Aus der Wörtersammlung: stunde

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buenos aires

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oli­mam­bo : 6.42 — Ich stel­le mir eine Maschi­ne vor, die flie­gen kann, eine klei­ne Maschi­ne, nicht grö­ßer als eine Mur­mel in Kin­der­hand. Zar­tes­te Räd­chen und Schrau­ben und Gewin­de sind in ihrem Innern zu fin­den, Bat­te­rien von der Grö­ße eines Berg­schne­cken­her­zens wei­ter­hin, sowie eine äußerst fili­gra­ne Funk­an­ten­ne, ein Lin­sen­au­ge und Mikro­fo­ne oder Ohren, die in der Nähe des Auges der­art mon­tiert wor­den sind, dass sie in der Lage sein könn­ten, eben genau jene Geräu­sche auf­zu­zeich­nen, die sich vor dem Auge des Flug­we­sens ein­mal abspie­len wer­den. Viel­leicht darf ich ver­ra­ten, dass es vor­neh­me Auf­ga­be der Maschi­ne sein wird, zu schau­en und eben zu flie­gen. Man fliegt mit­tels Pro­pel­lern, die sich so schnell bewe­gen, dass kein mensch­li­ches Auge sie wahr­neh­men kann. Ein hel­les Sum­men oder Pfei­fen ist in der Luft, und ich dach­te, man könn­te sich viel­leicht an Mos­kit­o­f­lie­gen erin­nert füh­len, sobald sich eine der klei­nen Maschi­nen näher­te, obgleich sie nie­mals ste­chen, nur Licht­pro­ben neh­men. Dar­über hin­aus gehend stell­te ich mir Läden vor, die sich wie Stütz­punk­te für Flug­ma­schi­nen beneh­men, Maga­zi­ne, die über­all in unse­rer Welt exis­tie­ren wer­den. Für drei oder vier Dol­lar die Stun­de könn­te ich mir von mei­nem Com­pu­ter aus ein flie­gen­des Auge lei­hen, um an einem schö­nen Som­mer­abend, im Novem­ber zum Bei­spiel, in Bue­nos Aires durch die Luft zu spa­zie­ren. – stop

ping

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kühle augen

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nord­pol : 6.32 — Ges­tern am spä­ten Abend wohn­te ich via Inter­net einer Hin­rich­tung bei. Fünf Män­ner wur­den erschos­sen, und zwar in Alep­po auf offe­ner Stra­ße. Es waren Rebel­len, die das Feu­er auf Gefan­ge­ne eröff­ne­ten. Sie rie­fen: Gott ist groß! Gott ist groß! Als die Per­so­nen, es sol­len Ange­hö­ri­ge einer berüch­tig­ten, mor­den­den und fol­tern­den, regie­rungs­treu­en Miliz gewe­sen sein, längst tot gewe­sen waren, wur­de noch immer auf sie geschos­sen, als woll­te man die Kör­per vor der Haus­wand zu Staub zer­le­gen, den der Wind mit sich fort­tra­gen könn­te. Rechts neben dem gera­de erwähn­ten Film­do­ku­ment von zwei Minu­ten Län­ge, war die Exis­tenz wei­te­rer Fil­me in Vor­schau zu sehen, dar­un­ter der Bericht eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­sen­ders über die chir­ur­gi­sche Rekon­struk­ti­on eines schwer ver­letz­ten Gesich­tes. Ein Kan­ni­ba­le hat­te im Staa­te Loui­sia­na Nase, Mund und Augen eines Man­nes ver­speist. Der arme Mann war kurz dar­auf noch am Leben gewe­sen und wur­de nun von zwei Schwes­tern behut­sam über den Flur eines Kran­ken­hau­ses geführt. Auch die­sen Film habe ich mit küh­len Augen betrach­tet. Dann war Mit­ter­nacht vor­über und ich spa­zier­te ein wenig durchs Vier­tel. Kat­zen waren unter­wegs, die mit ihren Schein­wer­fern nach mir leuch­te­ten. Im Park um die Ecke wur­den Fei­gen und Dat­teln gebra­ten. Ein süßer, mil­der Nebel­duft hing in der Luft. Ich saß eine hal­be Stun­de auf einer Bank und beob­ach­te­te Bäu­me, ob sie viel­leicht nacht­wärts arbei­ten, der ein oder ande­re. – stop

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robert walser

2

marim­ba

~ : oe som
to : louis
sub­ject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befin­det sich Tau­cher Noe vor Neu­fund­land in 820 Fuß Tie­fe von einem eiser­nen Anzug umfan­gen. Es ist ein Wun­der wie gut sich Noe hält. Jeden Mor­gen, wenn ich unse­ren Funk­raum betre­te, lau­sche ich in die Tie­fe, freu mich, wenn ich Noe’s lesen­de Stim­me oder sei­nen Atem höre. Wäh­rend mei­nes Besu­ches vor Kur­zem im Mai, habe ich Koral­len­ge­wäch­se von sei­nem Gehäu­se ent­fernt, Schne­cken und ande­re klei­ne Tie­re, die sich dort fest­ge­setzt hat­ten. Ich beob­ach­te­te Noe sehr genau, sei­nen Blick, sei­ne Augen hin­ter der gepan­zer­ten Schei­be. Wie er sich doch über mei­nen Besuch gefreut hat­te, gemein­sam schau­kel­ten wir durchs Meer viel­leicht ein­hun­dert Meter eines Weges in ewi­ger Däm­me­rung auf und ab. Ich hielt mich fest an sei­nen Anzug gepresst. Kurz vor mei­ner Rück­kehr an die Was­ser­ober­flä­che frag­te ich Noe, ob er noch eine Wei­le aus­hal­ten wür­de, die­ser Blick, lie­ber Lou­is, die­ser Blick. Manch­mal den­ke ich bei mir, wir soll­ten auf­hö­ren, wir soll­ten ihn zurück­ho­len. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung set­zen, wenn wir ihn anhe­ben wol­len, beginnt er zu pro­tes­tie­ren, ein selt­sa­mes Geräusch, das ich so nie zuvor ver­nom­men habe. Aus dem heu­ti­gen Tag ist ein äußerst ange­neh­mer Som­mer­tag gewor­den. Das Meer voll­stän­dig ohne Bewe­gung. Flie­gen­schwär­me ste­hen dicht über dem Was­ser. Wir haben kei­ne Vor­stel­lung, woher sie kom­men und wohin sie wol­len. Noe liest mir sanf­ter Stim­me seit fünf Stun­den aus einem wei­te­ren Unter­was­ser­buch, Robert Walsers Geschich­ten, das wir vor einer Woche fer­tig­stel­len konn­ten: Es gibt Vor­mit­ta­ge in Schus­ter­werk­stät­ten, Vor­mit­ta­ge in Stra­ßen und Vor­mit­ta­ge auf den Ber­gen, und letz­te­re mögen so ziem­lich das Schöns­te auf der Welt sein, aber ein Bank­haus­vor­mit­tag gibt ent­schie­den noch mehr her. – Ahoi! Bis bald ein­mal wie­der Dein OE SOM

gesen­det am
31.07.2012
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oe som to louis »

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bienengeschichte

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hima­la­ya : 5.52 — Die fol­gen­de Geschich­te ist natür­lich eine erfun­de­ne Geschich­te. Aber ich tue so als wäre sie nicht erfun­den. Am bes­ten begin­ne ich in die­ser Wei­se: Seit zwei Wochen hal­te ich mich stun­den­lang unter frei­em Him­mel auf. Das ist des­halb so gekom­men, weil ich eine Auf­ga­be über­nom­men habe, die mir nach wie vor sehr inter­es­sant zu sein scheint. Ich beob­ach­te Bie­nen, wie sie sich über eine Wie­se fort­be­we­gen. Des­halb lie­ge oder knie ich oder lau­fe gebückt dahin, den Kopf dicht über dem Boden, was nicht immer leicht ist, weil Bie­nen doch schnel­le Flie­ger sind. Jene Bie­nen­tie­re, die ich beob­ach­te, woh­nen in nächs­ter Nähe am Saum eines Wal­des, des­sen prä­zi­se Posi­ti­on ich nicht ver­ra­ten darf. Sie tra­gen Num­mern von 1 bis 100 auf ihren Rücken, was für mei­ne Arbeit sehr bedeu­tend ist, da ich Bie­nen, die ohne eine Num­mer sind, nie­mals beach­te. So lau­tet mei­ne Instruk­ti­on, Bie­nen ohne Num­mer ist nicht zu fol­gen, viel­mehr ist so lan­ge Zeit am Ran­de der Wie­se zu war­ten, bis eine Bie­ne mit Kenn­zeich­nung auf der Wie­se erscheint. Ich tra­ge eine Schirm­müt­ze gegen die Blend­wir­kung der Son­ne und eine Mon­okel­lu­pe, die vor mei­nem rech­ten Auge sitzt und mir einen prä­zi­sen Blick in die klei­ne Welt der Bie­nen in der Nähe des Bodens ermög­licht. Genau­ge­nom­men ist es mei­ne vor­neh­me Auf­ga­be, eine Bie­ne, die ich ein­mal in den Blick genom­men habe, solan­ge wie mög­lich zu beglei­ten auf ihrem Flug von Blü­te zu Blü­te. Ich bin indes­sen nicht ein­mal stumm. Ich sage zum Bei­spiel: Hier spricht Lou­is. Es ist 15 Uhr und 12 Minu­ten. Ich fol­ge Bie­ne No. 58. Wir nähern uns einer But­ter­blu­men­blü­te. Ja, das genau sage ich laut und deut­lich. Ich spre­che in ein Funk­ge­rät, von dem ich weiß, dass mir in der Fer­ne im See­bad Brigh­ton an der eng­li­schen Küs­te irgend­je­mand an einem ande­ren Funk­ge­rät zuhört. Ich sage: Hier spricht Lou­is. Bie­ne No 58: Lan­dung But­ter­blu­me. OVER! Dann betrach­te ich die Bie­ne, wie sie in der Blü­te arbei­tet und war­te. Bald fliegt die Bie­ne wei­ter und ich sage kurz dar­auf: Bie­ne No 58: Lan­dung Feu­er­nel­ke. OVER! Ja, so mache ich das. Ich wer­de immer bes­ser dar­in. Ich glau­be, die Bie­nen mögen mich. Ich bin ihnen ver­traut gewor­den. In eini­gen Tagen wer­de ich viel­leicht etwas genau­er erzäh­len, war­um ich Bie­nen beob­ach­te. Jetzt bin ich müde. Es ist Sams­tag. Nacht­wol­ken rasen über den Him­mel. Was Fran­kie wohl gera­de macht? — stop
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funkköpfe

9

romeo : 6.22 — Ein klei­ne Geschich­te habe ich rasch zu erzäh­len. Sie ereig­ne­te sich ges­tern Abend gegen 22 Uhr. Ich war zu die­sem Zeit­punkt außer­or­dent­lich müde gewor­den, hat­te gera­de einen Brief an einen Freund geschrie­ben, in dem ich von neu­ro­chir­ur­gi­schen Kon­struk­ti­ons­ar­bei­ten in Funk­vo­gel­köp­fen berich­te­te, wie ich der Ein­pflan­zung eines Peil­sen­ders bei­gewohnt hat­te genau­er, von der Öff­nung eines Möwen­schä­dels, sowie ers­ten Flug­steue­rungs­ver­su­chen, Abstür­zen, aber auch geglück­ten Flug­ma­nö­vern, Loo­pings, über wel­che sich jene ers­te unter den fern­ge­steu­er­ten Möwen selbst ver­mut­lich sehr gewun­dert haben dürf­te. Kaum hat­te ich den Brief fer­tig notiert, klin­gel­te das Tele­fon. Ich wur­de in mei­ner Kon­zen­tra­ti­on gestört, und zwar genau in dem Moment, da ich die Adress­zei­le mei­nes E‑Mailprogramms bear­bei­te­te. Schon war es pas­siert, ich hat­te mei­ne E‑Mail ver­se­hent­lich an das Büro Wla­di­mir Putins geschickt, was nun eigent­lich von mei­ner Posi­ti­on aus nicht sehr gefähr­lich ist, aber doch unan­ge­nehm, weil ich dort­hin nicht in per­sön­li­cher Wei­se schrei­ben woll­te, weil man nicht weiß, wer bei Putin in Mos­kau her­ein­kom­men­de E‑Mails liest, und ob sie viel­leicht über­setzt oder wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Inter­es­san­ter­wei­se beob­ach­te ich nun mit­tels der Live-Ver­si­on der Google–Analyticsmaschine, dass mei­ne Par­tic­les – Tex­te seit Stun­den von Mos­kau her betrach­tet wer­den. Da ist ein ziem­lich eigen­ar­ti­ges Gefühl, das sich schritt­wei­se ent­fal­tet. Bald frü­her Mor­gen. Die Amseln vor dem Fens­ter pfei­fen. Ich habe mir eine Enten­brust gebra­ten. Sie dampft wun­der­schön auf einem Tel­ler vor mir auf dem Tisch. Ja, eine wirk­lich unheim­li­che Geschich­te ist das, die Vögel, die Köp­fe, der Kreml. — stop
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vom rechnen

9

echo : 6.57 — Als Kind beob­ach­te­te ich mei­nen Vater manch­mal, wenn er schlief. Aber eigent­lich schlief mein Vater damals nie, weil ich glaub­te, dass mein Vater, sobald er sei­ne Augen schloss, zu rech­nen begann. Das waren kom­pli­zier­te Pro­ze­du­ren der Alge­bra, wes­we­gen mein Vater für vie­le Stun­den sei­ne Augen nicht wie­der öff­nen konn­te. Er lag ganz still rech­nend auf dem Sofa im Wohn­zim­mer, vor allem an Sonn­tag­nach­mit­ta­gen oder an Wochen­ta­gen abends. Meis­tens hat­te er zum Rech­nen sei­ne Schu­he aus­ge­zo­gen. Ich erin­ne­re mich an graue oder schwar­ze Strümp­fe, die sich ein wenig beweg­ten. Natür­lich rech­ne­te mein Vater auch dann, wenn er wie­der wach gewor­den war. Er besaß eine Hand­com­pu­ter­ma­schi­ne von Texas Instru­ments, die über Leucht­schrift ver­füg­te in roter Far­be, klei­ne Zei­chen, die sich arbei­tend so schnell beweg­ten, dass sie unbe­weg­ten Krei­sen ähn­lich wur­den. Wenn mein Vater mit die­ser Maschi­ne rech­ne­te, mach­te er sich Noti­zen mit­tels eines Blei­stif­tes auf karier­tes Papier. Das schien sehr viel müh­sa­mer zu sein, als mit geschlos­se­nen Augen auf dem Sofa zu lie­gen, weil man sich in die­ser Wei­se Noti­zen machen muss­te. Wenn ich wie mein Vater sein woll­te, leg­te ich mich auf mein Bett und mach­te die Augen zu. Damals war bereits deut­lich gewor­den, dass ich kein guter Mathe­ma­ti­ker wer­den wür­de. Anstatt zu rech­nen, träum­te ich. Ich träum­te viel­leicht davon, dass ich nicht rech­nen konn­te. Ges­tern habe ich von etwas ande­rem geträumt. Ich habe geträumt, wie ich die Augen­li­der mei­nes Vaters weni­ge Minu­ten nach­dem er gestor­ben war mit zit­tern­den Hän­den berühr­te. — stop

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doppellunge

14

 

 

del­ta

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : DOPPELLUNGE

Heu­te, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, als ich im Park spa­zier­te, hab ich an Euch gedacht. Das war näm­lich so gewe­sen, dass ich wie­der ein­mal übte, im Wan­dern die Luft anzu­hal­ten. Ich ver­such­te 100 Meter weit zu kom­men, lang­sam, sehr lang­sam, dann etwas schnel­ler gehend. Es ist mög­lich, heu­te end­lich ist es mög­lich gewor­den. Plötz­lich frag­te ich mich, wel­che Wir­kun­gen die Übung des Luft­an­hal­tens bei Euch frü­her ein­mal gezei­tigt haben könn­te. Ich über­leg­te, ob ihr Euch über das Luft­an­hal­ten ver­stän­digt haben wür­det. Es ist immer­hin denk­bar, dass das Anhal­ten der Luft in Eue­rem Fal­le, bei der einen wie der ande­ren eine gewis­se Kurz­at­mig­keit her­vor­ge­ru­fen haben müss­te. Viel­leicht wer­det Ihr Euch erin­nern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbei­te zur­zeit sehr hart in die­sen Din­gen. Vor eini­gen Tagen habe ich mir eine Pas­sa­ge der Klei­nen Erin­ne­run­gen José Saramago’s laut vor­ge­le­sen, und zwar in der Art und Wei­se lang­sa­men Aus­at­mens. Das ist fol­gen­der­ma­ßen vor­zu­stel­len: Ich fass­te das ers­te Wort der ers­ten Zei­le des klei­nen Tex­tes ins Auge, schöpf­te Luft so tief ich konn­te und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manch­mal fra­ge ich mich, ob bestimm­te Erin­ne­run­gen wirk­lich mei­ne eige­nen sind oder viel­leicht eher frem­de, in denen ich unbe­wusst mit­ge­spielt habe. Ich las so lan­ge ich konn­te, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft ver­lo­ren hat­te. Im ers­ten Ver­such kam ich 11 Zei­len weit. Das war natür­lich nicht befrie­di­gend. Also setz­te ich noch ein­mal von vorn an, ich hat­te eine ent­spann­te Posi­ti­on des Sit­zens ein­ge­nom­men und füll­te mei­ne Brust mit Luft und begann zu spre­chen. Die­ses Mal las ich mit lei­ser Stim­me, wie geflüs­tert. Ich kam exakt 1 Zei­le, also 55 Zei­chen wei­ter. Kurz dar­auf war zu beob­ach­ten gewe­sen, wie ich mich rück­lings auf mein Sofa leg­te und den­sel­ben Text noch ein­mal hauch­te. Das lie­gen­de atem­lo­se Lesen ermög­lich­te nun eine wei­te­re Zei­le a 55 Zei­chen. Ich mach­te also klei­ne Fort­schrit­te in die­ser Kunst des Lesens, ich ver­moch­te bald die Zei­le 14 des klei­nen Tex­tes zu errei­chen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mit­den­ken konn­te. Nach einer Stun­de des Übens hör­te ich für die­se Nacht auf, um in der kom­men­den Nacht­zeit fort­zu­fah­ren. — Herz­lichst grüßt Euch Euer Lou­is. Ahoi! – stop

gesen­det am
10.07.2012
22.01 MESZ
2252 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

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langsame stunde

9

ulys­ses : 2.12 — Schrit­te und Türen. Auf dem Kühl­schrank, zir­pen­de Glä­ser. Der Kühl­schrank selbst, Ven­ti­la­tor. Von der Stra­ße her, Lachen. Kurz vor 1 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Schrit­te. Türen. Schrit­te. Das Klop­fen mei­ner Fin­ger an der Stirn. Und mein Wecker, tack, tack, tack, wie er Schwel­len in der Zeit ver­legt. Wenn ich das Wort Atem schrei­be, höre ich mei­ne eige­nen Luft­ge­räu­sche so lan­ge, bis ich das Wort Atem ver­ges­se. Und wie­der Schrit­te. Und wie­der Türen. Ich ver­such­te, mit mei­nen Augen­li­dern einen Laut zu erzeu­gen. Ver­geb­lich. Auch mei­ne Augen selbst, wenn ich mei­ne Augen bewe­ge, ohne jedes ver­nehm­ba­re Geräusch. Man stel­le sich ein­mal vor, die Bewe­gung der Augen wür­de knar­zen­de Geräu­sche erzeu­gen. Von der Stra­ße her, Lachen, Hupen. Dann Stim­men, spa­nisch. Rufen. Und Türen. Schrit­te. Auch das Licht mei­ner Lam­pen macht kein Geräusch. Fried­lich lie­gen mei­ne Äpfel geräusch­los im Korb her­um. Wer mich in die­sem Moment beob­ach­te­te, könn­te sehen, wie ich einen Apfel belau­sche. Ich habe noch nie einen Apfel belauscht. Oder eine Bir­ne. Oder einen Pfir­sich. Auch Bana­nen sind ohne Geräusch. Es ist denk­bar, dass ich mich irre, dass ich als Kind einen Apfel belausch­te. Kurz vor 2 Uhr, Stra­ßen­bahn hält, Stra­ßen­bahn setzt sich in Bewe­gung. Auf dem Kühl­schrank, zir­pen­de Glä­ser. — stop
ping

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bienenkönigin

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tama­rin : 6.41 — Eine Urkun­de exis­tiert seit eini­gen Wochen, die bezeugt, dass der Kör­per mei­nes ver­stor­be­nen Vaters tat­säch­lich ver­brannt wur­de. Dort ist in groß­zü­gi­gen Buch­sta­ben alt­deut­scher Schrift ver­merkt, wann die Ver­bren­nung erfolg­te, Jahr, Tag, Stun­de. Die Dau­er des Ver­bren­nungs­vor­gan­ges wur­de auf eine Minu­te genau ange­zeigt. Ich dach­te zunächst, Irgend­je­mand muss sich an einer Uhr ori­en­tiert haben, weil viel­leicht eine Vor­schrift exis­tiert, die prä­zi­se Zeit­an­ga­ben erfor­dert. Nach der Ver­bren­nung, auch das ist nach­weis­bar so gesche­hen, wur­de ein Gefäß, in dem Ato­me mei­nes Vaters ent­hal­ten waren, auf den Post­weg gebracht. Das ist eine durch­aus mög­li­che Metho­de letz­ter Rei­sen, da allein Sen­dun­gen, die leben­de Tie­re oder sterb­li­che Über­res­te von Men­schen ent­hal­ten, vom Trans­port auf dem Post­weg aus­ge­schlos­sen sind. Aus­ge­nom­men von die­ser Vor­schrift: Urnen und wir­bel­lo­se Tie­re, wie Bie­nen­kö­ni­gin­nen und Fut­ter­in­sek­ten. Selt­sa­me Geschich­te. Ich muss dar­über nach­den­ken, obwohl ich im Moment noch nicht weiß, wor­über genau und war­um. — stop

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eine geschichte die mein vater einmal las

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nord­pol : 6.46 — An einem Sonn­tag neu­lich habe ich in Tex­ten gele­sen, die ich wäh­rend der ver­gan­ge­nen Jah­re an genau die­ser Stel­le sen­de­te. Man­che die­ser Tex­te waren mir ver­traut, ande­re wirk­ten, als wären sie von einem Frem­den geschrie­ben. Gemein war ihnen, dass mein Vater sie noch mit eige­nen Augen gele­sen haben könn­te. Wie der alte Mann zu sei­nem Com­pu­ter wan­dert. Wie er auf einer Trep­pe steht, Rede an sein lin­kes Bein: Beweg Dich! Ein­mal rief mein Vater mich an. Ein Text hat­te ihm gefal­len. Es ist eigen­ar­tig, der Text, der mei­nem Vater gefal­len hat­te, erzählt heu­te noch immer die­sel­be Geschich­te und doch ist alles ganz anders gewor­den. Ich hat­te Fol­gen­des notiert: Man stel­le sich ein­mal vor, Papier­tier­chen exis­tier­ten in unse­rer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder ver­gleich­ba­rer Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil die­se Lebe­we­sen, wie ich sie mir gera­de male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­ge­bil­det sein. Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, mit­tels feins­ter Ten­ta­keln zu ver­bin­den oder zu befreun­den, und zwar nur mit die­sen, so dass man von ein­deu­ti­ger Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich spricht von einem urei­ge­nen Ort, den es nie­mals ver­gisst. Sobald alles schön zu einer Sei­te geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schreibt. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen berührt vom notie­ren­den Licht, nimmt es sogleich die schwar­ze Far­be an und ver­bleibt von die­sem Schwarz, bis es von wei­te­rem Licht berührt wer­den könn­te, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lam­pe das Zei­chen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per schrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen in Panik, sich ver­ste­cken, um jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist sehr gut denk­bar. Ich wer­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken. Und jetzt habe ich einen Kno­ten im Kopf. — stop



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