delta : 0.03 — Vor wenigen Tagen die Existenz des erdnahen Kometen Elst-Pizarro bemerkt, eines reisenden Körpers, der bereits im Jahre 1997 entdeckt worden ist. Vielleicht könnte es sinnvoll sein, von diesem Vorgang als einer einseitig wirksamen Kollision zu sprechen, weil ich mich mit der Sekunde der ersten Wahrnehmung verformte, durch meine Begeisterung einerseits, andererseits durch eine Versammlung von Fragen, die nun an mir zerren, als verfügten sie über eine physikalisch messbare Gravitation. – stop

Aus der Wörtersammlung: tage
manhattan transfer
~ : oe som
to : louis
subject : DOS PASSOS
date : july 31 11 5.15 p.m.
Anstrengende Tage liegen hinter uns, Regen, stürmische Winde, schwerer Seegang, Pelikane kreisen hoch über dem Schiff. Vor zwei Tagen zuletzt schickten wir Dos Passos’ Roman Manhattan Transfer zu Noe hin abwärts. Ein schweres Buch, das in vierhundert Fuß Tiefe von einer warmen südlichen Strömung abgetrieben wurde, bald darauf in einer Pendelbewegung derart heftig nordwärts gezogen wurde, dass wir fürchteten, Noe könnte von dem Gewicht des Romans getroffen oder das Buch von der Senkleine in unergründliche Tiefen fortgerissen werden. Drei Stunden später hielt Noe John Dos Passos in Händen. Unser Taucher bemerkte sogleich, dass es sich bei diesem weiteren Unterwasserbuch um ein besonderes Werk handeln musste, eine umfangreiche Satzversammlung, von innen her, Seite für Seite, Zeichen für Zeichen aprikosenfarben sanft beleuchtet. In derselben Minute, da Noe das Buch öffnete, begann er laut zu lesen. Er las drei Stunden, dann schlief er kurz ein, um noch im Halbschlaf befindlich seine Lektüre fortzusetzen: Die Sonne ist nach Jersey gerückt, die Sonne steht hinter Hoboken. Hüllen schnappen über Schreibmaschinen, Rollladenschreibtische schließen sich. Aufzüge fahren leer in die Höhe, kommen vollgepfropft herunter. Es ist Ebbe in der City, Flut in Flatbush, Woodlawn, Dyckman Street, Sheepshead Bay, News Lots Avenue, Canarsie. Rosa Zeitungen, grüne Zeitungen, graue Zeitungen. Sämtliche Börsenkurse. Sportresultate. Lettern wirbeln über ladenmüde, büromüde schlaffe Gesichter, wunde Fingerspitzen, schmerzende Fußriste, muskulöse Männer, Gedränge im U‑Bahn-Express. — Kurz vor Sonnenuntergang. Das Meer sucht nach uns, mit Zungen von Gischt. Ein riesiger Schwarm Makrelen nähert sich von Norden her, ungeheure Bewegung, wie eine riesige Hand fährt sie auf dem Radarschirm langsam die Küste entlang. Noe wünscht, eine Fotografie John Dos Passos’ zu sehen. So etwas hat’s noch nie gegeben. — Ahoi! Dein OE
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31.07.2011
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isaac bashevis singer
sierra : 22.55 — Mittwoch. Abend. Weiterhin Regen. Regen auch während ich schlief. Ich konnte ihn hören bisweilen, wenn ich auftauchte, ohne ganz wach zu werden. Von irgendwoher jetzt ein Geräusch, pling, pling, und Isaac B. Singers helle und zugleich raue Stimme, indem sie eine Geschichte erzählt, die ich in den vergangenen Tagen wieder und wieder hörte. Die Geschichte geht so: Kurz nach meiner Ankunft (in Amerika) betrat ich zum ersten Mal eine Cafeteria, ohne zu wissen, was das ist. Ich hielt es für ein Restaurant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restaurant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie ignorierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirklicher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kellnern, und niemand beachtet mich! Irgendwann begriff ich, was eine Cafeteria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafeterien wurden eine Art Zuhause für Flüchtlinge aus Polen, Russland und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafeterien, wo all diese Menschen aufeinandertrafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hintergrund meiner Geschichten, die in Cafeterien spielen. — stop

taubenstadt
~ : oe som
to : louis
subject : PIGEONS
date : july 17 11 8.15 a.m.
Seit gestern endlich wieder ruhige See, ein wolkenloser Himmel über uns. Noe, wohlauf in 550 Fuß Tiefe, liest Javier Tomeos Taubenstadt. Großartiges Buch. Vor 10 Tagen haben wir damit begonnen, Noes Stimme aufzunehmen. Wundervolle Funkgeräusche seither ohne Unterbrechung. Als wir Noe berichteten, dass wir seine lesende Stimme verzeichnen, dass man ihm zuhören könne in Lissabon, in Lima, in Shanghai, dass er eine Sensation sei, ein Mann, der das Lesen wasserfester Bücher erprobt, ein Mann im Taucheranzug, ein Mann, der seit 820 Tagen im Atlantik vor Neufundland lebt, eine menschliche Station, ein beleuchteter Körper in Lichtlosigkeit, – seit wir ihm gebeichtet haben, dass wir ihn konservieren, scheint Noes lesende Stimme ruhiger geworden zu sein. Wir haben den Eindruck, dass unser Mann nun fort jedes Zeichen genießt, das wir ihm zur Verfügung stellen. Nach wie vor heftige Debatten über die Temperatur des Tees, den wir in die Tiefe leiten. Noe behauptet, der Tee sei zu kalt. Er wolle in diesem Tee weder baden noch wolle er ihn trinken, wir sollten endlich alle Leitungen beheizen, die zu ihm führen. Vielleicht weil er sich darüber heftig erregte, verlor Noe gestern, um 20 Uhr und zwölf Minuten, Ovids Liebeskunst an das Meer. Eine Tragödie. In diesen Minuten, da ich Dir telegrafiere, liest Noe wieder ruhig vor sich hin. Wir hören seinen Atem. Wir hören das Funken der Wale. Beste Grüße Dein OE
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17.07.2011
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PRÄPARIERSAAL : nachtzeit
india : 20.18 — Regen. Schnüre von Regen. Dämmerung heute bereits gegen 18 Uhr. Seit drei Stunden höre ich Tonbandaufnahmen ab, Stimmen, die präzise formulierend vom Präpariersaal und seiner Umgebung erzählen. Immer wieder halte ich die Maschine an, schreibe auf, was ich hörte, stemple Zeitangaben. Christopher kurz vor acht Uhr über seine Erfahrung jenseits der Tage: > Was ich nachts gemacht habe? Meine Freundin sagt, ich würde in lateinischer Sprache mit ihr gesprochen haben : pause 2 sec : Vielleicht habe ich etwas mimische Muskulatur repetiert. Musculus frontalis. Musculus corrugator supercilii. Musculus orbicularis oculi. Das war eine sehr wichtige Nachtarbeit, die ich da verrichtet habe, verstehen Sie? Ich hatte Schwierigkeiten diese fremdartigen Wörter auszusprechen. Wie sollte ich sie im Kopf behalten, wenn ich sie nicht sprechen konnte! : pause 3 sec : Ich habe also nachts nicht wirklich geträumt, sondern nur Sprechübungen gemacht. : pause 5 sec : Auch dann, wenn ich wach war, das können Sie mir glauben, habe ich Wörter geübt. : pause 4 sec : Das Wort Leiche wollte ich nicht aussprechen. Ich habe immer von Körpern gesprochen. : pause 3 sec : In den ersten Tagen manchmal, sobald ich den Präpariersaal betreten habe, hatte ich den Eindruck einer gewissen Unwirklichkeit der Situation. Ich hatte den Eindruck, jene toten Menschen verkörperten nur eine Vorstellung, als hätte man sie für uns hergestellt, organische Ausstellungsräume, mit Erde bezeichnete Lehmkörper. Auch wenn das vielleicht seltsam klingen mag, die erste Berührung des Körpers auf dem Tisch war eine Bewegung, die der Vergewisserung diente, dass der Körper vor mir auf dem Tisch wirklich anwesend war. : pause 2 sec : Körper also. Sie boten meinen Händen Widerstand. Sie waren kühl und sie wirkten zeitlos. — stop
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segelohren
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : SEGELOHREN
Liebe Daisy, liebe Violet! Kühl ist die Luft geworden in den vergangenen Tagen. Als ob Herbst geworden sei, eine Luft voller Regen und Wind. Auf der Straße laufen Menschen herum, die haben sich Tropfenfänger unter ihre Nasen gebunden, die wund sind und geschwollen. Ich selbst noch wohlauf, was vielleicht darin begründet sein könnte, dass ich bereits jetzt schon kräftige Wanderschuhe trage für den kommenden Winter in New York. Will Euch eine Geschichte notieren, an diesem schönen, nassen Sonntag, die ich tatsächlich genauso erlebt habe, wie ich sie erzähle, ob Ihr mir nun glauben werdet oder nicht. Stellt Euch ein geräumiges Zimmer vor. Ein gutes Dutzend Ohren propellerten dort durch die Luft, sie waren Gästen entkommen, die in nächster Nähe eines Rundfunkempfängers Platz genommen hatten, um Ella Fitzgerald zu lauschen: It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing. Ein merkwürdiger Anblick war das gewesen, bald lagen kämpfende Ohren in Schichten über zwei Lautsprechern des Radios, wie Footballspieler, sagen wir, eine rangelnde Bande zwitschernder Ohren, sodass in dem Zimmer der Versammlung vom Konzert kaum noch etwas zu hören gewesen war, als diese Geräusche des Kampfes. Man kämpfte auch dann noch verbissen weiter, als das Radio längst ausgeschaltet worden war, vermutlich deshalb, weil man meinte, die nun auftretende Stille sei nicht wirklich vorhanden. Ich habe drei Stunden in der Beobachtung des Tumultes zugebracht. Dann bin ich nach Hause zurück ohne meine Ohren. Seither warte ich geradezu taub geworden auf ihre Rückkehr. Bis bald einmal wieder. Cuccurrucu! – Euer Louis
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03.07.2011
20.05 MESZ
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PRÄPARIERSAAL : ein helles herz
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bamako : 2.58 – Beobachtete im Präpariersaal kurz vor acht Uhr morgens eine Assistentin, indem sie sich mittels eines Skalpells und einer Pinzette in die Tiefe eines Lungenflügels vorarbeitete. Feine, zupfende Handbewegungen einer Uhrmacherin. Ein metallener Ton, sobald die Assistentin etwas Gewebe am Rand einer Schale von ihren Werkzeugen streifte. Wortlos stand die junge Frau am Tisch, scheinbar ohne sich an meiner Gegenwart zu stören. Nach einigen Minuten dann schob sie das Lungenpräparat zur Seite und wendete sich einem Herzen zu, das in unmittelbarer Nähe eines weiteren Lungenflügels auf einem Blech schaukelte, als sei es noch von eigener Kraft in Bewegung. Das war ein kräftiges Herz gewesen, ich erinnere mich noch gut, über das Gewicht in meinen Händen gestaunt zu haben. Ich hatte das Präparat vom Tisch gehoben und hielt es in der Schale meiner Hände fest, um die Arbeit der Assistentin zu erleichtern. Das Herz ist schwer, sagte ich. Ein mächtiger Muskel, antwortete die Frau, ja, ein mächtiges Herz, fest und dunkel, das Herz eines Läufers. Oder ein Künstlerherz vielleicht. Schweigen jetzt. Sie trommelte mit ihren Werkzeugen auf den hölzernen Rand des Tisches. Meines wird wohl etwas kleiner sein, setzte ich vorsichtig hinzu, ein helles Herz, das Herz eines Vogels, sagen wir. Du kannst also fliegen, bemerkte die junge Frau und lachte, das ist eine gute Geschichte! — Wie sie für den Bruchteil einer Sekunde ihr Gehirn mit einem Lid bedeckte. Fin. – stop

ein auge auf dem tisch
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echo : 22.02 — Ich stelle mir vor, wie das wäre, wenn ich über ein besonderes Auge verfügte, ein Auge nämlich, das ich meinem Kopf entnehmen und vor mich hin auf den Tisch ablegen könnte, ein lebendes Auge, ein Auge, mittels dem ich einerseits von meinem Kopf aus fröhlich in die Welt hinausschauen würde, andererseits ihm Freiheit des Raumes gewähren, ohne dass es sofort Schaden nehmen sollte, ein Augenwesen demzufolge, ein Augentier, mit einem selbstständigen Gehirn, mit einem Magen, Blutgefäßen, Ohren (ich bin mir nicht sicher), einem Mund und einem Verdauungsapparat, alles klein und feinst gewirkt, eine Persönlichkeit von 7.5 Gramm Gewicht, die mich gern von einem Tisch her betrachten würde, diesen Mann mit fehlendem Auge, was nicht wirklich der Fall ist, weil das Auge, das fehlt, eigentlich anwesend ist, aber nicht dort, wo man es erwartet unweit der Nase, sondern längst auf dem Tisch. Stellt sich nun die Frage, was solch ein Auge zu sich nehmen wollte, wie man es füttert, was und wie viel an einem der Lebenstage eines unabhängigen Augengeschöpfes getrunken werden sollte, und was in etwa geschehen würde, wenn sich das Auge in ein weiteres Auge vernarrt? — stop

herzgeschichte
hibiskus : 0.05 — Zu einer Zeit, als meine Mutter noch für mich atmete, bewegte sich zum ersten Mal mein Herz. Bald wurde ich geboren und lernte zu schweigen, zu sitzen, zu stehen und meine Schuhe zu binden, mit Kreide auf eine Tafel zu schreiben und zu lesen, und während ich diese feinen Dinge lernte, schlug immerfort mein Herz. Auch am Tag, als ich sieben Jahre alt wurde, schlug mein Herz so unbemerkt, wie an allen anderen Tagen zuvor, und ich freute mich, weil ich an diesem Tag ein Schachspiel überreicht bekam. Der kleine Junge, der mir dieses Schachspiel schenkte, war nicht zu meinem Fest für Freunde gekommen, stattdessen kam seine Mutter. Sie war blass, nein durchsichtig, sie erzählte, ihr Sohn könne nicht kommen, weil sein Herz sehr schwach geworden sei. Kurze Zeit später starb der Junge, der beinahe mein Freund geworden wäre, an dieser Nachricht. An jenem Abend, am Abend meines kleinen Festes, lebte der kleine Junge noch, und ich dachte an ihn und überlegte, was die Worte ein schwaches Herz vielleicht bedeuteten. Ich lag also auf dem Bett und hatte eine Hand auf die Brust gelegt und spürte den Bewegungen meines Herzens nach. Mit geschlossenen Augen, ich erinnere mich genau, konnte ich Erschütterungen fühlen, eine seltsame Erfahrung. Sehr lange lag ich so rücklings auf dem Bett und dachte, dass mein Herz ein starkes Herz zu sein schien, aber als ich meine Hand zur Seite legte, war mir für einen kurzen Moment, als ob mein Herz stehen geblieben war, weil ich seine Bewegungen nicht länger spüren konnte. Als ich erwachte, wunderte ich mich, dass ich noch immer lebte, obwohl ich mein Herz vergessen hatte während der Nacht. Und jetzt, da ich diese kleine Geschichte notiere, denke ich, dass ich damals vielleicht, an jenem Abend genau, damit begonnen habe, mich zu wundern. Auch heute noch, um viele Jahre älter, wundere ich mich über mein Herz, oder ich wundere mich über Straßenbahnen, dass sie existieren. Ja, sehr gerne wundere ich mich über Straßenbahnen.

adresse insuffisante
tango : 3.03 — Luftpostbriefe, feine, leichte Wesen, kehren in diesen Tagen aus Japan nach Europa zurück. Sie tragen einen Stempelzug: Adresse insuffisante. Seltsam ist, erzählt ein Freund, der mehrfach Briefe dieser Art in Händen gehalten hatte, dass Namen, Orte, Straßen der Empfänger, Brief für Brief mittels schräg geführter Striche gezeichnet worden sind. Es sind immer drei dieser Linien parallel zueinander auf das Papier über die Schrift gesetzt, als wollte man in dieser Weise zur Ansicht bringen, dass dort nichts mehr zu finden ist, keine Stadt, kein Dorf, keine Straße, kein Haus, kein Name, auch keine Hände, den Brief zu öffnen, keine Augen, den Brief zu lesen. stop — Vier Uhr fünfzehn, Dämmerung in Damaskus, Syrien. — stop
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