Aus der Wörtersammlung: stimme

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paul moreau

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ulys­ses : 2.18 — Vor genau 1162 Tage fol­gen­de Beob­ach­tung: Das bewuss­te Den­ken scheint ohne Aus­nah­me ein Den­ken mit Stim­me zu sein. Ich höre mei­ne urei­ge­ne Gedan­ken­stim­me, als wür­de ich über Ohren gebie­ten, die nach innen gerich­tet sind. Sobald ich einen Gedan­ken mit­tels der Stim­me Paul New­mans oder Jean­ne More­aus in mei­nem Kopf zur Spra­che brin­ge, habe ich einen bereits vor­lie­gen­den Gedan­ken erin­nert, über­setzt, erzählt. Erstaun­lich der Ein­druck, dass sich mein Mund öff­net, sobald sich mei­ne Hän­de einer Tas­ta­tur nähern. — Wei­ter­hin ver­traut. — stop

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im zimmer. mitternacht

9

oli­mam­bo : 0.15 — Auf der Suche nach Daniil Charms Text­samm­lung Fäl­le balan­cie­re ich vor dem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Noch ist Sams­tag. Ich erhof­fe mir in dem gesuch­ten Buch einen Ort zu fin­den, des­sen Exis­tenz ich fort­an bewei­sen könn­te. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Wor­an den­ke ich? Ein bemer­kens­wer­ter Satz. Wie ich von mei­nem Stuhl stei­ge und wie­der auf dem Boden ste­he, hal­te ich den Kri­mi­nal­fall Der ver­schwun­de­ne Kopf des Dama­s­ce­no Mon­tei­ro in Hän­den. Das Buch wur­de im Jah­re 2000 gekauft und neun Jah­re spä­ter mit einer Wid­mung ver­se­hen. Der Lie­ben P. und dem lie­ben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lis­sa­bon­rei­se, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Nun fällt mir auf, dass G. und J. gestor­ben sind, wäh­rend P. und ich, der ich das Buch aus­ge­lie­hen habe, noch leben. Auch Daniil Charms ist tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit weni­gen Wochen. Ein trau­ri­ger Moment. In mei­nem Kühl­schrank herr­schen 7 °C. Ich wer­de mich gleich auf die Suche nach mei­nen fünf Mari­en­kä­fern machen, die im Kühl­schrank in einer Schach­tel über­win­tern sol­len. Zwei habe ich bereits ent­deckt, das war vor drei Stun­den gewe­sen, ver­mut­lich ist das so, dass ich in die­ser Minu­te alle Käfer aus den Augen ver­lo­ren habe. Aber ich kann immer­hin sagen, dass ich die Käfer gese­hen, sie mir also ges­tern nicht ein­ge­bil­det hat­te. Käfer No 1 saß in der Die­le nahe der Tür, als wür­de er war­ten. Käfer No 2 beweg­te sich im Arbeits­zim­mer über das Fens­ter, hin­ter dem es stock­dun­kel gewe­sen war. Bevor ich mich auf die Suche mache, soll­te ich viel­leicht doch noch ein­mal einen Ver­such unter­neh­men, mei­nen Daniil Charms zu fin­den. Gleich vor­sich­tig, nur nicht stür­zen, den Stuhl bestei­gen. Bis­wei­len träum­te ich, von einem Berg zu fal­len. Lang­sam, ich gehe durchs Zim­mer. Und wäh­rend ich so gehe, erin­ne­re ich mich leb­haft an G., an unse­ren letz­ten gemein­sa­men Spa­zier­gang über den Mün­che­ner Süd­fried­hof, wie ich mich wun­der­te, dass sie genau die­sen Weg genom­men hat­te, um mich zur U‑Bahn zu brin­gen, da sie ahn­te oder wuss­te, dass sie bald ster­ben wür­de. Es war ein war­mer Som­mer­abend. Sie ging von Schmer­zen gebeugt. In der wind­lo­sen Luft tanz­ten Flie­gen­tür­me. Ich kann mich nicht erin­nern, wor­über wir gespro­chen haben. Aber an ihre Stim­me, an ihren Blick, ihren letz­ten Blick, der ein Abschied war. — stop
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luftwesen

9

india : 0.14 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Fol­gen­des: Eine Droh­ne in der Gestalt eines Koli­bris sta­tio­niert seit weni­gen Minu­ten in einem Abstand von 1,5 Metern vor mir in der Luft. Sie scheint zu beob­ach­ten, wie ich gera­de über sie notie­re. Kurz zuvor war das klei­ne Wesen in mei­nem Zim­mer her­um­ge­flo­gen, hat­te mei­nen Kak­te­en­tisch unter­sucht, mei­ne Bücher, das Later­nen­si­gnal­licht, wel­ches ich vom Groß­va­ter erb­te, auch mei­ne Papie­re, Foto­gra­fien, Schreib­werk­zeu­ge. Ruck­ar­tig ver­la­ger­te das Luft­tier sei­ne Posi­ti­on von Gegen­stand zu Gegen­stand. Ich glau­be, in den Momen­ten des Still­stan­des wur­den Auf­nah­men gefer­tigt, genau in der Art und Wei­se wie in die­sem Moment eine Auf­nah­me von mir selbst, indem ich auf dem Arbeits­so­fa sit­ze und so tue, als gin­ge mich das alles gar nichts an. Von der Droh­ne, die ich ver­sucht bin, tat­säch­lich für einen Koli­bri­vo­gel zu hal­ten, war zunächst nichts zu hören gewe­sen, kei­ner­lei Geräusch, aber nun, seit ein oder zwei Minu­ten, mei­ne ich einen lei­se pfei­fen­den Luft­zug zu ver­neh­men, der von den nicht sicht­ba­ren Flü­geln des Luft­we­sens aus­zu­ge­hen scheint. Die­se Flü­gel bewe­gen sich so schnell, dass sie nur als eine Unschär­fe der Luft wahr­zu­neh­men sind. Ein wei­te­res, ein hel­les fei­nes Geräusch ist zu hören, ein Wis­pern. Die­ses Wis­pern scheint von dem Schna­bel des Koli­bris her­zu­kom­men. Ich habe die­sen Schna­bel zunächst für eine Attrap­pe gehal­ten, jetzt aber hal­te ich für mög­lich, dass der Droh­nen­vo­gel doch mit die­sem Schna­bel spricht, also viel­leicht mit mir, der ich auf dem Sofa sit­ze und so tue, als gin­ge mich das alles gar nichts an. Ich kann natür­lich nicht sagen, was er mit­tei­len möch­te. Es ist denk­bar, dass viel­leicht eine ent­fern­te Stim­me aus dem Schna­bel zu mir spricht, ja, das ist denk­bar. Nun war­ten wir ein­mal ab, ob der klei­ne spre­chen­de Vogel sich mir nähern und viel­leicht in eines mei­ner Ohren spre­chen wird. — stop
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buenos aires

9

sier­ra : 6.15 — Eine spin­del­dür­re Frau kommt auf dem Flug­ha­fen­bahn­steig an mir vor­über. Es ist kurz vor halb sechs Uhr. Die Frau trägt ein Som­mer­kleid, obwohl Win­ter ist. Ich den­ke noch, viel­leicht ist sie gera­de aus Süd­ame­ri­ka ange­kom­men oder aus Aus­tra­li­en. Da dreht sie um und kehrt zurück. Sie steht unge­fähr drei Meter von mir ent­fernt und schaut mich neu­gie­rig an wie ein Kind. Beson­ders auf­merk­sam betrach­tet sie mei­ne klei­ne, fla­che Schreib­ma­schi­ne. Ich habe die Schreib­ma­schi­ne auf­ge­klappt und notie­re gera­de über einen Film, den ich vor Kur­zem beob­ach­tet hat­te. Der Film han­delt von zwei Lon­do­ner Ärz­tin­nen, die in das syri­sche Bür­ger­kriegs­ge­biet rei­sen. Sie kau­ern in einem Taxi und wis­sen nicht, wie sie sich bewe­gen sol­len, weil sie schwe­re, gepan­zer­te Wes­ten tra­gen. Die jün­ge­re der bei­den Frau­en berich­tet, dass das ein sehr selt­sa­mes Gefühl sei, hier im Auto mit die­ser Wes­te, man kön­ne nicht atmen, aber man sei sicher. Kurz dar­auf waren Schüs­se zu hören. Auf dem Bahn­steig hebt die spin­del­dür­re Frau ein Bein in die Luft, wäh­rend sie auf dem ande­ren balan­ciert. Kei­ne Tasche weit und breit, kein Kof­fer. Plötz­lich eine hel­le Stim­me. Die Frau zeigt lächelnd auf mei­ne Schreib­ma­schi­ne: Ob da wirk­lich etwas Wich­ti­ges drin ist, sagt sie. Wie ein Storch steht sie vor mir. Ihre Haut ist so weiß, als wäre sie noch nie mit dem Licht der Son­ne in Berüh­rung gekom­men. stop – Nichts wei­ter. — stop
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robotslogfile

9

whis­key : 5.58 — Leroy schrieb mir einen Brief auf Papier. Er notier­te: Lie­ber Lou­is, seit sechs Wochen nun bin ich online. Man kann mich lesen so oft und so lan­ge man möch­te, ohne einen Cent dafür bezah­len zu müs­sen. Das ist ein ange­neh­mes Gefühl. Ich hat­te die­ses Gefühl so nicht erwar­tet. Manch­mal sit­ze ich vor dem Bild­schirm und beob­ach­te mei­nen Text auf dem­sel­ben Weg, den auch ande­re neh­men, um mich lesen zu kön­nen. Ich bin begeis­tert davon, dass ich dem Text nicht anzu­se­hen ver­mag, ob ihn gera­de in die­sem Moment ande­re Augen betrach­ten, weil es doch der­sel­be Text mit dem­sel­ben Ursprung ist. Ich wer­de noch dahin­ter­kom­men, bis dahin wun­de­re ich mich wei­ter. Ges­tern war Sin­ger zu Besuch, der sich aus­kennt in digi­ta­len Din­gen. Er frag­te, ob ich ihm sagen kön­ne, wie vie­le Men­schen denn mei­ne elek­tri­schen Tex­te besuch­ten. Ich erzähl­te ihm, dass ich selbst­ver­ständ­lich Nach­richt davon erhal­ten habe. Ich genie­ße, sag­te ich, die Auf­merk­sam­keit eini­ger Leser in Island, Ame­ri­ka, Togo, Deutsch­land, der Schweiz, den Nie­der­lan­den, Chi­na, Eng­land, Frank­reich, Marok­ko, Spa­ni­en. Man­che kom­men häu­fig und lesen, sie kom­men stünd­lich vor­bei, auf die Sekun­de genau, ande­re eher sel­ten, als wür­de sie mich gele­sen haben und sofort wie­der ver­ges­sen. Ich hol­te uns am Kiosk eine Limo­na­de, wäh­rend Sin­ger sich mit mei­nen Log­files beschäf­tig­te. Als ich zurück­kam, hör­te ich Sin­ger lachen, in dem Moment genau, da ich die Tür öff­ne­te, hör­te ich Sin­ger lachen. Dann hör­te er auf, und wir spra­chen über Kak­teen und ihre Win­ter­blü­te, und dass er bald wie­der für eini­ge Mona­te nach Mana­ro­la rei­sen wür­de, wo es mild sei im Win­ter. Kurz dar­auf schlief ich ein. Ich erwach­te vom Lärm vie­ler Stim­men. Auf der Stra­ße lie­fen Men­schen hin und her, es war frü­her Nach­mit­tag, ich wuss­te, dass die Nacht für mich zu Ende war. Heu­te ist also Sonn­tag. Ich grü­ße Dich. Dein Leroy. — stop
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schirmqualle

2

oli­mam­bo

~ : oe som
to : louis
sub­ject : SCHIRMQUALLE
date : dez 06 13 6.22 p.m.

Ges­tern ist Mar­len zu ihrer zwei­ten Exkur­si­on in die Tie­fe zu Noe auf­ge­bro­chen. Seit sie von ihrem ers­ten Besuch zurück­ge­kehrt war, hat­te sie nicht viel mit uns gespro­chen. Sie erzähl­te ledig­lich, dass sie sich wäh­rend der ers­ten Stun­den ihres Auf­ent­hal­tes unter der Was­ser­ober­flä­che in ihrem Tau­cher­an­zug vor allem dar­auf kon­zen­triert habe, sich mög­lichst nicht zu bewe­gen. Immer dann, wenn sie sich beweg­te, sei die Enge ihres Habi­tats deut­lich spür­bar gewor­den, sie habe dann unter Atem­not gelit­ten. Solan­ge sie sich jedoch kaum beweg­te, sei alles gut gewe­sen. Noe habe kei­ne Notiz von ihr genom­men. Sie habe sei­ne Augen bes­tens erkannt hin­ter der Schei­be sei­nes Hel­mes, aber er selbst habe nicht ein­mal ver­sucht, ihre, Mar­lens Augen, auf­zu­su­chen. Es sei ihr unheim­lich gewe­sen, ent­we­der sei Noe sehr dis­zi­pli­niert oder längst ver­rückt gewor­den. Natür­lich habe sie geschla­fen, selbst­ver­ständ­lich habe sie wäh­rend des Schla­fens ihre Augen geschlos­sen, und natür­lich kön­ne sie nicht aus­schlie­ßen, dass Noe ihr in die­ser Zeit nicht doch etwas Auf­merk­sam­keit gewid­met haben könn­te. In den lan­gen Stun­den ihres Besu­ches habe er ohne Unter­bre­chung vor­ge­le­sen. Er habe das Buch indes­sen mit sei­nen eiser­nen Hand­schu­hen fest­ge­hal­ten. Fische waren nicht in ihre Nähe gekom­men, wes­halb sie Fische nicht beschrei­ben kön­ne, aber eine blau leuch­ten­de Schirm­qual­le. Sie habe das Seil, an dem Noe befes­tigt ist, genau­er betrach­tet, es sei doch sehr dünn, auch Noe’s Atem­ver­sor­gung wir­ke höchst zer­brech­lich. Natür­lich habe sie nicht unmit­tel­bar ver­stan­den, wel­che Wör­ter und Sät­ze Noe for­mu­lier­te, obwohl sie ihm sehr nah gekom­men war. Sie habe jedoch Noe’s Stim­me mit­tel­bar über den Funk des Schif­fes gehört, eine Stim­me, wie aus einer gro­ßen Ent­fer­nung. – Wei­ter­hin Schnee­fall und hef­ti­ger Wind. Es wird früh dun­kel und spät wie­der hell. Bob ist see­krank. Ich mel­de mich wie­der. Ahoi. Dein OE SOM

gesen­det am
6.12.2013
1878 zeichen

oe som to louis »

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im telefon

9

nord­pol : 6.55 — Ich habe eine lus­ti­ge Geschich­te erlebt. In die­ser Geschich­te kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die mei­ne Schwes­ter ist, ein Tele­fon, ein Foto­ap­pa­rat, ein Fahr­rad, das pink ist, und ich. Die Geschich­te ereig­ne­te sich vor weni­gen Tagen abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sag­te ihren Namen und dann erzähl­te sie ein­fach dar­auf los, zum Bei­spiel, dass sie ein Fahr­rad besit­ze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahr­rad schon allei­ne her­um­fah­ren kön­ne, ohne umzu­fal­len, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich den­ke noch: Vor weni­gen Mona­ten konn­te sie nicht so gut erzäh­len, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wör­ter for­mie­ren. Das Mäd­chen erzähl­te jetzt in gan­zen Sät­zen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über gan­ze Sät­ze ver­fü­gen kann, end­lich alle ihre Geschich­ten sofort erzäh­len möch­te. Eine hel­le, fröh­li­che Stim­me. Aber dann doch die­se selt­sa­me Stil­le am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich fra­ge: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen ant­wor­tet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minu­te plötz­lich wie­der ihre Stim­me. Ich erfah­re, dass ihre Mut­ter sie gera­de foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wie­der Stil­le. Eine Pau­se. Eine sehr kur­ze Pau­se. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Soße. — stop
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amsterdam

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india : 5.28 — Eine absur­de Geschich­te könn­te in die­sen Tagen ihren Anfang neh­men oder ihren Anfang längst genom­men haben. Sie ist schnell erzählt. Eine E‑Mailbotschaft wird von einer in gehei­mer Wei­se for­schen­den Behör­de abge­fan­gen. Die Bot­schaft ist auf­wen­dig ver­schlüs­selt. Weil man ver­schlüs­sel­te Nach­rich­ten nicht unver­züg­lich dechif­frie­ren kann, wird die Depe­sche in einem rie­si­gen Daten­spei­cher auf­ge­nom­men, das heißt, nicht die Nach­richt selbst, aber eine Kopie die­ser Nach­richt. Unver­züg­lich neh­men Rechen­ma­schi­nen, die rasend schnell zu den­ken in der Lage sind, ihre spe­zi­el­le Arbeit der Ent­schlüs­se­lung auf. Die Nach­richt scheint auf den ers­ten Blick nicht sehr kom­plex zu sein. Ver­mut­lich sind vier oder fünf Sät­ze ent­hal­ten. Genau lässt sich das nicht bestim­men, auch Satz­zei­chen und Leer­räu­me sind ver­schlüs­selt wie die Buch­sta­ben der Nach­richt selbst. 2700 Jah­re ver­ge­hen. Hun­der­te Rechen­ma­schi­nen haben zum Zweck der Deco­die­rung rou­ti­niert gerech­net, Maschi­nen, die von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on schnel­ler und schnel­ler wur­den. An einem Sonn­tag, 4713 nach Chris­ti Geburt, mel­det eines der rech­nen­den Sys­te­me mit­tels zar­ten Glo­cken­ge­räu­sches, die Nach­richt lie­ge nun in ver­ständ­li­cher Fas­sung vor. Uralte Spra­che, nie­der­län­di­sche Spra­che, aber les­bar, das heißt, gleich­wohl über­setz­bar. Jene Nach­richt, die von Jan Ver­meer an San­ne Kes­ten im Novem­ber des Jah­res 2013 gesen­det wur­de, lau­tet so: Mon Ché­rie, kom­me Sams­tag nach Ams­ter­dam. Gleis 8. 22 Uhr 07. Zäh­le die Stun­den. Dein Jan – stop

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analog

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echo : 22.58 — In dem unter­ir­disch im Ver­bor­ge­nen lie­gen­den Saal, von dem ich berich­te, arbei­ten 5756 Men­schen. Gera­de eben hat die Nacht­schicht begon­nen. Es ist feucht und warm, 36° Cel­si­us, fei­ner war­mer Regen hängt in der Luft, auch ein Rau­schen viel­fäl­ti­ger Stim­men, die flüs­tern. Man sitzt vor klei­nen Tischen, wel­che mit dem Boden ver­schraubt wor­den sind, wie auch die Stüh­le, auf wel­chen man arbei­tet in allen mög­li­chen Posi­tio­nen. Über jedem der 5756 Tische befin­det sich ein Körb­chen, dort ruhen Brie­fe, die schein­bar end­los von der Decke wie vom Him­mel fal­len. Beob­ach­tet man nun einen der Tische genau­er und für eine gewis­se Zeit, wird man bemer­ken, dass es sich bei der Arbeit der Men­schen, die sich im Saal ein­ge­fun­den haben, um die Arbeit des Brief­öff­nens han­delt, kei­ne kör­per­lich schwe­re Arbeit, weil die Luft des Saa­les so feucht ist, dass sich die Brief­um­schlä­ge in den Hän­den der arbei­ten­den Men­schen wie von selbst öff­nen wol­len. Kaum lie­gen die Ein­ge­wei­de eines der Brie­fe flach auf dem Tisch, wer­den sie foto­gra­fiert von allen Sei­ten her, um sodann wie­der in ihren Umschlag gelegt und ver­schlos­sen zu wer­den. Eine Wol­ke von Kleb­stoff tritt zu die­sem Zweck aus einer Düse, die sich je an der rech­ten Sei­te der Tische befin­det, eine Art Rüs­sel, aus wel­chem kurz dar­auf ein hei­ßer Luft­strom pfeift. Prü­fen­de Bli­cke, ist alles so gefal­tet und beschrif­tet wie vor der Öff­nung gewe­sen? Und schon fällt der nächs­te Brief auf den Tisch, wird geöff­net, belich­tet, ver­schlos­sen, in Form gepresst, Minu­te um Minu­te, ein Brief und noch ein Brief, gele­sen wird an ande­rer Stel­le, es ist viel zu warm hier, um noch stu­die­ren und nach­den­ken zu kön­nen, rasen­de Pul­se. Da und dort fal­len Sand, fal­len glit­zern­de Papier­her­zen aus den geöff­ne­ten Kuverts, Schlüs­sel, Gebets­ket­ten, Bank­no­ten, Federn, digi­ta­le Spei­cher­kärt­chen, auf wel­chen, fas­zi­nie­rend, wei­te­re gehei­me Schrift­stü­cke zu ent­de­cken sind. – stop / Ver­suchs­an­ord­nung
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cloud

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ulys­ses : 2.05 — Neh­men wir ein­mal an, es wäre tat­säch­lich Mon­tag. Ein stür­mi­scher Tag. Es reg­net. Der Wind kommt von Wes­ten her. Ich gehe nach links, ich gehe mit dem Regen, mit Wind im Rücken. Viel­leicht habe ich die Maschi­ne, die mich in mei­ner Abwe­sen­heit besuch­te, des­halb nicht gese­hen. Sie muss über einen Schlüs­sel ver­fü­gen oder über beson­de­res Geschick. Sie arbei­te­te schnell, ich war kaum drei Stun­den unter­wegs. Ich war am Bahn­hof, habe etwas Reis mit Huhn geges­sen, spa­zier­te am Fluss, viel bun­tes Laub, traf eine Freun­din, die von einer Rei­se nach Dar­jee­ling erzähl­te, von den höl­zer­nen Zügen und vom Schnee, der so über­ra­schend gefal­len war, dass sie nach einer Nacht im Schlaf, vor einem Fens­ter ste­hend, ihren Augen nicht trau­te. Wie ich also nach Hau­se kom­me, sehe ich auf der Stra­ße Bücher lie­gen, es waren hun­der­te Bücher, ein klei­ner Berg im Vor­gar­ten, auch in den Kro­nen der Bäu­me waren Bücher hän­gen­ge­blie­ben. Die Woh­nungs­tür war ange­lehnt, die Fens­ter im Arbeits­zim­mer geöff­net. Inmit­ten die­ses Zim­mers stand nun jene Maschi­ne, deren Kom­men ich nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Ein letz­tes Buch war in ihren Griff genom­men, rasend schnell blät­ter­te sie von einer Sei­te zur ande­ren, foto­gra­fier­te jede der Sei­ten, und schleu­der­te das Buch schließ­lich mit einer geschmei­di­gen Bewe­gung aus dem Fens­ter. Die Maschi­ne summ­te lei­se. Sie ver­füg­te über einen auf­rech­ten Gang wie ein Mensch. Ich hör­te ihre Schrit­te auf der Trep­pe. Ich schloss die Tür, auch mei­ne was­ser­fes­ten Bücher im Bad waren ver­schwun­den, Notiz­hef­te, Zet­tel­samm­lung, alles ver­schwun­den an die­sem stür­mi­schen Tag, der ein Mon­tag ist. Es reg­net. Und der Wind kommt von Wes­ten her. Noch ist es dun­kel, noch drei oder vier Stun­den wird es dun­kel sein. Gegen fünf Uhr wer­de ich die ers­te Stra­ßen­bahn hören, wie sie sich nähert, wie sie in eine Kur­ve fährt, ihr Pfei­fen, und die Stim­men schläf­ri­ger Men­schen. — stop

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