Aus der Wörtersammlung: viele

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alberoni

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india : 22.06 UTC — Regen­wind­tü­cher wan­dern in der Fer­ne vor Ber­gen, die sich am Hori­zont deut­lich abbil­den. Vom Lido aus, an der Meer­enge zur Insel­zun­ge Pal­estri­na, öff­net sich ein wei­ter Blick nord­wärts über die Lagu­ne hin. Das Meer noch beru­higt, Muschel­fang­sta­tio­nen set­zen wie gezeich­net fei­ne Akzen­te, höl­zer­ne Fin­ger, zu Rei­hen grup­piert, jen­seits der Was­ser­bah­nen, die mit­tels mäch­ti­ger Boh­len mar­kiert wor­den sind. In Albe­ro­ni stei­ge ich aus, spa­zie­re an Leucht­tür­men vor­bei, eine Mole ent­lang, mäch­ti­ge Stei­ne. Da sind ein wil­der Wald und sump­fi­ge Mul­den, in wel­chen Fisch­chen blit­zen, Wol­ken­struk­tu­ren, die des Him­mels und die der Schup­pen­haut­schwär­me. Ich nähe­re mich Schritt für Schritt, irgend­wo da unten in der Tie­fe der Was­ser­stra­ße hin zum offe­nen Meer soll sich M.O.S.E. befin­den. Eine jun­ge Vene­zia­ne­rin erklär­te noch: Bad Pro­jekt! Und wie sich ihre Augen ange­sichts des Bösen ver­dun­kel­ten, mein­te ich mei­nen Wunsch, M.O.S.E zu besu­chen, ver­tei­di­gen zu müs­sen. Die Son­ne geht lang­sam unter. Röt­lich glim­men­de Stä­be nahe dem schma­len Mund zur Lagu­ne erschei­nen, als wür­den sie in der Nacht auf die Exis­tenz des schla­fen­den Schutz­rie­sen unter der Was­ser­ober­flä­che ver­wei­sen. Da liegt ein ver­las­se­ner Kin­der­spiel­platz in Mee­res­nä­he unter Ole­an­der­bäu­men. Ein san­di­ger Strand, Muscheln, höl­zer­nes Treib­gut, drei Möwen, ein Ang­ler, Fuß­spu­ren im feuch­ten Sand, die die auf­kom­men­de Flut bald ver­schlin­gen wird. Im Was­ser selbst drei mensch­li­che Köp­fe, die lachen, und ein wei­te­rer Kopf, der sich par­al­lel zur Küs­te schwim­mend hin und her bewegt, nur nicht die tie­fe­re Zone die­ses Mee­res berüh­ren, in dem so vie­le Men­schen bereits ertrun­ken sind. In einem Regal des Kin­der­spiel­plat­zes ent­de­cke ich heim­wärts gehend eini­ge Bücher, kurz dar­auf einen Fuß­ab­druck, den ich selbst hin­ter­las­sen haben könn­te. — stop

ping

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san zaccaria

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nord­pol : 23.01 UTC — Cla­ra, ein Nas­horn, wel­ches vor lan­ger Zeit als leben­des Schau­stück durch Euro­pa reis­te, soll im Jahr 1751 zur Zeit des Kar­ne­vals auch in Vene­dig zu sehen gewe­sen sein. 1720 bereits wur­de das Café Flo­ri­an am Ran­de des Mar­kus­plat­zes eröff­net. Man stel­le sich ein­mal vor, wie das aus­ge­wach­se­ne Nas­horn wie­der­käu­end in einem der mit Fein­gold ver­zier­ten Kaf­fee­haus­ab­tei­le steht und etwas vom Heu nascht, wäh­rend es begafft wird. Man kann leich­ter Hand sehr vie­le Geschich­ten erfin­den, wenn man mit Was­ser­bus­sen selbst­ver­ges­sen durch Vene­dig reist, man könn­te die ein oder ande­re Wirk­lich­keit mit einer wei­te­ren Wirk­lich­keit ver­we­ben. An einem Nach­mit­tag folg­te ich einer Grup­pe betag­ter Chi­ne­sin­nen durch jene Gäss­chen, da sich Glas­wa­ren­mo­ti­ve tau­send­fach repro­du­zie­ren. Ich dach­te noch, ich sei von Vögeln umge­ben, zwit­schern­de Stim­men. Plötz­lich deu­te­te eine der alten Frau­en, sie trug gel­be Turn­schu­he und schloh­wei­ßes Haar auf dem Kopf, nach einem Schrift­zug, der auf der Rück­sei­te einer Minia­tur­thea­ter­mas­ke von Plas­tik zu lesen war: Made in Chi­na, die­se Freu­de. Wie wun­der­bar die Küchen der Zwerg­kö­che, deren Räu­me da und dort sicht­bar wer­den in der Dun­kel­heit schma­ler Gas­sen. Ein­mal begeg­ne­te ich an einem spä­ten Abend einem Mäd­chen, das leuch­te­te. — stop

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landschaft mit händen

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sier­ra : 22.18 UTC — In einem Zug woll­te mir ein jun­ger Mann einen Algo­rith­mus erklä­ren. Er sag­te: Schau Lou­is, die­ser Algo­rith­mus hier scheint von einer sehr begab­ten Per­son for­mu­liert wor­den zu sein. Ich möch­te behaup­ten, die­ser Algo­rith­mus stellt im Grun­de ein Lebe­we­sen dar. Der jun­ge Mann sah mich mit einem leich­ten Sil­ber­blick an, ver­mut­lich von Begeis­te­rung auf sein Gesicht gespielt. Die­sen Algo­rith­mus, fuhr er fort, sei der­art kom­plex, dass kaum noch ein mensch­li­ches Wesen ihn allein erfas­sen kön­ne. Man müs­se ver­mut­lich über einen leis­tungs­star­ken Rech­ner ver­fü­gen, um auch nur annä­hernd an sei­nen Kern, an eine Idee, die irgend­wo in dem Algo­rith­mus steck­te, her­an­zu­kom­men. Wäh­rend der jun­ge Mann sprach, folg­te ich sei­nen Hän­den, die über die Tas­ta­tur sei­nes Note­books hüpf­ten, als wären sie hell­häu­ti­ge Tie­re. Ich geste­he, ich habe kaum ver­stan­den, wovon der jun­ge Mann eigent­lich erzähl­te, da waren zu vie­le Zah­len im Spiel gewe­sen. Ich dach­te in jenem Moment vor­ran­gig an mei­ne eige­ne Lang­sam­keit, dass ich mit der Zeit zunächst immer schnel­ler wur­de, und dann plötz­lich wur­de ich lang­sa­mer, was ich zunächst nicht bemerk­te, bis ich in einem Zug saß und hel­le Fin­ger­ge­schöp­fe betrach­te­te, die eine Tas­ta­tur bedien­ten. So schnell waren sie vor mei­nen Augen gewe­sen, dass sie nach und nach unscharf wur­den, wie wohl mei­ne eige­nen Hän­de vor den Augen mei­nes Vaters unscharf gewor­den waren, als er sie mit einem selt­sa­men Blick betrach­te­te, des­sen Ursprung ich in einem Zug vie­le Jah­re spä­ter ent­deckt zu haben mein­te. — stop
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denkbar

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marim­ba : 22.45 — Wenn einer schreibt in sei­ner Wut, dass er den ein oder ande­ren Men­schen ger­ne ver­trei­ben oder schla­gen oder pfäh­len wür­de, wür­de er in der Wirk­lich­keit jen­seits der Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne vor sei­nem Haus nicht sofort tun, was er beschrieb. Aber viel­leicht, wenn vie­le Men­schen schrei­ben, dass sie den ein oder ande­ren Men­schen ger­ne ver­trei­ben oder schla­gen oder pfäh­len wür­den, und er das liest und sich selbst wie­der­holt, wird er sich viel­leicht bald stau­nend bei der Pfäh­lung eines Men­schen beob­ach­ten, einer Hand­lung, die ihm kurz dar­auf schon selbst­ver­ständ­lich und rich­tig vor­kom­men wird. Das ist denk­bar. — stop

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von lampen

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tan­go : 22.15 — Ein Mann schob einen klei­nen Wagen einen Flur ent­lang. Der Wagen war bepackt mit grö­ße­ren oder klei­ne­ren elek­tri­schen Lam­pen, die der Mann ent­zün­det hat­te, so als woll­te er, dass ich sie alle sehen könn­te, viel­leicht um sie an mich zu ver­kau­fen. Nein, eigent­lich war das ganz anders gewe­sen, ich wuss­te, der Mann ver­kauf­te kei­ne Lam­pen, son­dern er tausch­te Lam­pen aus, Decken­lam­pen, Schreib­tisch­lam­pen, Not­leuch­ten, Licht­ta­pe­ten, glim­men­de Stäb­chen, auch flie­gen­de Lich­ter, Droh­nen­leuch­ten. Die­se Droh­nen, win­zi­ge Wesen, saus­ten um sei­nen Kopf her­um, als wären sie Insek­ten, Flie­gen, die Stirn­lam­pen tru­gen, mit wel­chen sie mehr oder min­der frei­wil­lig aus­ge­rüs­tet, ihren Flug doku­men­tier­ten. Wah­re Wol­ken von Licht waren zu bemer­ken, auch saßen Flie­gen auf dem Rücken des Man­nes, der in einer Wei­se leuch­te­te, als wäre Schnee gefal­len. Da war noch eine Schne­cke, die sich über sei­nen Hals beweg­te, auch die Schne­cke leuch­te­te: Das sah sehr schön aus, das vie­le Licht und der Mann, der sei­nen schau­keln­den Wagen über den Flur schob, gera­de auf mich zu. Plötz­lich blieb der Mann ste­hen. Er frag­te, ob ich die Schne­cke haben wol­le, sie sei zahm, sie ernäh­re sich von Staub, den sie zu sehr fei­nen Würm­chen pres­sen wür­de, wel­che ich dann bequem auf­sam­meln könn­te. Außer­dem sei sie wun­der­schön anzu­se­hen nachts auf ihrer Wan­de­rung durch die Dun­kel­heit. Ohne eine Ant­wort abzu­war­ten, fass­te sich der Mann an sei­nen Hals und zog am Gehäu­se der Schne­cke, die sich wehr­te, sie leuch­te­te zunächst rot und dann blau, und wur­de schließ­lich in dem Moment, da sie sich vom Hals des Man­nes lös­te, grün. So, in die­ser grü­nen Far­be leuch­tend, reis­te sie an der Hand des Man­nes durch die Luft. Kurz dar­auf hock­te sie an mei­nem Hals, dicht unter dem Kinn. Ich ver­moch­te ihr Licht an mei­ner Schul­ter erken­nen, die Schne­cke schien sich wohl­zu­füh­len, leuch­te­te in einem schwa­chen Oran­ge, das pul­sier­te, lang­sam, beru­hi­gend. Ich sol­le ihr einen Namen geben, sag­te der Mann. Dann war Mor­gen, es reg­ne­te, selt­sa­mer­wei­se aus einer Wol­ke, die sich unmit­tel­bar über mei­nem Bett unter Zim­mer­de­cke türm­te. — stop

 

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giudecca

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hima­la­ya : 4.52 UTC — Eine digi­ta­le Appa­ra­tur berich­te­te mir heu­te, irgend­je­mand, ein Mensch, der mög­li­cher­wei­se in Kolum­bi­en wohnt, habe einen par­tic­les – Text auf sei­nem Bild­schirm vor­ge­fun­den. Ich fra­ge mich, wie die­ser ent­fernt leben­de Mensch mit den Archi­ven mei­ner notie­ren­den Arbeit in Ver­bin­dung gekom­men sein könn­te. Ein Zufall, das ist denk­bar. Oder ein Irr­tum? Wie lan­ge Zeit wird mein Text, der im Mai 2008 auf­ge­schrie­ben wor­den war, dort auf einem Bild­schirm les­bar gewe­sen sein. Plötz­lich las ich mei­nen Text in einer Wei­se, als ver­füg­te ich über frem­de Augen­paa­re: Viel­leicht kann ich, wenn ich an das Meer in den Stra­ßen Vene­digs den­ke, von Wel­len­be­we­gun­gen spre­chen, die einem sehr lang­sa­men Rhyth­mus fol­gen, von Halb­jah­res­wel­len, von Wel­len, die sich, sobald ich sie jen­seits ihrer eigent­li­chen Zeit betrach­te, wie Palomar’s Sekun­den­wel­len beneh­men. — Wann beginnt und wann genau endet eine Wel­le? Wie vie­le Wel­len kann ein Mensch ertra­gen, wie vie­le Wel­len von einer Wel­len­art, die Kno­chen und Häu­ser zer­trüm­mert? – Däm­me­rung. Stil­le. Nur das Geräusch der trop­fen­den Bäu­me. Eine Nacht voll Gewit­ter, glim­men­de Vögel irren am Him­mel, Nacht­vö­gel ohne Füße, Vogel­we­sen, die nie­mals lan­den. — stop

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moskau

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tan­go : 22.01 UTC — Am 4. August 2014 ereig­ne­te sich eine selt­sa­me Geschich­te, Sie wer­den sich viel­leicht erin­nern? Vor einem Schal­ter am Zen­tral­bahn­hof stand damals eine alte Dame. Sie trug ein blau­es Hüt­chen auf dem Kopf, war grell geschminkt und lach­te. Auf den ers­ten Blick schien sie fröh­lich zu war­ten wie ihr klei­ner Kof­fer, der gleich neben ihr stand. Auf den zwei­ten Blick war aller­dings zu sehen, dass sie nicht nur war­te­te, son­dern viel­mehr bewacht wur­de von einer wei­te­ren, sehr viel jün­ge­ren Frau und einem Mann, der die Uni­form einer Bahn­ge­sell­schaft trug. Wie Säu­len stan­den sie links und rechts der alten Rei­sen­den, die jun­ge Frau hat­te über­dies die Hand­ta­sche der Bewach­ten an sich genom­men, um sie zu durch­su­chen. Eine ihrer Hän­de wühl­te so hef­tig in der Tasche her­um, dass ein Rascheln weit­hin zu ver­neh­men war. Sie forsch­te ein oder zwei Minu­ten in die­ser wil­den Art und Wei­se. Weil sich aber in der Bör­se der alten Dame kein Doku­ment zur Iden­ti­fi­zie­rung auf­spü­ren ließ, schüt­tel­te sie den Kopf, beug­te sich noch ein­mal her­ab, sprach lei­se zu der zier­li­chen Erschei­nung hin, um sich kurz dar­auf an einen Schal­ter­be­am­ten zu wen­den, der hin­ter spie­geln­dem Glas auf einem Büro­stuhl saß. Die­ser Herr nun führ­te kurz dar­auf ein Mikro­fon an sei­nen Mund, eine war­me, melo­di­sche Stim­me war zu hören, die durch die Bahn­hofs­hal­le schall­te, sie sag­te: Ach­tung! Wir bit­ten um ihre Auf­merk­sam­keit, vor dem Infor­ma­ti­ons­schal­ter Gleis 24 war­tet ein Per­so­nen­fund­stück. Mel­den Sie sich! — Die­se Geschich­te ereig­ne­te sich kurz bevor der Fern­zug aus Mos­kau via War­schau den Bahn­hof erreich­te. Auf dem Bahn­steig war­te­ten vie­le Men­schen. Man­che hiel­ten Blu­men in ihren Hän­den. Ande­re foto­gra­fier­ten. — stop

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haus no 178

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romeo : 20.33 UTC — Wie vie­le Male bin ich bereits an dem Büro im Par­terre des Hau­ses No 178 vor­über gekom­men, es müs­sen hun­der­te Male gewe­sen sein. Ein Mann sitzt dort hin­ter einem Fens­ter, der im Licht einer Lam­pe und eines Bild­schir­mes arbei­tet, ohne je sei­nen Kopf zu heben, wenn ich an ihm vor­über­ge­he. Ande­re berich­ten das Glei­che. Und das ist doch selt­sam, er scheint an dem Leben auf der Stra­ße über­haupt nicht inter­es­siert zu sein. Nie wen­det er den Kopf, als sei er fest ver­schraubt, als sei auch sei­ne Wir­bel­säu­le ver­an­kert in die­ser Hal­tung gera­de­aus auf einem Stuhl, der gleich­wohl nicht beweg­lich ist, sodass der Mann weder frei­wil­lig noch mit Ver­gnü­gen so vor dem Tisch sit­zen wird, son­dern weil er nicht anders kann. Und weil das so zu sein scheint, wird der Mann ver­mut­lich über Rada­re gebie­ten, die ihm ermög­li­chen zu wis­sen, wer an sei­ner Tür vor­über kommt. Er weiß näm­lich immer­zu genau, wer kommt und wie­der ver­schwin­det, ver­mut­lich kann er sehr gut rie­chen oder aber er kann sehr gut hören, kann mit den Ohren sehen. Er irrt sich, wie ich hör­te, nie. — stop



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