Aus der Wörtersammlung: viele

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herbst

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marim­ba : 8.12 UTC — Ich gehe spa­zie­ren, wo die alten Men­schen woh­nen, über Flu­re, wo die alten Men­schen sit­zen vor den Türen, hin­ter wel­chen uralte Men­schen lie­gen, die in ihren letz­ten Bet­ten schla­fen. Eine alte Dame zieht sich im Roll­stuhl sit­zend Stun­de um Stun­de am höl­zer­nen Wand­ge­län­der vor­an. Wie vie­le Kilo­me­ter ist sie so schon unter­wegs gewe­sen? Ich hör­te, sie sei 88 Jah­re alt. Wenn sie mir begeg­net, lächelt sie wie ein jun­ges Mäd­chen, fragt, war­um sie hier sei, ant­wor­tet sofort: Wohl, weil ich alt bin. Auf einem Tisch, um den her­um wei­te­re schla­fen­de Men­schen sit­zen, steht ein Tele­fon von grau­er Far­be mit einer Zif­fern­wähl­schei­be. Der Hörer des Tele­fons schwebt an einer mage­ren Hand neben einem Ohr, das lauscht. Eine wei­te­re mage­re Hand wählt Num­mer für Num­mer Stun­de um Stun­de. Drau­ßen vor den Fens­tern küh­ler, herbst­li­cher Regen. Und hier, gleich kom­me ich an ihm vor­über, das Zim­mer der alten Clau­di­ne Tul­la, sie schläft schon seit zehn Jah­ren in ihrem letz­ten Bett. Wie doch die Zeit ver­geht. — stop

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leere seite

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sier­ra : 10.22 UTC — Ein­mal beob­ach­te ich einen Mann, der anhand der Gestalt von Schrift­zei­chen, die auf Brief­um­schlä­gen zu fin­den sind, Dia­gno­sen erstellt. Er mache das seit vie­len Jah­ren. Zur Betrach­tung wird also ein Brief, der zu unter­su­chen ist, aus einer Box geho­ben, um ihn unter das Licht einer star­ken Lam­pe zu legen. Der Mann sagt: Die Per­son, die die­sen Brief nach Lon­don sen­de­te, war im Moment, da sie ihren Brief adres­sier­te, betrun­ken. Er nimmt einen wei­te­ren Brief aus der Box: Die­ser Brief nach Zürich wur­de von einer Frau notiert, die glaub­te, ihre Zeit sei abge­lau­fen. Das hier ist ein ganz selt­sa­mes Exem­plar, nicht wahr, war­um über­haupt jedes Schrift­zei­chen auf dem Brief­um­schlag ver­ges­sen wur­de, kön­nen wir erst dann mit Sicher­heit sagen, wenn wir den Brief geöff­net haben Erden, schö­ne Brief­mar­ke. Hier haben wir einen Brief, des­sen Adres­se nur schein­bar von Hand gesetzt wor­den ist, bei genau­er Ansicht ist Fol­gen­des deut­lich zu erken­nen: Die Anschrift „To Lady Char­lot­te Rid­lin­ger, NY, 210 Lex­ing­ton Ave­nue“ wur­de von einer Maschi­ne gestem­pelt. — stop

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ein aquarium

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tan­go : 22.02 UTC — Bob erzählt von einem Aqua­ri­um, kei­nem gewöhn­li­chen Aqua­ri­um, viel­mehr einem Aqua­ri­um, das ihm einer­seits gehö­ren, ande­rer­seits sehr weit ent­fernt sein soll, näm­lich bei­na­he auf der ande­ren Sei­te der Welt, in Thai­land in einem Vor­ort der Stadt Bang­kok in einem Café neben einer Tank­stel­le mit Gar­ten, in wel­chem Orchi­deen auf Bäu­men wach­sen. Auch Vögel sol­len dort im Gar­ten zahl­reich leben, und Kin­der spie­len, weil sich in der Nähe eine Schu­le befin­det. Er selbst, erzählt Bob, sei in die­se Schu­le gegan­gen, habe Eng­lisch gelernt und Mathe­ma­tik, gera­de in Mathe­ma­tik soll er gut gewe­sen sein. Jetzt lebt er also in Euro­pa und besucht eine Uni­ver­si­tät, um die Spra­che der Com­pu­ter­ma­schi­nen zu stu­die­ren. Das Café, das mei­ner Mut­ter gehört, und auch ein wenig mir selbst, läuft gut, sagt Bob, wir kön­nen von unse­ren Ein­künf­ten gut leben. Ich brau­che ja nicht viel Geld hier, klei­nes Zim­mer. Er holt sein Tele­fon aus der Hosen­ta­sche, tippt ein wenig auf dem Bild­schirm her­um, dann reicht er mir das klei­ne, fla­che Gerät über den Tisch. Schau, sagt er, das ist mein Café, das ist mei­ne Mut­ter in Echt­zeit, es ist gera­de frü­her Mor­gen, sie berei­tet sich auf ers­te Gäs­te vor, die kom­men bald. Tat­säch­lich erken­ne ich auf dem Bild­schirm eine älte­re Frau, die auf einem Brett von Holz irgend­wel­che Pflan­zen zer­teilt. Bob nimmt mir das Tele­fon kurz aus der Hand, tippt noch ein­mal auf den Bild­schirm. Nun sind Fische anstatt sei­ner Mut­ter zu sehen. Das ist mein Aqua­ri­um, sagt Bob, lei­der nur in schwarz-wei­ßer Far­be. Sie sind ziem­lich bunt. Zwei von ihnen habe ich selbst gefan­gen im ver­gan­ge­nen Win­ter. Es ist ein Salz­was­ser­aqua­ri­um. Gleich wird mei­ne Mut­ter die Fische füt­tern. Solan­ge kön­nen wir war­ten. — stop
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gespräch mit einem seemann

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tan­go : 20.10 UTC — Im Schnell­zug heu­te Mor­gen beob­ach­te­te mich ein Mann von viel­leicht acht­zig Jah­ren, wie ich auf mei­ner fla­chen Bild­schirm­schreib­ma­schi­ne einen Text notier­te. Ich hat­te die Schreib­ma­schi­ne quer auf mei­ne Knie abge­legt und schrieb mit fünf oder sechs Fin­gern recht flink auf einer vir­tu­el­len Tas­ta­tur. Das war ein fast laut­lo­ser Vor­gang gewe­sen, viel­leicht des­halb sag­te der Mann plötz­lich: Frü­her waren die Schreib­ma­schi­nen sehr laut gewe­sen! Ich hob mei­nen Blick und lächel­te den Mann an. Er frag­te sofort wei­ter: Das ist doch eine Schreib­ma­schi­ne? Ich nick­te. Ja, sag­te ich, das ist eine Schreib­ma­schi­ne und zugleich auch ein Gerät, mit dem ich Tex­te sen­den kann und Nach­rich­ten emp­fan­gen, sogar mor­sen könn­te ich. — Ich habe frü­her auch gemorst, sag­te der Mann, ich bin auf einem Segel­schiff zur See gefah­ren, da war ich sehr jung gewe­sen. Er schwieg für einen Moment, dann sag­te er: Sie brau­chen gar kein Papier, nicht wahr? Ich ant­wor­te­te: Das ist rich­tig, im Grun­de brau­che ich kein Papier. — Was schrei­ben sie denn? Woll­te der Mann wis­sen. Ich schrei­be eine Geschich­te, sag­te ich. Ist das denn gut, dass sie eine Geschich­te ohne Papier schrei­ben? frag­te der Mann. Ich sag­te: Dar­über muss ich nach­den­ken. Der Mann lach­te: Sie ist wirk­lich nicht groß, die­se Schreib­ma­schi­ne. Sagen sie, wie vie­le Geschich­ten pas­sen denn in die­se Schreib­ma­schi­ne hin­ein? Ich ant­wor­te­te: Ich glau­be, sehr vie­le Geschich­ten, ja, ver­mut­lich unvor­stell­bar vie­le Geschich­ten. — Das ist gut, sag­te der Mann, so vie­le Geschich­ten, dass sie im Zug sit­zen und schrei­ben kön­nen, so lan­ge sie wol­len, ohne je aus­stei­gen und eine neue Schreib­ma­schi­ne kau­fen zu müs­sen. Vor­über­ge­hend schau­te er zum Fens­ter hin­aus. — stop
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feldX ∣ 285 ∣

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echo : 17.12 UTC — Wie vie­le Arbeits­schrit­te, die von Zufalls­ge­nera­to­ren gesteu­ert sind, wer­den im Zah­len­kör­per eines Algo­rith­mus not­wen­dig sein, um sein Han­deln bei län­ge­rer Beob­ach­tung als Ver­hal­ten eines kom­ple­xen Lebe­we­sens wahr­neh­men zu kön­nen? Eine selt­sa­me Fra­ge viel­leicht. Ich habe an die­sem Nach­mit­tag bemerkt, dass das Erfin­den dif­fi­zi­ler Fra­gen Freu­de berei­tet, gera­de auch dann, wenn ich sicher sein kann, dass ich eine erfun­de­ne Fra­ge selbst nie­mals zu beant­wor­ten ver­mag. — Spä­ter Nach­mit­tag: Lust auf eine Fla­sche küh­ler Tibet­luft. — stop

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ein millionstel gramm wort

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sier­ra : 15.38 UTC — Ich ver­fü­ge jetzt über eine wei­te­re Schreib­ma­schi­ne. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn mei­ne neue Schreib­ma­schi­ne in der Hit­ze der Tag- oder Abend­luft atmet, um sich zu küh­len, ist von ihren Atem­ge­räu­schen nichts zu hören. Selbst dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäu­se lege: Stil­le. Ich könn­te sie unter mei­nem Hemd ver­ber­gen, weil sie so flach ist, nie­mand wür­de sie bemer­ken. Ein­mal notier­te ich: Wenn das so wei­ter geht mit dem Leich­ter­wer­den der Schreib­ma­schi­nen, wer­de ich bald Schreib­wer­ke zur Ver­fü­gung haben, die von gerin­ge­rer Schwe­re sind als die Papie­re, die ich mit ihren Zei­chen fül­le. — Wie viel genau wiegt eigent­lich die­ses elek­tri­sche Wort, das gera­de vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? S i e r r a. Wie vie­le Male wird das Wort S i e r r a heu­te oder mor­gen auf wei­te­ren Bild­schir­men auf­ge­ru­fen wer­den, wie lan­ge Zeit jeweils sicht­bar sein? Es ist denk­bar, dass das Wort S i e r r a , das in Euro­pa vor weni­gen Minu­ten ver­zeich­net wur­de, schwe­rer wiegt, sobald es in Aus­tra­li­en auf einem Bild­schirm erscheint, als das­sel­be Wort, wenn wir es in Euro­pa lesen, 1 Mil­li­ons­tel Gramm schwe­rer, sagen wir, um 1 Mil­li­ons­tel Gramm Koh­le schwe­rer und um den Bruch­teil einer Sekun­de. — stop

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turingluftmaschine

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sier­ra : 0.05 UTC — Bis in den spä­ten Abend bei geöff­ne­ten Fens­tern über das Wesen nicht­de­ter­mi­nis­ti­scher Algo­rith­men nach­ge­dacht. Da war plötz­lich wie­der ein hel­les Pro­pel­ler­ge­räusch an mei­nem Ohr, ein ver­trau­ter Ton, den ich seit Kin­der­zeit erfin­de, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch sum­mie­ren woll­te zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re, der Ver­dacht, dass mit mei­ner Erin­ne­rung etwas nicht ganz in Ord­nung sein könn­te. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra ist in der Luft kaum zu ver­neh­men. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen in der Wirk­lich­keit beob­ach­tet, sie sind laut­los wie wir­beln­der Schnee. Und doch war da stets ein beson­de­rer Ton, sobald eine Flie­ge dicht an mei­nem Ohr vor­über gekom­men war oder in nächs­ter Nähe auf mir lan­de­te. – Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? – Wei­ter­hin Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop

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ein papiersegler

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ulys­ses : 17.52 UTC — Wie vie­le Geschich­ten habe ich in mei­nem Leben bereits ver­ges­sen? Es ist denk­bar, dass ich, wenn ich mich  an ver­ges­se­ne Geschich­ten erin­ne­re, mei­ne, sie sei­en umfas­send neue Geschich­ten. — stop

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in der schnellbahn

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zou­lou : 10.12 UTC — Ges­tern in der Schnell­bahn las ich in mei­nem elek­tri­schen Notiz­buch fol­gen­den Hin­weis: Geschich­te vom Papier­seg­ler. Ich habe die­sen Ver­merk einer Geschich­te, die sich  in mei­nem Kopf befin­den muss, im August des ver­gan­ge­nen Jah­res fest­ge­hal­ten, ver­mut­lich in einer Schnell­bahn fah­rend. Auch in die­sem Moment, wie­der sit­ze ich in einer Schnell­bahn, kom­me ich an mei­ne Geschich­te nicht her­an. Sie ken­nen das viel­leicht. Wie man nach einem Wort sucht oder einer Tele­fon­num­mer, in die­ser Art und Wei­se such­te ich vor weni­gen Minu­ten nach mei­ner Geschich­te. Ich schloss also mei­ne Augen oder öff­ne­te sie, um vor­über­zie­hen­de Wald­land­schaft zu betrach­ten, der eigent­li­che suchen­de Blick aber war nach Innen gerich­tet. Auch mei­ne Gedächt­nis­oh­ren waren indes­sen äußerst auf­merk­sam gewe­sen. Vie­ler­lei Geräu­sche, aber nicht ein ein­zi­ges Geräusch, das mich zu mei­ner Geschich­te führ­te. Ich ahne, dass ich Geschich­ten oder Wör­ter, sobald ich sie gefun­den habe, zunächst höre, mit mei­nem Kopf, erst dann ver­mag ich sie zu lesen. Ich will das wei­ter beob­ach­ten. Jetzt muss ich aus­stei­gen. — stop



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