delta : 0.08 — Eine kleine Geschichte habe ich rasch noch zu erzählen. Sie verfügt über kaum Handlung, eine Geschichte, die sich im Grunde Tag für Tag auf einem Fährschiff der Staten Island Flotte wiederholen könnte. Auf diesem Schiff, das den Namen John F. Kennedys trägt, befindet sich in der Mitte des Bridgedecks hinter einem Tresen ein kleines Ladengeschäft, das der Versorgung der Reisenden dient, ein Ort, der leuchtet und blinkt, ein Ort, der nach Popcorn duftet, nach Kaffee, nach gebratenem Schinken und nach weiteren Substanzen, die ich bislang nicht identifizieren konnte. Obst, Schokolade, Cookies, Bonbons, auch Straßenpläne Manhattans, Feuerzeuge, Coca-Cola, Zuckerwasser in verschiedensten Farben, Nüsse, geröstete Mandeln, was ich wähle, was ich wünsche, bekomme ich von einem Mann ausgehändigt, der seiner Erscheinung nach in Mexiko oder Nicaragua geboren worden sein könnte. Sein stoischer Ausdruck ist mir sofort aufgefallen, lange Zeit habe ich ihn beobachtet, dieses Gesicht, das wirkte, als würde es eine aus Tropenholz geschnitzte, eine auf das Sorgfältigste bemalte Maske tragen, darin Augen, dunkle, schimmernde Knöpfe. Die Stimme des Mannes, die sich dort irgendwo befinden muss, habe ich bisher nie gehört. Und ich habe nie gesehen, dass er sich von seinem Platz fortbewegte, er steht senkrecht hinter seiner Ware, ein Monument, das über sehr schnelle, sehr lange Arme verfügt, ja, es sind die Arme, das Einzige, was sich an diesem Mann bewegt sind, seine Arme, diese Arme sind Handlung, sie sind eine Geschichte, sie sind erstaunlich, weil sie in der Geschwindigkeit der Chamäleonzungen nach Waren greifen. Einmal habe ich einen der Fotoapparat gekauft, die der Mann in seinem Sortiment für Touristen bereithält. Der Apparat kostete sechs Dollar und der Film 8 Dollar. Das ist ein wirklich altmodischer Film, einer, den man, um seine Bilder betrachten zu können, entwickeln muss. Ich habe den Mann nun mit genau diesem Fotoapparat fotografiert. Ich glaube, der Mann freute sich über meine Geste. Er schien unter der Maske seines Gesichtes zu lächeln. Vielleicht ahnte er zu diesem Zeitpunkt, dass ich einmal nachsehen werde, ob er lächelte, ein Geschenk für die Zukunft. Ende der Geschichte. — stop

Aus der Wörtersammlung: stunde
grand central terminal : ein kleine lokomotive
ulysses : 0.22 — Wann war es, dass ich zum ersten Mal entdeckte, dass das Fahren in der Subway eine hervorragende Handlung darstellt, meinen verletzten Arm zu trainieren? Eine halbe Stunde in dieser Sache mit der Linie A südwärts nach Brooklyn unterwegs, dann wieder nordwärts unter der Lexington Avenue rauf nach Harlem. Keiner der mit mir reisenden Menschen wird bemerken, was ich da tue. Ich stehe in der Nähe einer Tür und halte mich einarmig an einer Haltestange fest. So fliege ich durch Tunnels, werde gebremst, beschleunigt, rase durch Kurven der Finsternis, die es in sich haben, segle über Brücken, schaukle unter dem East River von einer Insel zur anderen Insel. Längst würde ich, wenn ich nicht mit meiner balancierenden Extremität dem Zug verbunden wäre, umgefallen sein, würde durch die Zugabteile taumeln auf der Suche nach Gleichgewicht, würde über Bürgern der Stadt zu liegen kommen, kein schöner Anblick, nein ganz sicher nicht. Ein Hin und her unter der Haut, als würden meine Muskeln, Knochen, Sehnen, selbst bereits zum Zug gehören, wohltuende, auch schmerzhafte Bewegungen, Befreiung. stop. Im Regen durch Chinatown. Wieder das Geräusch der Spazierstöcke alter Männer, die sich in ihren Revieren bewegen, ich höre sie, weil ich sie sehe, Einzelgänger, klein, gebückt. In einem Laden unter dem Grand Central Terminal, es ist Abend geworden, eine Miniatur des Bahnhofes selbst, in dem eine Lokomotive ihre Kreise zieht. Dort wiederum eine weitere Miniatur des Bahnhofes, in der eine Lokomotive kreist, so klein, dass man sie einatmen könnte. — stop

upper new york bay : elefanten
nordpol : 11.10 — Im Traum folgte mir ein Mann stundenlang, als wäre er mein eigener Schatten. Dieser Schatten führte drei junge Elefanten hinter sich her, dampfende Geschöpfe, die ohne Pause hupten. Das wäre für sich genommen eine noch eher heitere Geschichte gewesen, wenn der Dampf der Elefanten nicht bedeutet haben würde, dass es sich um gebratene Elefantentiere handelte, gekocht bis auf die Knochen. Teile ihrer Bäuche waren bereits verloren gegangen, auch von ihren Ohren waren kaum nennenswerte Reste übrig gewesen. Ich dachte mir noch, dass sie vielleicht hupten, weil sie unter Schmerzen litten, da hatte ich bereits einen Löffel in der Hand. – stop. Während einer Fahrt mit der Staten Island Fähre eine Frau, die mit sehr hoher Geschwindigkeit Platon auf einem iPad las. Das wirkte genau so, als würde sie den Text mit ihren Augen fotografieren. Nach wie vor auf der Suche nach einem Wort, das den Moment beschreiben könnte, in dem Regen auf die Oberfläche des Meeres trifft, nach einem Geräuschwort für das Verschwinden. — stop

manhattan : zuccotti park
marimba : 17.55 — Die folgende Geschichte, oder Teile dieser Geschichte, haben sich in meinem Leben nicht gerade so ereignet, wie ich sie erzählen werde. Ich habe sie mir ausgedacht, das heißt, die Geschichte, die von einer Pizzeria berichtet, ist mir eingefallen, als ich tatsächlich genau diese erzählte Pizzeria besuchte in der Greenwich Street nahe dem Zuccotti Park. Ich war einige Stunden in der Fähre zwischen Manhattan und Staten Island gependelt, hatte Geräusche aufgenommen, fotografiert und über Gerüche notiert. Saß nun auf einem Hocker am Fenster des kleinen italienischen Ladens in der Wärme, aß und trank und schaute auf den Zaun, hinter dem sich unmittelbar das Gelände des World Trade Centers befindet. Ich versuchte mir vorzustellen, wie dieser Ort den Einsturz der riesigen Gebäude überstehen konnte, was in diesen Räumen geschehen war in den Minuten der Katastrophe. Fenster könnten geborsten, Tisch und Stühle vom Luftdruck der Staubwolke durch den Raum geschleudert worden sein. Vielleicht hatten sich Menschen bis hierher geflüchtet, vielleicht waren sie verletzt, vielleicht waren sie an dieser Stelle gestorben, erstickt, erschlagen oder verbrannt. Der kleine Laden jedenfalls hatte sich gut erholt. Keinerlei Spur von der Hölle, die sich in nächster Nähe entfaltet hatte. Auch der Mann hinter dem Tresen wirkte kräftig und gesund, obwohl der Lärm der gewaltigen Baustelle hinter dem Zaun an seinen Nerven gezerrt haben musste. Ich überlegte, ob er Augenzeuge gewesen sein könnte, beobachtete ihn eine Weile, und als er sich einmal näherte, fragte ich ihn. Der Mann musterte mich mit einem schnellen Blick, ohne zu antworten. Bald stand er wieder hinter seinem Tresen, so als wäre nichts geschehen, keine Gegenfrage, kein Versuch, in der Zeit zurückzukommen. Ich konnte in diesem Moment nicht einmal sagen, ob ich tatsächlich gefragt oder mir die Frage nur vorgenommen hatte, auch ob der Mann so lange geschwiegen hatte, bis ich mich der Türe näherte, um auf die Straße zu treten, konnte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Seine Stimme in diesem Moment: It was horrible! Dann wieder das Rattern der Motorschrauber. Im Park, im berühmten Zuccotti Park, eine Handvoll Menschen von Polizisten umringt. Keine Zelte, keine Möwen, aber Tauben, Tauben, Tauben. — stop
chelsea : ein stunde
echo : 0.28 — In der 22. Straße West existiert ein kleiner Laden für Lampions und andere papierene Lichtbehälter. Wenn man den Laden betritt, meint man sofort, sich selbst in einem Lampion zu befinden, weil Wände, wie sie in Häusern üblich sind, dort nicht zu existieren scheinen, nur Licht und eben Papiere in allen erdenklichen Formen. Ein Ort von Stille, die Luft duftet feinst nach der Wärme tausender Lampen, die im Inneren der Lampions stationieren. Menschen sind zunächst nicht zu sehen, weil sich jene Menschen, die zum Laden gehören, weder bewegen noch sich über Sprache äußern, vielleicht deshalb, weil sie in den Laden eintretende Menschen nicht stören wollen im Bestaunen leuchtender Krokodile, Schwertfische, Zeppeline. Es ist nun tatsächlich möglich, diese verborgenen Personen in Bewegung zu versetzen, in dem man sie bemerkt, sagen wir, mit einem Blick berührt. Genau in diesem Moment einer Berührung treten sie aus dem Licht heraus in den Raum, eine zierliche Frau und ein zierlicher Mann, sie werden vermutlich schon sehr lange Zeit verheiratet sein, so wie sie sich benehmen, glückliche, freundliche Menschen. Alle ihre Waren im Übrigen beschriften sie noch von Hand, zwei Monde von blauer Farbe zu je 1 Dollar 48 Cent. Im Schaufenster findet sich folgendes Schild: Täglich von Montag bis Sonntag 25 Stunden geöffnet. — stop

east village : gehschläfer
marimba : 0.18 — So, stelle ich mir vor, könnte das sein. Es ist Abend geworden, Zeit das Büro zu verlassen. Man tritt vor das Gebäude, in dem man seine Tage fristet, setzt sich ein elektrisches Häubchen auf den Kopf und schon schließt man die Augen und schläft und geht in dieser Weise schlafend auf Wegen nach Hause, die für schlafende Menschen vorgesehen sind. Niemand würde je auf die Idee kommen, einen schlafenden Pendler zu wecken. Drei Stunden, sagen wir, im Tiefschlaf schreitet man die 5th Avenue downtown, biegt bald in die 23. Straße ein, folgt ihr, weiß der Himmel wovon man gerade träumt, bis zur 1st Avenue, um kurz darauf in der 20. Straße zu landen, Haus No 431, dort wird man geweckt und findet sich im Aufzug wieder, wie frisch gebadet im Kopf, um eine Nacht reicher geworden, zu feiern, zu lieben, mit Kindern zu spielen. Am nächsten Morgen macht man sich wieder auf den Weg, setzt sich sein Häubchen, und auch die Kinder setzen sich ihre Häubchen auf den Kopf, und so weiter und so fort. Irgendwo sollte eine zentrale Station existieren, die Schlaf und Schritte jener schlummernden Menschen steuert. — stop

downtown south ferry : lorra
nordpol : 0.22 — Elendsmenschen unter Decken, unter Mänteln, unter Kartons verborgene Personenwesen, zerschlagene, gefrorene, eiternde Gesichter zu Tausenden auf der Straße, in Tunnels, Hauseingängen, Parks. Ich kann nicht erkennen, ob sie Frauen oder Männer sind, sie sprechen und bewegen sich nicht, oder nur sehr langsam, als würden sie sich in einer anderen Zeit befinden. Wer noch gehen kann, wer noch über Kraft zu sprechen verfügt, wandert in der Subway, eine äußerst schwierige Arbeit, das Erzählen immer wieder ein und derselben Geschichte: Guten Abend, meine Damen und Herren! Ich bitte um ihre Aufmerksamkeit! Ich bin Lorra, ich bin 32 Jahre alt, ich bin wohnungslos, ich habe keine Arbeit, ich habe Kinder, wir müssen über den Winter kommen. Von Waggon zu Waggon. Von Zug zu Zug. Stunde um Stunde. Sie nimmt auch zu essen, zu trinken, Papier oder leere Flaschen an. Alles hilft, sagt Lorra, alles hilft. Sie wird nicht verhöhnt, vertrieben oder missachtet, sie bekommt, sooft ich ihr in der Linie 5 downtown South Ferry begegnete, zwei oder drei Dollar überreicht. Abends sitzt sie im Wartesaal der Fähre und schläft. Einmal nähert sich ein Polizist. Lorra war ein wenig zur Seite gefallen. Er spricht sie an, er berührt sie an der Schulter: Mam, ist alles in Ordnung? Aber Lorra antwortet nicht. Ein zweiter Polizist kommt hinzu. Er fragt: Ist sie noch am Leben? Sie richten die schlafende Frau gemeinsam auf. Sie tragen jetzt Handschuhe von Plastik. Sie sprechen so lange leise auf Lorra ein, bis sie die Augen öffnet. Dann macht sie die Augen wieder zu. — stop

saint george ferry terminal : tiefseeelefanten
echo : 0.02 — Gestern, Dienstag, 24. Januar, hatte ich Gelegenheit mich genau so zu verhalten, als würde ich schlafen, obwohl ich doch hellwach gewesen war. War in der zentralen Halle des Saint George Ferry Terminals, erinnerte mich an einen Traum, den ich vor zwei Jahren erlebte. Ich wartete in diesem Traum an einem späten Abend an genau derselben Stelle auf das nächste Schiff nach Manhattan zurück. Ich wartete lange, ich wartete die halbe Nacht, begeistert vom Anblick einer Herde filigraner Tiefseeelefanten, die über den hellen sandigen Boden eines Aquariums wanderten. Sie hatten ihre meterlangen Rüssel zur Wasseroberfläche hin ausgestreckt, suchten in der kühlen Luft herum und berührten einander in einer äußerst zärtlichen Art und Weise. Ein faszinierendes Geräusch war zu hören gewesen, sobald ich eines meiner Ohren an das hautwarme Glas des Geheges legte. Und auch gestern wartete ich wieder lange Zeit und beobachtete den sandigen Boden des Aquariums, von dem ich geträumt hatte. Bisweilen, nicht ganz wach und nicht im Schlaf, war das Signalhorn eines Fährschiffs zu hören. Glückliche Stunden. — stop

south ferry : durchleuchtung
kilimandscharo : 0.15 — Leichter Schneefall, im Bus durch Brooklyn. Ich hatte die Fahrzeit genützt, um Beobachtungen, die ich auf der Staten Island Fähre handschriftlich notierte, in mein Notebook zu übertragen. Mehrfach schrieb ich das Wort Sprengstoff in eine Datei. Abends wartete ich auf das letzte Schiff, das ich an diesem Tag noch nehmen wollte. Ich saß gerade auf einer Bank, als sich einer der Sprengstoffspürhunde, die ich Stunden zuvor noch beobachtet hatte, näherte. Präzise formuliert, näherte sich der Hund nicht mir selbst, sondern meinem Rucksack, in dem meine Schreibmaschine ruhte. Er legte sich auf den Boden und schaute mich an, nicht unfreundlich, wie auch der Polizist, der dem Hund gefolgt war, mich wohlwollend musterte. Sir, sagte er, Sir! We hope for your cooperation! Seither stelle ich mir Fragen, die doch erstaunlich sind. – stop
brighton beach : mr. singer
delta : 0.03 — Nach Coney Island eine halbe Stunde mit der Subway vom Washington Square aus in südwestliche Richtung. Der Himmel hell über dem Meer, heftige Sandwellenwinde. Es lässt sich gut gehen auf diesem Boden, der fest ist. Zerbrochene Muscheln, Scherben von buntem Glas, Sommerbestecke, Schuhe, Wodkaflaschen, Lippenstifte, Holz, Knochen. Da und dort haben sich scharfe Kanten gebildet unter der strengen Hand der Winterstürme, dunkle, feste Strukturen, in welchen sich Spuren menschlicher Füße finden, als wären sie versteinert, als wären sie tausende Jahre her. Bald Brighton Beach. An den Wänden der Häuser entlang der Seepromenade sitzen alte russische Frauen, wohl verpackt, aufgehoben in diesem Bild frostiger Temperatur. Aber der Schnee fehlt. Und Mr. Singer, der hier spazierte lang vor meiner Zeit. — stop






