Eiter und Blut. Jener Vogel, der diese Aufnahmen in einer afrikanischen Gegend machte, um sie persönlich nach Europa zu transportieren, war und ist noch immer ein geduldiger Beobachter. Der Vogel flog leise in Bodennähe umher, ohne das Leid zu stören, das sich ihm öffnete, als wäre es eine dunkle schmerzende Blume. Kinder fassten nach dem Vogel, deuten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kinder erzählten in einer fremdartigen Sprache, wie es ist derart krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Gesten zu dem Auge des Vogels hin waren flehende Gesten. Seit Tagen nun kommen diese Bilder in die Welt der Bildschirme und der Lautsprecheranlagen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement. Niemand kann sagen, warum das so ist und wie lange die Heimsuchung noch dauern wird. Vielleicht, so eine Vermutung, werden weitere Vögel kommen, weitere Bilder, Filme, Geräusche. Eine Person soll auf einer Kanalbrücke stehend lautstark gefordert haben, den Vogel endlich vom Himmel zu holen. Einmal waren Schüsse zu hören. — stop
tonspur
delta : 22.32 UTC — L. erzählt, sie habe den Mann, der in einer Wohnung lebt, die sich hinter der Wand ihrer Küche befindet, noch nie gesehen. Seit einem Jahr hört sie seine Lebenszeichen, ein blechern klingendes Radio. Das Radio spielt Jazzmusik. Manchmal ein Piepsen, vielleicht das Piepsen einer Mikrowelle. Abends fällt Licht an eine gegenüberliegende Hauswand, er ist zu Hause, ein Schatten bewegt sich. Sie wünschte sich einen Türspion, durch den sie auf den Flur spähen könnte. Oft Stimmen, als wäre die Küche voller Menschen. Nein, sie habe sich nicht gelauscht, die Stimmen sind laut. Schritte draußen auf dem Flur sind nie zu vernehmen. Das Geräusch eines Wasserhahns. Das Scheppern von Metall. Ein hell singendes Glas. Türen auf und zu. Die Stimmen, die sie hört, immer abends, eine Tonspur junger Stimmen, fröhlich, in arabischer, englischer, französischer Sprache. Nachts Stille, manchmal spät, soeben Dämmerung vor den Fenstern, wieder Stimmen. Sie meint, ihr Nachbar würde vermeiden, gesehen zu werden. Er will nicht gesehen werden, denkt sie, aber doch bemerkt. Sie würde ihm helfen in der Not. Unlängst, kurz vor Weihnachten, hörte sie seine Wohnungstür draußen in nächster Nähe. Sie war bereits in ihren Regenmantel geschlüpft. — stop

Lew Kopelew und Raissa Orlowa
Anfang der 80er Jahre in Crottorf.
Vertraute vertraut im
Garten arbeitend.
Fotografie: Archiv
der FSO Bremen
wind
ulysses : 22.02 UTC — Vor wenigen Jahren noch die Vorstellung, ich könnte ein menschliches Wesen und seine Ansichten vorhersagen, wenn ich nur wüsste, welche Zeitung er oder sie liest, welche Fernsehprogramme und wie lange betrachtet, ob Bücher geöffnet werden oder nicht, Kleidung, Geburtsort, Sprache. Ich hatte oft nicht geirrt. Nun, es hat sich etwas geändert, ich kann nicht mehr vorhersagen, was ich zu hören bekomme, wenn ich mit einer bisher nicht bekannten Person ein Gespräch aufnehmen darf. Menschen, die mir begegnen, haben nahezu ohne Ausnahme Vögel in der Hand, so sieht das aus. Diese handtellergroßen Tiere liegen rücklings in Händen und spielen oder spülen Bilder und Töne und Texte in die Gehirne, die sie betrachten. Menschen nehmen kaum noch wahr, wie der Wind in die Bäume fährt. Ich habe heute einen jungen Mann beobachtet, dem fiel eine Kastanie auf den Kopf. — stop

New York 1971
Vater forografierte
diese Straße. Er
muss dort
gewesen
sein.
von farben
marimba : 23.18 UTC — S. ist schwarz und ich bin weiß. Seltsame Formulierung. Stempelsatz, dem zahlreiche weitere seltsame Stempelgedanken folgen, Gedanken, die eben nicht hörbar, aber sehr wirkungsvoll sind. Ich stellte ihr vorsichtig eine Frage, die sie mir selbst vermutlich nie stellen würde. Ich frage, wie sie Rassismus in ihrem Alltag erlebe. Sie könne hunderte Geschichten erzählen, vom Übersehen werden, von Menschen, die ihr in seltsamer Sprache antworten würden, als sei sie ein Baby, vom offenen Staunen, dass sie einen deutschen Pass besitzen würde, der Pass wird mehrfach kontrolliert, einmal flog sie wieder zurück über den Atlantischen Ozean, weil man ihr die Einreise grundlos verweigerte. Ein junger Mann bemerkte im Zug, dass sie Truman Capote lese. Sie sei intelligent, setzte er hinzu. Im Blick mancher Menschen, wenn sie sie betrachteten, würde etwas flackern, sehr seltsam, sagte sie, spooky. — stop
karussellfahrt
delta : 14.14 UTC — Träumte. Während ich träumte, machte ich Übungen zur Sprache. Ich erzählte einem Tonband, das sich im Traum befand, was ich träumte, um mich morgens erinnern zu können. Ich wachte auf und erinnerte mich an den Wunsch im Traum einem Tonband zu erzählen. — stop

cindirella
MELDUNG. Erfolgreich, bereits zum 3. Male aus 28500 Fuß Höhe über dem Pazifischen Ozean kurz vor Santa Rosa abgeworfen: Panama-Nachtaffendame Cindirella, 13 Jahre, sechste Überlebende der Testserie Teflon-D08 {Hautwesen}. Man ist, der Schrecken, noch vollständig ohne Sprache, aber bei vollem Bewusstsein. – stop



